Classic Albums

Classic Albums 24.06.2015

DEMON - DEMON „The Unexpected Guest“ (1982)

Iron Maiden als Spielverderber

„Killers“ oder doch „Iron Maiden“? Ist „Hell Awaits“ wirklich besser als „Show No Mercy?“ Über diese und ähnliche Fragen reden sich auch heute noch Fans und Gelehrte gleichermaßen die Köpfe heiß. Debüt und zweites Album liegen bei mancher Band qualitativ so dicht beieinander, dass diese Diskussion oftmals eine reine Glaubensfrage ist. Ebenso bei den maßlos unterschätzten NWOBHM-Heroen DEMON. Das Votum im Rock-Hard-Buch „Best Of Rock & Metal - Die 500 stärksten Scheiben aller Zeiten“ ist klar: Während „The Unexpected Guest“ immerhin Platz 178 belegt, ist das Debüt „Night Of The Demon“ nicht berücksichtigt. Sieht Frontmann Dave Hill das eigentlich genauso?

»„Night Of The Demon“ war ein großer Erfolg, aber damals wussten wir noch nicht, in welche Richtung unsere Reise gehen würde. Das Debüt war quasi zweigeteilt: Seite eins beschäftigte sich grob gesehen mit dem Kampf zwischen Gut und Böse, während Seite zwei eher rockiger war«, kommentiert der sympathische Brite. »Für das zweite Album hatten wir uns dann ein zusammenhängendes Konzept ausgedacht, wenn man so will: Wir wollten eine Platte schreiben, die von übernatürlichen Phänomenen handelt. Insofern ist es nicht falsch zu behaupten, dass „The Unexpected Guest“ dort anfängt, wo die erste Seite von „Night Of The Demon“ aufgehört hat. Insgesamt ist „The Unexpected Guest“ ein runderes Album als „Night Of The Demon“, in sich geschlossener; folglich sehe ich es in der Tat als künstlerisch wertvoller an. Ich schrieb die Platte damals zusammen mit unserem Gitarristen Mal Spooner, wir beide hatten uns zu dieser Zeit ein wenig mit der dunklen Seite des Lebens beschäftigt.«

Was im Falle von DEMON indes nicht heißt, dass Friedhöfe geschändet und Kirchen angezündet wurden. Die Beschäftigung mit „der anderen Seite“, die drei von vier Vinylseiten der ersten beiden DEMON-LPs prägt, wurde laut Mister Hill in erster Linie aus zwei Quellen gespeist: Film und Literatur.

»Ja, das Stück ´The Spell´ etwa handelte von Aleister Crowley und den Dingen, die er angeblich in Paris praktiziert hat. Und dann natürlich ´Don´t Break The Circle´, das sich darum dreht, was passieren kann, wenn man in Seancen unkontrollierbare Mächte heraufbeschwört. ´Sign Of A Madman´ hat als Thema die Ermordung John Lennons. Wir haben jetzt nicht gerade Okkultismus studiert, aber es interessierte uns, wir haben das eine oder andere Buch darüber gelesen und natürlich die einschlägigen Filme aus den Siebzigern angeschaut.«

Im Gegensatz etwa zu einer Band wie Iron Maiden, die selbst ihr zweites Album „Killers“ zum überwiegenden Teil mit Songs gefüllt hat, die schon jahrelang live getestet worden waren, war das Material von „The Unexpected Guest“ laut Dave ausnahmslos brandneu.

»Als wir ins Studio gegangen sind, waren wir bestens vorbereitet, fast wie bei der Armee, wir befanden uns auf einer Mission. Die Texte standen, die Musik war komplett fertig, wir wussten genau, was wir wollten. Nur die Wahl des Plattentitels gestaltete sich ein wenig diffizil, ursprünglich sollte die Scheibe nicht „The Unexpected Guest“ heißen. Doch da machten uns Maiden einen Strich durch die Rechnung. Unsere zweite Platte sollte eigentlich den Titel „The Name Of The Beast“ tragen, doch als wir auf einmal „The Number Of The Beast“ in die Hände bekamen, wussten wir, dass Maiden uns zuvorgekommen waren. Unser Arbeitstitel lautete ehrlich „The Name Of The Beast“, das kann ich beschwören, eine kuriose Parallelität. Das gesamte Songmaterial stand, nur die Reihenfolge der einzelnen Stücke wurde erst später festgelegt. Dass ´Don´t Break The Circle´ der Opener sein würde, lag auf der Hand. Das Intro war indes dem Zufall geschuldet. Ich wanderte nachts durchs Studio, schmiss die Türen zu, und irgendjemand hat das aufgenommen. Die Klaviermelodie wurde später dazugemischt, das bin ich an einem verstimmten Piano in einem Nebenraum des Studios, wie ich die Hauptmelodie von ´Don´t Break The Circle´ vor mich hin klimpere. Das ist das Geheimnis hinter ´An Observation´. Das Endresultat hört sich wirklich unheimlich an, aber geplant war es nicht.«

´Don´t Break The Circle´ ist heute ohne Frage das bekannteste Stück der Platte, ohne diese Nummer wäre ein DEMON-Auftritt gar nicht denkbar. Die Wahl der Single fiel seinerzeit indes auf das eingängige ´Have We Been Here Before?´. Und das hatte einen ganz bestimmten Grund:

»Carrere waren alles andere als ein Rocklabel, sondern eher in der Disco-Musik zu Hause. Man darf nicht vergessen: Es war die Ära von Michael Jackson. Sie suchten deshalb immer nach dem nächsten Single-Hit. Also haben wir sie einfach gewähren lassen, die Single wurde vom Label ausgesucht. Ironischerweise kam der kommerzielle Erfolg von Carrere Anfang der 1980er Jahre aber vor allem durch Saxon, Rose Tattoo und DEMON zustande, und da speziell durch die Albumverkäufe. Die Popularität von ´Don´t Break The Circle´ geht natürlich auch darauf zurück, dass Blind Guardian das Stück später gecovert und es dadurch anderen Fanschichten zugänglich gemacht haben. Dafür sind wir den Jungs auf ewig zu Dank verpflichtet.«

„The Unexpected Guest“ wurde in den Bray Studios aufgenommen. Bray ist ein kleines Dorf im Speckgürtel der englischen Hauptstadt, ganz in der Nähe von Windsor gelegen, eine noble Gegend mit viel Kapital (damals noch mehr als heute). Wie der Zufall es so wollte, wurden viele Soundtracks der klassischen Hammer-Horrorfilme in denselben Räumen aufgenommen, in denen DEMON mit „The Unexpected Guest“ Geschichte schreiben sollten. Dave Hill als glühenden Anhänger obskurer Horrorfilme freute dies ganz besonders, hatten sich DEMON doch nach dem B-Movie „Night Of The Demon“ von 1958 benannt.

»Das war schon ein ganz spezielles Gefühl. Wir wussten, dass in Bray viele Hammer-Filme vertont worden sind. Das war auch nicht zu übersehen, denn überall standen noch alte Filmrequisiten herum, die vor sich hin gammelten. Hammer Films ging zu jener Zeit nämlich das Geld aus, der Insolvenzverwalter verrichtete sein Tagwerk. Deswegen durften wir auch nichts anfassen, was total schade war. Kannst du dich an den Film „The Pit And The Pendulum“ (der deutsche Originaltitel lautet „Das Pendel des Todes“ - mm) erinnern? In einem Raum befand sich das originale Pendel aus diesem Film, das wäre das ideale Setting für eine DEMON-Fotosession gewesen... Auch „Conan“ wurde dort gedreht, das Set für diesen Film muss Millionen gekostet haben, aber im Vertrag stand, dass nichts davon noch einmal verwendet werden durfte, alles musste verbrannt werden. Wäre das nicht ein cooler Effekt gewesen, wenn wir mit dieser riesigen Schlange aus „Conan der Barbar“ unsere Show eröffnet hätten? Stattdessen verrostete das Teil in einem Schuppen hinter den Bray Studios.«

Zurück zum Songmaterial auf „The Unexpected Guest“. Dave fällt es auch heute noch schwer, seine eigene Kunst zu bewerten und adäquat einzuordnen. Als ich ihn frage, ob er denn 32 Jahre nach Erstveröffentlichung immer noch alle Songs des DEMON-Zweitlings als gleich stark einschätze, ist erst einmal für kurze Zeit Funkstille in der Leitung. Nach kurzer Pause ist aber wieder eine menschliche Stimme zu vernehmen (die so gar nicht dämonisch klingen mag):

»Wenn ich ein Album fertiggestellt habe, höre ich es mir eine halbe Ewigkeit lang überhaupt nicht an. Davor habe ich regelrecht Bammel. Das hat sich über die Jahre nicht gebessert. Selbst bei „Unbroken“ war das so. Künstler sind wirklich sonderbare Menschen. Wenn ich ehrlich bin, dann konnte ich ´Beyond The Gates Of Hell´ sehr lange überhaupt nicht ab, keine Ahnung warum. Ich meine, wir spielen das Stück heutzutage bei unseren Auftritten, weil gerade in Skandinavien immer viele Fans danach gefragt haben. Der Plattenfirma wiederum hat aus irgendeinem Grund die Nummer ´The Grand Illusion´ nicht gefallen, aber das Stück blieb trotzdem auf der Platte. Insgesamt hatte das Album einen wirklich schönen Spannungsbogen, und dafür war ´The Grand Illusion´ unverzichtbar. Ich hatte beim Mastering damals das Gefühl, dass der Sound insgesamt etwas dünn ausgefallen war. Aber die Leute haben die Platte gekauft, also kann sie so schlecht nicht gewesen sein.«

Der Produzent von „The Unexpected Guest“ war Pete Hinton, heute vornehmlich bekannt durch seine vorzügliche Arbeit bei Saxons „Wheels Of Steel“ sowie dem Nachfolger „Strong Arm Of The Law“.

»Es war jetzt nicht so, dass Pete Hinton als Produzent eine große Nummer gewesen wäre. Er hat die besagten Saxon-Scheiben produziert, und beide haben sich sehr gut verkauft. Pete war der Rock-Producer im Hause Carrere. DEMON waren nie eine Band, die große Budgets zur Verfügung hatte, es ist für uns einfach nicht drin, ein halbes Jahr auf Kosten der Plattenfirma faul am Strand herumzuliegen. Wir sind es gewohnt, mit wenig Geld gute Resultate zu erzielen. Und dafür war Pete genau der richtige Mann, er arbeitet im Studio äußerst effektiv. Wir haben uns mit ihm sehr gut verstanden, er ist ein echtes Cockney-Original und war immer zu Scherzen aufgelegt. Pete ist ein Rocker durch und durch, er kannte alle Scheiben, die damals herausgekommen sind. Das Timing war einfach perfekt für ihn. Die New Wave Of British Heavy Metal besaß diesen rauen Charme, das hat Pete genau verstanden und zu 100 Prozent umgesetzt. Was viele gerne vergessen, ist, dass Pete Hinton auch bereits bei „Night Of The Demon“ für den Mix verantwortlich war.«

Der geschätzte Kollege Kaiser schrieb im Buch „Best Of Rock & Metal“ zu „The Unexpected Guest“: „Das ´82er Album gehört ohne Zweifel zu den wichtigsten Alben der New Wave Of British Heavy Metal und braucht sich keine Sekunde hinter „Iron Maiden“, „Killers“, „Lightning To The Nations“ oder „Strong Arm Of The Law“ zu verstecken.“ Es schließt sich die Frage an, ob DEMON überhaupt zu denjenigen Bands zählten, die damals sondiert haben, was die „Konkurrenz“ so trieb?

»Interessiert hat uns das schon«, gibt Dave zu Protokoll. »Aber es war eine hektische Zeit. Es gab zahlreiche gute Clubs und Auftrittsmöglichkeiten. Und wirklich eingefleischte Fans, DEMON waren viel unterwegs. Wir sahen überall Poster, von Diamond Head oder von Saxon, manchmal kreuzten sich unsere Wege aber auch, und wir spielten zusammen einen Gig. Ich bin mit Plattenläden aufgewachsen und habe auch selbst einen betrieben. Das waren goldene Zeiten, einmal die Woche kam ein LKW vorgefahren, der bis unters Dach mit Vinyl vollgestopft war. Die Platten wurden dann direkt von der Laderampe herunter verkauft. Das werde ich niemals vergessen. Ob das nun Ethel The Frog waren oder wer auch immer. Die New Wave Of British Heavy Metal folgte ja auf den Punk, es war eine echte Grassroots-Bewegung, etwas Vergleichbares wird es niemals wieder geben. Ich habe viel darüber in der „New Wave Of British Heavy Metal Encyclopedia“ gelesen. Für mich war die NWOBHM der nächste logische Schritt nach dem Punk, und ich bin der Meinung, dass beispielsweise die frühen Iron Maiden noch sehr vom Punk geprägt waren. Ich meine, DEMON waren anfänglich bei Clay Records, dem Label von Mike Stone, wo u.a. auch Discharge unter Vertrag standen.«


DAS LINE-UP AUF „THE UNEXPECTED GUEST“

Dave Hill (v.)
Mal Spooner (g.)
Les Hunt (g.)
Chris Ellis (b.)
John Wright (dr.)
Andy Richards (additional keyboards)

FAKTEN, FAKTEN, FAKTEN

Spielzeit: 45:43
Produzent: Pete Hinton
Studio: Bray Studios, Bray
Cover: keine Angabe
 
DIE SONGS

Intro: An Observation
Don´t Break The Circle
The Spell
Total Possession
Sign Of A Madman
Victims Of Fortune
Have We Been Here Before?
Strange Institution
The Grand Illusion
Beyond The Gates
Deliver Us From Evil

DISKOGRAFIE (nur Studioalben)

Night Of The Demon (1981)
The Unexpected Guest (1982)
The Plague (1983)
British Standard Approved (1984)
Heart Of Our Time (1985)
Breakout (1987)
Taking The World By Storm (1989)
Hold On To The Dream (1991)
Blow-Out (1992)
Spaced Out Monkey (2001)
Better The Devil You Know (2005)
Unbroken (2012)

Bands:
DEMON
Autor:
Matthias Mader

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