ToneTalk

ToneTalk 16.12.2015

DEEP PURPLE - Der Zen-Bassist

Er entspricht vielleicht dem Musterbild des Bassisten schlechthin, der Mitbegründer von DEEP PURPLE: Roger Glover war nie ein schillernder Charakter wie etwa sein zeitweiliger Ersatz Glenn Hughes, doch würde er die Finger von den Saiten lassen, wäre die Musik der Hardrock-Legende um einiges ärmer. Wir erwischten den 69-Jährigen kurz nach dem Aufstehen und baten ihn zu einem Interview abseits der üblichen Band-Promotion, worüber er sich spürbar freute.

Roger, ihr habt kürzlich zwei unterschiedliche Konzertmitschnitte auf den Markt gebracht. Wie passen Wacken und das Budokan in Tokio zusammen?

»Unsere Plattenfirma hatte die Idee. Zwischen beiden Konzerten liegt fast ein Jahr, aber wir entscheiden nicht selbst, ob und was wir live aufnehmen, um es später zu veröffentlichen, sondern überlassen das anderen. Der Wacken-Auftritt wurde auch in 3D mitgeschnitten. Die zwei Abende gingen sehr gegensätzlich über die Bühne: Zuerst spielten wir auf einem verrückten Open Air vor Metal-Fans, dann in einer nahezu kirchenartigen Halle für wie immer ganz andächtige Japaner. Solche Veröffentlichungen sind zwar nicht originell, aber gegensätzliche Konzerte im Doppelpack gab es meines Wissens nach noch nie.«

Wie bereitet ihr euch vor, wenn ihr wisst, dass ein Auftritt für die Nachwelt festgehalten wird?

»In der Regel sagt uns niemand Bescheid, was vielleicht auch gut so ist (lacht). Wenn du dir beim Spielen ständig vor Augen hältst, dass sie dich aufnehmen, verhaust du dich und kannst dich nicht gehen lassen. Früher war ich natürlich aufgeregt, aber das legt sich mit der Zeit, und im Zeitalter von YouTube bist du sowieso nicht davor gefeit, beurteilt zu werden, was natürlich ungerecht ist, sich aber nicht mehr ändern lässt. Videos sind dennoch kein Ersatz für die unmittelbare Erfahrung, direkt im Publikum zu stehen, sondern vermitteln nur einen groben Eindruck.«

Du hast dir während der 1960er Jahre deine ersten Sporen in Bands verdient. Wie muss man sich das Klima innerhalb der damaligen Musikszene vorstellen?

»Es handelte sich zunächst um Schülerbands, als ich elf oder zwölf war, und unser Stil spiegelte wider, was damals im Radio lief. Nach dem Zweiten Weltkrieg prägten Crooner und seichte Unterhaltungsmusik das Geschehen. Traditioneller Jazz war auch sehr wichtig, und in Großbritannien herrschte Aufbruchstimmung. Zu dem Zeitpunkt, als ich die Schule verließ, hatte ich einen Narren am Rock´n´Roll gefressen: Little Richard, Chuck Berry und Elvis Presley. In der zweiten Hälfte des Jahrzehnts hatte Rockabilly Hochkonjunktur, ganz tolles Zeug mit viel Energie, die dem fehlte, was davor gewesen und hoffnungslos veraltet war. Dadurch lernten wir Skiffle kennen, der dem Rock vorausging und dafür verantwortlich war, dass meine Generation zum Blues oder der Musik der Schwarzen generell kam, besonders den Sachen aus Chicago – John Lee Hooker, Muddy Waters und Memphis Slim. Diese Welle schwappte nach England herüber, und auf Partys hörte man nichts anderes. Um 1969 wurde das Ganze in den USA zu einer Art Pop verwässert, der ein bisschen zu glatt war, Doo-Wop und dergleichen. Ich vergötterte weiterhin Sachen wie Eddie Cochran, dessen ´Something Else´ zu meinen Lieblingsstücken gehörte. Als ich anfing, ernsthaft Musik zu machen, bestimmten die Beach Boys oder Bobby Vinton das Geschehen. Ein Freund hatte damals eine dieser billigen Supro-Gitarren, und da wir auch einen Rhythmusgitarristen kannten, blieb für mich nur noch der Bass übrig. Das war mir aber recht, weil ich mich bis heute nicht als virtuos verstehe, sondern schon immer gern Akkorde gespielt und Folk-Songs gesungen habe. Darum entfernte ich die beiden oberen Saiten von meiner Klassikgitarre, baute einen Tonabnehmer ein und wurde Bassist.«

Mittlerweile bist du auch für deine Tätigkeit als Produzent mit Preisen bedacht worden. Wie entwickelte sich dieses Interesse an der Aufnahme von Musik?

»Das geschah nach und nach. 1965 nahmen wir als Episode Six zum ersten Mal professionell auf, nachdem wir schon selbst mehr schlecht als recht Demos gemacht hatten. Das war die Single „Put Yourself In My Place“, und ich weiß noch, wie wir sie uns im Studio anhörten. Ich fand es herrlich, so etwas Druckvolles, sauber Klingendes war mir bis dahin nicht untergekommen, weshalb ich dachte, es müsse ein Hit werden. Natürlich klang das Vinyl hinterher durch gewöhnliche Boxen nicht annähernd so gut, und das machte mich hellhörig. Um bei Produzenten nachzuhaken, fehlte meist die Zeit, weil Studios teuer waren, also fing ich erst bei Purple an, mich schlauzumachen, weil wir den Luxus hatten, uns nicht beeilen zu müssen. Ich finde, einen Song zu schreiben und ihn festzuhalten, sind Einzelschritte innerhalb eines übergreifenden Ablaufs. Darum behielt ich das Aufnehmen seitdem immer im Hinterkopf, wenn wir komponierten, wobei ich durch Ausprobieren lernte, ohne es bewusst darauf anzulegen. Aus dem Grund kann ich mir manches, was ich zu Anfang produziert habe, heute nicht mehr anhören, weil ich meine Fehler erkenne. Wenn eines wichtig ist, dann Kenntnisse über Tonfrequenzen, aber am Ende läuft alles darauf hinaus, dass du deinem Instinkt vertraust. Man muss sein Handwerkszeug beherrschen, um die eigene Persönlichkeit zum Ausdruck zu bringen, und wenn andere gerne hören, was man selbst mag, ist man wohl auf der richtigen Spur.«

Dann ist der Bass beim Schreiben auch nicht dein Hauptinstrument.

»Nein. Beim Mixen hast du auch das Gesamtbild im Auge, und es ist verblüffend, wie man sich dabei in Details verlieren kann. Jahrzehnte später hört man es dann wieder und fragt sich, wieso man das getan hat.«

Also bist du kein Freund von perfekt klingenden Produktionen, wie man sie heute oft hört?

»Ich mag Perfektion nicht, sie schadet der Musik. Man strebt danach, obwohl man weiß, dass man sie nie erreicht. Der Philadelphia-Sound der 1970er ist so ein Beispiel, Barry White und so weiter. Ich wartete nur darauf, einen Schnitzer in dieser Musik zu hören, weil alles so makellos und brav war. Die Beatles und Stones oder Led Zeppelin klangen realer – eben nach den Menschen, die dahintersteckten. Ich halte viel von First Takes, vor allem hinsichtlich Solos. Wenn du sie nicht beim ersten oder zweiten Versuch hinbekommst, vergiss es. Alle weiteren Anläufe werden nur noch schlechter. Dazu führe ich immer die Analogie des Zen-Bogenschützen an: die Sehne spannen, zielen und sofort loslassen, denn je länger man zögert, desto weniger wahrscheinlich trifft man. Spontanität ist wichtig, genauso wie das Hören auf die innere Stimme, was sich aufs Leben allgemein übertragen lässt. Wir zweifeln ständig an uns selbst und vergleichen uns mit irgendwelchen anderen Leuten, so dass wir nie zu etwas kommen.«

Das Internet begünstigt das ja. Je mehr Möglichkeiten man hat, desto unentschlossener wird man.

»Einmal mit Purple im Studio verbrachte der Tontechniker eine Ewigkeit damit, die Bassdrum abzuhören. Immer wieder spulte er das Band zurück und ließ die eine Spur laufen, wo man doch alles im Zusammenhang mit den anderen Mikrofonen und Instrumenten bewerten muss. Das machte mich wahnsinnig, weshalb ich hinausgehen musste. Bei mir läuft es eher so, dass alles fürs Mitschneiden aufgebaut und gleich losgelegt wird. Auf diese Weise kommt man dem eigenen Ideal meistens am nächsten. Das musste ich selbst erst begreifen, denn die Versuchung ist groß, zu viel glattzupolieren.«

In den 1980ern gehörten aufgeblasene Produktionen sowieso zum guten Ton.

»Man kann immer nur 100 Prozent geben, doch zu der Zeit versuchten alle, 120 daraus zu machen (lacht). Man arbeitet letztlich mit Werkzeugen; eine E-Gitarre ist genau das, Computer ebenfalls und Musik im Grunde auch. Das große Geheimnis besteht darin, sie zu gebrauchen, statt sich selbst gebrauchen zu lassen. Interessanterweise findet auch bei uns seit ungefähr zehn Jahren eine Rückbesinnung auf die alten Methoden statt. Bands legen wieder Wert darauf, dass alle Musiker gemeinsam in einem Raum aufnehmen, was ich erfrischend finde. Die 1980er waren eine Zeit der Trigger und Samples, womit man sich leicht etwas vormacht. Wenn etwas Neues auf den Markt kommt, tobt man sich damit aus, doch statt es sinnvoll einzusetzen, übertreibt man es.«

Man muss allerdings erst einmal in der Lage sein, im Studio zusammenspielen zu können.

»Das auch. Plattenfirmen hatten mal die Aufgabe, zu filtern, und man bekam keinen Vertrag, wenn man nichts auf dem Kasten hatte. Heute braucht man keine Labels mehr, also siebt niemand mehr aus. Darum gibt es so viel Mist da draußen, durch den man sich graben muss, um wirklich hörenswerte Musik zu entdecken. Man mag von den Firmen halten, was man will, aber früher hatten sie wenigstens so etwas wie eine leitende Funktion.«

Paradoxerweise reißt man heute aber nichts mehr nur mit Plattenverkäufen, sondern muss live spielen.

»Ich habe mir überhaupt erst dadurch meine ersten Sporen verdient, doch die Auftrittsmöglichkeiten verschwinden heute zusehends, selbst wenn man auftreten will. Als Schüler habe ich an vier Abenden die Woche auf einer Bühne gestanden, was heute ausgeschlossen wäre. Das Musikgeschäft war noch nie ein Zuckerschlecken, aber heute würde ich erst recht niemandem raten, dort einzusteigen. Das Wort ist sowieso ein Widerspruch in sich: „Musik“ und „Geschäft“ oder „Industrie“...«

Mal eher etwas Sachliches: aktive oder passive Bässe?

»Ich benutze manchmal schon aktive Tonabnehmer, aber in der Regel ergibt es sich doch so, dass ich meine Regler alle neutral einstelle. Ich spiele wieder sehr gerne mit Fender-Precision-Bässen, auch weil mein allererster einer war.«

Wie siehst du dich im Vergleich zu anderen Bassisten aus deinem Bandumfeld, allen voran vielleicht Glenn Hughes?

»Ich bin kein Funk-Bassist. Zwar habe ich auch schon versucht zu slappen, aber das fühlt sich für mich nicht natürlich an. Meine Philosophie beim Bassspielen würde ich als basisch bezeichnen, weil ich mich am Schlagzeug orientiere. Als ich als Teenager einen Talentwettbewerb besuchte, schaute ich der Band zu, die am Ende gewann. Die Mitglieder waren sehr erfahren und machten auch optisch etwas her, aber was mich am meisten beeindruckte, war zu beobachten, wie der Bassist mit dem Absatz auf den Boden stampfte, während der Schlagzeuger gleichzeitig aufs Bassdrum-Pedal trat, so dass es auf der Bühne staubte. Das bringt es für mich auf den Punkt, und so halte ich es bis heute auch mit Ian Paice – wir sind eine Einheit.«

Gitarristen sind demnach zweitrangig für dein Spiel?

»Ja, ich versuche, nicht allzu genau auf sie zu hören. Das sind ja sehr spezielle Zeitgenossen...«

Du hast bekanntlich mit ein paar Prachtexemplaren zusammenarbeiten dürfen.

»Kann man so sagen (lacht).«

Das Offensichtliche zum Schluss: Wann kommt das nächste Studioalbum von Deep Purple?

»Im nächsten Frühjahr. Im Februar dürften wir ins Studio gehen.«

Das war´s – vielen Dank!

»Ich habe zu danken.«

www.rogerglover.com

Pic: Jim Rakete

Bands:
DEEP PURPLE
Autor:
Andreas Schiffmann

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