Schwatzkasten

Schwatzkasten 24.02.1999

DEE SNIDER - DEE SNIDER

Sänger, Songwriter, Drehbuchautor, Filmproduzent, Schauspieler, Radiomacher: Ex-Twisted Sister-Frontnudel Dee Snider ist ein echter Showbiz-Allrounder, eine große Rock´n´Roll-Persönlichkeit - und hat obendrein auch noch was in der Birne. Höchste Eisenbahn, Captain Howdy - wie der von Dee verkörperte Finstermann in Sniders Filmdebüt "StrangeLand" heißt - in unsere Schwatzkasten-Galerie aufzunehmen.

Wo bist du aufgewachsen, Dee?

"Auf Long Island, außerhalb von New York. Ich wurde im Stadtteil Queens geboren, und hinterher sind wir in die Suburbs gezogen."

Gibt es einen Ort, wo du gerne hinziehen würdest?

"Ich wohne immer noch auf Long Island, obwohl es mir dort nicht besonders gut gefällt. Aber ich habe meine Familie, all meine Freunde und mein ganzes Leben hier. Je länger man an einem Ort ist, desto schwerer fällt es einem, woanders hinzuziehen. Ich mag den Nordosten der USA - eventuell würde ich in eine etwas ländlichere Gegend ziehen, wo man ein bißchen mehr Platz und bessere Luft hat."

Warst du eher ein unauffälliger Typ in der Schule, oder hast du dich ständig geprügelt?

"Kommt drauf an. Ich war aber auf jeden Fall nicht sehr beliebt - what a surprise (lacht)! Ich habe mich nicht allzu oft geprügelt, aber als ich anfing, meine Individualität stärker auszuleben, waren Fights ein notwendiges Übel, um ich selbst sein zu können. Die menschliche Natur ist manchmal schon unfaßbar: Wenn etwas auf irgendeine Weise "anders" ist, wird es sofort attackiert! Auf jeden Fall gab es Situationen, wo ich mich und das Recht, ich selbst zu sein, verteidigen mußte. Aber ich war nie der Typ, der andere grundlos verprügelt hat."

Hattest du als Teenager ein Idol?

"Ich glaube, ich hatte immer Rockstars als Helden. Alice Cooper war auf jeden Fall ein großes Idol für mich in meinen Highschool-Jahren. Vorher gab´s zwar auch schon Bands und Musiker, die es mir angetan hatten, aber Alice war der erste, mit dem ich mich voll und ganz identifizieren konnte. Bei ihm hatte ich das Gefühl: "Hey, dieser Typ weiß, wovon er redet.""

Wann warst du das erste Mal so richtig betrunken?

"Das erste und einzige Mal mit 14 Jahren. Meine Eltern gingen zu einer Party und schleppten mich mit, weil die Gastgeber einen Sohn in meinem Alter hatten. Wir besorgten uns dann hinter dem Rücken der Erwachsenen ein paar Drinks und schlichen damit auf sein Zimmer, wo ich mich total ins Nirwana schoß. Ich kann mich nur noch daran erinnern, wie ich auf dem Boden lag, kotzte und meine innere Stimme mich anschrie: "Steh´ auf! Steh´ auf! Die lachen dich alle aus!" Da hab´ ich mir gesagt: "Gott, wenn du mich wieder aufstehen läßt, werde ich das nie wieder tun." Seither habe ich nie wieder einen Tropfen Alkohol angerührt."

Hast du schon mal im Knast gesessen?

"Ja, ich habe schon ein paar Nächte in einer Zelle verbracht. Willst du wissen, wieso? Assault with a deadly weapon! Allerdings habe ich mich in der Situation bloß selbst verteidigt - mit einem Radmutternkreuz! Ein Typ legte sich mit mir an, und in der Hitze des Gefechts habe ich mir sein Eisen geschnappt und ihm damit eins über den Schädel gezogen. Obwohl er mich zuerst angriff, wurde ich wegen "Angriffs mit einer tödlichen Waffe" verhaftet. Die Anklage wurde aber schließlich fallen gelassen - wir beide beschlossen, uns gegenseitig den Gerichtskram zu ersparen."

Beschreib´ mal das mieseste Loch, in dem du je geprobt hast.

"Wenn dir wirklich was am Proben liegt, bist du schon froh, wenn du überhaupt einen Raum hast. Ich kann mich erinnern, wie wir mit Widowmaker in New York mal in einer absoluten Besenkammer landeten, als wir Bassisten antesteten. Der Raum war so klein, daß die Typen, die zu den Auditions kamen, gerade mal einen knappen Meter von meiner Nase entfernt standen."

Kannst du dich noch daran erinnern, wie es war, als du zum ersten Mal mit Make-up und Reizwäsche auf die Bühne gegangen bist?

"Ja, das war in den Anfangstagen von Twisted Sister, als wir in den Clubs noch für andere Bands eröffneten und uns kein Schwein kannte. Man mußte entweder völlig verrückt oder total doof sein, um in den Sachen rumzulaufen - und ich war wahrscheinlich ein bißchen von beidem. Jedenfalls kann ich mich noch daran erinnern, wie einer im Publikum "Homo" rief, woraufhin ich komplett ausrastete: "Who said that?! Where are you, motherfucker?!?!" Ich meine, da renne ich auf der Bühne in Frauenunterwäsche rum, und die sollen mich gefälligst "macho" finden...? Was hätten sie sonst rufen sollen? "Come, marry my daughter"? Ziemlich amüsant."

Was hältst du von Groupies?

"Eine wunderschöne Sache und gleichzeitig die Motivation für 100 Prozent aller Bands, überhaupt anzufangen. Jeder Musiker, der dir was anderes erzählt, ist ein Lügner! Ich selbst bin nun schon seit 23 Jahren mit derselben Frau, Suzette, zusammen, und sie war kein Groupie - im Gegenteil: Sie haßte Musik, sie hatte nicht mal einen Plattenspieler, keine Platten, nichts - und sie war von mir angewidert! Aber irgendwie fand ich so eine Frau viel faszinierender als ein Girl, das sich mir an den Hals geworfen hätte. Es ist genauso, wie Groucho Marx mal gesagt hat: "Ich würde niemals in einen Club eintreten, der mich als Mitglied haben möchte.""

Schüchtern dich starke Frauen ein?

"Nein. Suzette ist eine starke Frau. Sie ist eine von jenen phänomenalen Frauen, die stark und tough sein können, ohne dabei ihre feminine Seite zu verlieren. Viele Frauen glauben, sie müßten diesen Aspekt aufgeben, um stark zu sein."

Finden dich deine eigenen Kinder cool, oder rebellieren sie gegen dich, indem sie ganz andere Musik hören?

"So far, so good. Man müßte eigentlich meinen, daß das der Fall wäre, aber mein ältester Sohn, mittlerweile 16 Jahre alt, ist sehr an Musik, aber auch an Sport, Kunst und der Schauspielerei interessiert. Wir mögen die gleiche Art von Musik. Er war als Musikberater beim "StrangeLand"-Soundtrack mit dabei, den wir gemeinsam zusammengestellt haben. Er hat sich alles angehört, was reinkam, und das Beste an mich weitergegeben. Hinterher haben wir uns dann entschieden. Außerdem ist er auch schon mit mir auf Conventions und auf Tour gekommen. Als ich letzten Sommer mit S.M.F. in Schweden war, hat er als Roadie für uns gearbeitet. Er fand´s nicht schlecht. Aber schließlich verkauf´ ich ja auch keine Versicherungen, womit mein Vater noch seine Brötchen verdient hat..."

Kannst du eigenhändig eine Mahlzeit zubereiten, oder bist du in der Küche völlig hilflos?

"Nein, hilflos bin ich überhaupt nicht. Ich würde mich nicht als Koch bezeichnen, aber wenn du mir ein Rezept gibst, schaffe ich es auch, was Anständiges zuzubereiten."

Was ist deine schlechteste Angewohnheit?

"Zählt Schnarchen? Dann ist es Schnarchen und Geifern. Mir steht im Schlaf der Mund offen, die Zunge hängt raus, und das ganze Haus erzittert - der reinste Alptraum! Suzette muß deswegen im Bett Ohrenstöpsel tragen, weil es sonst wohl unerträglich wäre. Ich weiß nicht, ob man das als Angewohnheit bezeichnen kann, aber das ist sicherlich etwas, was ich gerne ändern würde."

Was ist deine größte Stärke, was deine größte Schwäche?

"Meine größte Stärke ist, daß ich nie aufgebe. Ich kann unheimlich starrköpfig sein und mich weigern, etwas sein zu lassen. Das ist aber gleichzeitig auch meine größte Schwäche. Ich bekomme von anderen Leuten immer wieder zu hören: "Wow, du hast acht Jahre gebraucht, um es mit Twisted Sister zu schaffen, und 13 Jahre bis zum ersten Film - und du hast nie aufgegeben." - "Ja, stimmt. Weil ich ein Idiot war.""

Was hältst du für die wichtigste Erfindung in der Geschichte der Menschheit?

"Elektrizität. Ohne Elektrizität hätte es Heavy Metal nie gegeben."

Mit welcher historischen Figur würdest du dich gerne mal unterhalten?

"Ganz spontan: Abraham Lincoln. Der Typ war einfach brillant und hatte unheimlich viel Ahnung."

Hast du eine Lieblings-TV-Serie?

"Ich mag die Dialoge und die Schlagfertigkeit von "Seinfeld" oder "Roseanne". I like TV - I'm a writer. Ich habe "StrangeLand" geschrieben, inzwischen mein fünftes Drehbuch fertig und derzeit eine Sitcom namens "Rock This House" in Entwicklung."

Haben Musiker oder Schauspieler die größeren Egos?

"Hmmm... Schwer zu sagen. Ich glaube, Musiker haben das größere Ego. Ich war zwar damals in meinen Musikertagen ziemlich locker drauf, aber im Vergleich zu heute viel mehr auf dem Egotrip. Ich glaube, es kommt immer darauf an, wie man sich selbst aufführt: Wer anderen gegenüber ständig sein Ego raushängen läßt, muß sich nicht wundern, wenn er genauso behandelt wird. Die Atmosphäre auf dem "StrangeLand"-Set war total locker, was mich wirklich überrascht hat. Mein Co-Producer meinte, das wäre normalerweise nicht der Fall, aber als Star und Writer setzt man den Ton für alle anderen."

Was wäre aus dir geworden, wenn du nicht Musiker geworden wärst?

"Was ich wirklich gerne gemacht hätte, wozu ich aber nie die Gelegenheit hatte, ist, Football zu spielen - American Football. Ich bin ein Athlet und ein Sportnarr, aber wir hatten zu Hause nie viel Geld, weshalb ich bereits als junger Bursche anfing zu arbeiten. Für Sport blieb da prinzipiell nie Zeit übrig. Allerdings ist mein Sohn in einem Football-Team und ein sehr guter Spieler; letztes Jahr wurde er sogar zum "Most Valuable Player" gewählt. Für mich gibt es nichts Aufregenderes, als ihn draußen auf dem Feld so richtig Arsch treten zu sehen!"

Was ist das Wichtigste im Leben?

"Zweifellos die eigene Gesundheit. Alleine schon Kopfschmerzen können dir alles versauen. Du könntest die schönste Frau neben dir im Bett haben - wenn du eine verdammte Migräne hast, kannst du es trotzdem nicht genießen. Deshalb habe ich auch sehr hart gearbeitet, um gesund und fit zu bleiben, weil mir die Lebensqualität wichtiger ist als die Quantität."

Bist du religiös?

"Ich stehe da auf der Schwelle. Ich wurde christlich erzogen, und diese Prinzipien gelten für mich eigentlich immer noch. Aber mit organisierter Religion kann ich nichts anfangen. Diejenigen, die damit angefangen haben, sind die gleichen Leute, die uns heutzutage erzählen wollen, was wir zu tun und zu lassen und wie wir Gott zu huldigen haben. Ich glaube an eine höhere Macht, aber ich habe ein Problem, wie organisierte Religionen damit umgehen und sich auch noch bekämpfen, obwohl die Strukturen eigentlich immer dieselben sind. Meiner Meinung nach beten sie alle das gleiche Wesen an, aber bringen sich deswegen gegenseitig um. Damit kann ich nichts anfangen."

Sollten A&R-Leute zuerst eine Art Prüfung ablegen müssen, bevor sie Bands signen können?

"Ja, das wäre nett. Ich erzähle den Leuten immer: "Seid euch bewußt, daß jeder Plattenfirmenmensch den Künstler entweder offen oder im Unterbewußtsein nicht ausstehen kann." Das sind entweder Möchtegerne, frustrierte Musiker, irgendwelche Mitläufer oder Geschäftsleute, die an der Musik selbst absolut null Interesse haben und angepißt sind, daß ihr Produkt etwas Organisches ist - im Gegensatz zu ihren Kumpels bei Coca Cola, die sich darauf verlassen können, daß Coke auch morgen und übermorgen noch Coke ist."

Gibt es eine Art von Musik, die du absolut nicht ausstehen kannst?

"Dieses ganze Easy Listening-Zeug geht mir auf den Sack - Background-Musik jeglicher Art. Top 40-Scheiße höre ich mir nicht an. Was "richtige" Musik anbetrifft: Mit purem Death Metal kann ich nichts anfangen. Das hört sich in meinen Ohren wie seelenloses Bandrauschen an. Ich als Sänger schätze Melodien. Nicht, daß ich etwas gegen unmelodische Sänger hätte - Phil von Pantera oder Max von Soulfly finde ich beispielsweise sehr stark. Aber dieses Hundegebell à la Cannibal Corpse gibt mir nichts."

Welches Lied sollte auf deiner Beerdigung laufen?

"Ähm... ´We're Not Gonna Take It´, denke ich, haha!"

Wo willst du einmal begraben werden, und was soll auf deinem Grabstein stehen?

"Es existiert ein Friedhof auf Long Island, wo es keine Grabsteine gibt. Sieht wie ein Park aus, mit Rasen und Bäumen - it's really nice. Alles, was man sieht, sind im Boden versenkte, kleine Bronzeplaketten - keine Egotrips, keine Hierarchie. Ich meine, was soll dieser "Der hier hat einen größeren Grabstein als der da drüben"-Quatsch? Hört es denn wirklich nie auf? WE ARE DEAD! Man kann nichts mitnehmen, aber irgendwie können die Leute nicht mal nach dem Tod aufhören und lassen sich irgendwelche Mausoleen und ähnlichen Scheiß bauen. Was auf meiner Plakette stehen soll? "He never let the bastards wear him down"."

Um welches öffentliche Amt würdest du dich bewerben?

"Um gar keins. Ich mag keine Politik. Wenn überhaupt, würde ich mich wohl um ein lokales Amt bewerben, um in meiner unmittelbaren Umgebung etwas bewirken zu können, wie zum Beispiel Clint Eastwood damals in Carmel. Ansonsten sind Politiker für mich ausnahmslos totale Arschlöcher, und die Leute fallen auf den ganzen Scheiß auch noch rein. Ich glaube nicht, daß ich so etwas mitmachen oder tolerieren könnte."

Würdest du eine Einladung von Tipper Gore ins Weiße Haus akzeptieren, falls ihr Mann Al Präsident wird?

"Ja klar, schon aus lauter Neugierde. Tipper ist ein Trottel, aber offensichtlich hat sie Al bei den Eiern und kann dadurch, daß sie mit ihm verheiratet ist, ganz gezielt Druck ausüben, wie das sonst niemand könnte. Wie sonst hätte sie damals diese PMRC-Hearings im Senat hinbekommen? Auf jeden Fall bin ich mal gespannt, ob die Attacken von Al und Tipper auf die Musikindustrie wieder anfangen, wenn er erst mal im Weißen Haus sitzt und machen kann, was er will."

Wie würdest du reagieren, wenn Lemmy vor deinen Augen an der Bar ein Glas Milch bestellen würde?

"Ich würde sagen: "Lemmy, geht's dir gut" Bist du sicher, daß du dein System mit dieser fremden Substanz konfrontieren willst? Das könnte alle möglichen Konsequenzen haben: Dein Körper könnte die Flüssigkeit abstoßen, und dann müßtest du vom Notarzt ins nächste Krankenhaus eingeliefert werden." Lemmy wäre wahrscheinlich der erste Mensch überhaupt, der sich wegen Milch den Magen auspumpen lassen müßte. Er ist im übrigen ein sehr guter Freund von mir. Als er mich mal in New York besuchte, hat meine Frau, die phantastisch kocht, Lasagne gemacht. Er hat dann auch zweimal tüchtig zugelangt. Wenn ich Leuten erzähle: "Yeah, Lemmy war auf ´ne Lasagne bei mir", sind sie alle ganz erstaunt: "Echt, Lemmy hat was gegessen?!" Offenbar hat noch nie jemand Lemmy essen sehen - außer mir."

Bands:
DEE SNIDER
Autor:
Onlineredaktion

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