Classic Albums

Classic Albums 22.04.2015

RUNNING WILD - Death Or Glory (1989): Locker vom Hocker

Mit „Death Or Glory“ legten RUNNING WILD 1989 ihr bis dahin ausgereiftestes Werk vor, das über die Jahre nicht nur zu einem Bandklassiker, sondern auch zu einer Sternstunde der deutschen Metal-Geschichte avanciert ist. Wir baten RUNNING WILD-Kapitän Rock´n´Rolf zur gründlichen Album-Inspektion.

Rolf, wie bist du damals ans Songwriting zu „Death Or Glory“ herangegangen?

»Wir haben nach der „Port Royal“-Tour eine Pause eingelegt und anschließend angefangen, die Ideen auszuarbeiten. Es gab hier und da schon ein paar Fetzen, aber wir wollten erstmals auch ein Vorproduktionsdemo mit einigen Songs aufnehmen. Ich glaube, das waren fünf Tracks: ´Riding The Storm´, ´Tortuga Bay´, ´Running Blood´, ´Battle Of Waterloo´ und noch einer. Wir sind dafür in ein kleines Studio in Hamburg gegangen und haben die Sachen eingespielt, um zu sehen, wie sie wirken. Anschließend kamen Jens und Ian mit dem ´Highland Glory´-Instrumental an, und Maik Moti legte seine Songs vor (´Death Or Glory´ und ´March On´ - rb). Als wir ins Studio M gegangen sind, war die Herangehensweise etwas relaxter, weil wir bei den Demosongs schon wussten, wohin die Reise geht, und die Texte komplett fertig waren. Später sind die immer erst im Studio entstanden. Das war eine sehr gute Phase; die Band hat da gut mitgearbeitet. „Death Or Glory“ ist ein Bandalbum, das muss man so sagen.«

Ihr habt zu „Death Or Glory“-Zeiten auch mit dem Gedanken gespielt, ´Sin City´ von AC/DC zu covern.

»Ja, das war für die „Wild Animal“-EP vorgesehen. Wir haben ´Sin City´ auch aufgenommen. Ursprünglich hatten wir nur drei eigene Songs, kurzfristig kam aber noch ´Störtebeker´ hinzu, weshalb ´Sin City´ rausgeflogen ist.«

Gibt´s die Aufnahme noch?

»Wir haben nur die Basics, sprich Schlagzeug, Rhythmusgitarre und Bass, eingespielt. Ich habe aber keine Ahnung, ob die Aufnahme noch existiert oder wo sie ist. Die ganzen 24-Spur-Bänder waren bei Modern Music bzw. später Sanctuary gelagert. Die Sachen sind alle verschwunden.«

Ihr hattet zu der Zeit von „Port Royal“ und „Death Or Glory“ ein ziemliches Hin und Her auf dem Drumhocker. Wie bist du auf den Briten Ian Finlay als Ersatz für Stefan Schwarzmann gekommen?

»Stefan ist ja quasi ausgestiegen, während wir „Port Royal“ aufgenommen haben. Jens Becker kam ursprünglich aus Bremen, wohnte aber schon lange in Nürnberg und hatte dort von diesem Wahnsinnsdrummer aus England gehört. Er hat den Kontakt hergestellt, wir haben Ian nach Hamburg zum Vorspielen eingeladen, und er hat uns musikalisch einfach überzeugt. Er konnte zwar nur gebrochenes Deutsch, weshalb man sich schon mal auf Englisch unterhalten musste, aber das Musikalische war uns wichtiger, weil wir jemanden für die „Port Royal“-Tour brauchten. Es war natürlich blöd, dass er die Tour dann doch nicht spielen konnte, weil er sich einen Arm brach, als er vom Barhocker gefallen ist (lacht). Für ihn sprang Jörg Michael ein.«

In den Credits bedankst du dich bei Sigrid Meyer für ihren Gesangsunterricht. War das das erste Mal, dass du Unterricht genommen hast?

»Ja, ich hatte nach „Under Jolly Roger“ eine Stimmbandentzündung und dadurch Probleme mit der Stimme. Das war aber kein Gesangsunterricht im eigentlichen Sinne, sondern ich habe gelernt, wie das Organ Stimme funktioniert, wie man sich bei Problemen helfen und die Stimme weiterentwickeln kann. Das war der Hauptpunkt von Sigrid, bei der ich ungefähr anderthalb Jahre war. Sie ist später in die USA gegangen, mittlerweile unterrichtet sie in Los Angeles. Das war wirklich ein Glücksgriff. Sie konnte mir das gut vermitteln, und das hat mir sehr geholfen. Man hat auf „Port Royal“ und „Death Or Glory“ auch gemerkt, wie sich der Gesang entwickelte.«

Wobei du auf „Under Jolly Roger“ und „Blazon Stone“ wesentlich tiefer singst.

»Die höhere Stimmlage hat sich einfach aus den Songs ergeben. Die Höhen waren auch schon vorher in meiner Stimme, aber ich konnte sie nicht richtig einsetzen, weil ich nicht wusste, wie es geht. Ich hatte durch den Unterricht einfach die Möglichkeit, mit anderen Techniken zu experimentieren, und verbesserte mich parallel als Gitarrist, weshalb auch die Riffs besser wurden. Zwischen „Under Jolly Roger“ und „Port Royal“ ist ein deutlicher Sprung bemerkbar, zur „Death Or Glory“ dann nochmals. Dadurch vervielfältigten sich auch die Möglichkeiten für den Gesang.«

„Death Or Glory“ stellt zudem die erste Studiozusammenarbeit mit Engineer und Mixer Jan Nemec dar.

»Ja, er hatte allerdings schon die Live-Scheibe „Ready For Boarding“ betreut. Wir hatten da nachträglich noch viele Sachen im Horus Sound überarbeitet und aufgenommen. Das war das erste Mal, dass wir im Studio mit Jan gearbeitet haben. Aber die erste richtige Studioscheibe war „Death Or Glory“.«

Wie lange habt ihr an „Death Or Glory“ gearbeitet?

»Das müssten vier oder fünf Wochen gewesen sein.«

War „Death Or Glory“ die erste Produktion, bei der du alle Rhythmusgitarren eingespielt hast, oder war das schon vorher der Fall?

»Ähem, ja, wir haben das teilweise schon bei „Port Royal“ gemacht. Einfach wegen des Sounds, nicht weil der andere Gitarrist es nicht spielen konnte, sondern weil es homogener klang, wenn ein Gitarrist die Rhythmusgitarren gespielt hat. Bei „Death Or Glory“ gab´s viele Gründe, warum ich die meisten Gitarren gespielt habe. Maik hat seine Songs aber alleine eingespielt. Ich meinte zu ihm: „Pass auf, es nutzt nichts, wenn ich neben der ganzen Arbeit, die ich sowieso schon habe, auch noch die Gitarrenspuren deiner Songs lerne.“ Er hatte die Lieder mit Ian zusammen vorbereitet, den Gesang habe ich dann im Studio gemacht. Insofern hätte ich mir die Gitarren noch draufschaffen müssen.«

Du meintest schon, dass die Scheibe sehr viel Teamwork beinhaltet. Ihr habt für RUNNING WILD-Verhältnisse teilweise auch ganz schön mit den Song-Arrangements experimentiert. ´Evilution´ hat beispielsweise einen recht ungewöhnlichen Aufbau, und den Wechselgesang im Titelstück hat man vorher auch noch nicht von euch gehört.

»Es war ein besonderes Album, weil wir ganz andere Möglichkeiten hatten, im Studio zu arbeiten. Außerdem hatten wir einen neuen Drummer. Es war schon eine große Steigerung, was Ian an variantenreichem Spiel anbieten konnte. Das hat bei uns neue Ideen hervorgerufen, mit denen wir experimentiert haben. Das war einfach die Stimmung der Zeit. Man kann solche Sachen ja nie planen. So was entsteht immer aus dem Moment heraus.«

Wie zufrieden bist du aus heutiger Sicht mit dem Sound?

»Eigentlich sehr zufrieden. Das Album klingt homogen, es passt alles zusammen und repräsentiert das, was die Band damals ausdrücken wollte.«

Die Scheibe hat in meinen Ohren einen sehr eigenen Sound, der sich beispielsweise komplett von dem des Nachfolgers „Blazon Stone“ unterscheidet.

»Absolut.«

Von den fünf remasterten RUNNING WILD-Alben macht sich die Neubearbeitung bei „Death Or Glory“ am meisten bemerkbar.

»Ja, die Platte war in der ursprünglichen Fassung etwas unterbelichtet, was den Bass-Bereich anging; da sind wir im Studio etwas zu vorsichtig vorgegangen. Es war ja auch die erste Zusammenarbeit mit Jan. Wir mussten erst mal zueinander finden.«

Wie lange habt ihr am Gitarrensound gearbeitet?

»Dafür sind ein, zwei Tage draufgegangen. Wir haben damals viel mit Equalizern gearbeitet. Es war auch das erste Mal, dass ich Mesa/Boogie statt Marshall gespielt habe. Wir hatten zu dem Zeitpunkt schon den Schlagzeug- und Basssound und haben einen Klang für die Gitarre gesucht, der dem der anderen Instrumente nicht in die Quere kommt.«

Allgemein wird „Death Or Glory“ als bestes RUNNING WILD-Album gehandelt. Allerdings gibt´s eigentlich nur zwei „Hits“ auf dem Album, die sich jahrelang im Liveset gehalten haben: ´Riding The Storm´ und ´Bad To The Bone´.

»Ja, es gibt aber auch Fans, die ´Battle Of Waterloo´ und ´Tortuga Bay´ lieben, und Leute, die ´Marooned´ für den geilsten Song halten. Klar, die beiden, die du genannt hast, stechen heraus, aber ich finde es auch interessant, dass die Leute sich ihre eigenen Favoriten suchen.«

Kannst du ´Bad To The Bone´ noch ertragen?

»Ja, komischerweise ist das auch der Song, den wir immer beim Soundcheck spielen. Der bietet sich zusammen mit ´Riding The Storm´ dafür an: ein schneller Song mit Doublebass und eine Midtempo-Nummer. Da kann sich der Mixer gut darauf einstellen, was vorne aus der P.A. kommt.«

Was ist dein Lieblingssong von „Death Or Glory“?

»Ich glaube, ´Battle Of Waterloo´.«

Auf „Port Royal“ hattet ihr mit ´Calico Jack´ schon einen Longtrack, ´Battle Of Waterloo´ klingt allerdings ausgereifter.

»Bei ´Calico Jack´ war noch viel Ausprobieren angesagt. Da gibt´s jede Menge Sachen, die ich heute anders machen würde. Das war auch der erste lange Song, den ich jemals geschrieben habe. Bei ´Battle Of Waterloo´ passte einfach alles zusammen, weil ich eine Geschichte erzählt habe, die einer gewissen Chronologie folgte.«

Euer damaliger Labelboss Karl-Ulrich Walterbach gilt unter vielen Musikern als schwieriger Typ. Wie bist du mit ihm klargekommen?

»Prima (lacht). Mir ist schon öfters aufgefallen, dass ich mit Leuten, die den Ruf haben, sehr schwierig zu sein, bestens klarkomme. Warum das so ist, weiß ich nicht. Ich habe nie ein Problem mit ihm gehabt. Ich glaube, er hat mir einen gewissen Respekt entgegengebracht, weil ich damals den Vertrag mit ihm ausgehandelt habe. Er hat irgendwann mal zu mir gesagt: „Ey, du hast mich so dermaßen abgeledert und über den Tisch gezogen!“ Und das als Anfänger (lacht). Ich hatte zu „Gates To Purgatory“-Zeiten zwei Monate mit ihm verhandelt, der Vertrag ging immer wieder hin und her, bis er so war, wie wir ihn haben wollten. Letztlich haben wir von allen Bands auf dem Label mit Abstand den besten Vertrag ausgehandelt.«

War „Death Or Glory“ das Album, ab dem ihr von der Musik leben konntet?

»Es fing eigentlich schlagartig an, als wir uns von unserem Manager getrennt haben (lacht). Dazu muss man eigentlich gar nichts weiter sagen. Das war zu der Zeit von „Port Royal“, wo auch endlich mal Gelder flossen und uns klar war, wo die vorher versiegt waren. Da ist uns halt das passiert, was wohl jeder Band am Anfang passiert: Man vertraut den falschen Leuten. Wenn man die geschäftlichen Sachen schleifen lässt, weil man die Doppelbelastung mit der kreativen Seite nicht hinbekommt, rächt sich das irgendwann.«

Nach der Platte kam es leider wieder zu einem Line-up-Wechsel. Warum habt ihr euch von Ian Finlay und Maik Moti getrennt?

»Bei Ian war das Problem menschlicher Natur. Er brachte Unruhe ins Team, und es sind unschöne Sachen passiert. Da muss man nicht ins Detail gehen, aber ich habe gesagt, dass ich so was nicht hinnehmen kann. Bei Maik war das Problem, dass er zunehmend in der Konzentration auf die Band und seinen Job als Gitarrist nachließ. Deshalb habe ich auch viele Sachen von „Death Or Glory“ selbst gespielt, weil er das nicht mehr alles auf die Reihe bekam. Das Ganze erholte sich mal, kam dann aber wieder. Wir haben mit ihm als Musiker keine Zukunft mehr gesehen.«


www.facebook.com/runningwildmusic
 

DAS LINE-UP AUF „Death Or Glory“
Rock´n´Rolf (v./g.)
Maik Moti (g.)
Jens Becker (b.)
Ian Finlay (dr.)


FAKTEN, FAKTEN, FAKTEN
Spielzeit: 54:18
Produzent: Rock´n´Rolf
Studio: Studio M, Machtsum
Cover: Sebastian Krüger


DIE SONGS
Riding The Storm
Renegade
Evilution
Running Blood
Highland Glory (The Eternal Fight)
Marooned
Bad To The Bone
Tortuga Bay
Death Or Glory
Battle Of Waterloo
March On

DISKOGRAFIE (nur Studioalben)
Gates To Purgatory (1984)
Branded And Exiled (1985)
Under Jolly Roger (1987)
Port Royal (1988)
Death Or Glory (1989)
Blazon Stone (1991)
Pile Of Skulls (1992)
Black Hand Inn (1994)
Masquerade (1995)
The Rivalry (1998)
Victory (2000)
The Brotherhood (2002)
Rogues En Vogue (2005)
Shadowmaker (2012)
Resilient (2013)

Bands:
RUNNING WILD
Autor:
Ronny Bittner

Melde dich für unseren Newsletter an und verpasse nie mehr die wichtigsten Infos

Diese Seite verwendet Cookies. Erfahrt in unserer Datenschutzerklärung mehr darüber, wie wir Cookies einsetzen und wie Ihr Eure Einstellungen ändern und Cookies deaktivieren könnt. Darüber hinaus verwenden wir Cookies Dritter für die Einbindung audiovisueller Inhalte durch Youtube, Spotify und Soundcloud. Dem könnt ihr hier zustimmen oder dies ablehnen. Datenschutzerklärung ansehen.