Classic Albums

Classic Albums 15.09.2010

PANTERA - Cowboys From Hell (1990)

Keine andere Band hat den Stil und Sound der neunziger Jahre so sehr geprägt wie PANTERA. Auch wenn die Texaner mit späteren Alben noch größere Erfolge verbuchen konnten, nahm die Entwicklung mit dem wegweisenden Majorlabel-Debüt „Cowboys From Hell“ seinen Anfang. Das 20-jährige Jubiläum des Klassikers war Anlass für uns, einen Rückblick mit Drummer Vinnie Paul zu wagen, der nach der tragischen Ermordung seines Bruders Dimebag bei Hellyeah seine neue musikalische Heimat gefunden hat.

Vinnie, was sind deine ersten Assoziationen, wenn du an „Cowboys From Hell“ denkst?

»Ich muss daran denken, wie hungrig wir zu der Zeit waren und wie hart wir daran gearbeitet haben, endlich einen Majordeal zu bekommen. Uns war bewusst, dass wir wahrscheinlich nur noch diese letzte Chance haben würden, und ich bin froh, dass wir es schafften.«

Es erscheint immer noch mysteriös, wie es euch gelungen ist, euren Sound im Vergleich zu den vorherigen Alben komplett umzukrempeln. Plötzlich galten PANTERA als die Initialzündung einer neuen Metal-Ära. Was ist im Jahr 1989 passiert?

»Die Band gab´s zum damaligen Zeitpunkt schon sieben Jahre, und wir hatten vier Alben über Independent-Labels veröffentlicht. Wir waren am Anfang eine reine Coverband, deshalb haben wir auf den ersten Alben die Stilistiken unserer Lieblingsbands nachgeahmt. Unsere Faves waren Judas Priest, Van Halen, Mötley Crüe und so weiter. Jedes Majorlabel der Welt hat uns mit diesen Alben abgelehnt, und uns war klar, dass wir uns verändern und härter werden müssen.«

Welche Bands haben euch dazu getrieben, härter zu spielen?

»Hm, das war der Metal, der damals angesagt war, Zeug wie Metallica, Slayer, Anthrax und Megadeth. Bands wie diese gingen gerade durch die Decke. Wir haben von allen einige Elemente in unseren Sound eingebaut, zum Beispiel die thrashige Attitüde, und haben das mit dem verbunden, was wir vorher gemacht haben. Heraus kam „Cowboys From Hell“.«

Dabei wollte Dave Mustaine deinen Bruder Dimebag kurz zuvor als Gitarrist für Megadeth abwerben, was wohl das Ende für PANTERA bedeutet hätte.

»„Cowboys From Hell“ hat das allerdings nicht beeinflusst; Daves Anfrage kam vor dem Plattenvertrag mit Atco. Wir hatten mit Megadeth in den Jahren zuvor schon einige Shows gespielt, ihr Basser Junior hatte sogar ein paar Mal mit uns gejammt. Von daher kannten wir die Jungs gut. Sie suchten einen neuen Gitarristen, und Dimebag war für sie die perfekte Wahl. Sie kontaktierten ihn, und ich glaube, er spielte bei ihnen auch vor. Dimebag meinte dann zu Dave: „Ich würde sehr gerne bei euch spielen, aber ich habe eine Band mit meinem Bruder. Wenn er nicht auch bei Megadeth spielen kann, muss ich das Angebot leider ablehnen.“ Sie hatten allerdings schon einen Drummer, Chuck Behler oder irgendeinen anderen. (Es war Nick Menza. - rb) Ich bin mir sicher, dass es für Dimebag eine verdammt harte Entscheidung war. Sie boten ihm die Welt: Geld, Endorsement-Deals, all das, was wir nie hatten. Ich bin mir sicher, dass er im Endeffekt froh war, bei PANTERA geblieben zu sein, denn daran hing sein Herz, aber zu der Zeit war das wirklich eine schwierige Entscheidung. Wir meinten zu Dime: „Du musst das tun, was du für richtig hältst. Aber wenn du bei uns bleiben willst, ist das natürlich großartig.“«

Kannst du dich daran erinnern, wie lange Dimebag dafür gebraucht hat, den prägenden, einzigartigen PANTERA-Gitarrensound zu finden, der auf „Cowboys From Hell“ erstmals zum Einsatz kam?

»Es war eine Kombination aus dem, was aus seinem Amp kam, und dem, was ich an den Reglern einstellte. Ich wusste, dass er einen speziellen und anderen Sound suchte. Als wir das Demo für „Cowboys From Hell“ einspielten, ging ich eines Nachts ins Studio und spielte an den Amp-Einstellungen rum. Am nächsten Tag kam Dime ins Studio und meinte nur: „Dude, was immer du auch mit dem Gitarrensound gemacht hast, das ist es!“ Im Prinzip habe ich nur die Mitten aus dem Sound genommen. Das war genau der Klang, den Dime immer gesucht hatte.«

Ein weiteres Trademark ist die präzise Verzahnung von Gitarre und Schlagzeug.

»Es hat uns sehr geholfen, dass wir schon so lange zusammen musiziert hatten. Wir standen teilweise pro Woche sieben Nächte auf der Bühne und spielten bis zu vier Sets pro Nacht. Wir waren immer stolz darauf, dass wir so tighte Musiker waren. Wir haben daran allerdings auch hart gearbeitet. Als wir ins Studio gingen, fiel es uns nicht sonderlich schwer, das alles umzusetzen. Dime arbeitete hart daran, die Gitarren so tight wie möglich hinzubekommen; er wollte keine schludrige Note auf dem Album haben.«

Inwieweit war Metallicas „...And Justice For All“-Album ein Vorbild für den trockenen Sound?

»Hm, ich glaube nicht, dass uns der Sound des Albums beeinflusst hat. „...And Justice For All“ ist komplett trocken. Wir hatten hingegen mehr Reverb auf dem Schlagzeug. Die Gitarren auf „Cowboys From Hell“ klingen auch fetter, genauso die Vocals. Wir haben immer viele Effekte eingesetzt, um den Sound zu bereichern.«

Das Gerücht, dass Phil Anselmo die Band nach „Power Metal“ kurzzeitig verlassen hat, streitest du ab, oder?

»Wir waren nach „Power Metal“ ziemlich frustriert, weil uns jedes Label mehrfach abgelehnt hatte. Sie hörten sich die Scheiben an und mochten sie, aber es fehlte ihnen ein bestimmtes Element. Phil platzte eines Tages der Kragen, und er meinte: „Ich schmeiß alles hin!“ Am nächsten Tag sprachen wir uns aus und nahmen uns vor, einen anderen Stil auszuprobieren. ´The Art Of Shredding´ war der erste Song, den wir für „Cowboys From Hell“ komponierten. Danach kamen das Titelstück und als dritter Track ´Psycho Holiday´. Das gab uns eine gute Linie vor. Jeder von uns war begeistert von dem Material, die Demos klangen super, und die ersten Labels zeigten Interesse. Alles fügte sich langsam zusammen.«

Wie wichtig war die Rolle von Produzent Terry Date?

»Terry hatte großen Anteil am Album. Ich hatte bei den vorherigen Demos als Engineer fungiert. Der Sound der Demos war schon recht nahe an dem Sound, der uns für das Album vorschwebte. Terry arbeitete mit noch besserem Equipment als wir und brachte auch noch einiges an Vintage-Equipment ins Spiel. Das hat uns definitiv dabei geholfen, den Sound hinzukriegen. Er war anfangs ein schüchterner Typ, aber als er einmal begriffen hatte, wie die einzelnen Mitglieder drauf sind und wie wir arbeiten, konnte er seinen Input geltend machen.«

Was ist den Lieblingssong des Albums?

»´Cowboys From Hell´. Der Song handelt davon, wie fehl am Platz wir uns fühlten. Wir waren als Texaner absolute Außenseiter in der Metal-Community. Zu der damaligen Zeit kamen alle großen Bands aus L.A. oder New York, gleichzeitig entwickelte sich die Seattle-Szene. Aber wir machten uns da nichts mehr draus. „We´re the fucking cowboys from hell, we´re from Texas, that´s how it is!“«

Welcher ist der unterbewertetste Song des Albums?

»Ich weiß nicht, ob es unterbewertete Songs auf dem Album gibt. Es enthält einige Songs, bei denen Phil noch in der Lage war, die hohen Töne wie Rob Halford oder Geoff Tate anzuschlagen. Das gab es auf „Vulgar Display Of Power“ nicht mehr. Von daher ist ´Medicine Man´ wahrscheinlich unterbewertet. Das ist eine Art Schläfer auf dem Album, der nicht großartig auffällt. Aber wenn man ihm die nötige Aufmerksamkeit schenkt, entpuppt er sich als ziemlicher Killer-Track. Außerdem fand ich ´The Sleep´ immer großartig. Ich habe es geliebt, diesen Song live zu spielen. Heavy, langsam und grindy.«

Welcher Moment des Albums beschert dir immer noch Gänsehaut?

»´Primal Concrete Sledge´. Das war der letzte Song, den wir geschrieben haben. Wir hatten die Aufnahmen schon abgeschlossen, ich zerlegte gerade mein Drumkit. Nachdem ich die Snare abgebaut hatte, fing ich zum Spaß an, auf der Tom-Sektion rumzuklöppeln. Dime hörte das und meinte: „Nimm das Kit nicht weiter auseinander, ich muss dazu jammen!“ Er griff sich seine Gitarre und wollte gerade loslegen, als Terry meinte: „Jungs, wir haben eine Deadline. Ich weiß nicht, ob wir dafür noch Zeit haben.“ Wir meinten: „Fuck you, die 15 Minuten werden wir wohl haben.“ Dime legte dann diesen fetten Groove über die Drumfigur. Phil hörte das und nahm sofort seinen Stift und Zettel zur Hand. Wir haben den Song wirklich an einem Nachmittag fertig gestellt und aufs Band gezimmert. ´Primal Concrete Sledge´ dauert zwar nur gut zwei Minuten, aber der Song ist einer der heftigsten des Albums und funktioniert live immer super.«

Für die De-luxe-Version des neuen Re-Releases habt ihr mit ´The Will To Survive´ einen unveröffentlichten Song aus den Archiven gefischt. Was kannst du zu dem Lied sagen?

»Es ist ein cooler Track, sehr abwechslungsreich, er zeigt das gesamte Potenzial der Band - sowohl musikalisch als auch vom Gesang her. ´The Will To Survive´ ist originell und eingängig zugleich. Ein Killersong, der aber damals einfach nicht zum restlichen Material des Albums passte, weshalb wir ihn nie veröffentlicht haben.«

Das Album und eurer Sound hatten einen großen Einfluss auf die gesamte Metalszene. Wann ist euch das bewusst geworden?

»Als Bands auf einmal genauso klangen wie wir. Auf „Cowboys From Hell“ nahm das Ganze seinen Anfang, auf „Vulgar Display Of Power“ haben wir den Sound und den Stil perfektioniert. Das war der ultimative Sound, nach dem wir gesucht hatten. Noch heute benutzen Bands dieses Album, um ihre Gitarren- und Drumsounds abzugleichen. Wir wollten einfach überall mehr Edge und Power haben. Die Drums sollten diesen super-glasigen Attack-Sound haben, dazu fette Lowend-Sounds und keine Mitten bei den Gitarren. Es gibt verschiedene Techniken, um diesen Klang zu kreieren. Wir haben all diese Techniken entwickelt, und noch heute versuchen Bands, diese Sounds zu reproduzieren.«

Was hältst du vom „Cowboys From Hell“-Artwork?

»Sehr eigenständig und anders. Das war noch lange vor der Zeit der guten Bildbearbeitungsprogramme. Sie nahmen Fotos von uns, schnitten sie aus und klebten sie auf dieses alte Saloon-Foto. Wenn du dir Dimes Kopf genau anguckst, siehst du, wie detailliert der Typ gearbeitet hat. Das Artwork symbolisierte unser Außenseiter-Feeling perfekt.«

Bands:
PANTERA
Autor:
Ronny Bittner

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