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Foto: Thorsten Seiffert

ToneTalk 21.11.2018, 12:06

CORONER, 69 CHAMBERS - »Wenn eine Riff-Idee sofort klappt, ist mir schon langweilig«

Erst mischte Tommy Vetterli mit CORONER und Kreator die Thrash-Welt auf, dann legte der Schweizer zehn Jahre die Gitarre beiseite und konzentrierte sich auf sein Studio. Wie ihn seine Frau zurück an die Saiten holte, was seinen Perfektionismus ausmacht und wo es bei der nächsten CORONER-Scheibe noch hakt, erzählt der 51-Jährige im Tonetalk.

Tommy, wie bekommst du zwei Bands und deine Produzententätigkeit unter einen Hut?

»Das ist nicht einfach (lacht). Die Arbeit kommt immer phasenweise: Wenn ich ein wichtiges Album produzieren muss, dann übe ich in der Zeit auch nicht – höchstens mal abends vor dem Fernseher ein bisschen rumnudeln. Ich versuche, nicht aus der Form zu kommen, damit ich nicht die Hornhaut auf den Fingern von Anfang an wieder aufbauen muss. Zehn Jahre lang habe ich mal fast gar nicht gespielt. Ich hatte damals das große Studio übernommen und deswegen fast keine Zeit mehr. Außerdem hatte ich ein bisschen das Interesse am Gitarrespielen verloren und fing an, alte Synthesizer zu sammeln. Seit ich wieder Gitarre spiele, ist es natürlich super, und ich bin wieder zum Nerd geworden.«

Was kam damals zuerst: die Lust oder die Möglichkeit, wieder Gitarre zu spielen?

»Die Möglichkeit, und zwar mit 69 Chambers. Diego (Rapacchietti, Schlagzeuger - ir) war schon in der Band, und ich habe ihnen immer geholfen, weil ja meine Frau dabei ist. Ich habe ein bisschen den Roadie gemacht und so. Bei der Plattentaufe des ersten Albums sollte ich just for fun mal einen Song mitspielen. Danach meinten sie: „Du musst jetzt einsteigen!“ Eigentlich habe ich das daraufhin gemacht, weil ich dann mal was mit der Frau unternehmen konnte (lacht) – und vor allem auch wegen Diego. Als wir das erste Mal zusammen gespielt haben, war diese Magie da, auch zwischenmenschlich. Es hat sich angefühlt, als würden wir schon seit 20 Jahren zusammen spielen. Dann dachte ich mir: Na gut, ich mache da mal mit.«

Klappt die gemeinsame Arbeit mit deiner Frau?

»Na ja, wir haben uns ja auch so kennengelernt. Sie ist zu mir ins Studio gekommen, wir haben zusammen produziert, und daraus ist die Beziehung entstanden. Mittlerweile sind wir schon seit eineinhalb Jahren getrennt. Aber es läuft gut, alles tipptopp.«

Was war für dich der ausschlaggebende Moment, dass du dich für eine Musikerkarriere entschieden hast?

»Ich habe schon als Kind angefangen, Musik zu machen. Mit neun Jahren begann ich, Violine zu spielen, und habe mit zwölf dann Jimi Hendrix im Fernsehen gesehen. Dann fand ich die Gitarre natürlich viel cooler und wechselte sofort. Ich kannte Rockmusik bis dahin gar nicht richtig, weil bei uns zu Hause nur Jazz und Klassik liefen. Das Gefühl beim ersten Konzert meiner ersten Hobbyband fand ich so geil! Während meiner Lehre haben wir nach zwei Jahren das erste CORONER-Demo aufgenommen. Dazu nahmen wir uns eine Woche frei und gingen ins Studio. Danach wusste ich: Das will ich machen! Ich habe sofort die Lehre abgebrochen, und seitdem mache ich nur noch das hier. Meine Eltern fanden das natürlich im ersten Moment nicht so gut. Dann war es okay, denn sie finden, dass jeder das machen soll, was er will – und haben mich dann auch ihr ganzes Leben lang unterstützt. Sonst wäre das, glaube ich, auch nicht gegangen. Vor allem in der ersten Zeit: Man hat nie Kohle – da war man ab und zu froh über einen kleinen Zuschuss (lacht).«

Du hast doch auch mal Jazz studiert…

»Ja, ich habe aber keinen Abschluss. Ich war am Jazz-Konservatorium in der Schweiz. Ich hätte das eigentlich auch gern fertig gemacht, aber wir waren immer auf Tour. Als ich nach drei Monaten wieder zurückgekommen bin, hatte ich keinen Plan mehr, was die dort gerade machen. Ich habe dann mit einem Lehrer von dort privat weitergemacht. Ziemlich schnell habe ich dann mit ihm in seiner Band gespielt. Aber ich habe mich immer weitergebildet, Bücher gelesen und geübt wie blöd (lacht).«

Welchen Gitarristen hast du zu Beginn genau auf die Finger geschaut?

»Ganz am Anfang waren das Iron Maiden, AC/DC… und Saxon! Von denen habe ich sogar zwei signierte Platten zu Hause. Mittlerweile ist das aber mehr Nostalgie für mich. Yngwie Malmsteen war für mich auch sehr wichtig, genau wie Ritchie Blackmore und Tony Iommi – aufgrund der Riffs und des Songwritings, nicht unbedingt wegen der Soli. Bei vielen Bands habe ich das Gefühl, ich könnte sofort mitspielen, weil alles so gewohnt ist. Bei Black Sabbath war immer eine Note dazwischen, die ein bisschen schräger ist – das fand ich total geil. Dazu kamen noch Jazz-Gitarristen wie Joe Pass. Nicht dass ich gut Jazz spielen könnte: Ich kann mich nur so durchmogeln, dass man das meinen kann.«

Kannst du dich noch an deine erste Gitarre erinnern?

»Ja. Ich wollte natürlich gleich E-Gitarre spielen, obwohl alle meinten, dass ich erst mit Akustikgitarre anfangen solle. Ich hatte eine Strat-Kopie für 300 Euro von Sigma, chinesisch oder koreanisch, in Sunburst. Das war ein übles Teil, glaube ich (lacht). Später habe ich eine Ibanez Destroyer bekommen, weil der eine Typ von Iron Maiden so eine hatte. Die sah saugut aus. Ich fand sie irgendwann zwar nicht mehr so cool, habe sie aber behalten. Jahre später wollte ich gern eine Reisegitarre haben, die ich im Tourbus spielen kann – die gab es aber noch nicht zu kaufen. Daher wollten wir die Ibanez mit einer Säge kleiner machen, haben aber falsch angesetzt und… tja, schade, denn mittlerweile wäre sie sogar was wert. Ja, das schmerzt mich immer noch ein bisschen. Das war, als würde man sich selbst die Haare schneiden… (lacht).«

Welche Gitarren sind aktuell in deiner Obhut?

»Jetzt spiele ich Lâg, eine französische Firma. Leider haben sie vor einem Jahr den Custom-Shop geschlossen. Das ist total schade. Ich kenne Michel Lâg persönlich, ein richtig leidenschaftlicher Gitarrenbauer und super Typ. Wir teilen auch die Leidenschaft für guten Rotwein. Sie haben mir zwei Gitarren nach meinen Vorstellungen gebaut. Nun brauche ich eigentlich noch ein paar Gitarren mehr, denn mit 69 Chambers haben wir unterschiedliche Tunings. Jetzt muss ich mir was Neues suchen. Im Studio habe ich noch andere Gitarren, zum Beispiel zwei PRS. Aber die stehen mir live nicht, sie sind zu klein. Weil ich so eine Bohnenstange bin, sieht das bei mir doof aus. Das Bild muss ja auch stimmen. Les Paul und so weiter habe ich natürlich auch im Studio.«

Wie schaut´s denn mit einem neuen CORONER-Album aus?

»Wir sind dran! Ja, das wird schon lange erwartet. Es hätte eigentlich bereits letztes Jahr rauskommen müssen. Aber mit dem Job und allem dauert das einfach länger, und unser Anspruch ist hoch. Auch wenn es am Ende niemand anderes mag, wollen wir etwas machen, was wir geil finden. Das war uns schon immer das Wichtigste. Das Hauptproblem ist auch finanzieller Natur. Wir haben zwar mit Sony und Century Media super Partner, aber mein Studio ist groß und echt teuer. Wenn ich zwei Wochen lang Songwriting mache, kostet mich das viel Geld, da ich das Studio in der Zeit nicht vermieten kann. Ende letzten Jahres hatte ich Glück, dass der Produzent von Dream Theater das Studio für vier Wochen gemietet und eine Band dort aufgenommen hatte. Das ist ideal. Aber sobald es leer steht, wird es finanziell schwer. Das Album braucht einfach Zeit. Jeder Song hat so viele Parts wie manch andere Band auf einem ganzen Album. Wenn eine Riff-Idee sofort klappt und sie jeder versteht, ist mir schon langweilig. Ich brauche dieses „Oh, das ist geil! Scheiße, das muss ich erst noch üben! Ach Kacke, ist das schwierig!“. Das treibt mich voran. Das andere langweilt mich sehr schnell. Das heißt nicht, dass ich einfache Musik nicht geil finde. Von allen Ideen bleiben fünf oder zehn Prozent auf dem Tisch.«

Bist du ein Perfektionist?

»Auf jeden Fall. In der Schweiz habe ich als Produzent diesen Ruf. Das wird oft falsch verstanden, dass alles perfekt sein muss – also perfekt intoniert, alles editiert und so weiter. Nein: Für mich muss es vom Gefühl her perfekt sein. Wenn ein Sänger die Noten nicht genau trifft, ist das manchmal sogar geil. Auch rhythmisch würde man dadurch alles kaputtmachen. Ein Kollege von mir hat immer Prince aufgenommen, und ich habe mir eine Session bei ihm angeschaut. Das ist perfekt gewesen: Es lief zwar nicht genau auf dem Raster, aber wenn man etwas editieren würde, würde man es nur kaputtmachen. Vom Groove her war das unglaublich.«

Gibt es ein Album, auf das du besonders stolz bist?

»Ja, ich finde zum Beispiel das letzte Cellar-Darling-Album sehr gut. Und ich bin natürlich stolz auf die Eluveitie-Sachen. Das ist das Erfolgreichste, was ich bis jetzt gemacht habe. Die Leute kenne ich jetzt auch schon seit sieben Jahren. Aktuell habe ich zudem Freude an der neuen 69 Chambers. Das Album haben wir 2015 angefangen, und Ende letzten Jahres hatte ich mal zwei Wochen nichts zu tun und habe es gemischt.«

Wie gut funktioniert es für dich, deine eigenen Sachen zu mischen?

»Ich versuche immer, das Beste daraus zu machen. Bei CORONER, wo wirklich das meiste von mir ist, habe ich aber ein bisschen Angst, dass es irgendwann in Selbstkasteiung endet (lacht). Aber ich schütze mich auch, denn ich mastere nie selbst. Wenn ich schon aufnehme und mische, dann muss jemand mit frischen Ohren das Ganze mastern. Schauen wir mal (grinst).«

www.newsound.ch

www.coroner-reunion.com

www.facebook.com/69chambers

Diskografie (Studioalben)

Mit 69 Chambers:

Torque (2012)
Machine (2018)

Mit Coroner:

R.I.P. (1987)
Punishment For Decadence (1988)
No More Color (1989)
Mental Vortex (1991)
Grin (1993)

Mit Kreator:

Outcast (1997)
Endorama (1999)

Bands:
CORONER
69 CHAMBERS
Autor:
Isabell Raddatz

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