Kolumne

Kolumne 28.06.2017

AUDIOSLAVE , SOUNDGARDEN , CHRIS CORNELL - CHRIS CORNELL (1964-2017)

Als sich die Nachricht vom Freitod CHRIS CORNELLs am 18. Mai verbreitet, ist der Schock groß. Mit dem Soundgarden-Frontmann starb ein Musiker, der sich über die Grenzen des Grunge, dessen Klischees ihm lange anhafteten, hinwegsetzte. Neben anderen covern in den Tagen danach Metallica, Guns N´ Roses, Megadeth, Dream Theater, Incubus, Queensryche, Stone Sour, The Pretty Reckless, Live, Living Colour, Ann Wilson (Heart), Candlebox und Norah Jones seine Songs, U2 widmen ihm ihr ´Running To Stand Still´, Aerosmith ihr ´Dream On´.

Christopher John Boyle wird am 20. Juli 1964 in Seattle/Washington geboren. Er hat zwei Brüder und drei Schwestern, seine Eltern lassen sich 1979 scheiden, die Kinder nehmen alle den Mädchennamen der Mutter an. Cornell schmeißt die High School und beginnt eine Lehre als Koch im Fischrestaurant Ray´s Boathouse. „Als ich mit dem Kochen aufhörte und Musiker wurde, habe ich zehn Pfund abgenommen." Der Teenager ist introvertiert, gerne allein und hört Musik. Seine Lieblinge sind die Beatles, was man aber bei seiner 1984 gegründeten Band nicht heraushört. „Die Heaviness von Soundgarden kam aus der Kombination der Mitglieder und ihrer Geschmäcker. Wir waren immer nur mit aggressiven Bands auf Tour. Ich bin dann nach Hause gekommen und habe Nick Drake oder Bob Dylan gehört." Von dieser Tiefe lebt auch Cornells Meisterwerk „Temple Of The Dog" von 1991, eine Hommage an seinen im März 1990 an einer Überdosis Heroin gestorbenen Mitbewohner, Mother-Love-Bone-Sänger Andrew Wood. Nicht nur wegen der Hitsingle ´Hunger Strike´, einem Duett mit Pearl-Jam-Frontmann Eddie Vedder, ist es das definitive Seattle-Album, auf das sich auch Nicht-Grunger einigen können. Zehn durch Trauer erschaffene Juwelen in der Tradition des Siebziger-Jahre-Rock Marke Hendrix und Zeppelin, gesungen von einer der besten Rockstimmen aller Zeiten. Temple Of The Dog treten nur vereinzelt Anfang der Neunziger auf (u.a. auf dem Foundations Forum 1991), nach dem Einstieg von Soundgarden-Drummer Matt Cameron bei Pearl Jam kommt es zu Kurz-Reunions wie 2003 in Santa Barbara oder 2011 in Alpine Valley. Eine Tour findet erst im November 2016 statt, Temple Of The Dog verkaufen dabei u.a. den Madison Square Garden in New York und das Forum in L.A. aus. Ein später Erfolg, den Cornell genießt. Sonst ist der Musiker zurückhaltend. „Ich habe mich vor persönlichen Texten und autobiografischen Passagen immer versteckt, nichts rausgelassen. Also haben sich die Songs nicht richtig auf das Publikum übertragen. Mit „Badmotorfinger" habe ich versucht, das zu ändern. In ´Outshined´ gibt es diese Textzeile „looking California, feeling Minnesota". Ich hatte Bauchschmerzen deswegen, aber es hat funktioniert." Cornells Lieblingsalbum von Soundgarden ist „Down On The Upside" (1996), weil es so ausgefallen ist, denn „wir waren ein Risikounternehmen ohne spezifischen Sound". Vor dem Alleingang nach Soundgardens Auflösung 1997 hat er Angst, ist aber auch zuversichtlich, weil er weiß, wie er es nicht machen will. „Meine Plattenfirma und die ganze Industrie haben erwartet, dass ich denselben Weg wie Ozzy Anfang der Achtziger einschlage, als er Black Sabbath verließ; also auf meinen Fall übertragen eine kommerziellere Version von Soundgarden, die auch Soundgarden-Fans mögen würden." Die Abgrenzung klappt gut, „Euphoria Morning" (1999) etabliert Chris als eigenständigen Songwriter. Dass er danach 2001 mit den Musikern von Rage Against The Machine eine Supergroup des Alternative Rock bildet, wird mit Spannung erwartet, ihm aber auch von einigen Szene-Insidern übel genommen. Außerdem sind die Konzerte von Audioslave anders als Soundgarden: professioneller, weniger chaotisch, massenkompatibel. 2003 eröffnen sie z.B. ihr Konzert bei Rock am Ring mit einer grandiosen Version von ´Seven Nation Army´ (The White Stripes). Nach Soundgardens 1994er „Superunknown" erreicht Cornell mit „Out Of Exile", Audioslave-Album Nummer zwei, 2005 erneut die Spitze der Billboard-Charts. Noch vor dem Ausstieg 2007 gelingt dem Sänger mit dem James-Bond-Titelsong ´You Know My Name´ (2006) ein weltweiter Mainstream-Erfolg, dem er aber etwas anderes vorzieht: Dass Johnny Cash 1996 mit ´Rusty Cage´ einen seiner Songs gecovert hat, nennt er „das vielleicht Großartigste, was mir in meiner Karriere bisher passiert ist". Solo verzettelt er sich mit dem Pop-Techno-Desaster „Scream" (2009), die Soundgarden-Reunion von 2012 hingegen wird ein Erfolg, „King Animal" ein Top-Ten-Album. Aber die Unberechenbarkeit bleibt: Die geplante „Rockpalast"-Ausstrahlung vom 7. November 2012 aus dem Dortmunder FZW lehnt die Band aus Qualitätsgründen ab.
Ein neues Album war in Planung, Cornells Freitod durch Erhängen in einem Detroiter Hotel nach einem ausverkauften Soundgarden-Gig beendete dieses Kapitel. Chris Cornell wurde am 26. Mai auf dem Hollywood Forever Cemetery in L.A. beigesetzt. Er hinterlässt eine Tochter aus erster Ehe mit Susan Silver (Ex-Mother-Love-Bone/Soundgarden- und jetzige Alice-In-Chains-Managerin) und zwei Kinder aus seiner zweiten Ehe mit Vicky Cornell, geborene Karayiannis.
Rest in peace, Chris!

www.chriscornell.com

Bands:
SOUNDGARDEN
CHRIS CORNELL
AUDIOSLAVE
Autor:
Jörg Staude

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