Kolumne

Kolumne 30.08.2017

LINKIN PARK - CHESTER BENNINGTON (1976-2017)

Am 20. Juli 2017 wird Linkin-Park-Sänger CHESTER BENNINGTON tot in seinem Haus gefunden – zwei Wochen nach dem letzten Konzert der Linkin-Park-Sommertour durch Europa. Bennington hat sich erhängt, genau wie sein Vorbild und Freund Chris Cornell, der an diesem Tag Geburtstag gefeiert hätte und auf dessen Beerdigung Chester nur zwei Monate zuvor noch Leonard Cohens ´Hallelujah´ performt hatte.

Linkin Park erlebe ich zum ersten Mal bewusst im Sommer 2001 bei Rock am Ring. Mittelpunkt der US-Band ist ein Sänger mit Namen Chester Bennington, dessen Stone-Temple-Pilots-T-Shirt eine Nummer zu groß an seinem schlaksigen Körper wirkt, im Gegensatz zur riesigen Bühne, die keineswegs zu groß für den Newcomer ist. Das Publikum hat der Musiker im Handumdrehen im Griff.
Anderthalb Jahre später treffe ich Chester zum ersten Mal persönlich. Genau genommen treffe ich erst seinen persönlichen Security-Mann, der Anfang 2003 die Listening-Session zum Album „Meteora“ in Los Angeles überwacht und zur Leibesvisite inklusive Metalldetektor-Scanning bittet – wie man es von Flughäfen kennt. Man fragt sich, ob sich der Ex-Marine am meisten um das Plattenfirmen-Master des Albums oder doch um seinen 26-jährigen Schützling sorgt, der zu diesem Zeitpunkt bereits Millionär sein dürfte.
Wenige Wochen später sitze ich Chester in Hamburg zum Interview gegenüber. Schon bevor man ihn sieht, hört man ihn lautstark Achtziger-Jahre-Klassiker durch den Hotel-Korridor trällern. „Shout! Shout! Let it all out!“, ertönt es – vor mir sitzt ein ausgelassener, fröhlicher Typ, der ganz offensichtlich gerade einen tierischen Ohrwurm vom Tears-For-Fears-New-Wave-Klassiker ´Shout´ hat. Schnell wird klar, dass sich Chester Bennington charakterlich von seinen Mitmusikern unterscheidet. Er wirkt gefühlsbetonter und auf eine angenehm menschliche Art unkontrollierter. Unser Gespräch ist eine Achterbahnfahrt durch seine Gefühlswelt. Er regt sich auf, dass seine Band für eine Casting-Combo gehalten wird, schwärmt von der Geburt seines Sohnes und berichtet von einem Mädchen, das während eines Konzerts weinend vor ihm zusammenbrach und das er später traf, um mit ihm über das zu reden, was es so übermannt hatte. Chester, dem schlaksigen Polizisten-Sohn, der als Kind missbraucht wurde, gehen die emotionalen Regungen seiner Fans nahe. Und schon damals reflektiert er, dass Reichtum nicht der Schlüssel zum Glück ist: »Ein Mensch, der sagt, dass Geld alle Probleme löst, ist nie reich gewesen. Geld und die Dinge, die du damit kaufen kannst, sind schön, aber sie berühren mich nicht emotional.«
Als wir uns im März 2007 erneut treffen, sind Linkin Park im Musik-Olymp angekommen. Sie sind globale Superstars, die die Charts toppen und Arenen ausverkaufen. Und obwohl Chester und seine Familie zu der Zeit unter einer krankhaften Stalkerin leiden, kann der Sänger seinem Leben als Poprock-Star viel abgewinnen: »Zu 99,98 Prozent ist es toll, Musiker dieser Band zu sein. Ich empfinde das als sehr erfüllend. Unsere Familien sind zusammengerückt, wir dürfen die Welt bereisen und haben ein enges Verhältnis zu unseren Fans. Wir sind gesegnet!« Doch auch die dunkle Seite seiner Seele findet den Weg in unser Gespräch, als es um eine seiner Lieblingsbands – The Cure – geht: »Ich liebe sie, weil sie für mich die depressivste Band der Welt sind. Am verrücktesten finde ich, dass Robert Smith die meiste Zeit über Liebe singt. Das ist mir lange nicht bewusst gewesen, weil ich immer dem Vibe der Musik gefolgt bin. Mir geht es genauso wie Robert. Auch ich schreibe über schöne Dinge gerne auf eine düstere Art. Ich habe einfach einen besseren Zugang zu dunklen Gefühlen. Diese negativen Inspirationen nehmen auch nicht ab, nur weil ich inzwischen prominent bin. Mich sorgen immer noch die gleichen Dinge.«
Am meisten berührt mich beim Durchforschen alter Interviews mit Chester unser Gespräch über seinen ehemaligen Bandkollegen Bobby, mit dem er vor Linkin Park bei Grey Daze spielte und der 2004 einem Hirntumor erlag. Sichtlich bewegt von dessen frühem Tod, sagte Chester damals: »Bobby war noch verdammt jung, als er einen Gehirntumor bekam und daran verstarb. Mich hat sein Schicksal unglaublich mitgenommen und berührt, weil er nicht die Chance bekam, ein langes Leben zu führen und alt zu werden...«

Bands:
LINKIN PARK
Autor:
Conny Schiffbauer

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