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Foto: Holger Stratmann

ToneTalk 27.01.2021, 08:00

Captain Nemos Träume

Jim Morris ist als Produzent ein Veteran der Szene in Florida und zusammen mit seinem Bruder Tom sowie Scott Burns einer ihrer wichtigsten Väter. „Morrisound“ war in den späten Achtzigern und prosperierenden Neunzigern ein magisches Wort, danach wurde es etwas stiller um den für Metal bedeutendsten Aufnahmetempel im Südosten der USA. Umso größer ist der Schock des Rock-Hard-Abgesandten beim Ortstermin in Tampa, als sich herausstellt, dass Jim neuerdings in einer Bank arbeitet…

»Ich komme aus einer musikalischen Familie und spielte mit meinem Bruder in einer typischen High-School-Band. Als wir in einem lokalen Studio ein paar Coverversionen und eigene Stücke für ein Demo  einspielten, gefiel uns der Prozess so gut, dass wir schworen, unsere Brötchen eines Tages selbst damit zu verdienen. Wir konnten an nichts anderes mehr denken, aber der Weg war steinig. Equipment kostete Ende der Siebziger unerschwinglich viel, doch Tom kaufte von seinem guten Gehalt als Ingenieur eines Chemiekonzerns eine Achtspurbandmaschine und ein kleines Mischpult. Nach ersten Schlafzimmerexperimenten bauten wir die Geräte in einen kleinen Lastwagen. Mit diesem Mobilstudio verdienten wir unser erstes Geld; unser Traum wurde allmählich Realität. Schon 1981 bekamen wir eigene Räumlichkeiten, und 1986 erfolgte ein Umzug an die 56. Straße, um das Ganze „richtig“ in Angriff zu nehmen. Alle Bands fotografierten sich vor unserem hölzernen Logo, es gibt unheimlich viele Bilder davon (lacht). 2014 kamen Trans-Siberian Orchestra auf uns zu und wollten das Studio kaufen. Sie waren sowieso unsere besten Kunden, also ergab der Deal für beide Seiten Sinn. Wir sind noch gute Freunde; ich fahre sogar morgen rüber, um ein paar technische Arbeiten zu erledigen. Mein Bruder und ich wollten den Betrieb ohnehin verkleinern. Wir merkten, dass ein großes Studio mit edler Ausstattung für viele unserer Kunden nicht mehr nötig oder zu teuer war. Hinzu kam, dass sich die Arbeitsweise veränderte: Wir kümmern uns jetzt nur noch um Teile eines Albums, nicht mehr um die kompletten Aufnahmen. Früher kostete eine Bandmaschine 50.000 Dollar oder ein Mischpult 100.000 bis zu einer halben Million, heute kann jeder Gitarren zu Hause mit einem Laptop aufnehmen. So kommen die Leute zum Beispiel nur noch für den Gesang, weil ihnen die Beratung oder eine zweite Meinung wichtig ist.«

Siehst du die Entwicklung mit einem lachenden oder weinenden Auge? Mit TSO habt ihr bestimmt gut verdient…

»Oh ja, das waren keine schlechten Jahre, aber in solchen Kategorien denke ich nicht. Ich habe mir eher Sorgen um die Zukunft gemacht. Wir hatten das Grundstück gekauft und das Studio selbst gebaut. Für eine andere Nutzung war es zu spät. Wir hätten ja dort kein Einfamilienhaus hochziehen können, denn das Studio war ausgerüstet wie das berühmte Abbey Road in London. Wir hatten einen riesigen Aufnahmeraum, zwei SSL-Pulte und jedes Mikrofon, das du dir vorstellen kannst. Allerdings sahen wir ein, dass es den Bands nur darauf ankam, mit uns zu arbeiten. Das Ambiente wurden immer unwichtiger, und wenn wir weiter gewartet hätten, wären wir an den laufenden Kosten zugrunde gegangen; solche Gebäude müssen ja unterhalten werden. Uns war klar, dass die Zeiten der Beatles, die täglich für jeden Ton und jede Probe ins Studio gingen, niemals wiederkommen würden. Bands wie die Eagles haben zwei Jahre für eine Platte gebraucht, und am Ende sind trotzdem alle reich geworden. Einerseits ist es traurig, weil keine Intimität und Synergien mehr entstehen wie während jener Sessions, andererseits können wir nun an mehreren Projekten gleichzeitig arbeiten. Es ist eben auch ermüdend, zwei Monate an denselben Songs zu schrauben, was zudem bedeutet, dass du nur sechs Jobs im Jahr annehmen kannst. Unser Alltag ist jetzt bunter; wir haben mehr denn je mit kreativen Prozessen zu tun und diese finanzielle Last nicht mehr am Hals. Das macht uns auch freier. Wir produzieren immer noch sehr viel Heavy Metal, aber auch Jazz, Klassik, EBM, Country oder Pop – jeden Tag etwas anderes. Das gefällt mir! Außerdem kann ich die Musiker verstehen.«

Wie meinst du das?

»Ich nehme wie sie lieber daheim auf, dann muss ich nicht 40 Minuten herfahren. Ich habe zwar natürlich auch Equipment in meinem Haus, kriege aber so weniger Ärger mit meiner Frau und bin ja Teil der Crew; manchmal programmiere ich Schlagzeug, helfe mit dem Arrangement oder spiele eine Gitarrenspur ein. Wir unterstützen die Musiker dabei, das Beste aus ihren Songs zu machen, und das fängt bei ihnen zu Hause an. Sie sollen das Optimum herausholen. Im letzten Jahr habe ich vier Kunden geholfen, ein Heimstudio einzurichten. Das ist mittlerweile Teil meiner Arbeit.«

Was sind die wichtigsten Regeln beim Aufbau eines Heimstudios?

»Zunächst sollte man wissen, was man vorhat. Wenn man nur Songs schreiben will, ist es einfach, aber einen fertigen Mix inklusive Master abzuliefern, fällt in eine andere Kategorie; dann sollte der Raum neutral klingen, und mit Live-Drums wird es eine echte Herausforderung. Wenn du einen Sound willst wie im Abbey Road Studio A, miete dich besser dort ein. Das ist nämlich gar nicht mehr so teuer, und du sparst dir jede Menge Ärger.«

Verdonnerst du deine Heimstudio-Gitarristen dazu, auch die direkten Signale der Gitarren für Re-Amping (Reproduktion im Studio – hs) aufzuzeichnen? Das setzt ein bisschen Aufwand und viel Disziplin beim Schneiden am Computer voraus. 

»Wenn jemand das sauber hinbekommt und trotzdem musikalisch tolle Aufnahmen macht: großartig. Ich habe aber im Laufe der Jahre festgestellt, dass die besten Musiker nicht unbedingt zu viele Hüte aufhaben sollten. Wenn sich jemand nebenbei auch als Toningenieur, Produzent und Manager verdingt, wird es schwierig, die kreativen Säfte konstant am Fließen zu halten. Da ist weniger sicherlich mehr, und wie ich schon sagte: Man sollte sein Ziel kennen. Deshalb tut man mitunter gut daran, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren.«

Wie bewertet ein alter Hase wie du die gegenwärtigen Techniktrends?

»Die Gesellschaft hat Musik zum kostenlosen Allgemeingut erklärt, das finde ich bedenklich. In den Siebzigern und Achtzigern konntest du eine Band gründen und mit etwas Glück davon leben, falls du einen Deal an Land gezogen hast. Versuch mal, das heute einem 19-Jährigen zu erklären. Ich rate jedem dazu, erst eine gute Ausbildung zu machen und musikalische Träume nur nebenbei zu verwirklichen. Das ist traurig, aber meiner Meinung nach nimmt die Zahl derjenigen, die von ihrer Kreativität leben können, rapide ab, obwohl ich hoffe, dass ich mich da irre. Mein Bruder und ich werden es überleben. Wir bieten einen Service an, der nicht leicht zu kopieren ist. Wenn eine junge Künstlerin herkommt, kann ich ihr ein 16.000-Dollar-Mikrofon hinstellen, das ihre Stimme perfekt betont. Dafür wird es immer eine gewisse Nachfrage geben. Ich wüsste bloß gerne, wie viele junge Leute in Zukunft noch ambitioniert Musik machen werden. Als Napster aufkam, waren die Teenager ganz aus dem Häuschen, weil sie dachten, ihre Musik sei nun umsonst. Die damals Zehnjährigen sind jetzt 30, aber viele Bands in dieser Altersklasse gibt es momentan nicht. Musik ist seitdem zu einem Hobby verkommen. Irgendwo auf der Welt wird gerade der nächste John Lennon geboren, und ich drücke die Daumen dafür, dass wir die Chance erhalten, ihn zu hören. Die Kanäle sind voll mit Tausenden, die vorgeben, so ein außergewöhnliches Talent zu besitzen, doch den wahren Künstler werden wir in der Masse belangloser Musik womöglich nie finden. Ich bewahre mir dennoch meinen Optimismus. Ich bin Fan, fördere Künstler und zahle für Streaming; ich will nichts umsonst. Eine Gesellschaft ohne großartige Musik kann ich mir nicht vorstellen. Das ist der absolute Horror! Vielleicht erleben wir nur ein Zwischenstadium, schwierige Wechseljahre.«

Das neue Morrisound Studio befindet sich in einer ehemaligen Bank. Wie kam es dazu?

»Das Gebäude wurde 1929 errichtet, ist also für Tampas Verhältnisse uralt. In Europa würde das niemanden beeindrucken, aber bei uns findest du kaum etwas Älteres. Ein Freund von uns machte hier 40 Jahre lang Musik, nicht sonderlich professionell. Es ist ein solider Bau mit dicken Wänden und – auch nicht unwichtig in dieser Gegend – sehr einfach zu sichern. Die Nachbarschaft könnte angenehmer sein, das stimmt, doch wenn du etwas in einem angesagten Viertel kaufen willst, wird´s gleich wieder teuer. Da wir kein Schild draußen hängen haben, weiß kein Mensch, was wir hier tun. Sowieso taucht niemand „spontan“ auf, um eine Platte aufzunehmen, also bringt uns Werbung gar nichts. Man kommt zu verabredeten Terminen und weil man uns kennt. Ferner ist alles mit einem Alarmsystem gesichert. Unser Ziel bestand darin, alles nach unseren Bedürfnissen umzubauen und – das vor allem – Spaß zu haben. Deshalb spielt das Design eine sehr große Rolle. Ich habe mein Faible für Steampunk ausgelebt und darf mich hier wie Captain Nemo fühlen. Das Meiste haben Tom und ich mit ein paar Helfern selbst gebaut. Wir hatten so verrückte Wünsche, dass du das einem einfachen Handwerker nicht beibringen kannst. Ach, und die Nachbarschaft… Es ist nicht so schlimm, wie es aussieht: Eine Meile weiter fängt die Hipster-Gegend an, wo es tolle Restaurants und Bars mit Craft-Bier gibt.«

Was wurde eigentlich aus eurem Death–Metal–Hausproduzenten Scott Burns?

»Er ist nicht mehr im Geschäft. Mit seinem Ruf in diesem Genre war es unmöglich für ihn, Anschlussjobs aus anderen Stilrichtungen zu bekommen. Er wurde ein Opfer seines eigenen Erfolgs. Das ist tragisch, denn Scott interessierte sich damals schon für die Beatles, Jazz und Soul, aber das nahm ihm leider niemand ab. 1996 hörte er frustriert auf. Es war seltsam, aber wir gratulierten ihm letztlich zu seinem Entschluss. Das Musikgeschäft hatte ihn „überfahren“. Er gründete eine Familie und arbeitet nun mit seiner Frau bei einer Firma, die Elektroinstallationen macht. Meines Wissens hat er seitdem keine Alben produziert.«

Das ist bei dir nicht geplant, obwohl du auch eine Ausbildung als Elektriker vorweisen kannst…

»Nein, dazu dürfte es zu spät sein (lacht). Meine Kinder sind schon erwachsen und aus dem Haus. Ich wache stets mit Musik im Kopf morgens auf, und die muss raus, also mache ich unbeirrt weiter.«

Für Fans wird es unübersichtlich, wenn sie wissen möchten, wer an welchen Platten beteiligt war. Wie hast du dir das mit Tom und Scott aufgeteilt?

»Scott war auf Death Metal spezialisiert, auch wenn ich mit den beiden letzten Alben von Death zu tun hatte. Cannibal Corpse und Morbid Angel stehen ebenfalls auf meiner Liste, nicht zu vergessen weniger bekannte Sachen wie Monstrosity oder Brutality. Die Mitglieder dieser brutalen Bands waren oft sehr angenehme Typen. Tom kümmerte sich um Aufnahmen von Morbid Angel oder Iced Earths Debüt.«

Savatage?

»Ihr Einstand und dessen Nachfolger waren meine ersten Heavy-Metal-Produktionen überhaupt, dazu kamen zwei weitere Platten in den Neunzigern. Zur Zeit von „Handful Of Rain“ fingen wir an, die frühen Demos für Trans-Siberian Orchestra mitzuproduzieren. Meine Beziehung mit Jon Oliva ist 40 Jahre lang sehr ertragreich gewesen. Die alten Savatage-Sachen haben dazu geführt, dass Crimson Glory und Nasty Savage anklopften, danach brach der Death-Metal-Boom aus, wohingegen ich eher auf Melodien stehe; ich bin ja selbst lange in Bars aufgetreten. Deshalb wurde ich von Iced Earth ab „The Dark Saga“ ins Boot geholt. Das entschieden Tom und Jon Schaffer (Iced-Earth-Chef – hs), der sehr ehrgeizig ist und mit Matt Barlow einen fantastischen Sänger am Start hatte. Wir kennen uns nun auch schon seit 24 Jahren und haben mit Unterbrechungen immer wieder zusammengearbeitet. Mein größter Verkaufserfolg ist allerdings die Platin-LP für Warrants Album „Dog Eat Dog“, man mag es kaum glauben (lacht). Heavy Metal lässt sich nicht so leicht produzieren, wie viele denken. Die massiven Gitarrensounds geraten leicht außer Kontrolle, dürfen aber auch nicht zu harmlos sein. Auf der anderen Seite des Spektrums betreut mein Bruder derzeit Bigband-Jazzorchester. Da musst du 16 bis 20 Musiker im Griff haben und jede Nuance hörbar machen. Auch nicht gerade einfach.«

Wie ist es, mit dem eigenen Bruder zu arbeiten?

»Ich sehe darin nur Vorteile. Als unsere Eltern noch lebten, war klar, dass der jeweils andere eins übergezogen kriegt, wenn er Mist baut. Darauf konnte man sich verlassen. Und du weißt, dass dein Geschäftspartner eine ähnliche DNA hat wie du. Im Ernstfall gibt es also jemanden, der dich herausholt, während du bei einem Nichtfamilienmitglied damit rechnen musst, dass du rausgeschmissen wirst. Mein Buchhalter wird mich dafür hassen, aber Geld ist nicht der Grund dafür, warum wir morgens aufstehen. Wir wollen Musik entstehen lassen! Und es geht weiter: Meine Tochter ist Tontechnikerin, während ihr Mann in meinem alten Studio bei TSO arbeitet. Man könnte auch sagen, durch unsere Adern strömt Musik.«

www.morrisound.com

www.facebook.com/morrisoundrecording

Ein Großteil der Diskografien der bekanntesten Florida-Metaller (Cannibal Corpse, Death, Morbid Angel, Iced Earth, Savatage) entstand im Morrisound. Hier eine Auswahl:

CANNIBAL CORPSE – Butchered At Birth (1991)

CANNIBAL CORPSE – Tomb Of The Mutilated (1992)

DEATH – Leprosy (1988)

DEATH – Spiritual Healing (1990)

DEATH – Human (1991)

DEICIDE – Legion (1992)

DEMONS & WIZARDS – Demons And Wizards (2000)

EXHORDER – Slaughter In The Vatican (1990)

ICED EARTH – Iced Earth (1990)

ICED EARTH – The Dark Saga (1996) 

KREATOR – Renewal (1992)

MORBID ANGEL – Altars Of Madness (1989)

MORBID ANGEL – Covenant (1993)

NAPALM DEATH – Harmony Corruption (1990)

NASTY SAVAGE – Indulgence (1987)

OBITUARY – Slowly We Rot (1989)

OBITUARY – Cause Of Death (1990)

OBITUARY – The End Complete (1992)

SAVATAGE – Sirens (1983)

SAVATAGE – The Dungeons Are Calling (1984)

SAVATAGE – Edge Of Thorns (1993)

SAVATAGE – Handful Of Rain (1994)

SEVEN MARY THREE – American Standard (1995)

SEPULTURA – Arise (1991)

SIX FEET UNDER – Warpath (1997)

WARRANT – Dog Eat Dog (1992)

TRANS-SIBERIAN ORCHESTRA – Christmas Eve And Other Stories (1996)

TRANS-SIBERIAN ORCHESTRA – Night Castle (2009)

Autor:
Holger Stratmann

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