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ToneTalk 21.10.2020, 08:15

BLUES PILLS - »Das Gitarrenspiel ist das Sahnehäubchen auf der Torte«

Zack Anderson ist neben Sängerin Elin Larsson zwar seit jeher einer der beiden Hauptsongwriter bei BLUES PILLS, hielt sich auf der Bühne mit seinem Bass aber gern im Hintergrund auf. Nach dem Ausstieg des Gitarren-Wunderkinds Dorian Sorriaux wagte Zack den Wechsel an das sechssaitige Instrument, das ihn jedoch schon seine gesamte musikalische Laufbahn begleitet.

Zack, wann hast du angefangen, Musik zu machen, und was hat dich dazu bewogen?

»Ich habe gleichzeitig mit Gitarre, Bass und Schlagzeug angefangen, als ich 14 oder 15 Jahre alt war. Ich machte mich mit jedem dieser Instrumente vertraut, weil ich wissen wollte, wie es sich anfühlt, in einer Band zu spielen. Ich war aber damals noch unsicher, welches Instrument ich wählen soll. Ein wichtiger Faktor war der The-White-Stripes-Song ´Seven Nation Army´, der rauskam, als ich 14 Jahre alt war. Ich sah dieses Musikvideo im Fernsehen und hatte Spaß daran, die Nummer auf der Gitarre zu erlernen. Das war ein inspirierender Moment, der mich dazu angestachelt hat, in einer Band spielen zu wollen.«

Hast du dich in den ersten Jahren eher als Gitarrist oder Bassist gesehen?

»Es gab ein paar Jahre, in denen ich alle Instrumente gespielt habe. Als ich bei Radio Moscow eingestiegen bin, habe ich meinen Fokus auf den Bass gelegt. Ich war zu dem Zeitpunkt erst 16 oder 17 und hatte die Chance, in diese professionelle Band einzusteigen und auf Tour zu gehen. Der Bass blieb dann mein Hauptinstrument, bis wir an dem neuen BLUES PILLS-Album „Holy Moly!“ gearbeitet haben.«

Was gefällt dir am besten am Bass- und was am Gitarrespielen?

»Ich weiß nicht, was von beidem ich lieber mag. Beim Bass fokussiert man sich mehr auf den Rhythmus und den Groove. Da geht es in erster Linie darum, so tight wie möglich zu sein. Die Gitarre agiert hingegen freier, man muss mit ihr nicht den Rhythmus zusammenhalten. Das Gitarrenspiel ist das Sahnehäubchen auf der Torte.«

Was war für dich die größte Herausforderung beim Wechsel vom Bass zur Gitarre bei BLUES PILLS? Musstest du lange die Soli von Dorian üben?

»Die Lieder an sich konnte ich sofort spielen, denn bei BLUES PILLS haben Elin und ich von Anfang an die Musik geschrieben, wobei meine Parts auf der Gitarre entstanden sind. Aber ich hatte noch nie Zeit darauf verwendet, Soli zu spielen. Ich konnte eben gut genug spielen, um Songs zu schreiben. Wir hatten ja Dorian, der auf Zuruf einfach ein Solo an der gewünschten Stelle platzierte. Als feststand, dass ich bei BLUES PILLS an die Gitarre wechsele, habe ich angefangen, täglich zu üben. Es fiel mir aber leichter, mich zu verbessern, anstatt einen neuen Gitarristen zu suchen. Das wäre eine große Herausforderung gewesen.«

Elin hat in unserem Interview in Heft 399 verlauten lassen, dass die Gitarrenstile von Dorian und dir sich sehr unterscheiden. Was sind in deinen Augen die größten Unterschiede?

»Das ist etwas schwer zu beschreiben, aber ich denke, dass ich einen härteren Anschlag habe und die Gitarre etwas aggressiver bearbeite. Dorian gleitet hingegen eher mit leichten Händen übers Griffbrett. Ansonsten unterscheidet sich wohl unser Ansatz: Ich sehe mich hauptsächlich als Songwriter und nutze die Gitarre zum Arrangieren. Deshalb arbeite ich meine Soli auch aus und integriere gern eingängige Melodien. Dorian improvisierte mehr, wofür er ein echtes Talent hatte.«

Hast du jemals Unterricht an einem Instrument genommen oder dir alles selbst beigebracht?

»Ich hatte nur eine Handvoll Unterrichtseinheiten und würde deshalb sagen, dass ich mir zu 99,9 Prozent alles selbst beigebracht habe. Ich habe von anderen Leuten nie so viel gelernt, als wenn ich mich selbst mit dem Instrument beschäftigt habe. Mir hat es mehr geholfen, meine Lieblingssongs nachzuspielen und von meinen Mitmusikern zu lernen. Der Radio-Moscow-Gitarrist Parker (Griggs - rb) ist fünf Jahre älter als ich. Als 16-Jähriger konnte ich viel von ihm lernen, wenn wir zusammen musiziert habe.«

Was sind deine größten Einflüsse als Bassist und Gitarrist?

»Für mein Bassspiel ist das Schaffen von Geezer Butler bei Black Sabbath der größte stilistische Einfluss. An der Gitarre sind es wohl Peter Green (Fleetwood Mac - rb) und Duane Allman (Allman Brothers - rb). Ich habe mir im Prinzip das Gitarrespielen beigebracht, indem ich Songs dieser beiden Künstler nachgespielt habe.«

Wie viele Gitarren besitzt du?

»Nicht viele. Ich glaube, es sind drei oder vier elektrische Gitarren und eine Akustikklampfe. Viele Gitarristen sind besessen davon, Gitarren zu sammeln, und besitzen hunderte. Mein Sammelgebiet ist aber eher Studioequipment.«

Hat eine deiner Gitarren eine besondere Bedeutung für dich, oder ist ein rares Instrument dabei?

»Keine ist besonders rar. Aber eine Gitarre der Marke Kay stammt aus den Fünfzigern und ist schon lange im Besitz meiner Familie. Sie wurde ursprünglich von der Schwester meines Vaters in ihren Kindheitstagen gespielt. Die Gitarre hat viel mitgemacht. Das Instrument war einer der wenigen Gegenstände, die das Feuer im Haus meines Onkels überstanden haben. Den Rauch riecht man aber immer noch. Die Gitarre hat eine besondere Bedeutung für mich, und sie kam auf einigen „Holy Moly!“-Liedern wegen ihres speziellen Klangs zum Einsatz, den man mit keiner neueren Gitarre wiedergeben könnte.«

Wie wichtig ist dir das Design einer Gitarre?

»Ich hatte immer ein Faible für eigenartige Modelle und stand nie so sehr auf die üblichen Fender- und Gibson-Teile. Allerdings haben Gitarren mit einem eigenwilligen Design oft den Nachteil, dass sie sich schlecht spielen lassen. Es hat also seinen Grund, warum Fender und Gibson überall so beliebt sind, es sind großartige Instrumente. Je älter ich werde, desto mehr weiß ich die Fender Stratocaster zu schätzen. Dabei war ich eigentlich mein ganzes Leben lang „Anti-Fender“, weil die Instrumente der Firma von jedem gespielt werden. Letztlich bin ich nun doch bei Fender gelandet (lacht).«

Hast du ein Endorsement für Gitarren oder anderweitiges Equipment?

»Nein, aber das wäre schön (lacht). Ich hoffe, dass sich da bald was ergibt. Es gibt einige Boutique-Companys, deren Schaffen ich mit Interesse verfolge. Eine nennt sich Frank Brothers Guitars. Ich habe mir noch keine Gitarre von ihnen zugelegt. Vielleicht bekomme ich ja einen Artist-Deal oder so was.«

Wie viele Stunden pro Tag oder Woche übst du?

»Das kommt und geht. In einer motivierten Phase kann es vorkommen, dass ich einige Tage hintereinander zwischen fünf und acht Stunden pro Tag übe. Es gibt aber auch andere Zeitabschnitte, wie zum Beispiel nach dem Corona-Ausbruch, der uns total runtergezogen hat, weil unsere Albumveröffentlichung verschoben wurde. Da habe ich die Motivation verloren und ein oder zwei Monate fast gar nicht gespielt.«

Gab es einen Song, der dich beim Üben in den Wahnsinn getrieben hat?

»Das ist mir am Anfang oft passiert. Wenn mir heute schwierige Passagen unterkommen, habe ich sie in der Regel nach einigen Tagen drauf. Aber am Anfang ist es schon eine harte Lernkurve, weshalb viele Leute das Gitarrespielen wieder aufgeben. Mein Ziel war damals, das erste Allman-Brothers-Album komplett spielen zu können. Ich erinnere mich, dass es einige Songs gab, an denen ich lange arbeiten musste. Die Licks von Duane Allman sind nicht ganz einfach (lacht).«

Gibt es einen Song, ein Riff oder ein Solo aus deinem Repertoire, auf das du besonders stolz bist?

»Ich achte beim Komponieren mehr darauf, dass die Melodien gut sind, und nicht, ob etwas schwer zu spielen ist. Auf „Holy Moly!“ gefällt mir das ´Dust´-Solo sehr gut und, und als Gesamtkomposition bin ich auf ´Song From A Mourning Dove´ stolz.«

Mit wem würdest du dich gerne mal übers Gitarrespielen austauschen?

»Da gibt es sicherlich eine lange Liste. Von den noch Lebenden würde ich gern mit Jack White oder Dan Auerbach von The Black Keys sprechen. Diese modernen Gitarristen mag ich sehr.«

Spielst du live lieber mit Kabel oder einem Sender?

»Ich habe noch nie einen Sender ausprobiert, sondern bisher immer mit Kabel gespielt.«

Bevorzugst du bei den Verstärkern Röhren oder Amp-Modeling?

»Mir ist bis jetzt noch kein hochwertiges Amp-Modeling untergekommen. Ich habe nur einige billige Varianten ausprobiert, und anhand derer will ich mir kein Urteil erlauben. Im Moment benutze ich ausschließlich Röhren-Amps. Auf „Holy Moly!“ kommen nur alte Röhrenverstärker aus den Sechzigern zum Einsatz.«

Viele Retro-Bands schwören bei der Studioaufnahme auf analoges Equipment. Wie sieht es bei euch aus?

»Bei uns ist es ein Mix aus analogen und digitalen Komponenten. Einige der besten Mikrofone stammen aus den Fünfzigern. Auf der anderen Seite ist die Qualität der digitalen Aufnahmemöglichkeiten so weit entwickelt, dass ich die Klangfarbe der alten Röhrenverstärker gern digital einfange. Dann hat man auch die ganzen Vorteile der digitalen Aufnahme. Das spart sehr viel Zeit und ist mittlerweile auch erschwinglicher als die Aufnahme mit Bandmaschinen. Es ist eine große Herausforderung, ein Album zu 100 Prozent analog aufzunehmen.«

Welches Album hat in deinen Ohren den besten Sound?

»Das ist eine schwierige Frage. Vintage Music ist zwar meine erste Liebe, aber viele meiner Lieblingsproduktionen finden sich eher auf aktuelleren Alben, wo Vintage-Sounds auf moderne Klänge treffen. Ich stehe sehr auf den Klang der Michael-Kiwanuka-Alben. Zudem klingen „Sound & Color“ von Alabama Shakes und „Brothers“ von The Black Keys fantastisch.«

Was ist eher dein Steckenpferd: die Studioarbeit oder Live-Auftritte?

»Ich bevorzuge die Studioarbeit, weil ich ein totaler Nerd bin, was das Equipment angeht. Das ist wie ein zweites Hobby neben der Musik. Die Arbeit im Studio macht mich einfach glücklich. Zudem ist es ein kreativerer Prozess als das Live-Spielen. Dennoch trete ich gern live auf, aber es ist eine ganz andere Sache, bei der es mehr um den Energieaustausch zwischen Band und Publikum geht.«

Du bist eher ein ruhiger Geselle, der sich auf der Bühne mit seinem Bass gern im Hintergrund gehalten hat. Als Gitarrist schlüpfst du nun in eine neue Rolle, die dich ins Rampenlicht rückt.

»Ja, wir haben noch keine Gigs in der jetzigen Konstellation gespielt, deswegen weiß ich noch nicht, wie sich das im Detail darstellen wird. Ich kann aber sagen, dass meine Nervosität diesbezüglich am Anfang höher war. Mittlerweile habe ich mich mit dem Gedanken angefreundet, weil seit meinem Wechsel an die Gitarre schon einige Jahre ins Land gezogen sind. Ich habe also lange genug auf der Gitarre gespielt, dass es sich natürlich anfühlt, mit einem Sechssaiter auf die Bühne zu gehen. Die Gitarre ist nun mein primäres Instrument, das ich seit zwei oder drei Jahren ausschließlich gespielt habe.«

www.bluespills.eu

www.facebook.com/bluespills

Diskografie

Mit Radio Moscow:

Brain Cycles (2009)

The Great Escape Of Leslie Magnafuzz (2011)

Mit Blues Pills:

Black Smoke (Single, 2012)

Bliss (EP, 2012)

Devil Man (EP, 2013)

Live At Rockpalast (EP, 2014)

Blues Pills (2014)

Blues Pills Live (live, 2015)

Lady In Gold (2016)

Lady In Gold – Live In Paris (live, 2017)

Holy Moly! (2020)

Bands:
BLUES PILLS
Autor:
Ronny Bittner

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