Interview

Interview 10.06.2022, 15:37

BLOODYWOOD - Interview mit dem Tipp des Monats 06/22

Kaum eine andere junge Band dürfte in den vergangenen Monaten mehr Staub aufgewirbelt haben als die indischen Senkrechtstarter von BLOODYWOOD. Mit ihrer wilden Mixtur aus Nu Metal, Rap, indischer Folklore und fetten Grooves trifft die sechsköpfige Combo aus Neu-Delhi einen Nerv im überfrachteten Musikdschungel. Dass die Jungs zunächst mit Coverversion auf YouTube starteten und selbst nach der Veröffentlichung ihres Debüt-Langspielers „Rakshak“ im vergangenen Februar noch immer sämtliche Bandgeschäfte in Eigenregie schultern, ist umso beeindruckender. Rap-Stimme Raoul Kerr plauderte für uns ausführlich aus dem Nähkästchen.


Raoul, ihr habt mit BLOODYWOOD seit der Veröffentlichung eurer ersten eigenen Single 'Ari Ari' im Jahr 2018 bis zum Release von „Rakshak“ einen spektakulären Aufstieg erlebt. Mittlerweile seid ihr weltweit erfolgreich und werdet von einer gewaltigen Fanbase unterstützt. Konntet ihr in irgendeiner Form vorhersehen, wie groß eure Band einmal werden wird?



»In unseren Träumen haben wir es definitiv vorhergesehen! Aber so ist das nun mal, wenn du große Träume hast. Du verfolgst sie, weil du daran glaubst und hoffst, dass sie Realität werden. Abgesehen von der harten Arbeit braucht es dafür aber auch ein wenig Glück und die richtigen Umstände, deshalb wissen wir es sehr zu schätzen, dass wir uns in dieser Position befinden. Der Erfolg und unser Wachstum waren gigantisch, aber das ist Schritt für Schritt passiert, also hatten wir auf jeden Fall Zeit, jeden Abschnitt unserer Reise zu verarbeiten. Auch damit hatten wir Glück, denn manchmal kann zu viel Erfolg auf einmal überfordern und dazu führen, dass man sich daran gewöhnt. Daran sind schon oft Karrieren zerbrochen. Manchmal überkommt es uns immer noch aus heiterem Himmel und wir denken uns: „Heilige Scheiße, wir haben es verdammt nochmal geschafft!“ Wir wollen eine der größten Bands aller Zeiten werden, es gibt also immer noch jede Menge zu tun.«



Ihr habt alle eure kreativen Meilensteine durch Selbstorganisation und Eigenproduktion als unabhängige Band erreicht. Das ist ziemlich beeindruckend und zeigt, was heutzutage durch die Nutzung digitaler Plattformen möglich ist – insbesondere durch YouTube und die sozialen Medien. Basierend auf euren Erfahrungen: Kann das für jede Band der Schlüssel zum Erfolg und zu kreativer Freiheit sein?



»Danke! Und ja, auf jeden Fall. Das Internet und die Technologie haben das Musikmachen sicherlich vereinfacht und zugänglicher gemacht, wir würden die „Do It Yourself“-Herangehensweise jedem aufstrebenden Musiker zu 100 Prozent empfehlen. Dadurch bist du komplett eigenständig und es ist auf finanzieller Ebene deutlich erschwinglicher. Natürlich ist dieser Weg der schwierigere Weg, aber dafür ist auch der Lohn schlussendlich viel größer. Außerdem findest du im Internet sämtliche Informationen, um zu lernen, wie du alles selbst machen kannst. Auch wenn es dort heutzutage Inhalte im Überfluss gibt, weshalb es schwierig ist, herauszustechen. Doch mit einer Kombination aus harter Arbeit und aggressiver Weiterentwicklung ist alles möglich.«



Ich kann mir vorstellen, dass es nicht immer einfach gewesen ist, sich um alles selbst zu kümmern. Wie konntet ihr all die verschiedenen Hindernisse auf eurem Weg überwinden?



»Wie gesagt, aggressive Weiterentwicklung. Es geht darum, zu lernen, was du falsch und was du richtig gemacht hast und dich in diese Richtung weiterzuentwickeln. Wir recherchierten, planten und arbeiteten als Team zusammen, um die Herausforderungen zu meistern, die sich uns bei jedem unserer Schritte in den Weg stellten. Wir sind ein gutes Team, sowohl in musikalischer als auch geschäftlicher Hinsicht und haben das zu unserem Vorteil genutzt. Unser Antrieb ist die Liebe zur Musik, die Botschaft dahinter und was wir als Band erreichen wollen. Deshalb macht es uns sehr viel Spaß, beschäftigt zu sein, wenn es viel Arbeit zu erledigen gibt.«



Du hast in einem Interview gesagt, dass ihr noch immer herauszufinden versucht, wie weit ihr als unabhängige Band ohne Unterstützung eines Labels kommen könnt. Vor kurzem haben Atomic Fire Records eine neue Vinyl-Kollektion eures Albums „Rakshak“ angekündigt. Stoßt ihr ohne umfangreiche Unternehmensstrukturen also langsam an eure Grenzen?

»Wir expandieren und erweitern unser Team. Wir reizen also immer noch alle unsere Möglichkeiten aus, was wir als unabhängige Band erreichen können. Unsere Kollaboration mit Atomic Fire dreht sich nur um ein wunderschönes neues Vinyl-Set für „Rakshak“. Seit wir den Punkt erreicht haben, an dem wir Merch auf Tour verkauften, arbeiteten wir mit Firmen zusammen, um das möglich zu machen, egal ob mit Herstellern oder Künstleragenturen. Allerdings agierten wir an diesem Punkt noch immer unabhängig und werden diese Methode so lange wie möglich beibehalten. Ein Team aus Einzelpersonen und Geschäftsmodellen, das um einen unabhängigen Kern herum aufgebaut wird.«





Die Ursprünge eurer Band liegen in den Straßen Indiens und den Vororten der Hauptstadt Neu-Delhi. Wie seid ihr aufgewachsen und was hält euer heimisches Umfeld - eure Familie und Freunde - von BLOODYWOOD?



»Wir alle wuchsen in Delhi auf und gingen dort zur Schule und auf die Universität. Wichtig ist außerdem, dass wir als Teil einer globalen Gemeinschaft im Internet groß wurden. Es gibt eine Online-Kultur, die uns ebenso sehr beeinflusst hat wie unser Umfeld und das macht sich auch in unserer Musik bemerkbar. Alle unsere Freunde unterstützen uns nach Kräften und haben aktive wie passive Rollen für unseren Erfolg gespielt. Sie sind die besten Menschen, die man sich nur vorstellen kann und freuen sich ehrlich für uns. Unsere Eltern haben uns einerseits unterstützt, andererseits aber auch gezögert. Das war aber zu erwarten, wenn du hörst, dass dein Kind ein professioneller Musiker werden will. Wir können uns glücklich schätzen, dass sie uns überhaupt die Möglichkeit gaben, es zu versuchen. Einige unserer Eltern lieben die Musik, andere versuchen es zumindest. Aber sie sind alle sehr stolz, nachdem unser Erfolg mittlerweile nicht mehr von der Hand zu weisen ist.«



Die indische Metalszene scheint überschaubar, aber stark zu sein. Wie würdest du sie charakterisieren?



»Genau so, wie du es gerade eben getan hast. Klein aber stark und sie wächst langsam, aber stetig. Auch wenn zu den meisten Gigs nur sehr wenige Zuschauer kommen, gibt es doch einige besondere Nächte, in denen sich die gesamte Szene zusammenfindet. Wir hatten das Glück, Teil einer solchen Nacht zu sein, als wir das letzte Mal im Jahr 2019 live spielten. Jeder kennt jeden und es gibt viele gute Bands, weshalb der Soundtrack unserer Dokumentation auch fast ausschließlich aus indischen Metalbands besteht.«



In eurer Single 'Gaddaar' und dem dazugehörigen Videoclip betont ihr nachdrücklich, dass ihr auf politischer Ebene nicht neutral bleiben könnt. Viele Leute sind der Meinung, dass Musik und Politik getrennt voneinander bleiben sollten. Meiner Meinung nach ist das aber eine zu stark vereinfachte Denkweise. Würdest du sagen, dass Musiker und Bands mit einer gewissen Reichweite in der Pflicht stehen, Stellung zu beziehen?



»Wir lieben Bands und Künstler, die Musik in eine soziopolitische Richtung machen, aber wir glauben nicht, dass es die Pflicht eines jeden Musikers ist, diese Art von Musik zu machen. Und doch ist es jedermanns Pflicht, für das einzustehen, was richtig ist und seine Plattformen zu nutzen – egal ob groß oder klein. Schweigen und Neutralität sind ein Luxusgut, ein Privileg und ebenso gut, als würde man all die Dinge unterstützen, die auf der Welt heutzutage falsch laufen.«





Meinungsfreiheit und künstlerische Freiheit ohne Zensur zählen zu den wichtigsten Gütern, die wir in einer Gesellschaft haben. Ich kann mir vorstellen, dass ihr damit in Indien möglicherweise in anderem Maße zu kämpfen habt als in vielen europäischen Ländern. Seht ihr euch als Musiker mit Zensur konfrontiert oder ist dieser Gedanke lediglich Teil einer westlichen Voreingenommenheit?



»Nachdem wir hauptsächlich auf YouTube und auf Streaming-Plattformen als Urheber aktiv sind, haben wir keine Probleme mit Zensur, aber das ist in unserem Land definitiv ein Problem. Wir wissen nicht, wie stark es im Vergleich zum Rest der Welt ins Gewicht fällt, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass wir gegen Zensur sind. Volksverhetzung und schädliche Inhalte in diese Richtung sind noch einmal ein anderes Thema, aber für jemanden, der eine gegensätzliche Sichtweise zum Ausdruck bringt, die niemandem Schaden zufügt, sollte es keine Zensur geben.«



Darüber hinaus schreckt ihr nicht vor schwierigen und unbequemen aber nichtsdestotrotz gesellschaftlich wichtigen Themen zurück, etwa sexueller Missbrauch und der Umgang damit ('Dana Dan'), Depressionen und psychische Erkrankungen ('Jee Veerey') sowie Mobbing ('Endurant'). Wie schwierig kann es sein, die Rolle und Verantwortung eines „Beschützers“ (dt. für „Rakshak“) zu übernehmen, indem ihr diese Themenfelder ansprecht?



»Es fällt uns nicht schwer, diese Rolle anzunehmen, denn irgendetwas muss gesagt und getan werden. Wir sind mehr als glücklich darüber, uns verpflichten zu können. Wir möchten allerdings betonen, dass die Musik zwar die Rolle des Beschützers einnimmt, sie schlussendlich aber nur ein Katalysator ist. Es sind die Hörer, die die wahre Rolle des Beschützers spielen, egal ab als Teil des Kampfes gegen innere Dämonen oder für eine bessere Welt. Die Musik bringt nur zum Ausdruck, was im Inneren schlummert. Sie erschafft eine Plattform für uns alle, um uns bei diesen Kämpfen gegenseitig zu unterstützen. Das ist oft schwierig, weil es viele Herausforderungen gibt, so viele schlechte Nachrichten und Schwarzmalerei, aber unsere Unterstützer haben uns die Hoffnung und den Glauben daran mitgegeben, dass wir zusammen erfolgreich sein werden.«



Eure stilistische Mischung aus Nu Metal, Rap, Groove Metal und indischer Folklore scheint in der modernen Musikwelt einen Nerv zu treffen. Wie würde es euch gefallen, eines Tages als „Soundtrack einer Generation“ bezeichnet zu werden, wie es einst Bands wie Linkin Park oder Papa Roach gelungen ist?



»Wir würden uns geehrt fühlen und alles in unserer Macht Stehende dafür geben, diesen Titel zu nutzen, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen.«




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Bands:
BLOODYWOOD
Autor:
Simon Bauer

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