Interview

Interview 18.11.2020, 10:59

BLACK PESTILENCE - Interview mit dem Tipp des Monats 12/20

Mit „Hail The Flesh“ sind die kanadischen Black-Thrasher BLACK PESTILENCE unser diesmonatiger Tipp des Monats geworden. Die Platte markiert tatsächlich das sechste Studioalbum des Trios, das nach wie vor komplett in Eigenregie arbeitet. Wir sprachen mit Sänger/Bassist Chris Valax.

Chris, Grüße nach Kanada und Glückwunsch zum „Tipp des Monats“-Titel! Ihr stammt aus Calgary, einer einerseits modernen Stadt, die mit ihren vielen Saloons, Western Bars und klassischen Nightclubs aber auch viel traditionelle Kultur zu bieten hat. Wo zwischen all dem spielt sich die Metal-Szene ab und wer oder was hat dich zur Subkultur gebracht?

»Danke, dass ihr uns gewählt habt! Ich habe mein ganzes Leben in Calgary verbracht und die Metal-Szene war schon immer präsent, soweit ich mich erinnern kann. Schon als ich noch ein Teenager war, gab es Läden, in denen Metal-, Punk- und Hardcore-Shows veranstaltet wurden – egal ob in Bars, Jugendzentren oder Gemeindehallen. Deswegen weiß ich nicht, ob ich genau festmachen kann, was mich wann zum Heavy Metal gebracht hat. Ich hatte einfach das Gefühl, dass Heavy Metal alles repräsentiert, was ich mir von Musik und Kultur wünsche.«



Kanadischer Metal an sich ist so besonders, dass es einfach wäre, ein mehrseitiges Special dazu zu bringen – kein Wunder also, dass Darkthrone eurer Szene mit ´Canadian Metal´ ein ganzes Lied gewidmet haben. Fühlst du dich stark mit der kanadischen Metalszene verbunden?

»Auf jeden Fall. Es gibt einige extrem talentierte Bands, die aus Kanada kommen und ich bin stolz, dass sie kanadischen Metal auf ein internationales Level bringen konnten. Gleichzeitig ist es auch cool zu sehen, dass einige der europäischen Bands, die wir bewundern, Beiträge des kanadischen Metal anerkennen.«



Eure Musik, genau wie das neue Album „Hail The Flesh“, kombiniert traditionellen Black Metal mit Punk-, Thrash- und Noise-Elementen. Das scheint ein bewusster Schritt von euch zu sein, wenn man eure Abneigung gegenüber dem Stillstand und den Beschränkungen innerhalb der „traditionellen Black Metal Community“, wie ihr es nennt, berücksichtigt?

»Ja, das ist ein absolut bewusster Schritt. Als ich 2008 mit BLACK PESTILENCE anfing, war mein Ziel zwar immer noch Black Metal zu machen, aber mit neuen Elementen, die nicht unbedingt typisch für den traditionellen Bereich des Genres sind. Obwohl ich traditionellen Black Metal immer noch mag, fing damals alles an gleich zu klingen, sodass das spannende Hörerlebnis allmählich verloren ging. Ich hatte außerdem das Gefühl, dass es schwierig wird, weiter neue Musik zu schreiben, wenn man sich immer wieder nur darauf beschränkt, was die Community als „true“ ansieht. Auch wenn die Musik von BLACK PESTILENCE mittlerweile mehr in Richtung Thrash oder Black 'n' Roll geht, ist die Essenz des Black Metal immer noch sehr präsent.«



Sprecht ihr diese Problematik in ´Spurn All Gods´ an? Dort singt ihr u.a. „the vicious cycle that never ends, form a new gang again and again, same old story with inflated glory.“

»Ja, genau das ist es. Dieser Text bezieht sich auf die ganzen Metal-„Gatekeeper“, die BLACK PESTILENCE immer verachtet haben, weil wir vom traditionellen Metal-Modell abgewichen sind. Doch was ist an Stagnation noch künstlerisch, inwiefern bringt dich das als Künstler weiter? Für mich ist das eine Hinderung am Fortschritt, die mich wiederum einschränkt die Musik zu machen, die ich hören möchte.«



Wenn du das sagst, verfolgst du dann den Anspruch, dass Kunst allgemein und Musik im Speziellen frei sein sollte? Und vor allem: Zählt das auch für Black Metal als Genre? Hat Black Metal keine Grenzen, egal wie kommerziell, hip oder soft er klingt, ganz gleich, ob daraus Widersprüche zum antikulturellen Kern des Genres entstehen?
»Ich würde gerne denken, dass ich im Rahmen meines musikalischen Ansatzes an keinerlei Limitierung gebunden bin, doch leider kämpfe ich mit den Beschränkungen, die ich mir selbst auferlege – im Bezug darauf, was ich unter Black Metal verstehe, aber auch, was mittlerweile von BLACK PESTILENCE erwartet wird. Es gibt also Grenzen im Songwriting, aber ich versuche mit jeder neuen Platte, diese Grenzen ein Stück zu erweitern, ohne dabei die Kernelemente zu verlieren, für die diese Band bekannt geworden ist. Aus diesem Grund finde ich es ziemlich schwierig zu sagen, was Black Metal ist und was nicht. Sind es die Tremolo-Gitarren, der hohe Kreisch-Gesang oder die satanischen Motive und Texte, die die Musik zu Black Metal machen? Diese Elemente findet man in vielen verschiedenen Subgenres im Metal. Auch den Punkt des Kommerz finde ich schwierig: Nur weil eine Band kommerziell erfolgreich oder populär wird, ändert das doch nichts daran, dass es eine Black-Metal-Band ist? Du siehst, ich denke, es gibt keine Grenzen für den Fortschritt. Nur, indem man sich dafür entscheidet zu stagnieren, wird man das Genre irgendwann töten oder in der Vergangenheit hängen bleiben und letztendlich vergessen werden.«



Dein freiheitlicher Ansatz könnte ein Grund dafür sein, warum du nebenbei auch elektronische Musik machst. Was fasziniert dich am meisten an dieser Art von Musik und wie weit kann Musik deiner Meinung nach dazu beitragen den eigenen Horizont zu erweitern?

»Obwohl ich dieses sehr kurzlebige Musikprojekt nicht mehr weiter verfolge, hat es meinen Blick auf Musik und Kunst beeinflusst. Elektronische Musik hat mich immer fasziniert, weil es mir das Gefühl gab, in die Zukunft blicken zu können. Zwar werden primär musikalische Elemente aus der Vergangenheit als Grundgerüst eingesetzt, aber dieses Genre steht Veränderung und Wachstum mutig gegenüber. Es kann einen Künstler immer inspirieren Elemente aus grundverschiedenen Genres zu nehmen und diese zu einer eigenen Kunst zusammenzufügen.«

Ein traditionelles Element, das ihr mit BLACK PESTILENCE aufgreift, ist die satanistische Lyrik. Ihr bezieht euch mit Liedern wie ´Godless´ dabei vor allem auf den Satanismus nach Anton LaVey: LaVey trat nie für den Glauben an Satan als eine tatsächlich existierende Entität ein und sah von einer Verehrung Satans als Gottheit ab – nicht zuletzt, weil er selbst Atheist war. Teilst du seine atheistischen Ansichten und die Aspekte seines Satanismus, die die Existenz übernatürlicher Wesen, den Körper-Seele-Dualismus und das Leben nach dem Tod ausschließen?
»Ja, ich bin Atheist und lehne alles Übernatürliche und das Leben nach dem Tod ab. Als ich noch ein kleines Kind war, besuchte ich einige Jahre lang jeden Sonntag eine lutherische Kirche. Eines Tages versammelte der Pastor alle Kinder in dieser Kirche und verteilte ein Blatt Papier mit verschiedenen Symbolen unterschiedlicher Weltreligionen. Ganz oben auf diesem Blatt war der Titel „Falsche Götterbilder“ zu lesen. Anschließend wies der Pastor uns Kinder an, allen Menschen, die solche Symbole tragen, mitzuteilen, dass sie einen falschen Gott verehren und sich dem richtigen Gott, Jesus Christus, unterwerfen müssen. In diesem Moment, so jung ich war, wusste ich, dass etwas mit dieser Indoktrination nicht stimmte. Als ich älter wurde, begann ich verschiedene Religionen aus der ganzen Welt zu studieren und erkannte, dass alle Glaubensrichtungen von Menschen geschaffen wurden und ihre eigenen spezifischen Agenden hatten. Ähnlich wie es Anton LaVey in der satanischen Bibel sagte, sind alle Religionen nichts anderes als Showbiz. Darum sehe ich LaVeys Satanismus überhaupt nicht als Religion an, da Glaube und Spiritualität nicht erforderlich sind. Satanismus ist eine Philosophie.«

Wenn Satan jedoch nur von symbolischer Bedeutung ist, wieso ist die Figur an sich für diese Philosophie überhaupt notwendig?
»Satan stammt aus dem Alten Testament und bedeutet einfach „Gegner“. Satan als Symbol wird nicht unbedingt benötigt, findet aber Verwendung, um jemanden zu identifizieren, der gegen die jüdisch-christliche Lehre ist. Diese jüdisch-christliche Doktrin fördert die Unterwerfung, einen zunehmenden Mangel an freiem Denken und den Gedanken an ein Leben, das einzig für ein fiktives Leben nach dem Tod bestimmt ist. Der Satanismus steht für Individualität, persönliches Wachstum und ein Leben, das sich auf das fleischliche Hier und Jetzt konzentriert. Warum nun Satan als Sinnbild? Nun, schauen wir uns die vom Menschen geschaffenen Bilder von Gott und Satan an. Wer hat das bessere Image? Ich denke, da kommen wir beide zur gleichen Antwort.«

Nun bettest du viele verschiedene soziale Themen in den Kontext von LaVeys Satanismus ein und schreibst aus dieser Perspektive die Texte für BLACK PESTILENCE. Gibt es ein Beispiel dafür auf „Hail The Flesh“?
»´Cloven Division´ und ´Frauds To The Throne´ sind Lieder, die sich auf die populäre politische Aktivistengruppe „The Satanic Temple“ beziehen. Obwohl ich verstehe, wofür der satanische Tempel kämpft, bin ich mit ihren Methoden und der Darstellung des Satanismus gegenüber den Medien nicht einverstanden. Der satanische Tempel ist ein Witz. Damit möchte ich nicht wie einer der vorhin genannten Gatekeeper klingen, allerdings liegt es einfach im Wesen von LaVeys Satanismus, eben diesen einfach für sich zu behalten. Es ist eine Philosophie des Individuums, die nur vom Individuum ausgeübt wird. Man kann sich gerne für politische Veränderungen einsetzen, aber ohne Satan als Aushängeschild dafür zu verwenden. Wo liegt überhaupt der Sinn davon, wenn eine große Mehrheit der Menschen, die der satanische Tempel zu überzeugen versucht, das Konzept des Atheismus kaum verstehen kann, geschweige denn den nicht-theistischen Satanismus? Ich möchte dieses Gespräch nicht mit solchen Leuten führen. Darüber hinaus organisiert der satanische Tempel einige Praktiken, mit denen ich überhaupt nicht einverstanden bin – zum Beispiel das Veranstalten von Märschen oder das Erstellen von Chaptern in einzelnen Städten. Das größte soziale Problem, das der satanische Tempel schafft, ist allerdings ihr Kampf für die Trennung von Religion und Politik. Zwar finde ich auch, dass Religion von der Politik separiert werden sollte, aber wenn der satanische Tempel, der mittlerweile als steuerbefreite legitime Religion anerkannt wird, sich einen Weg in die Politik erarbeitet, um einen allumfassenden religiösen Einfluss zu schaffen, dann ist das ziemlich paradox. Ich verstehe ihr Ziel, aber sie trennen die Religion nicht von der Politik, indem sie mehr Religion hineinstecken. Dieser Vorgang wird nur zu mehr christlicher Unterstützung führen und eine größere Spaltung der Gesellschaft schaffen.«

Darüber hinaus gibt es auch eine postapokalyptische Facette, die während eurer Live-Konzerte stark sichtbar ist. Ich weiß nicht, ob es nur ironisch, lustig oder ein bisschen beängstigend ist, dass die Masken, die ihr seit Jahren auf der Bühne tragt, Teil unseres Alltags geworden sind. Dient das Ganze mehr der Atmosphäre oder ist es Teil einer (persönlichen) postapokalyptischen Version?

»Ich hatte nie vor, ein postapokalyptische Vision darzustellen, viel mehr wollte ich das Thema des Urbanen in die Band bringen. Es waren eher die Zuschauer, die unser Auftreten so betitelten. Ich fand einfach, dass die urbanen Soundscapes und -visuals gut zur Musik passen, also begann ich, das im Laufe der Band immer mehr zu zeigen. Und die Masken, die wir tragen, wurden vom Stadtleben und der sozialen Revolution inspiriert. Es ist ironisch, dass die Masken, die wir seit Jahren tragen, heute in der Gesellschaft alltäglich sind. Unser urbanes oder postapokalyptisches Image ist nur ein Teil von uns als Individuen, aber meistens tun wir es für die Atmosphäre und um das Live-Musikerlebnis zu verstärken. Genau wie die Religion und vielleicht sogar die satanische Philosophie, sind auch BLACK PESTILENCE am Ende des Tages ein wenig Showbiz.«

Und was hat es eigentlich mit dem Cover-Artwork auf sich? Im Vergleich zu den Inhalten erscheint es sehr direkt, oder, um es mit den Worten meines Kollegen Jan Jaedike zu sagen: „Skelett-Typ mit Iro lässt sich von dicktittigen Zombiebräuten anhimmeln (anhöllen passt eigentlich besser…). So was fand man schon mit 14 goil.“ War die Idee wirklich so einfach?
»Haha, ich mag die Beschreibung deines Kollegen! Ja, die Idee war wirklich so einfach. „Hail The Flesh“ zeigt extreme Musik mit Texten, die partiell auch die Freuden des Lebens betonen. Das Albumcover stellt genau das dar. Was du siehst, ist was du kriegst!«

www.blackpestilence.bandcamp.com

www.facebook.com/blackpestilenceband

Bands:
BLACK PESTILENCE
Autor:
Mandy Malon

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