Classic Albums

Classic Albums 23.07.2014

RUNNING WILD - Black Hand Inn (1994)

Nachdem RUNNING WILD-Oberpirat Rock´n´Rolf 1993 mal wieder zwei Mitmusiker über die Planke geschickt hatte, drohte beinahe eine Meuterei unter den Fans. Der Kapitän hielt jedoch unbeirrt an seinem Kurs fest, heuerte mit Thilo Herrmann und Jörg Michael kurzerhand zwei neue Freibeuter an und knallte den Kritikern 1994 mit „Black Hand Inn“ einen wahren Klassiker vor den Bug. Zum 20-jährigen Jubiläum der Scheibe entstaubte Rolf die auf dem Cover abgebildete Kristallkugel für einen Blick in die Vergangenheit.

Rolf, zwischen eurem Debüt „Gates To Purgatory“ und „Black Hand Inn“ liegen zehn Jahre. Obwohl böse Zungen immer behauptet haben, dass RUNNING WILD stets gleich klingen würden, kann man doch eine deutliche Entwicklung zwischen den beiden Platten heraushören.

»Vor allem kann man die beiden Scheiben überhaupt nicht miteinander vergleichen (lacht). Diesen Vorwurf habe ich wirklich noch nie verstanden. Es gibt natürlich einen gewissen Stil, für den RUNNING WILD stehen; das kommt durch mein Songwriting und die Art, wie ich singe. „Black Hand Inn“ war ein sehr wichtiger Longplayer, das Album, an dem ich am längsten gearbeitet habe. Es ist mit annähernd 70 Minuten allerdings auch eine sehr lange Scheibe. Wir waren auch sehr lange im Studio, ungefähr drei Monate. Dadurch war es die teuerste RUNNING WILD-Platte aller Zeiten - aber auch die, die sich am schlechtesten verkauft hat (lacht).«

Das „Pile Of Skulls“-Line-up ist damals zerbrochen, und du warst für „Black Hand Inn“ erstmals ganz alleine für das Songwriting verantwortlich. Standest du deshalb unter einem gewissen Druck?

»Eigentlich nicht. Ich habe mir bewusst Zeit genommen, weil ich wusste, dass es ein wichtiges Album wird und ich ja auch das Konzept ausarbeiten wollte. Mein Labelboss Karl-Ulrich Walterbach meinte nur: „Mach mal!“ Für ihn war das kein Thema. Es war dann ziemlich schnell klar, dass die Songs eine lose Beziehung zueinander haben sollen. Es ist ja kein Konzeptalbum im eigentlichen Sinne, aber es gibt mit ´Black Hand Inn´, ´The Phantom Of Black Hand Hill´ und ´The Privateer´ drei Songs, die direkten Bezug zum Artwork haben. Die anderen Songs stellen die Geschichten dar, die der auf dem Cover abgebildete alte Seebär in der Kneipe erzählt. Klar, ein Track wie ´Freewind Rider´ passt da nicht unbedingt rein, aber ich wollte mich thematisch nicht völlig beschränken. Ich hatte keine Lust, Songs zu verwerfen, nur weil sie nicht zum Thema passen.«

Du hast mal verlauten lassen, dass das Songwriting anfangs schleppend anlief. Gab es beim Kompositionsprozess einen speziellen Punkt, der den kreativen Prozess in Gang gebracht hat?

»Ja, ich glaube, das war ´The Phantom Of Black Hand Hill´, aber ich bin mir nicht mehr ganz sicher, dafür ist das zu lange her. Aber von da an sprudelten die Ideen aus mir heraus. Dazu gehörte auch die Idee zu dem Konzept und dem Cover. Die drei Personen auf dem Artwork basieren ja alle auf meinen Gesichtszügen, was Andreas Marshall sehr gut umgesetzt hat. Ich erinnere mich noch, dass ich mit meiner Freundin sehr viel über das Konzept geredet und rumgesponnen habe. Es gab auch viele Elemente, die wir für die Songs letztlich gar nicht verwendet haben, die aber dennoch zur Story gehören.«

Auf „Black Hand Inn“ schlug auch endlich die Stunde von Jörg Michael, der zuvor schon mehrfach live bei euch ausgeholfen hatte.

»Ja, das war super. Wir haben uns zwei Wochen im Proberaum eingeschlossen, die Songs zusammen geprobt, und Jörg hat seine Drum-Arrangements entwickelt - so, wie ich es früher mit Hasche (Wolfgang „Hasche“ Hagemann, RW-Drummer von 1979 bis 1987 - rb) gemacht hatte. Anschließend sind wir ins Studio gegangen. RUNNING WILD haben übrigens noch nie als Band einen Song eingespielt. Es lief immer so, dass ich bei den Aufnahmen des Drummers eine Pilot-Gitarre gespielt habe und wir anschließend im Overdub-Verfahren die restlichen Instrumente und den Gesang hinzugefügt haben. „Black Hand Inn“ war eine schwierige Produktion, denn es war die erste Pro-Tools-Produktion in Deutschland, deshalb hat es auch so lange gedauert, weil ich mit Mixer Charlie Bauerfeind und Engineer Sascha Paeth sehr viele technische Spielereien ausprobiert habe. Das ging dann echt so weit, dass einer meinte: „Hör mal hier! Wenn die Gitarre losgeht, rauscht doch der Amp, das könnten wir noch rausfiltern!“«

Charlie hat mir mal offenbart, dass ihr bei der Produktion auch eine halbe Ewigkeit mit unterschiedlich langen Gitarrenkabeln herumprobiert habt, um den bestmöglichen Sound zu finden.

»Ja, wir sind in vielen Bereichen ins Detail gegangen, auch was Mikrofonierung angeht. Wir haben die Gitarren und Drums auch im Nachhinein noch bearbeitet. Ich weiß gar nicht mehr, wie viele Trigger auf der Snare- und Bassdrum sind. Ich glaube, wir haben den Sound aus vier oder fünf Signalen zusammengesetzt und im Pro Tools bearbeitet. Wir haben wirklich alle Möglichkeiten ausgelotet, deshalb hat die Produktion so viel Zeit in Anspruch genommen. Letztlich hat es zu einem guten Ergebnis geführt, aber es hat sich leider nicht so gut verkauft, wie wir es uns erhofft hatten.«

„Black Hand Inn“ ist eines der härtesten RUNNING WILD-Alben. Kam das durch die Schlagzeugarbeit von Jörg Michael zustande oder war das Material von vornherein so angelegt?

»Beides, aber Jörg Michael war einfach der straightere Drummer. Ian Finlay (auf „Death Or Glory“ zu hören - rb) war im Vergleich dazu viel swingiger, lockerer, sehr britisch. Jörg ist hingegen der typische Metal-Drummer, der einfach Vollgas gibt. Das hat natürlich auch die Songs nach vorne gepeitscht.«

Im Vorfeld habt ihr die „The Privateer“-Single veröffentlicht. Im Gegensatz zu euren vorherigen Singles habt ihr den Song allerdings so gut wie nie live gespielt. Warum?

»Den haben wir tatsächlich nie im Set gehabt.«

Doch, bei YouTube findet sich ein Mitschnitt aus Osnabrück.

»Okay, ich kann mich nicht daran erinnern, den gespielt zu haben, aber dann haben wir das wohl mal ausprobiert. Es gibt einfach Songs, die kommen auf Platte total geil, sind live aber eine Katastrophe. ´Black Hand Inn´ ist da auch ein gutes Beispiel. Warum das so ist? Keine Ahnung. Einige Songs funktionieren live, andere nicht. Man merkt es als Musiker beim Spielen, alle gucken sich an und denken: „Nee.“«

Dafür habt ihr ´Black Hand Inn´ aber lange im Set gehabt.

»Ja, den haben wir vor allem als Opener gespielt, was natürlich für Jörg Michael eine echte Herausforderung war. Er hatte auf der Tour sein Trainingsfahrrad dabei und musste sich vor dem Gig immer eine Dreiviertelstunde warm fahren, bis er den Song spielen konnte. Das Ding geht ja wirklich von null auf 180.«

Im Vergleich zu euren vorherigen Alben fällt auf, dass ihr bei „Black Hand Inn“ die bombastischen Background-Chöre zurückgefahren habt.

»Das war auch eine logistische Sache. Im Studio M, wo wir vorher aufgenommen haben, waren immer viele Musiker anwesend. Nebenan haben Kelley Wild geprobt, die ich auch mal produziert hatte und die dann mal eben rübergekommen sind und mit reingegrölt haben. Das gab es beim Horus-Sound alles nicht. Sascha hat dann den Sänger seiner Band geholt. Verdammt, wie hieß die denn noch mal?«

Heavens Gate.

»Ja, genau. Thomas Rettke hat dann noch mitgesungen, was eine geile Sache war. Und ich war auch der Meinung, dass das für unsere Zwecke diesmal reicht. Wir haben eh schon an so vielen Details gebastelt, dass ich nicht auch noch bei den Chören in die Queen-Richtung gehen wollte (lacht). In einem Song wie 'Genesis' passiert auch gitarrenmäßig schon reichlich.«

'Genesis' ist der längste Song deiner Karriere. Wie lange hast du an diesem 15-minütigen Epos geschraubt?

»Ziemlich lange. Das Grundriff hatte ich relativ früh, habe im Detail aber wirklich über einen langen Zeitraum an dem Song gearbeitet, weil ich durch die Genesis ja auch eine textliche Vorgabe hatte. Damit meine ich die Originalstory - nicht die aus der Bibel, sondern die, die von den sumerischen Steintafeln stammt. Die gesamte Entstehungsgeschichte des Menschen in einem Song zu erzählen und musikalisch umzusetzen, war natürlich eine Herausforderung. Es war auch aufwendig, den Song einzuspielen, allein schon, sich alle Teile zu merken. Da war viel Gebastel angesagt.«

Allerdings wart ihr größenwahnsinnig genug, diesen Song auf der Tour live zu spielen.

(Er lacht laut:) »Das haben wir tatsächlich gebracht, obwohl das keiner verstanden hat. Wir haben einfach gesagt: „Lasst es uns doch probieren!“ Für Jörg war das dann noch mal ein ganz eigenes Ding. Er hat den Song ja ursprünglich eingetrommelt, ist aber - während wir noch weiter im Studio gearbeitet haben - schon mit Stratovarius auf Tour gegangen. Zu der Zeit habe ich die Nummer aber noch mal umgeschrieben bzw. um einen Mittelteil ergänzt. Da musste Sascha Paeth sich ans Pro Tools setzen und die Drums für diesen Teil programmieren. An dieser Stelle haben wir also tatsächlich mal programmiert, weil wir gar keine andere Chance hatten. Jörg hatte auf der Tour dann aber das Problem, dass er den Song ja noch in der ursprünglichen Fassung im Kopf hatte (lacht).«

Wenn man aus heutiger Sicht zurückblickt, muss man auch sagen, dass ihr bei der Bühnenshow reichlich Pyros und Effekte aufgefahren habt.

»Die Venues fassten auf der Tour 800 bis 900 Leute. Aber bei dem, was wir aufgefahren haben, hat sich das nicht für uns gelohnt. Die Plattenfirma hat einen Toursupport bezahlt, und das Merchandise wurde da auch mit reingerechnet. Die einzige Tour, die für uns richtig was abgeworfen hat, war die „Death Or Glory“-Rundreise. Wir haben da zwar auch einen ordentlichen Aufwand betrieben, aber keiner hatte damit gerechnet, dass sie so erfolgreich wird.«

Du wirst nicht müde zu erwähnen, dass „Black Hand Inn“ die am wenigsten erfolgreiche Platte deiner Karriere war.

»Ja, weil mich das selbst so wundert. Auch damals schon. Gerade weil ich so viel Herzblut in die Platte gesteckt hatte und das für mich als Musiker so ein wichtiges Album war, ist es doppelt enttäuschend, wenn das hinterher nicht funktioniert. Vor allem, wenn dir alle erzählen, dass sie die Scheibe so geil finden. Das ist dann schon eine Art Trauma, wenn man bedenkt, wie teuer die Platte war. Aber das gehört zu unserer Historie dazu, und ich bin immer noch stolz auf das Album.«

Dass traditioneller Metal in der Hochphase des Grunge nicht mehr so angesagt war, hat sicherlich eine Rolle gespielt.

»Ja, das fing um 1992 herum an, dass Grunge eine wichtige Rolle einnahm. Wir haben das im Live-Bereich aber zum Beispiel relativ wenig gemerkt. Die „Black Hand Inn“-Tour war wirklich sehr gut besucht.«

„Black Hand Inn“ war die letzte Platte für EMI Electrola. Wie kam es dazu, dass dir das Label so viel Geld für die Produktion bewilligt hat?

»Karl-Ulrich Walterbach hatte ja diesen Joint-Venture-Deal mit der EMI eingefädelt und die EMI dabei ganz schön über den Tisch gezogen. Wir haben richtig viel Geld von der EMI für die Platte bekommen, und von daher war das Walterbach egal. Als er die ersten Songs gehört hat, war er begeistert und hat uns bestätigt, in der Richtung fortzufahren. Wir lagen am Ende sogar über dem Budget. Ich glaube, die Scheibe hat 160.000 oder 170.000 Mark gekostet. Das Overbudget wollte Walterbach dann mir berechnen, weil ich seine Band - ich glaube, das waren Skyclad - nicht mit auf Tour nehmen wollte. Das war auch der Grund für den Streit und warum wir den Vertrag mit ihm gecancelt haben, die „Masquerade“ aber noch über Modern Music veröffentlicht haben, weil das das letzte Album des Deals war. Das war das erste und letzte Mal, dass ich mit Walterbach gestritten habe, obwohl ich immer von vielen Musikern gehört habe, dass sie ständig Ärger mit ihm hatten. Für die Promotion von „Black Hand Inn“ haben sich EMI dann auch nicht mehr groß ins Zeug gelegt, weil es von vornherein klar war, dass sie die Band nicht erneut signen werden.«

www.runningwild.net
www.facebook.com/runningwildmusic
    

Das Line-up auf „Black Hand Inn“

Rock´n´Rolf (g./v.)
Thilo Hermann (g)
Thomas Smuszynski (b.)
Jörg Michael (dr.)

Fakten, Fakten, Fakten

Spielzeit: 65:48
Produzent: Rock´n´Rolf
Studio: Vox-Studio (Drums) und Horus-Sound-Studio
Cover: Andreas Marshall
    
Die Songs

The Curse
Black Hand Inn
Mr. Deadhead
Soulless
The Privateer
Fight The Fire Of Hate
The Phantom Of Black Hand Hill
Freewind Rider
Powder & Iron
Dragonmen
Genesis (The Making And The Fall Of Man)


DISKOGRAFIE (nur Studioalben)

Gates To Purgatory (1984)
Branded And Exiled (1985)
Under Jolly Roger (1987)
Port Royal (1988)
Death Or Glory (1989)
Blazon Stone (1991)
Pile Of Skulls (1992)
Black Hand Inn (1994)
Masquerade (1995)
The Rivalry (1998)
Victory (2000)
The Brotherhood (2002)
Rogues En Vogue (2005)
Shadowmaker (2012)
Resilient (2013)

Bands:
RUNNING WILD
Autor:
Ronny Bittner

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