ToneTalk


Foto: Aaron Solowoniuk

ToneTalk 27.04.2022, 08:01

BILLY TALENT - Schräger Vogel ohne Glitzer

Hauptsongwriter und Gitarrist der kanadischen Alternative-Rock-Überflieger BILLY TALENT zu sein, genügt Ian Michael D´Sa nicht: Der Mittvierziger animiert außerdem Videoclips, produziert sowohl seine eigene Musik als auch jene anderer Bands und engagiert sich für wohltätige Zwecke – ein Rundum-Künstler, der etwas gegen bestimmte Ecken und Kanten hat…

Ian, wie bist du zum Musikfan geworden, und was hat dich schließlich selbst zu einem Instrument greifen lassen?

»Ich begann schon früh als Kind mit dem Klavierspielen. Mein Bruder zeigte mir Iron Maiden und die ganzen anderen großen Heavy-Bands aus Großbritannien. Als ich den Konzertfilm „The Song Remains The Same“ von Led Zeppelin sah, verliebte ich mich in den Sound von Jimmy Page und wollte ebenfalls Gitarrist werden. Zu meinem 13. Geburtstag wünschte ich mir eine Gitarre, und mein Vater kaufte mir eine. Von da an gab es kein Zurück mehr zum Piano.«

Du hast Jimmy Page tatsächlich auch mal persönlich getroffen, oder?

»Ja, das war in Toronto, er tingelte gerade durch die Welt, um die remasterte Version von Led Zeppelins Album „Coda“ (Erstveröffentlichung 1982 – as) zu promoten, und ich hatte das Riesenglück, vor Ort zu sein, als er die Platte in einer alten Kirche vorspielte, wozu nur ausgesuchte Medienvertreter eingeladen waren. Ich kam über unser Label Warner rein und durfte ihn nach der Vorstellung kurz treffen. Es war eine unwirkliche Erfahrung.«

Einen starken Led-Zep-Einschlag kann man BILLY TALENT aber nicht bescheinigen. Welche Gitarristen haben dich außerdem beeinflusst?

»Da muss ich an erster Stelle Andy Summers von The Police nennen. Er machte mir bewusst, dass man als Punk- oder Hardrock-Musiker unbescholten davonkommen kann, wenn man typische Jazzakkorde verwendet. Außerdem hatte er einen aggressiven und rhythmischen Stil, der sich trotzdem mit den poppigen Songs der Band vertrug. Darüber hinaus waren Kim Thayil von Soundgarden und Tom Morello bei Rage Against The Machine immer sehr wichtig für mich, weil ich durch sie in den Neunzigern zu anderen Tunings kam.«

Du bist irgendwann dazu übergegangen, eure eigenen Sachen und auch die Musik anderer Bands zu produzieren. Gab es dafür einen bestimmten Auslöser?

»Ich tüftelte zu der Zeit, als BILLY TALENT noch Pezz hießen, im Keller meines Elternhauses an Rekordern herum, und zeichnete unsere Proben mit ein paar ganz schlechten Mikrofonen auf Kassetten auf. Interesse hatte ich also schon früh, obwohl ich eine andere schulische Laufbahn einschlug und bildende Kunst beziehungsweise Animation studierte. Dann erhielten wir einen Plattenvertrag und fingen an, regelmäßig in Studios zu arbeiten, wo ich den jeweiligen Produzenten bei dem, was sie taten, genau auf die Finger schaute. Vor allem Gavin Brown, der uns während der Aufnahmen unseres ersten Albums betreute, wurde zu einem Vorbild für mich, und schon die zweite Platte produzierte ich mit ihm zusammen. Ich hatte auch das Vergnügen, den einen oder anderen Kniff von Brendan O´Brien (AC/DC, Pearl Jam und andere – as) zu lernen. Was ich an dieser Tätigkeit liebe, sind die Abläufe an sich, das ganze Prozedere vom Einspielen übers Aufeinanderschichten von Sounds bis zur klanglichen Feinabstimmung. Das weiter zu vertiefen, fand ich nur logisch, nachdem ich bei unseren ersten Studioaufenthalten Blut geleckt hatte.«

Kannst du auch noch traditionell mit Tonbandmaschinen arbeiten, oder ist nur Harddisk-Recording dein Ding?

»Ich bin mit beidem vertraut. Es gab da eine Übergangsphase von Pezz, wo ich anfangs mit zwei ADAT-Rekordern arbeitete (Alesis Digital Audio Tape, 1992 eingeführtes Aufnahmesystem – as), um 16 Spuren zur Verfügung zu haben, hin zu digitalen Geräten. Analoges Tonband benutze ich aber heute noch gerne, um Schlagzeugspuren aufzunehmen, ansonsten läuft bei mir jetzt alles über die Software Pro Tools. Noch aus einer Generation zu stammen, die mit der klassischen Arbeitsweise in Berührung kam, halte ich für einen Vorteil; man lernt das moderne Equipment schätzen, weil der alte Kram von der Funktionalität mechanischer Teile abhing und die Produktion damit generell viel kostspieliger war.«

Demnach bist du kein Dogmatiker. Gilt das auch in Hinblick auf Gitarrenverstärker und die ewige Glaubensfrage: Röhre oder Transistor?

»Ich bin nach wie vor ein Röhrentyp. Obwohl ich auch verschiedene Amp-Simulationen ausprobiert habe, komme ich immer wieder auf Röhren zurück, weil sie einfach einen besonderen Sound erzeugen und empfindlich darauf reagieren, was du mit deinen Fingern auf dem Instrument tust. So etwas kann man nicht simulieren. Dementsprechend spiele ich auch vorwiegend ältere Gitarrenmodelle, die zumindest in meinen Ohren einen speziellen Charakter haben.«

Da du dich im Rahmen deines Studiums eher auf Visuelles konzentriert hast: Ist etwas davon in deine Gewohnheiten beim Musikmachen eingeflossen?

»Auf jeden Fall. Ich habe auf der Hochschule gelernt, mich zu organisieren und Ordnung zu wahren. Eine Zeitlang kümmerte ich mich um die Animation einer zweiminütigen Sequenz in einer Fernsehserie für Kids, die penibel genau geplant werden musste, um den Überblick über die einzelnen Bild- und Tondateien zu behalten. Heute strukturiere ich Songs an einer Wandtafel, wo alle Ideen für Strophen, Refrains und so weiter als Bausteine dargestellt sind.«

Interessant, diesen strukturellen Ansatz kennt man eher von Drummern. Andererseits experimentierst du aber auch gerne mit Effekten, richtig?

»Ja, gerade auf unserem aktuellen Album gibt es eine Menge unterschiedlicher Sounds. Ich habe mir eine stattliche Sammlung aus verschiedenen Verzerrer-Pedalen aufgebaut und die meisten davon auch eingesetzt, darunter ein Woolly Mammoth und Fuzz Factory von Z.Vex sowie ein Ram´s Head Big Muff aus den frühen Siebzigern. Von Rick St. Pierre, der das kanadische Unternehmen Wizard Amplification leitet, verwende ich zudem die Modelle Leopard Clean und Crunch, das sind jeweils ein Booster und ein Kompressor.«

Deine beiden Lieblingsgitarren heißen „Crispy Chicken“ und „Rooster“ – warum?

»Keine Ahnung, ich hab´s wohl mit Vögeln (lacht). Mein Gitarrentechniker meinte einmal backstage, meine 1952er Fender Telecaster Reissue würde nach knusprigem Hähnchen klingen, also bekam sie diesen Spitznamen verpasst.«

Fallen dir gewisse Formen und Farben ein, die du dir niemals umhängen würdest?

»Ich stehe nicht gerade auf Gitarren aus der Hair-Metal-Ära. Glitzerlack geht bei mir echt gar nicht, denn ich bevorzuge einheitliche, deckende Lackierungen, dafür aber in nahezu allen Farben. Seafoam Green mag ich am liebsten, darüber hinaus alle Lacke der Fender-Klampfen aus den Sechzigern. Was Formen angeht, bin ich konservativ und lasse nichts über den altbewährten Strat- oder Tele-Korpus kommen.«

Dann gehörst du wahrscheinlich auch zu der kleinen Minderheit zeitgenössischer Rockgitarristen, die nichts mit Kiss anfangen können.

»Korrekt, aber ich habe zufälligerweise wirklich Gitarren getestet, wie Kiss sie verwenden. Irgendwie sehen diese Dinger schon cool aus, aber die meisten und auch solche wie die Warlock von B.C. Rich machten mir fast Angst, wenn ich sie als Teenager Ende der Achtziger in Musikgeschäften anspielen wollte. Ich befürchtete, ich würde mir an den spitzen Ecken wehtun (lacht).«

Also gut, dann die Gretchenfrage: Beatles oder Rolling Stones?

»Schwierig, aber ich würde mich wenigstens als Produzent für die Beatles entscheiden, weil ihre Aufnahmen Maßstäbe setzten, die bis heute gelten. Was den Performance- und Tour-Aspekt angeht, sind die Stones hingegen unschlagbar.«

Hattest du je Ambitionen, ein Soloalbum zu komponieren?

»Eigentlich nicht, denn ich bin mit BILLY TALENT komplett ausgelastet und fühle mich dabei in kreativer Hinsicht erfüllt, weil ich mehr oder weniger die gesamte Musik im Alleingang schreibe. Würde ich ein Soloalbum machen, käme etwas dabei heraus, das sich ziemlich genauso anhören würde wie die Band.«

Denkst du beim Songwriting eher in Melodien oder Riffs?

»Meine Ideen beruhen größtenteils auf Melodien, wobei ich zunächst einmal nicht zwischen Gitarre und Gesang unterscheide. Dass ein Riff eine Gesangsmelodie inspiriert oder umgekehrt, kommt vor, aber Riffs allein reichen für gewöhnlich nicht aus, um ein ganzes Lied zu schreiben.«

Welche Anforderungen muss eine Band erfüllen, damit du ihre Musik produzierst?

»Ganz einfach, ich suche starke Songs. Zum Beispiel kam mein Kontakt zu der australischen Gruppe The Lazys dadurch zustande, dass sie mich mit ihren Liedern live umhauten. Ihre Bühnenenergie im Studio einzufangen, reizte mich, also war das ein Grund dafür, mit ihnen zu arbeiten.«

Gibt es eine Traumband, mit der du dich gerne im Studio einschließen würdest?

»Zu viele, um sie alle aufzuzählen. Rise Against und Anti-Flag wären realistisch, weil wir uns persönlich kennen. Grundsätzlich ist das auch der Stil, der mir am ehesten liegt.«

Du bist berüchtigt für deine Überraschungsauftritte als Sänger bei Bands, mit denen ihr tourt. Wann hast du dir diese Marotte angewöhnt?

»Ich schaue mir die Shows fast immer vom Bühnenrand aus an und werde entweder zum Mitmachen eingeladen oder tue es spontan von mir selbst aus.«

Du hast dich schon für Initiativen wie Song For Africa starkgemacht. Legst du Wert darauf, deine Bekanntheit als etablierter Musiker philanthropisch zu nutzen?

»Klar. Song For Africa ging 2007 über die Bühne und heißt mittlerweile Make Music Matter. Darcy Ataman, der Leiter der Organisation, bot mir an, nach Kenia zu fliegen und an einer Dokumentation über in Armut lebende HIV-Infizierte mitzuarbeiten. Darcy und sein Team haben ein Therapieprogramm namens „Healing In Harmony“ entwickelt, in dessen Rahmen weltweit Kriegsopfer und anderweitig traumatisierte Menschen behandelt werden. Sie nehmen sich selbst in Mobilstudios auf, während sie beispielsweise darüber singen, was mit ihnen passiert ist. Ich unterstütze das, denn ich glaube an die heilende Kraft von Musik. Mir persönlich hat sie auf eine Art und Weise, die ich kaum beschreiben kann, durch schwere Zeiten geholfen, und wenn ich dazu beitragen kann, dass andere etwas Ähnliches erleben, tue ich das gerne.«

Ist es zu weit hergeholt, diese Empathie darauf zurückzuführen, dass du in deiner Kindheit als gebürtiger Engländer mit goanischen Wurzeln ein Sonderling warst, als deine Familie nach Kanada zog?

»Kann sein. Ich habe mich als kleiner Junge definitiv wie ein Außenseiter gefühlt. Man sah mich als Inder an, und dass ich Rockmusik spielen wollte, machte es nicht besser, denn das wurde bei jemandem mit dunklerer Hautfarbe nicht gern gesehen. Ich musste mir noch in den Neunzigern rassistische Beleidigungen gefallen lassen, und so wie es derzeit aussieht, schafft es die Menschheit nicht, solche Feindseligkeiten endgültig zu überwinden.«

www.billytalent.de

www.facebook.com/billytalent


DISKOGRAFIE (nur Studioalben)

Watoosh! (als Pezz, 1999)

Billy Talent (2003)

Billy Talent II (2006)

Billy Talent III (2009)

Dead Silence (2012)

Afraid Of Heights (2016)

Crisis Of Faith (2022)

Bands:
BILLY TALENT
Autor:
Andreas Schiffmann

Melde dich für unseren Newsletter an und verpasse nie mehr die wichtigsten Infos