Classic Albums

Classic Albums 25.07.2012

PRONG - Beg To Differ (1990)

PRONG gehören zu der seltenen Spezies Bands, die ihrer Zeit immer voraus waren und denen trotzdem - oder gerade deshalb - nie der große Durchbruch gelang. Mit „ Beg To Differ“ und „Prove You Wrong“ hat die Combo um Gitarrist/Sänger Tommy Victor aber gleich zwei Klassiker in der Schnittmenge von Hardcore, (Thrash) Metal und Industrial mit ganz viel Groove in der Diskografie stehen.

Nach den beiden hochgelobten Indie-Veröffentlichungen „Primitive Origins“ (1987) und „Force Fed“ (1988) konnte das Trio aus New York City mit „Beg To Differ“ (englische Redewendung: sich erlauben, anderer Meinung zu sein) sogar einen Plattenvertrag beim Majorlabel Epic an Land ziehen.

»Wir hatten auch Angebote von Roadrunner und einigen anderen Labels vorliegen, entschieden uns letztlich aber doch für Epic. Allerdings war unser Aufnahmebudget bei weitem nicht so üppig, wie viele dachten, weil wir bei Epic quasi einen Vertrag zu Indie-Konditionen unterschrieben haben. Außerdem ging das Gros der Kohle für Mark Dodson (u.a. Anthrax, Suicidal Tendencies, Metal Church - buf) drauf, mit dem wir die Scheibe in nur drei Wochen in Warren, Rhode Island, produziert haben«, erinnert sich Tommy (46), der schon mit namhaften Künstlern und Acts wie Marilyn Manson, Rob Zombie, Trent Reznor, Glenn Danzig und Ministry zusammengearbeitet hat, an die Aufnahmen zum dritten und besten Album der PRONG-Vita, das nach den beiden Hardcore-lastigen Vorgängern deutlich metallischer klang.

»Das war eine ganz natürliche Entwicklung für uns. Vor allem, weil wir das Tempo deutlich gedrosselt hatten, um crunchiger und grooviger zu klingen. Für viele Leute ist „Beg To Differ“ die Groove-Metal-Scheibe schlechthin. Wir selber wurden damals vor allem von den Bad Brains, Celtic Frost und Hardcore-Bands wie den Cro-Mags beeinflusst.«

Hinzu kommen noch Metallica, die auf „Beg To Differ“ besonders in puncto Gitarren ihre Spuren hinterlassen haben.

»Stimmt. Allerdings waren Metallica damals für praktisch jede Band ein Einfluss.«

...während PRONG mit „Beg To Differ“ und dem ähnlich starken Nachfolger „Prove You Wrong“ ihrerseits Bands wie die Nu-Metal-Institution Korn beeinflusst haben.

»Das kann ich leider nicht bestätigen, obwohl ich Fieldy (Korn-Basser - buf) erst kürzlich getroffen habe. Irgendjemand hat mir aber mal gesteckt, dass „Beg To Differ“ zu den Lieblingsalben von Fieldy & Co. zählte, als Korn 1993 gegründet wurden.«

Woran vergleichsweise minimalistisch angelegte und mit Stakkato-Riffs unterfütterte Hymnen wie ´For Dear Life´, ´Lost And Found´ oder der Titelsong entscheidenden Anteil gehabt haben dürften, die aber auch hinsichtlich der eigentümlichen Rhythmik und der furztrockenen, aber effektiven Produktion von Mark Dodson überzeugen können.

»Wie groß der Einfluss von Mark auf unseren Sound war? Groß. Er war unser Cheerleader, und es hat großen Spaß gemacht, mit ihm zu arbeiten, obwohl wir - wie gesagt - nicht viel Zeit im Studio hatten. Der Snaresound der Scheibe ist komplett auf meinem Mist gewachsen, während Mark für den Gitarrensound verantwortlich war. Außerdem hat er meinen Gesang ganz schön auf Vordermann gebracht, nachdem ich auf den Scheiben davor im Grunde genommen nur rumgebellt hatte«, erinnert sich Tommy an die Aufnahmen, die im verschlafenen Provinznest Warren nördlich von New York über die Bühne gegangen sind.

»Weil man mit dem Auto von New York nach Warren knapp vier Stunden braucht, haben wir in einem Zimmer über dem Studio für die Dauer der Recordings in Hochbetten gehaust und abends vor dem Schlafengehen immer noch ein paar Runden Monopoly gespielt. Eine der Partien hat mindestens eine Woche gedauert. Ansonsten haben wir den Ball ziemlich flachgehalten, weil wir uns aufgrund des eng gesteckten Zeitrahmens auf die Aufnahmen konzentrieren mussten.«

Unter großem Erfolgsdruck standen PRONG aber trotz des Majordeals mit der Sony-Tochter Epic nicht.

»Im Studio ging uns alles locker von der Hand, weil wir davor ja schon zwei Alben gemacht hatten und zudem der festen Überzeugung waren, gute Songs auf der Pfanne zu haben. Nachdem die Scheibe im Kasten war und wir auf Tour gegangen sind, sind wir dann aber schnell unter einen gewissen Erfolgsdruck geraten. Vor allem von Seiten des Labels«, meint Tommy, der nach wie vor vom Albumcover von Brian Schroeder alias Pushead (u.a. Metallica, C.O.C., The Misfits) begeistert ist.

»Ich kannte Pushead schon aus seiner Zeit als Schreiber für das „Thrasher“-Magazin und hatte ihm vor dem Release unseres Debüts ein Demotape von uns zukommen lassen, über das er eine sehr positive Kritik geschrieben hat. Danach sind wir in Kontakt geblieben, und mit dem Epic-Deal hatten wir dann auch das nötige Kleingeld, um das Artwork bezahlen zu können.«

...das aber nicht bei allen Anhängern des Trios auf große Gegenliebe stieß, und auch die nihilistisch angehauchten Texte sorgten mitunter für Kritik.

»Wenn ich zurückschaue, muss ich zugeben, dass die Lyrics auf „Beg To Differ“ alles andere als positiv sind. Im Gegenteil: Das Gros der Texte von mir und Mike (Kirkland; damals Bassist von PRONG - buf), der ´Steady Decline´ und ´Your Fear´ geschrieben hat, ist ziemlich wütender, teilweise sogar asozialer Natur. Trotzdem mag ich die Lyrics nach wie vor, auch wenn der Text zu ´Take It In Hand´ retrospektiv doch ziemlich albern ist. Als wir das Material für „Beg To Differ“ komponiert haben, waren wir extrem angepisst. Unter anderem wegen Bands wie Guns N´Roses, die Ende der Achtziger in aller Munde waren, obwohl sie eigentlich nur Aerosmith kopiert haben. Leider haben die Leute das einfach nicht kapiert. Und Grunge habe ich damals auch gehasst. Für mich klangen Bands wie Pearl Jam wie Bad Company & Co. Letzten Endes lässt sich die Mentalität von „Beg To Differ“ so zusammenfassen, dass wir unbedingt etwas Eigenständiges machen wollten, anstatt nur die Blaupause einer anderen Band zu sein. Wir haben mit dem Album also neue Wege beschritten.«

Womit PRONG die breite Masse anscheinend überforderten.

»Mit dem Problem hatten wir schon bei „Primitive Origins“ zu kämpfen. Aufgrund des hohen Tempos und der düsteren Atmosphäre war unser Debüt ja fast Grindcore. „Beg To Differ“ fanden viele unserer alten Fans anfangs überhaupt nicht gut. Letztendlich haben wir mit der Scheibe aber eine Menge Bands beeinflusst, die nach uns kamen, und verkauft hat sich das Album in den Staaten immerhin etwa 105.000 Mal. Wie viele Exemplare bei euch in Europa über die Ladentheke gewandert sind, weiß ich leider nicht.«

Stichwort Europa: Promotet wurde die Scheibe in der Alten Welt mit einer Tour im Vorprogramm von Faith No More, die mit ihrem Geniestreich „The Real Thing“ im Gepäck einige Monate zuvor ihren Siegeszug angetreten hatten.

»Die Tour war für uns leider eine leidvolle Erfahrung, weil wir von Faith No More sehr stiefmütterlich behandelt wurden. Nicht von den Musikern, aber von ihrem Management und ihrer Crew. Obwohl wir bzw. Epic uns auf die Tour draufgekauft hatten, bekamen wir nicht genug zu essen. Darüber hinaus mussten wir in einem popeligen Van durch die Gegend fahren. Überhaupt waren das merkwürdige Zeiten. So war das Konkurrenzdenken bzw. der Futterneid zwischen den Bands viel stärker ausgeprägt als heutzutage, und darauf waren wir überhaupt nicht vorbereitet. Allerdings müssen wir uns auch ein bisschen an die eigene Nase fassen, was das Thema Tourneen anbelangt, weil wir zu dem Zeitpunkt weder einen richtigen Proberaum noch vernünftiges Equiment hatten. Ich kann mich noch an unsere erste Tour erinnern, als wir uns sogar ein paar simple Marshall-Boxen leihen mussten, weil wir keine eigenen hatten. Und als wir einige Zeit später mit Pantera unterwegs waren, hatten die eine eingespielte Roadcrew und einen ganzen Truck voller Equipment dabei, während wir nur ein paar abgefuckte Amps am Start hatten«, räumt Tommy auch eigene Fehler ein, warum PRONG nie durchstarteten und nach drei weiteren Alben 1997 das Handtuch warfen, bevor sie 2003 ohne Mike und Drummer Ted Parsons mit „Scorpio Rising“ ein suboptimales Comeback feierten.

»Ich habe Ted nach seiner Erkrankung - er hatte einen Gehirntumor - mehrfach gefragt, ob er wieder bei PRONG einsteigen möchte, aber er hat leider abgelehnt. Unter anderem wohl auch deshalb, weil er inzwischen verheiratet ist, zwei Kinder hat und in Norwegen lebt. Zu Mike habe ich schon eine halbe Ewigkeit keinen Kontakt mehr gehabt. Soweit ich weiß, lebt er in Woodstock, New York, und besitzt ein eigenes Folk-Label. Übrigens ist Mike nicht meinetwegen aus der Band geflogen, auch wenn das gerne behauptet wird. Letzten Endes war es Ted, der nicht mehr mit Mike zusammenarbeiten wollte.«

Das Line-up auf „Beg To Differ“

  • Tommy Victor (v./g.)
  • Mike Kirkland (b.)
  • Ted Parsons (dr.)

Fakten, Fakten, Fakten

  • Songs: 11
  • Spielzeit: 45:24
  • Produzent: Mark Dodson
  • Studio: Normandy Sound, Warren/Rhode Island
  • Cover: Pushead

Die Songs

  • For Dear Life
  • Steady Decline
  • Beg To Differ
  • Lost And Found
  • Your Fear
  • Take It In Hand
  • Intermenstrual, D.S.B.
  • Right To Nothing
  • Prime Cut
  • Just The Same
  • Third From The Sun (live, Bonustrack)

DISKOGRAFIE (nur Studioalben)

Primitive Origins (1987)
Force Fed (1988)
Beg To Differ (1990)
Prove You Wrong (1991)
Cleansing (1994)
Rude Awakening (1996)
Scorpio Rising (2003)
Power Of The Damager (2007)
Carved Into Stone (2012)

Bands:
PRONG
Autor:
Buffo Schnädelbach

Melde dich für unseren Newsletter an und verpasse nie mehr die wichtigsten Infos

Diese Seite verwendet Cookies. Erfahrt in unserer Datenschutzerklärung mehr darüber, wie wir Cookies einsetzen und wie Ihr Eure Einstellungen ändern und Cookies deaktivieren könnt. Darüber hinaus verwenden wir Cookies Dritter für die Einbindung audiovisueller Inhalte durch Youtube, Spotify und Soundcloud. Dem könnt ihr hier zustimmen oder dies ablehnen. Datenschutzerklärung ansehen.