My Hometown


Foto: Alex Kuehr

My Hometown 27.05.2020, 08:00

EDGUY, AVANTASIA - My Hometown: Fulda mit Tobias Sammet

Auch wenn TOBIAS SAMMET eine andere Theorie hat – das verschlafene hessische Städtchen Fulda ist nicht gerade der Nabel der Welt. Trotzdem ist der Sänger nie weggezogen und führt dafür teils einleuchtende, teils amüsante Gründe an.

Tobi, was fällt dir als Erstes zu Fulda ein?

»Ruhig (lacht)! Es ist sehr ruhig. Aber zentral! Das kommt direkt danach. Meine Theorie ist ja, dass Fulda schon da war, und dann haben sie irgendwie Europa drumherum gebaut. Es ist ja auch sehr alt. Selbst Bonifatius war schon in Fulda, glaube ich. Wobei ich jetzt nicht genau weiß, was er da gemacht hat und warum. Die Stadt ist sehr konservativ. Das kann man gut finden oder auch nicht. Es hat mich wahrscheinlich auch geprägt. Ich weiß nicht, ob ich sonst im Alter von 21 Jahren Alben über die Hexenverfolgung der Katholischen Kirche gemacht hätte.«

Wieso bist du nie weggezogen, in eine größere Stadt?

»Weil ich es sehr praktisch finde. Ich bin unheimlich schnell in Frankfurt am Flughafen, und ich bin mit dem Zug in drei Stunden in Berlin, in drei Stunden in Dortmund, in zwei Stunden in Köln. Man kann von dort einfach überall hin, man ist nah am Flughafen, es ist ruhig, und ich wüsste nicht, wo es schöner sein könnte. Es gibt keinen Ort, der mich so begeistert hat, dass ich sage: Da möchte ich hin. Ich habe nicht viele Freunde, aber ich habe auch Freunde dort (lacht) und bin da relativ gut verwurzelt.«

Wie war es für dich, im Umfeld von Fulda aufzuwachsen? In Richtung Musik und Metalszene war da wahrscheinlich nicht so viel los.

»Nee, das stimmt, da war überhaupt nichts los. Das war ja das Schöne, so konnte man sich entwickeln, ohne dass man sich mit den Ellbogen durchsetzen musste. Gegen die, gegen die man sich durchsetzen musste, konnte man sich auch durchsetzen (lacht). Es gab tatsächlich eine relativ gesunde kleine Musikszene, und wir waren alle ziemlich schlecht. Das Problem war, das machte nichts, da die Leute keinen Vergleich hatten, weil gute Bands nicht in Fulda spielten, und deshalb war das ein bisschen schildbürgermäßig. Man konnte sich dort einfach entfalten und entwickeln, ohne dass man direkt den Saft abgedreht bekam. Deshalb haben wir dort eine relativ gut behütete Bandsituation gefunden. Natürlich hat man sich ein bisschen orientiert, man wollte natürlich eher mit Iron Maiden mithalten, aber man musste sich mit Bands messen, die genauso gerumpelt haben wie wir. Das war irgendwie ganz schön. Ich wohnte da auf dem Dorf und hatte ein Mofa. Damit konnte man jetzt den Bass nicht so gut transportieren. Das war schon alles ziemlich gutbürgerlich. Aber wenn wir in Los Angeles gewohnt hätten, hätten die gesagt: „Du bist scheiße, geh weg! Wir wollen nie wieder was von dir hören!“ In Fulda hat das keiner gemacht, weil die anderen auch alle scheiße waren (lacht). Es kommen aus Fulda auch kaum Celebritys. Aus Fulda stammen Jo Weil, das ist ein Schauspieler, Sebastian Kehl, Patrik Sinkewitz (ehemaliger Profi-Radfahrer - am) und wir, also Edguy. Also nur Leute, die irgendwie einen Makel haben. Kuhhosen, Borussia Dortmund, Doping (lacht). Jetzt bin ich wieder bei allen Dortmund-Fans unten durch. Aber fast alle meine Freunde sind Dortmund-Fans, deshalb darf ich das hier sagen.«

Gab es zu deiner Jugendzeit ein paar coole Rockschuppen in Fulda?

»Als ich in dem Alter war, in dem ich abends weggehen konnte, waren die ganzen coolen Clubs schon weg. Früher hatten die Amerikaner ja die Kasernen in Fulda, da war es wohl ziemlich gut. Da wurde traditioneller Rock in Fulda auch recht groß geschrieben, aber diese Zeit habe ich aktiv nicht mehr so mitbekommen. Ich bin später weggegangen, wenn irgendwelche Bands aus unserem Umfeld ihre Konzerte gespielt haben. Da gab es aber schon keine coolen Clubs mehr. Die ersten Konzerte, die wir mit Edguy gegeben haben, waren lange, bevor ich das erste Mal ein Konzert als Fan gesehen habe, was total lustig war. Alles, was ich auf der Bühne gemacht habe, kannte ich eigentlich nur von den Videokassetten „Let There Be Rock“ von AC/DC und „Kiss – Animalize Live“. Die ersten 30 bis 40 Konzerte mit Edguy habe ich gespielt, ohne je selbst eines gesehen zu haben. Mein erstes Konzert war eine Show von Running Wild, die ich mit Jens Ludwig (Edguy-Gitarrist - am) zusammen gesehen habe. Da waren wir 14 oder 15, und sein Vater hat uns hingefahren. Ich fand aber AC/DC und Kiss trotzdem besser.«

Gibt es etwas, das man unbedingt gesehen, gegessen oder getrunken haben muss, wenn man in Fulda ist?

Trocken: »Näää. Das musst du aber auch genau so drucken, dann kriege ich wieder Ärger (lacht). Die Innenstadt ist schön, und das Schloss. In Fulda wurden auch viele Hexen verbrannt, also was das angeht, hat Fulda auf jeden Fall was zu bieten. Aber ansonsten ist es einfach eine verschlafene Kleinstadt. Es gibt da Natur, saubere Luft, die Rhön. Wir haben kein Diesel-Problem! Bei uns kannst du Diesel fahren bis zum Abwinken. Wir haben gar nicht so viele Leute, die Diesel fahren wollen. Ich lade die Deutsche Umwelthilfe hiermit gerne nach Fulda ein, dann können die mal sehen, wie sauber die Luft da ist. Wir haben mit dem ganzen Klimascheiß überhaupt nichts zu tun.«

Mal angenommen, du müsstest wegziehen: Wohin würde es dich verschlagen?

»Nach England oder München. Ich finde insgesamt Bayern schön. Und ich mag die Stadt München. Die bietet kulturell unheimlich viel und ist eine Weltstadt. Ist leider scheißteuer. England wäre auch schön, aber dann bist du so weit weg. Wenn die Mama was gekocht hat und sagt: „Ach Junge, komm doch mal vorbei“, dann muss ich von England fliegen. Und so sage ich einfach: „Alles klar, ich komme.“ Ich gehe sowieso noch im Dorf meiner Mama zum Friseur, und danach komme ich immer vorbei.«

www.tobiassammet.com/de

Bands:
EDGUY
AVANTASIA
Autor:
Alexandra Michels

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