ToneTalk

ToneTalk 25.07.2018

AT THE GATES , THE LURKING FEAR - »Der Gesang muss von Herzen kommen«

Mit seinen zahlreichen Bands, Projekten und Gastauftritten ist Tomas „Tompa“ Lindberg der bunte Hund im schwedischen Death Metal, schließlich hat die markante Stimme des 45-Jährigen bei AT THE GATES ein ganzes Genre mitgeprägt. In einem kleinen Zimmer im Century-Media-Headquarter samt riesiger Grünpflanze versuchen wir, das Geheimnis von Tompas Stimmbändern zu ergründen.

Beginnen wir mit einer Zeitreise: Wann war für dich klar, dass du Sänger werden würdest?

»Ich habe ungefähr mit 14 Jahren angefangen zu singen. Mein Zimmer war damals mit Metal-Postern gepflastert, und ich habe bei meinen Lieblingsplatten mitgesungen. Das hat mir Spaß gemacht, vielleicht haben mich die Wörter fasziniert. Zur gleichen Zeit lernte ich nämlich in der Schule Englisch und war immer an Worten und Literatur interessiert. Den ersten richtigen Song habe ich mit 16 Jahren im Keller eines Freundes gesungen. Wir hatten eine Gitarre und ein Gesangsmikrofon – mehr nicht. Dennoch haben wir versucht, uns irgendwie damit auszudrücken. So hat alles angefangen.«

Zu welchen Scheiben hast du in deinem Zimmer gesungen?

»Zu den frühen Thrash- und Death-Metal-Alben von Slayer, Possessed, Dark Angel und Celtic Frost. Das war alles, was uns zur Verfügung stand, denn in unserem Genre gab es damals noch nicht so viele Platten. Pro Jahr kamen etwa zwei raus, die uns gefielen.«

Gab es einen speziellen Gesangsstil, den du nachahmen wolltest?

»Am Anfang wollte ich eigentlich nur genau das imitieren, was der richtige Sänger auf der Aufnahme macht. Als ich die brutaleren Thrash- und Death-Metal-Sachen wie Bathory, Possessed oder Sodom zu Ohren bekam, hat mich das noch mehr gepackt, da sie offene Verzweiflung und Aggressionen zeigten, mit denen ich mich als Teenager gut identifizieren konnte. Außerdem musste ich keinen Gesangsunterricht nehmen, um die Töne zu treffen – das hat es vielleicht noch einfacher gemacht. Ich behaupte nicht, dass es für jeden etwas ist, aber mit dieser Musik kann man einfach ohne musikalische Ausbildung anfangen. Sie ist roh, simpel und zugänglich.«
Wie würdest du demnach einen guten Death-Metal-Sänger definieren?

»Der Gesang muss von Herzen kommen und eine Emotion freisetzen. Ich singe über sehr viele Dinge, die mir wichtig sind. Die emotionale und intellektuelle Verbindung zu meinen Texten ist für mich unumgänglich. Ich fordere mich selbst kreativ heraus, wie weit ich mit meiner Stimme gehen kann. Das heißt aber nicht, dass ich generischeren oder naiveren Death Metal nicht mag. Als Hörer finde ich auch interessante Ansätze in normalen Death-Metal-Grunts. Für ein „Wow!“ von mir muss es aber jemand sein, der viel Verzweiflung oder Melancholie statt reiner Aggression rüberbringt, und die Melodie muss ein wenig leichter und emotionaler sein, um mich wirklich anzufixen.«

Für deine Texte adaptierst du gern Literatur-Stoff. Erkennst du ein gutes Albumthema schon beim Lesen eines Buches?

»Ich lese eigentlich immer, das ist so etwas wie ein Hobby. Ein in der Theorie begründetes Thema inspiriert mich im Schreibprozess. Ich brauche diese intellektuelle Herausforderung, etwas Bedeutsames aus mir herauszubekommen. Wenn ich die Worte samt ihrer Bedeutung nicht fühle, erreiche ich nicht denselben Klang. Ich kann das nicht schauspielern, es muss echt sein. Ein Song besteht für mich weniger aus Strophe, Refrain und Rhythmuswechseln, sondern gleicht einem Gemälde. Ich befinde mich in diesem Gemälde und male es mit meinen Worten – auch auf der Bühne. Das erfüllt mich mit den Emotionen, die ich benötige, um das auf das Publikum zu übertragen. Ich bin wie ein Filter für die Musik, der die Emotionen mit denen der Zuhörer zusammenbringt. Das klingt jetzt hochtrabend, aber ich brauche das, um inspiriert zu sein.«

Findest du, dass Entertainer-Fähigkeiten wichtig sind?

»Das kommt darauf an: Ich kenne und mag Sänger, die richtige Frontmänner sind, ohne dass sie sich irgendwie bewegen. Sie stehen da einfach und wirken durch ihre Stimme majestätisch. Ich hingegen bin schon immer umhergerannt und habe versucht, eine Verbindung mit dem Publikum herzustellen. Im Grunde ist das sehr egoistisch von mir, denn ich ziehe meine Energie aus dem Publikum. Ich liebe es, die Atmosphäre im Raum zu dirigieren. Das bringt mich auf einen richtigen Ego-Power-Trip und gibt mir die Energie, die Show durchzuziehen. Währenddessen denke ich darüber gar nicht nach, nur im Nachhinein fällt mir auf, dass ich davon ein bisschen high werde.«

Inwiefern hilft dir dein Equipment auf der Bühne?

»Ich verwende mein In-Ear-System von Sennheiser und ein Funkmikrofon, damit ich in meinem Kopf immer gleich klinge. Wichtig ist, dass ich keine Ohrstöpsel verwende, die alle Geräusche abfangen. Meine lassen etwas Klang durch. Ich lege daher Schlagzeug und Gitarren auf meinen regulären Monitor und habe nur meine Stimme durch das In-Ear-System im Ohr. So bekomme ich ein richtiges Live-Gefühl. Bei anderen Musikern ist es gang und gäbe, dass sie mit Extra-Mikrofonen das Publikum aufnehmen und es sich zum kompletten Monitormix ins Ohr spielen lassen. Aber ich habe das schon so lange komplett ohne In-Ears gemacht, dass es bereits eine Umstellung war, überhaupt welche zu tragen.«

Schwörst du auf ein bestimmtes Getränk für deine Stimme?

»Nein. Früher war ich wirklich vorsichtig und habe immer auf der Bühne Tee getrunken. Auf Tour hatte ich eine Thermoskanne mit Ingwertee dabei, die wir den „Unheiligen Gral“ genannt haben. Während der Pause von AT THE GATES absolvierte ich viele Gigs mit meinen anderen Bands THE LURKING FEAR und DISFEAR – ohne In-Ears und mit schlechteren Monitor-Systemen. Als ich für die erste AT THE GATES-Show wieder meine In-Ears einsetzte, fühlte ich mich sehr sicher und entspannt, zumal ein paar Songs von der Setlist geflogen sind. Da dämmerte mir, dass der Tee wohl eher mental hilfreich gewesen war. Jetzt trinke ich einfach viel Wasser, um nicht zu dehydrieren. Und natürlich ist das erste kalte Bier nach der Show nach wie vor sehr lecker.«

Wärmst du deine Stimme vor der Show auf?

»Nein, nicht wirklich. Die letzten zehn Minuten vor dem Auftritt gehe ich alleine umher und summe sehr tief, um die Stimmbänder aufzuwärmen. Außerdem versuche ich, vor der Show nicht zu viel zu reden und mich nicht in verrauchten Räumen aufzuhalten. Wir haben auch keine Nebelmaschinen auf der Bühne. Meine einzige Herausforderung ist das Durchhaltevermögen, da ich mich auf der Bühne sehr viel bewege. Natürlich checke ich auch, ob die Technik funktioniert. Das macht mich vor einer Show immer sehr nervös. Weil die Leute eine gute Performance verdient haben, stelle ich sicher, dass zumindest von meiner Seite aus alles gut funktioniert. Dann kann ich mich entspannen und meinen Job machen.«

Nach all dieser Zeit weißt du, an welchen Stellen gute Vorbereitung wichtig ist.

»Genau, und ich weiß auch, welche Songs auslaugender sind als andere. Ein anstrengendes Stück muss gar nicht viel Gesang beinhalten, sondern kann auch eine bestimmte Gesangslage haben, die mich mehr fordert. Vor allem die alten AT THE GATES-Songs sind für mich nicht mehr so angenehm zu treffen und strengen mich an. Darum achte ich genau darauf, welche Position sie im Set einnehmen und dass vorher sowie im Anschluss Tracks zum Durchatmen kommen, mit deren Tonlagen ich mich wohlfühle.«

Also hat sich deine Stimme im Laufe der Zeit verändert und ist tiefer geworden.

»Richtig. Wir haben vor kurzem den alten Song ´Raped By The Light Of Christ´ neu aufgenommen (für die Flexi-Disc-Reihe des amerikanischen „Decibel“-Magazins - ir), den wir während der Reunion-Zeit live ziemlich häufig gespielt haben. Als ich mir die Originalversion von 1993 wieder anhörte, dachte ich mir aber: „Oha, was mache ich denn jetzt?“ Das würde ich so vielleicht noch eine Minute durchhalten, dann wäre die Stimme weg. Die Stimmlage entwickelt sich nun mal, und glücklicherweise bin ich im Death Metal unterwegs, wo das nicht ganz so wichtig ist. Bei normalen Metalbands hört man so etwas schon eher, zum Beispiel bei den ganz hohen Tönen aus den Achtzigern: Wenn diese Sänger heute auf der Bühne stehen, erwartet das Publikum, dass sie die Töne von damals immer noch treffen. Das muss ich zum Glück nicht.«

Wie stark musst du deine Stimme an die verschiedenen Bands anpassen?

»Nur ein bisschen. Bei THE LURKING FEAR singe ich etwas tiefer, und bei DISFEAR gibt es mehr Aggression in der Stimme. Eine DISFEAR-Show ist für mich daher am anstrengendsten, zumal diese Band häufiger in Venues mit miesen Sound-Systemen spielt. Bei AT THE GATES steht mir sämtliches Equipment zur Verfügung, damit ich mich wohlfühle.«

Wie stehst du zu Gesangseffekten?

»Für mich muss eine Death-Metal-Platte ein bisschen Reverb und Delay auf den letzten Worten haben, das geht für mich mit dem Sound einher und gefällt mir als Hörer. Wir versuchen, genau das Gleiche im Live-Setting zu machen und einzelne Worte zu betonen. Daher arbeiten wir immer mit demselben Soundmann zusammen. Er mischt uns live, achtet sehr auf mich und schaltet mal hier einen Reverb, mal dort ein Echo hinzu. Dadurch klingt der Gesang wie auf dem Album. Aber sonst fügt er nichts hinzu, keine Pitches, keine Dubs. Ich arbeite auch nicht mit Pre-Tracks, man hört immer nur mich auf der Bühne. Ich verstehe schon, dass andere Bands das machen müssen, zum Beispiel, wenn sie Gesangsharmonien haben. Aber wir sind nun mal eine Death-Metal-Band und haben damit nichts am Hut.«

Diskografie (Studioalben)

Mit AT THE GATES:

The Red In The Sky Is Ours (1992)
With Fear I Kiss The Burning Darkness (1993)
Terminal Spirit Disease (1994)
Slaughter Of The Soul (1995)
At War With Reality (2014)
To Drink From The Night Itself (2018)

Mit THE LURKING FEAR:

Out Of The Voiceless Grave (2017)

Mit DISFEAR:

Misanthropic Generation (2003)

Mit SIGN OF CAIN:

To Be Drawn And To Drown (2017)

Mit LOCK UP:

Hate Breeds Suffering (2002)
Necropolis Transparent (2011)

Mit NIGHTRAGE:

Sweet Vengeance (2003)
Descent Into Chaos (2005)

Mit THE CROWN:

Crowned In Terror (2002)

Pic: Ester Segarra

Bands:
THE LURKING FEAR
AT THE GATES
Autor:
Isabell Raddatz

Melde dich für unseren Newsletter an und verpasse nie mehr die wichtigsten Infos

Diese Seite verwendet Cookies. Erfahrt in unserer Datenschutzerklärung mehr darüber, wie wir Cookies einsetzen und wie Ihr Eure Einstellungen ändern und Cookies deaktivieren könnt. Darüber hinaus verwenden wir Cookies Dritter für die Einbindung audiovisueller Inhalte durch Youtube, Spotify und Soundcloud. Dem könnt ihr hier zustimmen oder dies ablehnen. Datenschutzerklärung ansehen.