Festivals & Live Reviews


Pics: Ed Mason

Festivals & Live Reviews 24.11.2020, 13:11

ARCHITECTS - Live At The Royal Albert Hall

Wenn man einen Blick in die obersten Sphären der Metalcore-Liga wirft, führt heute kein Weg mehr an den ARCHITECTS vorbei. Dass sich die fünf Briten nicht nur musikalisch, sondern auch in Sachen Live-Spektakel keineswegs etwa vor ihren übermächtigen Genrekollegen Parkway Drive verstecken müssen, beweist die Show, die sie am 21. November 2020 aus der legendären Royal Albert Hall in London streamten. Ein Abend, der eindrucksvoll aufzeigt, wie man das Thema Online-Konzert in Zeiten einer Pandemie richtig anpackt.

"Live At The Royal Albert Hall" weiß von Anfang an durch seine clevere Inszenierung zu fesseln. Die Band aus Brighton kennt die Wirkung ihres an diesem Samstagabend gewählten Veranstaltungsorts genau und ruft dem Zuschauer die durch die Corona-Pandemie hervorgerufene Krise in der Musik- und Unterhaltungsbranche mit imposanten Bildern vor Augen. Wie bei einer der berühmten Kamerafahrten durch die Flure des Overlook-Hotel in "Shining" wandern wir durch die gespenstisch verlassenen Gänge der Royal Albert Hall, durch die große Konzerthalle vorbei an den noch im Dunkeln liegenden Instrumenten und gleiten über menschenleer schweigende Stuhlreihen und Ränge. Schließlich heften wir uns an die Fersen von ARCHITECTS-Sänger Sam Carter und folgen ihm auf seinem Weg bis in die Mitte des Saales, dort, wo vor der Bühne eigentlich tausende Fans stehen sollten. Für einen kurzen Moment hält der Raum den Atem an, bevor Carter und die Band mit brutalster Effizienz in die Abrissbirne 'Nihilist' und den rund 70-minütigen Abend einsteigen. Die Kamera kreist anfangs unentwegt um den Frontmann, der quasi "aus dem Publikum" gegen seine Kollegen ansingt, die sich auf erhöhten Plattformen auf der ihm gegenüberliegenden Bühne positioniert haben. Im Verlauf des Songs gesellt er sich schließlich zu ihnen und bleibt dort stetig in Bewegung.

Visuell wird das glasklar abgemischte ARCHITECTS-Soundgebilde zwischen krachender Gitarrengewalt und melodischen Ankerpunkten durch eine vielschichtige aber nicht zu nervöse Lichtshow und eine Videoleinwand untermalt. Sam Carter schreit und wütet sich die Seele aus dem Leib, findet in den Songs aber auch oft die richtigen Momente, um das brachiale Treiben kathartisch zu öffnen. Musikalisch konzentrieren sich ARCHITECTS ausschließlich auf ihre jüngere Vergangenheit, am weitesten zurück blicken sie mit den "Lost Forever // Lost Together"-Stücken 'Broken Cross' und 'Grave Digger' aus dem Jahr 2014. Den Großteil der Setlist stellen an diesem Abend insgesamt acht Songs des aktuellen Langspielers "Holy Hell", auf dem sich die Band mit dem tragischen Tod ihres Gitarristen Tom Searle auseinandersetzte, der 2016 im Alter von nur 28 Jahren den Folgen seiner Krebserkrankung erlag. Dementsprechend gehen etwa 'Death Is Not Defeat', 'Mortal After All' oder 'Royal Beggars' mit all ihrer Wut und Trauer besonders unter die Haut. Das mit den Initialen "T/S" versehene Herz, das nach dem "All Our Gods Have Abandoned Us"-Track 'Gone With The Wind' auf der Videoleinwand aufleuchtet, wirkt als stiller Tribut ebenso stark. Daneben kommen mit 'Animals', 'Discourse Is Dead' und 'Dead Butterflies' auch drei neue Songs des angekündigten "For Those That Wish To Exist"-Langspielers erstmalig live zum Zug, wobei der erstgenannte Titel bereits als Single-Auskopplung der Platte bekannt ist. Besonders das melancholische 'Dead Butterflies', bei dem Carter auch mit Klargesang glänzen kann, macht dabei Lust auf das am 26. Februar erscheinende Album, das sich thematisch um die (selbst-)zerstörerische Natur des Menschen drehen soll.

Die Intensität, mit der die ARCHITECTS gegen die Leere der Royal Albert Hall anspielen, ist zu jeder Sekunde greifbar und glaubhaft. Die Jungs verzichten glücklicherweise auf den ganz großen Budenzauber und lassen einzig und allein ihre Musik und die Dimensionen des an ein altes Theater erinnernden Konzertsaals sprechen. Immer wieder bekommen wir das Geschehen in verschiedenen totalen Kameraeinstellungen dargeboten. Pausen zwischen den Songs gibt es kaum, Ansagen ebensowenig. Auch die Danksagung zum Schluss fällt kurz und knapp aus. Hier ist weniger ganz grundsätzlich mehr, worauf sich auch die verhältnismäßig kurze Dauer der Show eindeutig positiv auswirkt. Für den wahrscheinlich stärksten Teil des Konzertes verlassen alle fünf Bandmitglieder die Bühne und sorgen mit akustischen Versionen von 'Memento Mori' ("All Our Gods Have Abandoned Us") und 'A Wasted Hymn' ("Holy Hell") für Gänsehaut im leeren Publikumsbereich. Hier zeigt sich die wahre musikalische Stärke des Quintetts, das eben auch in seinen leisen Momenten tief zu berühren weiß und durch die erneut kreisende Kamera eine sehr zerbrechlich und intim wirkende Stimmung heraufbeschwört.

Zum Finale des Abends wechselt die Band zurück auf die Hauptbühne und bringt mit dem Abschluss-Triple 'A Match Made In Heaven', 'Hereafter' und 'Doomsday' einen beeindruckenden Auftritt mit wehenden Fahnen über die Ziellinie. Auch wenn eine Livestream-Show natürlich niemals ein verschwitztes Clubkonzert oder den Staub eines Festivals ersetzen kann: Wenn online, dann bitte so! Schlussendlich bleibt eigentlich nur noch zu hoffen, dass ARCHITECTS dafür sorgen werden, dass dieser Abend in Zukunft nicht in Vergessenheit geraten wird. Der Stream konnte nach der Live-Premiere nämlich nur noch 72 Stunden lang abgerufen werden und würde als Blu-ray/DVD-Veröffentlichung sicherlich bei einigen Fans sehr gut ankommen.

Setlist ARCHITECTS

Nihilist
Modern Misery
Discourse Is Dead (Live-Debüt)
Broken Cross
Death Is Not Defeat
Royal Beggars
Gone With The Wind
Mortal After All
Gravedigger
Animals (Live-Debüt)
Holy Hell
Dead Butterflies (Live-Debüt)
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Memento Mori (akustisch)
A Wasted Hymn (akustisch)
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A Match Made In Heaven
Hereafter
Doomsday

Bands:
ARCHITECTS
Autor:
Simon Bauer

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