Schwatzkasten

Schwatzkasten 25.11.1998

ROSE TATTOO - ANGRY ANDERSON (Rose Tattoo)

Ob trinkfeste, deftig rockende Bad Boys wie AC/DCs Bon Scott oder Pin-up-taugliche Pop-Beaus wie INXS' Michael Hutchence - Personality ist etwas, was australische Sänger offenbar schon mit der Muttermilch aufsaugen. Angry Anderson, Frontheulboje der reformierten Oz-Rock-Legende Rose Tattoo, macht da keine Ausnahme. Optisch sowieso eine Ausnahmeerscheinung, ist der wandelnde Einmeterfuffzich auch stets Garant für gehaltvolle Statements und amüsante Anekdoten.

Wo wurdest du geboren?

"In Melbourne, Australien. Dort bin ich auch aufgewachsen."

In welchen Verhältnissen?

"In eher bescheidenen. Wir lebten damals in einem Teil der Stadt, der von der Schwerindustrie geprägt war. Als wir dort hinzogen, waren die ersten großen Fabriken nur etwa einen Kilometer von unserem Haus entfernt, und wenn man das mal vergaß, erinnerte man sich spätestens dann wieder an diese "Nachbarn", wenn man die Wäsche von der Leine holte. Stand der Wind ungünstig, überdeckte der nahe Hochofen die ganze Umgebung mit einer orangen Schicht. Es war eine typische Arbeitergegend, die erst allmählich richtig erschlossen wurde. Anfangs war die Einwohnerzahl noch relativ überschaubar; Milch- und Eismann kamen noch mit einer Pferdekutsche. Im Laufe der Jahre siedelten sich dann immer mehr Menschen dort an und drängten die Industrie allmählich raus ins Umland. Es waren in der Regel ziemlich toughe Menschen, die dort hinzogen, aber keine schlechten - ehrliche Malocher eben, die den Buckel schon reichlich krumm machen mußten, um ihre Familien über die Woche zu bringen. Die konnten sich halt, wie auch meine Eltern, keine bessere Wohngegend leisten. Ich hatte aber trotzdem keine schlechte Kindheit. Meine Umgebung war zwar arm, aber ich empfand es nie als Schande, einer weniger begüterten Schicht anzugehören. Ich habe früh begriffen, daß es die einfachen Arbeiter sind, die das Rückgrat jedes Landes bilden, die Herz und Seele jedes Landes sind und dem Land eine Identität geben. Rose Tattoo sind, wenn du so willst, eigentlich nur eine Reflexion dieses Bewußtseins. Keiner von uns kam mit einem goldenen Teelöffel auf die Welt. Die meisten unserer Songs handeln davon, wie es ist, mit einem solchen Background aufzuwachsen. Es hätte die Band in dieser Form sicher nicht gegeben, wenn wir Upper-Class-Kids gewesen wären. Wir sind zwar in verschiedenen Städten aufgewachsen, aber alle unter denselben schwierigen Bedingungen. Unsere Biographien waren in vielen Punkten identisch, unsere Ansichten über Musik, Gott und die Welt extrem ähnlich. Diese Gemeinsamkeiten haben die Band immer ausgemacht."

Warst du ein guter Schüler?

"Nein. Ich hatte keine wirkliche Chance, ein guter Schüler zu werden, und das lag nicht etwa daran, daß ich es nicht gewollt hätte oder einfach nur zu doof war. Ich engagiere mich hier in Australien ja nun schon seit langem für benachteiligte Kinder und habe dabei erfahren müssen, daß sich Kids, die wie ich aus sozial schwachen Familien stammen, in der Regel nach wie vor sehr viel schwerer in der Schule tun als bessergestellte. Das ist, wie wissenschaftliche Studien belegen, keine Frage von Intelligenz, sondern hängt ursächlich mit den Lebensstandards der Familien zusammen, die schulische Leistung fördern oder eben auch verhindern können. In meinem konkreten Fall war es so, daß ich schon früh auch finanziell etwas zum Auskommen meiner Eltern beitragen mußte, weil wir sonst nicht über die Runden gekommen wären. Ich besorgte mir einen Job bei einem Zeitungsvertrieb, und mein Tagesablauf sah dann so aus, daß ich um vier oder fünf Uhr in der Früh auf die Piste ging, um die Morgenausgabe auszuliefern, dann ging ich in die Schule, und wenn die vorbei war, vertickte ich bis zum Abend Zeitungen an einem Stand um die Ecke. Später schaffte ich nach der Schule auf einem Schrottplatz und zerlegte Autos. Mich trieb vor allem der Gedanke, daß der Kühlschrank gefüllt werden mußte, und nicht, daß ich einen guten Notendurchschnitt brauche, um später mal Architekt oder Anwalt werden zu können."

Hattest du als Kind einen Traumjob?>

"Nein. Mein einziger Traum als Kind war, mir irgendwann mal ein Motorrad und eine Lederjacke zu kaufen und dann so zu sein wie Marlon Brando in "Der Wilde". Dann entdeckte ich die Musik und stellte fest, daß die ganzen Rock'n'Roll-Sänger Motorräder fuhren und Lederjacken trugen, und ich dachte mir: "Hey, so kannst du deinen Traum möglicherweise verwirklichen.""

Wie alt warst du da?

"Ich war in meinen Midteens - jung und gleichzeitig alt genug, um die Intensität, Leidenschaft und vor allem Magie des Rock'n'Roll zu spüren und zu begreifen. Manche meinen, ich sei ein unverbesserlicher Romantiker, wenn ich sowas sage, aber für mich ist Rock'n'Roll pure Magie, und es gab bisher noch keinen Tag, an dem ich die hätte missen wollen."

Kannst du dir eine Mahlzeit zubereiten?

"Oh ja, ich bin sogar ein ziemlich guter Koch. Meine Mutter hat mir das Kochen beigebracht, damit ich mich selbst versorgen konnte, wenn sie arbeiten war oder es ihr, was leider häufig vorkam, so schlecht ging, daß sie selbst nicht am Herd stehen konnte. Davon hat später auch die Band profitiert - das Klischee der darbenden Musiker griff bei uns nur dann, wenn keine Kohle da war, um Zutaten zu kaufen, haha. Ansonsten konnte auch Digger (´89 verstorbener Rose Tattoo-Drummer - Red.) sehr gut kochen, und Mick (Cocks, g. - Red.) war zumindest in der Lage, sehr schmackhafte Pasta zuzubereiten."

Was würdest du als Henkersmahlzeit verlangen, wenn du in der Todeszelle sitzt und der Tag deiner Hinrichtung bevorsteht?

"Claudia Schiffer, haha..."

Und zum Essen?

"Eine australische Seafood-Platte. Tasmanischer Lobster, Scampis, alles sehr lecker. Und dazu zwei Sixpacks Bier aus Melbourne. Der beste Gerstensaft des Landes kommt von dort."

Welcher Song sollte anschließend auf deiner Beerdigung gespielt werden?

""All Along The Watchtower" von Jimi Hendrix. Oder Bob Dylans "Like A Rolling Stone". Oder David Bowies "Heroes". Vielleicht aber auch "Great Balls Of Fire" von Jerry Lee Lewis... Es gibt so viele großartige Songs, die mir viel bedeuten und deshalb zu diesem "Anlaß" gespielt werden müßten. Ich glaube, ich werde bei Gelegenheit mal einen Sampler zusammenstellen, um für den Fall der Fälle gerüstet zu sein. Meine Trauergäste sollten besser viel Zeit mitbringen, haha..."

Du warst in der Vergangenheit als berüchtigter Raufbold, der keinem Fight aus dem Weg gegangen ist, bekannt. Wann hast du dich das letzte Mal ernsthaft geprügelt?

"Das ist so lange her, daß ich mich gar nicht mehr daran erinnern kann. Damals hatte ich tatsächlich ein, ähm, LEICHT aufbrausendes Temperament, haha. Inzwischen habe ich mich aber ziemlich gut unter Kontrolle; es müßte schon einiges passieren, damit ich richtig ausraste. Wenn etwa jemand meine Frau oder meine Kinder attackieren würde... Da könnte ich für mich keine Gewähr übernehmen. Ansonsten versuche ich aber in jeder Situation die Ruhe zu bewahren. So wie vorgestern beim Gig in Shellharbour, als dieser "Fan" einen Knaller auf die Bühne warf, der direkt neben mir hochging. Ich riet ihm lediglich, es kein zweites Mal zu tun, weil ich dann nicht mehr für seine körperliche Unversehrtheit garantieren könne. In den alten Tagen wäre ich ihm wohl gleich mit den Stiefeln voran ins Gesicht gesprungen... Es gibt da ein legendäres Beispiel von einer Show in Frankreich Anfang der Achtziger. Da warf mir irgendein Idiot eine Bierbüchse an den Kopf, und ich habe gar nicht lange nachgedacht und das Ding in die Richtung dieser drei- oder vierköpfigen Gruppe geschleudert, aus der es gekommen war. Die Typen ließen sich nicht lange bitten, warfen ihrerseits Dosen auf die Bühne, und ehe ich mich versah, eskalierte die Situation, und das ganze Publikum deckte uns mit einem Weißblechbombardement förmlich ein. Die anderen suchten hinter der P.A. Deckung, nur Digger spielte weiter seinen Beat, und ich stand vor dem breiten Fotograben, kriegte reihenweise Zeug vor die Ömme und wurde immer mehr zum Tier. Irgendwann setzte der Verstand dann ganz aus, ich rannte hinter die Backline und griff mir eine große Planke, die die Crew verwendet hatte, um Equipment auf die Bühne zu wuchten. Ich zog sie nach vorne, um so den Fotograben überbrücken und ins Publikum hüpfen zu können - ich wollte den ganzen Saal im Alleingang aufmischen! Gottlob ahnten unsere Roadies, was ich vorhatte; die kräftigsten packten mich und trugen mich einfach von der Bühne, während ich weiter wie ein Irrer tobte. Es war ein Bild für die Götter, haha..."

War es der schlechteste Gig, den ihr je gespielt habt?

"Der Gig an sich war nicht übel. Generell haben die Tatts nur wenige Stinker gespielt - und wenn, dann lag´s normalerweise daran, daß einer seine "bewußtseinserweiternden" Grenzen so sehr überschätzt hatte, daß er nichts mehr auf die Kette kriegte, haha. Ich erinnere mich da speziell an eine Show, als Digger sich irgendwelchen Kram eingepfiffen hatte. Wir waren mitten im ersten oder zweiten Song, als wir plötzlich merkten, daß wir ohne Drums spielten. Wir drehten uns um, und Digger war nicht zu sehen. Ich ging zum Kit und sah plötzlich, daß Digger vollkommen weggetreten unter der Hi-Hat lag - es hatte ihn sprichwörtlich vom Hocker gehauen, und das war schon einigermaßen peinlich... Bei einer anderen Show war ich es, der aus dem Ruder lief. Ich hatte in der Nacht zuvor Mescalin genommen und war immer noch auf einem Trip - die Wirkung kam und ging im steten Rhythmus. Eine halbe Stunde lang war ich klar, und dann schwebte ich wieder auf irgendeiner Wolke. Na ja, ich fuhr zur Show, und an das, was dann passierte, fehlt mir jegliche Erinnerung. Ich weiß nur noch, daß die anderen später sagten, der Gig sei eine ziemlich interessante Erfahrung gewesen, mit reichlich ungewöhnlichen Interpretationen gewisser Songs. Schade, daß davon kein Tape existiert, haha..."

Und was war der beste Gig?

"Das ist schwer zu sagen, wir hatten so viele gute Nächte... Unsere ersten beiden Shows im Londoner Marquee waren ziemlich legendär. Wir waren so verdammt stolz, dort sein zu dürfen - das war ja sozusagen heiliger Boden; die Stones, Jimi Hendrix, Led Zeppelin, The Who, alle großen Bands hatten da gespielt. Der Gig beim '81er Reading-Festival hat die Marquee-Shows aber vielleicht sogar noch getoppt. Im Vorfeld hatten sich selbst Leute, die uns sehr nahe standen, gefragt, warum wir von den Veranstaltern eingeladen worden waren und dann auch noch eine so gute Position im Billing bekommen hatten. Viele meinten, wir würden dort mit wehenden Fahnen untergehen. Aber wir haben da gar nicht drauf gehört; wir sind einfach auf die Bühne gegangen, haben das gemacht, was wir am besten können - und der Funke ist relativ schnell übergesprungen. Der Applaus wurde nach jedem Song lauter, und als ich nach drei oder vier Nummern zum ersten Mal direkt das Publikum ansprach, kam ein unglaubliches Feedback. Die Leute haben uns derart angetrieben, daß ich gegen Ende des Sets völlig ausgerastet bin und mir mit dem Mikro die Stirn blutig gekloppt habe. Als wir dann die Bühne verließen, feierten sie uns wie einen Headliner; wir waren im Backstagebereich schon bei unserem Karavan angelangt und konnten immer noch hören, wie sie alle "Tattoo, Tattoo!" riefen. Ich weiß nicht, ob es unsere beste Show war, aber es war definitiv die denkwürdigste!"

Was ist deine größte Stärke?

"Mein Überlebensinstinkt. Mich kriegt nichts klein."

Und deine größte Schwäche?

"Der gewalttätige Aspekt meiner Persönlichkeit. Ich habe mich, wie gesagt, inzwischen eigentlich sehr gut unter Kontrolle, aber du kriegst das nie ganz raus aus dem System. Es ist wie bei einem Alkoholiker: Er kann jahrelang trocken sein, aber er bleibt auf ewig ein Alk."

Bands:
ROSE TATTOO
Autor:
Onlineredaktion

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