Classic Albums

Classic Albums 28.06.2017

ANGEL WITCH - Angel Witch (1980)

Wenn eine Band das Zeug dazu hatte, die Phalanx der Big Three der NWOBHM (Iron Maiden, Saxon und Def Leppard) zu durchbrechen, dann ohne Zweifel die Londoner ANGEL WITCH. Das sagt zumindest Steve Harris. Und der muss es wissen, schließlich standen ANGEL WITCH ebenso wie Maiden 1980 bei EMI unter Vertrag. Warum am Ende doch alles anders kam, erklärt Bandchef Kevin Heybourne in einem persönlichen Gespräch.

ANGEL WITCHs erste 7”-Single/12”-EP „Sweet Danger“ (mit ´Flight 19´ sowie ´Hades Paradise´ auf der B-Seite) hielt sich trotz aller Vorschusslorbeeren leider nur eine Woche lang auf Platz 75 der englischen Charts. Offenbar zu wenig für den Major-Giganten, denn im Nu waren Kevin Heybourne (Gitarre, Vocals), Kevin Riddles (Bass, Keyboards) und Dave Hogg (Schlagzeug) ihren sauer verdienten EMI-Deal wieder los. Zwar stand mit Bronze Records sogleich eine neue Firma in den Startlöchern, doch irgendwie schienen ANGEL WITCH ab diesem Zeitpunkt vom Pech verfolgt zu sein.
Die erste LP erblickte ebenfalls noch im Jahr 1980 das Licht der Welt. NWOBHM-Insider zählen „Angel Witch“ zusammen mit der ersten Maiden und Diamond Heads „Lightning To The Nations“ zu den besten drei Debüt-LPs der gesamten Bewegung. Der Einfluss ANGEL WITCHs auf die heutige Okkult-Rock-Welle ist nicht zu unterschätzen, zusammen mit Witchfinder General (und natürlich Black Sabbath) zählen die East-Ender zu den am häufigsten zitierten Bands. Der Stellenwert der 1977 ursprünglich unter dem Namen Lucifer gegründeten Formation für neue Generationen von Metal-Fans ist immens hoch, wie Kevin Heybourne am Rande des 19. Headbanger´s Open Air nicht ganz ohne Stolz erklärt:

»Es ist sicherlich kein Zufall, dass heute wieder eine Gruppe namens Lucifer existiert.«

Will Palmer, aktueller Bassist von ANGEL WITCH, ehemaliger Mitbesitzer von Rise Above Records, Herausgeber des Fanzines „Iron Fist“ und Geschäftsführer von Bad Omen Records, pflichtet seinem Bandchef ohne Einschränkung bei:

»Nein, natürlich ist die Wahl dieses Namens alles andere als ein Zufall. Ich weiß, dass Johanna, die Sängerin von Lucifer, eine große Anhängerin von ANGEL WITCH ist. Nicht umsonst haben sie ´Loser´ gecovert. Es handelt sich um eine Art Hommage an ANGEL WITCH.«

Kevin, ansonsten ein eher verschlossener und wortkarger Zeitgenosse, lacht vielsagend:

»Es ist schon eine komische Welt. Wir haben uns damals recht schnell nach der Gründung von Lucifer in ANGEL WITCH umbenannt, weil wir der Meinung waren, dass es einfach der bessere Name ist... Und jetzt ist Lucifer wiederauferstanden.«

Bereits in ihrer Frühphase schütteln sich ANGEL WITCH gleich dutzendweise absolut hochklassiges Songmaterial aus dem Ärmel. Gemeinhin wird das 1978er Sieben-Track-Demo mit Nummern wie ´Extermination Day´, ´Baphomet´ und ´Into The Dark´ als Keimzelle des zwei Jahre später erscheinenden Debütalbums betrachtet, doch laut Kevin existieren noch zwei frühere Demos, die bis dato als verschollen galten. Interessanterweise ist auf dem besagten Demo des Jahres 1978 mit Rob Downing noch ein zweiter Gitarrist zu hören. Besonders die frühe Version von ´Flight 19´ verblüfft mit doppelstimmigen Gitarrenleads, in ihrer Natur Iron Maiden nicht ganz unähnlich. Warum haben ANGEL WITCH eigentlich diesen Ansatz seinerzeit nicht weiter verfolgt? Kevin zuckt mit den Schultern:
»Keine Ahnung! Das hat sich so ergeben. Natürlich stand ich in den Siebzigern auch tierisch auf Sachen wie Thin Lizzy oder Wishbone Ash. Rob war aber nicht lange in der Band. Er tauchte eines Tages einfach nicht zu einem Gig auf, und ich musste alle Gitarrenparts alleine spielen. Fortan haben wir als Trio mit mir als einzigem Gitarristen weitergemacht. Und irgendwann hatten sich alle daran gewöhnt. Ich weiß nicht, ob die Fans uns damals überhaupt noch in Viererbesetzung akzeptiert hätten. Wir haben am Anfang auch den einen oder anderen Frontmann ausprobiert, aber irgendwie passte das alles nicht.«
Zusammen mit damals live erprobten Stücken wie ´The Night Is Calling´, ´Evil Games´ oder ´Guillotine´ mögen ANGEL WITCH zur Zeit der Aufnahme des legendären Debütalbums vielleicht knapp 20 Stücke zur Auswahl gehabt haben. Keine leichte Entscheidung also, die zehn Songs für das Vinyl zu selektieren. Kevin redet nicht lange um den heißen Brei herum, eine derartige Offenheit findet man nicht alle Tage:

»Die Produzenten haben die Songs für die Platte ausgewählt, nicht wir. Es waren die Produzenten zusammen mit dem Labelchef Gerry Bron. Der Sound der Platte sollte sich ein wenig mehr am amerikanischen Markt orientieren, das war die Idee, die dahintersteckte. Deswegen sind härtere Stücke wie ´Baphomet´ oder ´Extermination Day´ auch durchs Raster gefallen.«

Will Palmer formuliert es etwas analytischer: »Die Songs auf dem ersten Album sind alle sehr catchy und extrem gut arrangiert, auf eine gewisse Art und Weise sehr eingängig. Wenn man sich dagegen eine Nummer wie ´Extermination Day´ anhört, da passiert extrem viel, das Riffing ist äußerst komplex. Drei Jahre später wäre das kein Problem mehr gewesen. „Kill ´Em All“ hat alles verändert. Aber 1980 dachte man noch in anderen Dimensionen.«

Kevin ergänzt: »Ich kann dir genau sagen, welchen Song ich eigentlich nicht auf dem Album haben wollte: ´Free Man´. Das Stück war mir viel zu poppig und kommerziell. Wenn ich etwas ändern könnte, dann würde ich ´Free Man´ nachträglich vom ersten Album verbannen.«

Der redselige Will zeigt sich verblüfft: »´Free Man´ ist eines meiner absoluten Lieblingsstücke vom ersten Album! Das Gitarrensolo ist einfach fantastisch, ziemlich bluesig. Es hört sich so an, als ob jemand die Emotionen eines gesamten Lebens darin verarbeitet – dabei war Kevin damals vielleicht gerade einmal 20 Jahre alt. Die Aufnahme hat eine ganz eigene Magie, die ich kaum in Worte kleiden kann.«

Ganz ohne Frage stellte „Angel Witch“ zum Erscheinungszeitpunkt im Dezember 1980 ein stilprägendes Album dar (wenn auch nicht ganz so prägend wie „Kill ´Em All“ drei Jahre später). Vergleicht man die ursprünglichen Demo-Versionen von Songs wie ´Confused´ oder ´Angel Of Death´ mit den LP-Aufnahmen, dann fällt auf, dass Kevin Heybourne, Kevin Riddles und Dave Hogg das Tempo (analog zu Iron Maiden, den Kollegen aus dem East End) doch gehörig angezogen hatten, vom anfänglich von Black Sabbath geprägten Doom war kaum noch eine Spur. (Aus Platzgründen musste leider auch das in seiner Urfassung über sechs Minuten lange Instrumental ´Devil´s Tower´ für die Platte auf 2:55 Minuten zurechtgestutzt werden.) Kevin reflektiert:

»Ich denke, das hatte damit zu tun, wie wir uns damals als Band entwickelt haben. Das war ein evolutionärer Prozess. Und nebenbei bemerkt: Maiden haben erst angefangen, schneller zu spielen, als wir schneller geworden sind. Für uns waren Motörhead der entscheidende Faktor. Nicht so sehr Punk. Aber es ist wahr: Vor dem Aufkommen des Punk gab es ein großes Vakuum, die Leute hörten dieses Siebziger-Zeug. Drei Jahre später war das undenkbar.«

Zwischen Iron Maiden und ANGEL WITCH bestand in den Jahren 1977 bis 1980 eine freundliche Rivalität. Kevin ist sich dessen bewusst, dass Steve Harris große Stücke auf ANGEL WITCH gehalten hat:

»Spätestens 1980 hatten Maiden uns überholt. Aber wusstest du eigentlich, dass Steve Harris mich gefragt hat, ob ich bei Maiden als Gitarrist einsteigen möchte? Das muss so um 1979 herum gewesen sein. Ich habe aber abgelehnt, weil ich mit ANGEL WITCH weitermachen wollte. Damals spielte ein Typ namens Paul Gitarre (vermutlich meint er Paul Cairns alias Mad Mac - mm).«

Was machte 1980 also den großen Unterschied zwischen Iron Maiden und ANGEL WITCH aus? Beide Bands hatten fantastische Debütalben abgeliefert und konnten auf eine eingefleischte Anhängerschar bauen. Mit ´Angel Witch´ hatte Kevin Heybourne zudem einen der größten Evergreens der gesamten NWOBHM-Periode auf Vinyl verewigt. War der entscheidende Faktor also etwa ein tougher Manager wie Rod Smallwood? Kevin sucht nach den richtigen Worten:

»Möglicherweise. Ja, ich denke schon. Er hätte wohl den Unterschied gemacht.«

Plattenfirmenstratege Will fühlt sich bei dieser Frage dagegen voll in seinem Element:

»Das ist im Nachhinein wirklich schwer zu beurteilen. Rod Smallwood hat ja nun bekanntlich auch Bands gemanagt, die erfolglos geblieben sind, wenn ich da beispielsweise an Cockney Rebel denke. Die waren nur ein typisches One-Hit-Wonder. Das Ding ist doch, dass Rod Smallwood niemals Iron Maiden und ANGEL WITCH hätte gleichzeitig managen können – das wäre ein Interessenkonflikt gewesen. Smallwood versteht das Spiel so gut wie kein anderer, und auch Steve Harris weiß, dass man das Spiel eben mitspielen muss, um erfolgreich zu sein.«

Das erste Album von ANGEL WITCH gilt heute längst als unsterblicher Klassiker der NWOBHM. Bereits 1980 wussten die Fans um die Qualität der zehn Stücke. Bei der englischen Fachpresse dagegen hatten ANGEL WITCH seit jeher einen schweren Stand. Aus kommerzieller Sicht brachte „Angel Witch“ für das Label Bronze Records nicht den erhofften Geldregen – ein Charteinstieg blieb gänzlich aus. Eine nachhaltige Karriere war ANGEL WITCH in der Folgezeit nicht vergönnt. Die klassische Besetzung Heybourne/Riddles/Hogg zerstreute sich nach einem desaströsen Auftritt im Londoner Marquee in der Wardour Street im September 1981 in alle Winde. Heybourne führte mit ANGEL WITCH diverse mehr oder minder erfolgreiche Neustarts durch.
Es bleibt ein Kuriosum am Rande: Als eine der wenigen Metal-Bands aus dem „kapitalistischen Ausland“ können ANGEL WITCH (zusammen mit den damaligen Labelkolleginnen von Girlschool) auf ein Kurzgastspiel in der DDR zurückblicken. Das Jugendprogramm „rund“ des DDR-Staatsfernsehens sendete zwei Stücke in die Wohnzimmer zwischen Sassnitz und Plauen: natürlich ´Angel Witch´ sowie ´White Witch´, aufgezeichnet in Weimar. Kevin versucht sich an die Details jener historischen Dienstreise in die realsozialistische Diaspora im Jahre 1981 zurückzuerinnern:

»Das war für uns Engländer ein riesiges Abenteuer. Wir sind in Brüssel umgestiegen, um nach Berlin-Schönefeld zu fliegen. Ost-Berlin war so ganz anders als London, das kann ich dir sagen. Danach ging es mit einem Transporter weiter nach Weimar, über eine Autobahn, die nur aus Schlaglöchern zu bestehen schien. Wir sind ganz schön durchgeschüttelt worden. Ein Reisebegleiter befand sich ständig an unserer Seite: Wir haben den Checkpoint Charlie gesehen und das Konzentrationslager in Buchenwald besucht – eine Erfahrung, die ich nie vergessen werde. Ich kann mich nicht daran erinnern, mit DDR-Mark entlohnt worden zu sein, sondern nur mit jeder Menge Alkohol.«

Bandkollege Will lauscht andächtig:

»Wow, das muss eine coole Erfahrung gewesen sein! Ich bin absolut fasziniert von der Geschichte der DDR. Wie konnte ein ganzes Land einfach in zwei Teile geteilt werden? Ich habe jetzt sogar angefangen, AMIGA-Platten zu sammeln: miese Pressungen von Scorpions-, AC/DC- und Uriah-Heep-Alben... Aber das sind nur langweilige Plattensammler-Geschichten.«

www.facebook.com/angelwitchoffical

DAS LINE-UP AUF „ANGEL WITCH“ (1980)

Kevin Heybourne (g./v.)
Kevin Riddles (b./keys)
Dave Hogg (dr.)

FAKTEN, FAKTEN, FAKTEN

Spielzeit: 38:01 Minuten
Produzent: Martin Smith
Engineers: Mark Dearnley, Ashley Howe, John Gallen
Cover: „The Fallen Angels Entering Pandemonium“ von John Martin/Tate Gallery London

DIE SONGS

Angel Witch
Atlantis
White Witch
Confused
Sorceress
Gorgon
Sweet Danger
Free Man
Angel Of Death
Devil´s Tower

DISKOGRAFIE (Studioalben)

Angel Witch (1980)
Screamin ´N´ Bleedin´ (1986)
Frontal Assault (1986)
As Above, So Below (2012)

Bands:
ANGEL WITCH
Autor:
Matthias Mader

Melde dich für unseren Newsletter an und verpasse nie mehr die wichtigsten Infos

Diese Seite verwendet Cookies. Erfahrt in unserer Datenschutzerklärung mehr darüber, wie wir Cookies einsetzen und wie Ihr Eure Einstellungen ändern und Cookies deaktivieren könnt. Darüber hinaus verwenden wir Cookies Dritter für die Einbindung audiovisueller Inhalte durch Youtube, Spotify und Soundcloud. Dem könnt ihr hier zustimmen oder dies ablehnen. Datenschutzerklärung ansehen.