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Foto: Brittany Bowman

ToneTalk 26.01.2022, 08:00

VOLBEAT - »Alleine zu proben, ist für mich das Langweiligste auf der Welt«

Gitarrist und Sänger Michael Poulsen hat nicht nur mit VOLBEATs eigenwilligem Mix aus Rock´n´Roll, Rockabilly, Punk und Metal einen guten Riecher bewiesen, sondern auch bei der Wahl seines Drummers: Jon Larsen (51) treibt die dänischen Megastars seit über 20 Jahren am Schlagzeug an und ist somit neben dem Frontmann das einzige verbliebene Gründungsmitglied – keine schlechte Bilanz für jemanden, der seine Sticks und den Traum einer Musikerkarriere eigentlich schon mit Mitte 20 an den Nagel gehangen hatte.

Jon, wann hast du mit dem Schlagzeugspielen angefangen, und was hat dich dazu inspiriert?

»Wenn ich mich recht entsinne, war ich zehn Jahre alt, als ich eines Nachmittags den Beatles-Film „Help!“ im Fernsehen sah. Ich verliebte mich total in die Band. Besonders dieser kleine Kerl im Hintergrund, über den sich alle lustig machten, faszinierte mich. Er spielte Schlagzeug, und ich dachte mir: „Wow, er sieht dabei so glücklich aus! Das scheint ein guter Job zu sein. Ich glaube, das will ich auch machen!“ Nach dem Film bettelte ich meine Eltern an, mit mir in den Plattenladen zu fahren, damit ich mir ein Beatles-Album kaufen konnte. Glücklicherweise ließen sie sich breitschlagen, und ich bekam „Help!“ als Musikkassette. Ich hörte mir das Album immer und immer wieder an. Irgendwann offenbarte ich meinen Eltern, dass ich gern Schlagzeug spielen würde. Sie meinten: „Klar, warum nicht?“ Sie besorgten mir einen Unterrichtsplatz, damit ich mir die Grundlagen des Spielens aneignete. Das habe ich einige Jahre durchgezogen. Im Nachhinein hat es sich bezahlt gemacht, aber mein Lehrer war leider ein Jazztrommler; mit elf oder zwölf Jahren ist es eher selten, dass du von Jazz fasziniert bist. Ich hatte jedenfalls überhaupt keine Lust darauf, sondern wollte verdammt nochmal die Songs der Beatles spielen! Deshalb ließ ich den Unterricht irgendwann bleiben und übte stattdessen lieber zu meinen Beatles-Alben. Kurz darauf kamen The Rolling Stones und The Who dazu. Später fand ich Gefallen an härteren Sachen wie Iron Maiden, Kiss und Judas Priest.«

Wie alt warst du, als du zum ersten Mal in einer Band gespielt hast?

»Ich trommelte zuerst in der Schulband. Einer unserer Lehrer wunderte sich darüber, dass wir keine hatten, und wollte das ändern. Ich muss damals 13 Jahre alt gewesen sein, und wir spielten ausschließlich Coverversionen, unter anderem von den Beatles und dänischen Künstlern. Die Truppe existierte einige Jahre lang. Irgendwann erzählte mir ein Freund, dass er eine Annonce gesehen hatte, in der jemand Musiker für eine Band suchte. Ich rief den Typen an, den ich heute zu meinen ältesten und besten Freunden zähle – wir blicken auf fast 40 gemeinsame Jahre zurück. Wir gründeten eine Band und blieben einige Jahre am Ball. Allerdings hat keine der Combos, in denen ich vor VOLBEAT spielte, nennenswerte Erfolge gefeiert (die Encyclopaedia Metallum listet Abhorrence, Infernal Death und Moratorium als Jons ehemalige Acts – rb). Wir hatten trotzdem unseren Spaß, nahmen Demos auf und spielten einige Shows. Keiner von uns hatte aber das Zeug zu einem Leitwolf, der auch bereit war, die Drecksarbeit zu machen.«

In den frühen VOLBEAT-Jahren war schnelles Doublebass-Spiel eines deiner Markenzeichen. Hat es dir Schwierigkeiten bereitet, diesen Stil zu erlernen?

»Nicht zu dem Zeitpunkt, als ich bei VOLBEAT einstieg. Als Michael die Band gründete, hatte ich meine Musikerkarriere bereits aufgegeben. Wie gesagt blieb der Erfolg meiner Bands aus, und mit Mitte 20 musste ich mir etwas anderes überlegen, um meine Brötchen zu verdienen. Als mich Michael anrief, hatte ich schon seit mehreren Jahren nicht mehr am Schlagzeug gesessen und war mir nicht sicher, ob ich die Herausforderung annehmen konnte. Michael war aber zuversichtlich, dass es funktionieren würde. Er hatte insofern recht, als es sich wie Fahrradfahren anfühlte, als ich mich wieder ans Kit setzte – man verlernt es nicht. In den frühen Jahren gab es bei VOLBEAT in der Tat viele Doublebass-Kicks zu hören. Das passte einfach zur Musik – oder zumindest hatte ich das Gefühl und war starrköpfig: „Ich spiele hier meine Doublebass, mir egal, was du davon hältst!“«

Später habt ihr auch zunehmend sanftere Töne angeschlagen. Fiel es dir schwer, dich mit deinem Spiel zurückzunehmen?

»Ich habe einfach irgendwann gemerkt: Wenn Doublebass-Kicks nicht zur Musik passen, besteht auch kein Grund, sie einzubauen. Auf einigen Alben und in manchen Songs fügen sie sich nicht gut in den Gesamtsound ein. Ich würde sagen, dass ich schon seit zehn Jahren stärker darauf achte, was meine Mitmusiker spielen, statt zu sagen: „Oh yeah, ich will hier mein Ding durchziehen, fickt euch alle!“ Mittlerweile höre ich mir die Musik aufmerksamer an und denke mir Sachen wie: „Passt der Einsatz eines Crash-Beckens hier vielleicht besser als ein Ride-Becken?“«

Wie oft übst du?

»Michael, Kaspar (Boye Larsen, b. – rb) und ich treffen uns zweimal die Woche zum Proben, was wir die letzten 18 Monate konsequent durchgehalten haben.«

Setzt du dich auch allein ans Kit, um zu üben?

»Nein, ich sollte das bestimmt mal tun, aber es ist für mich das Langweiligste auf der Welt. Ich habe zu Hause ein E-Drum-Kit stehen, das ich auch ab und zu spiele, doch oft reicht es mir nach ein paar Minuten. Viel mehr Spaß bereitet mir das Spielen mit anderen. Im Vorfeld unserer letzten beiden Studiobesuche habe ich die Songs daheim ein bisschen einstudiert. Ich mache das aber wirklich nur, wenn es nötig ist.«

Treibst du Sport, um in Form zu bleiben?

»Nö, ich spiele nur Schlagzeug und gehe mit meinen Hunden spazieren.«

Wärmst du dich vor einem Konzert an einem E-Drum-Kit auf?

»Nein, das Ding bleibt leider daheim. Ich wünschte, ich könnte es mitnehmen, aber mein Techniker weigert sich, es jeden Tag aufzubauen. Ich greife auf Tour auf ein Übungs-Pad zurück und habe von Pearl auch ein Übungs-Kit bekommen, das aber so viel Lärm macht, das ich es nicht aushalte, darauf zu spielen. Normalerweise mache ich vor der Show ein paar Dehnübungen und trommle einige rudimentäre Muster auf dem Pad. Insgesamt dauert das Prozedere zwischen 30 und 50 Minuten. Meistens höre ich dabei meine Aufwärm-Playlist auf meinem iPod, zu deren Songs ich dann spiele. Darunter befinden sich Lieder von Slayer, Iron Maiden, The Offspring und Ace Frehley.«

Mike Portnoy hat sich mal beim Schlagzeugspielen die Schulter ausgekugelt. Ich hoffe, du hast bisher keine so schwere Verletzung davongetragen.

»Nein, so schlimm war es bei mir nicht, aber ich habe mich schon einige Male aus Versehen mit den Drumsticks im Gesicht getroffen und mir auf die Finger gehauen, was ziemlich schmerzhaft sein kann. Toll ist es auch, wenn der Stick entzweibricht und dich im Auge trifft! Einmal habe ich mir volle Kanne auf die Augenbraue gehauen. Das tat zwar ziemlich weh, doch ich fragte mich, warum mich mein Techniker auf einmal mit einem Handtuch abtupfte, während ich spielte. Ich bemerkte gar nicht, dass ich blutete.«

Trägst du beim Spielen Handschuhe?

»Ja, ich trage schon seit vielen Jahren Handschuhe, weil sich in meinen Handflächen viel Schweiß sammelt. Zuvor probierte ich viele Tricks aus, um trotzdem die nötige Griffigkeit zu haben: Ich verband mir die Finger mit Tape, tauchte meine Hände in ein klebriges Getränk wie Coca-Cola und beklebte meine Sticks mit griffigem Band oder sogar Schmirgelpapier. All das hat nicht richtig funktioniert, und ich war nicht besonders heiß darauf, Handschuhe zu benutzen, weil ich das Gefühl hatte, damit die hundertprozentige Kontrolle über meine Hände zu verlieren. Ich stieß dann aber glücklicherweise auf Handschuhe der Firma ProMark, die ich seitdem benutze. Ich glaube, sie sind etwas dünner als die üblichen Modelle, und mittlerweile fühlt es sich für mich ganz natürlich an, sie beim Spielen zu tragen.«

Trägst du auch besondere Schuhe?

»Nein, ich trage immer ein altes Paar leichte Sneaker, die ich schon ewig benutze. Sie stinken ziemlich übel, tun aber ihren Dienst.«

Gibt es einen Song, der dich beim Einüben in den Wahnsinn getrieben hat?

»Es gibt nichts, was mich wirklich wahnsinnig gemacht hat, aber einige Stücke brauchen mehr Übung als andere. Auf dem aktuellen Album erwies sich ´Becoming´ als Herausforderung, weil ich seit 30 Jahren nicht mehr so schnell getrommelt habe. Es hat also eine Weile gedauert, mir das wieder anzueignen.«

Auf welche deiner Performances bist du besonders stolz?

»Ich freue mich immer, wenn ich das fertige Album höre und dabei denke: „Ja, für diesen Song haben wir das richtige Tempo ausgewählt!“ Das ist immer sehr schwierig. Das Tempo darf weder zu hoch noch zu niedrig sein, sondern muss sich natürlich anfühlen. Das war auch bei dem Track ´Gates Of Babylon´ so, darin habe ich auf einen Vorschlag von Rob (Caggiano, g. – rb) hin etwas Besonderes probiert. Im Studio spielte ich zuerst genau auf den Beat, aber Rob meinte, ich solle das rechte Becken auf den Offbeat anschlagen. Ich habe lange gebraucht, um zu kapieren, was er damit meinte. Er erklärte dann: „Hör dir ´Animate´ von Rush an. Du sollst das Muster übernehmen, das Neil Peart auf dem Becken spielt!“ Ich entgegnete: „Du willst jetzt, dass ich Neil Peart bin? Ich werde niemals wie er spielen können.“ – „Nein, nein, es geht nur um diesen einen Part.“ Es hat echt lange gedauert bis der Groschen bei mir gefallen ist. Bei den Aufnahmen zum Album habe ich dann auch geschummelt, weil ich das nicht alles gleichzeitig spielen konnte. Mittlerweile beherrsche ich es aber, worauf ich stolz bin.«

Spielst du im Studio und live mit einem Click-Track?

Die letzten drei Studioalben wurden zu einem Click-Track aufgenommen. Früher haben wir das nie gemacht. Wir spielten einfach drauflos, und Jacob (Hansen, VOLBEAT-Produzent – rb) hatte die Aufgabe, alles zusammenzusetzen. Ich habe nie gelernt, zu einem Click-Track zu spielen, also war meine ursprüngliche Reaktion: „Oh oh, das wird nicht funktionieren.“ Es hat eine Weile gedauert, bis ich mich damit arrangiert habe, doch mittlerweile fühlt es sich ganz natürlich an, damit aufzunehmen. Live greifen wir nur bei einigen Songs auf den Click zurück. Es gibt ein paar Stücke, die Soundeffekte oder zusätzliche Gitarrenspuren beinhalten, die live vom Computer kommen. Das geht gar nicht anders, außer du willst 25 andere Musiker mit auf Tour nehmen. Und dann gibt es noch einige Songs, bei denen wir den Click-Track nur zum Einzählen benutzen. Sobald wir alle in eingestiegen sind, stoppt er.«

www.volbeat.dk

www.facebook.com/volbeat



DISKOGRAFIE (nur Studioalben)



The Strength / The Sound / The Songs (2005)

Rock The Rebel / Metal The Devil (2007)

Guitar Gangsters & Cadillac Blood (2008)

Beyond Hell / Above Heaven (2010)

Outlaw Gentlemen & Shady Ladies (2013)

Seal The Deal & Let´s Boogie (2016)

Rewind, Replay, Rebound (2019)

Servant Of The Mind (2021)

Bands:
VOLBEAT
Autor:
Ronny Bittner

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