Classic Albums

Classic Albums 16.02.2011

ANNIHILATOR - Alice in Hell (1989)

Das Leben findet zwar nicht im Konjunktiv statt, aber hätte ANNIHILATOR-Mastermind Jeff Waters (g./v.) vor fast 25 Jahren das Angebot angenommen und die Rechte an seinem Alltime-Klassiker ´Alison Hell´ verkauft, wäre das Hammerdebüt „Alice In Hell“ mit besagter Hymne und weiteren Speed/Thrash-Evergreens wie ´Crystal Ann´, ´W.T.Y.D.´ oder ´Schizos (Are Never Alone)´ womöglich nie erschienen.

»Ich weiß nicht, ob ich die Geschichte schon mal jemandem erzählt habe, aber als wir uns Mitte der Achtziger mit unserem „Phantasmagoria“-Demotape bei diversen Labels beworben hatten, hatte ich ein paar Wochen später eine Antwort von Metal Blade im Briefkasten. Die wollten uns doch tatsächlich den Song ´Alison Hell´ für 1.000 Dollar für ihre Band Lizzy Borden abkaufen. Gott sei Dank habe ich auf meinen Vater gehört und das Angebot ausgeschlagen, obwohl das damals eine Menge Geld war«, erinnert sich Jeff Waters (45).

Trotzdem dauerte es noch einige Jährchen, bis „Alice In Hell“ erschien, weil sich die Arbeiten am ersten ANNIHILATOR-Streich ewig hinzogen.

»Ich bin von meinem damaligen Manager von Ottawa, wo ich aufgewachsen bin, nach Vancouver gelockt worden. Unter anderem versprach er mir für die Albumproduktion ein erstklassiges Studio. Leider entpuppte sich das nur als kleine Demoklitsche. Zu allem Unglück konnten wir nur fünf Tage die Woche nachts für zwei bis drei Stunden aufnehmen. Deshalb zogen sich die Recordings auch über ein Jahr hin. Das hatte immerhin den Vorteil, dass ich relativ entspannt nach dem passenden Sänger Ausschau halten konnte, nachdem in Ottawa noch John Bates, mein Kumpel und Co-Autor von ´Alison Hell´, ´W.T.Y.D.´ und ´Human Insecticide´, gesungen hatte. Weil John in der Heimat geblieben war, testete ich einige Kandidaten an. Leider fehlte es den Leuten samt und sonders an Charisma und Attitüde, bis sich eines schönen Tages Randy Rampage mit den Worten vorstellte: „Ich bin der Bassist der kanadischen Hardcore-Punk-Band D.O.A. und würde gerne bei ANNIHILATOR singen. Ich kann das.“ Zwar konnte er das nicht die Bohne, aber dafür war seine „Fuck you!“-Attitüde klasse. Manchmal ist er ins Publikum gedivt und hat sich dabei geschnitten oder sogar was gebrochen, ohne mit der Wimper zu zucken, und die Geschichten, die er erzählt hat, waren auch absolut großartig. Außerdem passte seine Stimme perfekt zu den Songs. Wusstest du eigentlich, dass Duff McKagan von Guns N´Roses sein Image bei Randy abgekupfert hat? Und zwar noch bevor „Appetite For Destruction“ erschien. Schau dir einfach mal alte Guns-N´Roses-Fotos an. Da trug McKagan quasi das gleiche Outfit - hellblond gefärbte Haare, ähnliche Frisur und Klamotten - zur Schau wie Rampage. McKagan und Rampage waren seinerzeit dick miteinander befreundet. Selbst als Duff seine ersten zehn Millionen Dollar verdient hatte, hingen die beiden noch häufig zusammen ab«, erzählt der alleinerziehende Vater eines Sohnes, der sich seit einigen Jahren gemeinsam mit seiner deutschen Lebensgefährtin um die geschäftlichen Belange von ANNIHILATOR kümmert.
»In den ersten Jahren meiner Karriere waren mir nur vier Dinge wichtig. Erstens: Heavy Metal. Zweitens: Stripperinnen. Drittens: Bier trinken. Viertens: Zigaretten. Deshalb konnte mein Manager auch machen, was er wollte. Ab einem gewissen Zeitpunkt konnte er sogar Verträge für mich unterschreiben. Deshalb habe ich auch erst viele Jahre nach der Veröffentlichung von „Alice In Hell“ rausgefunden, dass das Geld für die Albumproduktion aus verschiedenen Quellen stammte, wovon einige nicht ganz koscher waren. Ein Teil der Kohle für die Scheibe und den ´Alison Hell´-Videoclip kam sogar von der kanadischen Regierung in Form eines Darlehens. Weil wir einige Zeit später einen Plattenvertrag bei Roadrunner unterschrieben, mussten wir den Betrag aber zurückzahlen.«

Das war angesichts der extrem guten Verkaufszahlen - angeblich ging die Scheibe in den ersten Monaten weltweit etwa 250.000 Mal über die Ladentheke - auch kein Problem.

»Bei Roadrunner wäre man schon mit 15.000 bis 20.000 verkauften Einheiten zufrieden gewesen, nachdem der Boss des Labels, Cees Wessels, von uns nicht gerade überzeugt war. Glücklicherweise hat er seinen A&R-Manager Monte Conner gewähren lassen, der unseren Werdegang schon seit Jahren aufmerksam verfolgt hatte. Übrigens waren wir Montes erstes Signing, dem später noch viele weitere wie Sepultura, Trivium und Slipknot folgen sollten. Wie viel wir von „Alice In Hell“ bis zum heutigen Tage verkauft haben, kann ich dir leider nicht sagen, aber es sind natürlich viel mehr als die 250.000. Gottlob hat man damals noch keine Leibeigenenverträge über fünf oder gar sieben Alben abgeschlossen. Als uns Roadrunner trotz hervorragender Verkäufe nach drei Scheiben überraschend fallen ließen, konnte ich mit Music For Nations einen sehr lukrativen Deal unter Dach und Fach bringen. So viel Geld auf einen Haufen hatte ich noch nie gesehen. Ich war mit „King Of The Kill“ quasi auf einen Schlag finanziell saniert«, lacht Jeff, der seinen größten Hit ´Alison Hell´ zwiespältig beurteilt.
»Als wir das Stück live ein paar Mal weggelassen haben, waren viele Fans stocksauer. Deshalb spielen wir den Song bei jedem Konzert, auch wenn die eine Hälfte von mir den Track hasst. Die andere Hälfte versteht aber, warum ihn die Leute unbedingt hören wollen. Zumal es mir mit ´The Sentinel´ von Judas Priest oder einigen Songs meiner Faves Van Halen, AC/DC, Kiss, Slayer oder Metallica ähnlich geht. Außerdem würde ich ohne ´Alison Hell´ vielleicht nicht meinen Lebensunterhalt mit Musik bestreiten können. Von daher kann ich das Lied nicht wirklich hassen. Ich habe vor ein paar Jahren mal ein Interview mit Joe Elliott von Def Leppard gelesen, in dem er sich negativ über mein Leppard-Lieblingsalbum „On Through The Night“ äußert. Das hat mich als Fan doch sehr irritiert.«

Erfreuter zeigt sich der redselige Kanadier über den Einfluss, den seine Kapelle und vor allem seine virtuose und gleichzeitig originelle Gitarrenarbeit auf die Metal- und Rockszene im Laufe der Zeit ausgeübt haben.

»Eigentlich habe ich erst in den letzten paar Jahren - auch dank des Internets und der „Roadrunner United“-Geschichte 2005 - realisiert, wie viele Musiker und Bands ich mit „Alice In Hell“ und meinen anderen Platten beeinflusst habe. Darunter befinden sich auch etliche Mucker aus anderen Genres wie zum Beispiel Chad Kroeger von Nickelback, Chris Henderson von 3 Doors Down oder Ville Valo von HIM. Zu unseren größten Fans gehören Mike Kroeger von Nickelback, Corey und Joey von Slipknot, Alexi von Children Of Bodom, In Flames, Lamb Of God und sogar Megadeth. Genauso, wie ich von Glenn Tipton von Priest, Matthias Jabs von den Scorpions, Akira von Loudness, Gary Holt, Hanneman und King, Hetfield, Hammett und Ulrich inspiriert wurde. Die Liste ließe sich natürlich noch um etliche Namen fortführen. Letzten Endes ist es eine sehr schöne Sache, so viele Künstler inspiriert zu haben. Zu Kopf gestiegen ist mir das aber nicht. Im Gegenteil: Für einen Jungen aus Ottawa, der vor über 25 Jahren aus Liebe zum Metal und zu Acts wie Slayer, Exodus & Co. eine Thrash-Metal-Band gegründet hat, ist es immer noch eine sehr coole Sache, in seinem Studio zu sitzen und dabei auf das Judas-Priest/Annihilator/Pantera-Tourposter aus dem Jahre 1991 zu blicken.«

www.myspace.com/annihilatorofficial

Das Line-up auf „Alice In Hell“:

Randy Rampage (v.)
Jeff Waters (g.)
Anthony Greenham (g.)
Wayne Darley (b.)
Ray Hartmann (dr.)

Fakten, Fakten, Fakten

Songs: 9
Spielzeit: 37:46
Produktion & Mix: Jeff Waters

DISKOGRAFIE (nur Studioalben)

Alice In Hell (1989)
Never, Neverland (1990)
Set The World On Fire (1993)
King Of The Kill (1994)
Refresh The Demon (1996)
Remains (1997)
Criteria For A Black Widow (1999)
Carnival Diablos (2001)
Waking The Fury (2002)
All For You (2004)
Schizo Deluxe (2005)
Metal (2007)
Annihilator (2010)

Bands:
ANNIHILATOR
Autor:
Buffo Schnädelbach

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