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Foto: Victor Chalfant

ToneTalk 19.12.2018, 08:00

ALICE COOPER - »In jeder Gitarre steckt ein guter Song«

Ryan wer? Die wenigsten Alice-Cooper-Fans dürften den Mann namentlich kennen, der zu den langlebigsten Mitgliedern der Band des Schockrockers gehört, doch RYAN ROXIE ist alles andere als ein bloßer Statist, wie er jüngst auch auf seinem allerersten eigenen Album „Imagine Your Reality“ bewiesen hat. Im Interview spricht der Power-Pop-Fan über sein Selbstverständnis als Gitarrist, die große Musikindustrie und die kleinen Freuden auf Reisen mit Mr. Furnier.

Ryan, warum bringst du als altgedienter Mucker erst jetzt ein Soloalbum heraus?

»Besser spät als nie. Ich dachte, es zu einem Zeitpunkt zu tun, wo die meisten Musiker schon mit dem Ruhestand liebäugeln, wäre interessant, aber dahinter steckt auch ein bisschen Trotz. Ich will mit gängigen Gepflogenheiten in diesem Geschäft brechen und finde, dass diese Lieder so oder so funktionieren, egal wann sie entstanden sind und veröffentlicht werden.«

Was macht für dich einen starken Song aus?

»Wäre diese Frage leicht zu beantworten, würden wir alle in Villen wohnen und nicht mehr aus der Hängematte aufstehen, aber als Gitarrist lege ich persönlich Wert auf ein gewisses spielerisches Niveau, selbst wenn das nicht die Hauptsache ist. Bei meinen eigenen Stücken achte ich darauf, ein Gleichgewicht zwischen technischem Anspruch und Eingängigkeit zu halten, während der Gesang im Mittelpunkt stehen soll. „Imagine Your Reality“ ist sicherlich ein Gitarrenalbum, doch selbst meine Soli lassen sich mitsingen. Ein verbindliches Rezept für Hits existiert sowieso nicht. Da ist auch immer ein bisschen Magie im Spiel, etwa wenn dir einfach so ein prägnanter Titel oder eine Melodie einfällt. Dann muss man nur noch in der Lage sein, diese Ideen festzuhalten.«

Ist das in deinen Augen eine verloren gegangene Tugend?

»Auf jeden Fall. Bei vielen Bands ist das ganze Drumherum heutzutage wichtiger als die Qualität ihrer Kompositionen. Dadurch, dass mittlerweile mehr Leute als je zuvor Musik machen, ist sie nicht unbedingt besser geworden, und ich wünsche mir, dass hochwertige Gitarrenarbeit wieder einen höheren Stellenwert erhält. Ehrlich gesagt bin ich es leid, Typen mit Kopfhörern hinter DJ-Pulten zu sehen, was dann ein Livekonzert sein soll.«

Hast du bestimmte Vorbilder als Songwriter?

»Viele, doch generell gilt bei mir das alte Prinzip, dass ein Lied gut ist, wenn es auf der Akustikgitarre gespielt funktioniert, und wenn man dann noch ein Solo einbauen kann, ohne etwas kaputtzumachen, ist das perfekt. Ich hoffe, dass ich meine Sachen an einem Lagerfeuer spielen könnte, ohne dass man meine Klampfe in die Flammen wirft (lacht).«

Inwieweit hat dich Alice geprägt?

»Es gibt nichts, was man nicht von ihm lernen kann. Immerhin hat er im Lauf seiner Karriere so ziemlich alles erlebt und gehört zu den Pionieren des Rock. Er hat mir nicht nur viel über die Branche beigebracht, sondern auch psychologisches Feingefühl, wenn es darum geht, mit schwierigen Leuten umzugehen, wozu ja auch nicht wenige Künstler gehören. Davon abgesehen bin ich durch ihn zum Golfspielen und Pokern gekommen, aber vor allem bin ich dankbar dafür, dass ich mit ihm kreuz und quer durch die Welt reisen darf.«

Was ist für eine dauerhafte Karriere als Kreativer wichtiger: handwerkliche Fertigkeiten oder Businesswissen?

»Man kann sich noch so gut mit den Hintergründen auskennen und hadert letzten Endes trotzdem immer, was das Finanzielle angeht. Höchstens ein Prozent aller Kunstschaffenden verdient seinen Lebensunterhalt mit sonst nichts, und das war eigentlich noch nie anders. Weil Tonträger allein den Bock heute nicht mehr fett machen, braucht man andere Einnahmequellen, wobei dann die handwerkliche Seite ins Spiel kommt. Eine Band nämlich, die bei ihren Konzerten etwas hermacht, gewinnt wirkliche Fans, die ihr treu bleiben, Shirts und Platten kaufen. Der Live-Sektor wird niemals aussterben. Wer sich nicht auf der Bühne behaupten kann, ist hingegen schnell weg vom Fenster. Ich bin froh, Anhänger zu haben, die sogar nach Vinyl verlangen, denn das ist für mich immer noch das ultimative Medium, um Musik zu genießen. Ich kenne nichts Schöneres, als eine große Hülle in den Händen zu halten und das Textblatt zu lesen, während man ein Album hört. Wir müssen kommende Generationen dafür sensibilisieren, dass sich diese Erfahrung nicht durch digitale Formate reproduzieren lässt.«

Verwendest du dementsprechend auch nur analoges Equipment?

»Ich versuche im Studio wie auch bei Gigs, nach Möglichkeit auf Digitaltechnik zu verzichten, obwohl ich sie nicht kategorisch ablehne. Sie ist in bestimmten Situationen praktisch, vor allem um Zeit und Kosten zu sparen. Mitschnitte auf Zwei-Zoll-Tonbändern und SSL-Neve-Mischpulten etwa stellen heute eher eine Ausnahme als die Regel dar, das muss man akzeptieren. Wir kompensieren das aber bis zu einem gewissen Grad mit der richtigen Einstellung, denn Live-Energie lässt sich auch mit modernen Geräten authentisch einfangen. Die Voraussetzung dafür ist, einen Song überhaupt fehlerfrei am Stück spielen zu können, was früher selbstverständlich war, jetzt aber nicht mehr. Darum hört man vielen aktuellen Produktionen an, dass einzelne Parts zusammengestückelt und korrigiert wurden. Einzelne Spuren für drei Tracks auf „Imagine Your Reality“ haben wir übrigens während einer Tournee auf Hotelzimmern in unterschiedlichen amerikanischen Städten eingespielt.«

Fortschritt ist am Ende also das, was man daraus macht?

»So ungefähr, einfach das Beste aus beiden Welten nehmen. Offen gestanden vermisse ich die alten Tage, in denen man sich noch etwas einfallen lassen musste, weil einem nur beschränkte Mittel zur Verfügung standen. Mit all den Gadgets heutzutage kann man die tollsten Sachen anstellen, sich aber auch in Belanglosigkeiten verzetteln und das Wesentliche aus den Augen verlieren, wobei die eigene Vorstellungskraft verkümmert. Mit Talent allgemein verhält es sich genauso: Man muss wissen, wie man es umsetzt, denn von nichts kommt nichts. Aus dem Grund sind die Werke der Beatles weiterhin der Maßstab, wenn es darum geht, das Beste aus dem herauszuholen, was man hat. Heute kann jedes iPhone mehr als die Studios, in denen die Band damals arbeitete. Ich finde außerdem, dass das Streben nach Perfektion eher schadet als hilft.«

Du blickst auf Kollaborationen mit Schwergewichten wie Cheap Tricks Robin Zander und Slash zurück. Führst du eine Liste von Kollegen, mit denen du dich noch zusammentun willst?

»Klar, ich habe immer noch Idole, die ich gern einladen würde, und lasse mich auch gern von jungen Bands inspirieren, sonst würde auch keine Coldplay-Coverversion auf meiner Platte stehen. Andererseits sind mir dank Alice schon so viele meiner Helden über den Weg gelaufen, dass ich es verschmerzen kann, wenn ich keine prominenten Gäste für meine Aufnahmen finde. Robin ist in seinem eigenen Stück ´California Man´ zu hören und nahm seinen Part bei sich zu Hause in Florida auf. Ich würde nicht auf die Chance verzichten, gemeinsam mit jemandem wie Noel Gallagher von Oasis oder Dave Grohl Songs zu schreiben. Speziell die Foo Fighters haben ja bewiesen, dass man doch noch mit härterer Gitarrenmusik im Mainstream stattfinden kann.«

Hat es dich je gestört, im Schatten einer überlebensgroßen Figur wie Alice Cooper zu stehen?

»Nie. Er gewährt allen Mitgliedern seiner Band Solospots während der Show, und ich fühle mich geehrt, mit ihm spielen zu dürfen. Während jeder von uns weiß, wessen Name auf den Konzertplakaten steht, ist ihm seinerseits bewusst, dass wir unseren jeweiligen Beitrag zum übergeordneten Ganzen leisten. Man respektiert sich gegenseitig, und mir reicht es sowieso, nur ein paar Minuten pro Abend im Rampenlicht zu stehen. Umgekehrt wird mir nie langweilig dabei, Alice auf der Bühne zu beobachten. Das Publikum soll unterhalten werden, alles andere ist zweitrangig.«

Von reiner Dienstleistung kann ergo keine Rede sein?

»Nein, zumindest wenn man seit mehr als 20 Jahren miteinander zu tun hat und sich noch gegenseitig zum Lachen bringen kann. Wir pflegen eine innige Beziehung und besuchen auf Tour, falls es sich ergibt, regelmäßig Golfplätze. Du wirst es nicht glauben, doch auf der Fahrt dorthin kommt es vor, dass wir Songs zusammen singen, die gerade im Radio laufen. Nach all der Zeit noch so viel Spaß an der Sache zu haben, ist ein Geschenk für mich.«

Zur Jahrtausendwende verlagerte sich Alice auf einen sehr harten, düsteren Stil. Hattest du einen Einfluss darauf?

»Höchstens am Rande. Man muss sich vor Augen halten, dass sich Alice zu keiner Zeit damit zufriedengegeben hat, ein und dasselbe zu machen. Seine Begleitband musste dem stets Rechnung tragen, weshalb wir auch drei Gitarristen brauchen. Bei Auftritten decken wir die gesamte Palette ab, sei es die psychedelische Frühphase, der Stadion-Rock Ende der Achtziger oder der klassische Garagen-Sound, den er nach 2000 wieder aufgegriffen hat. Wie er sich stilistisch orientiert, bestimmt er ganz allein. Unterm Strich bleibt es ohnehin Hardrock mit Pop-Appeal.«

Wie stark haben Produzenten und Songwriter wie Bob Ezrin und Bob Marlette Alice Coopers Musik beeinflusst?

»Sagen wir es so: Solche Kaliber drücken jedem Stück ihren Stempel auf, doch nicht einmal sie können aus Dreck Gold machen. Ich hatte das Glück, schon bei einer meiner ersten professionellen Aufnahmen mit Tony Visconti arbeiten zu dürfen. Meine damalige Band hieß Electric Angels, und Tony war mir durch David Bowie geläufig. Nach ihm hörten sich unsere Sachen dann auch wirklich ein bisschen an. Völlig vermeiden lässt sich eine solche Prägung nicht.«

Wie sieht dein Setup im Studio bzw. live aus?

»Traditionsgemäß benutze ich Gibson-Instrumente und Marshall-Verstärker. Meine Les Paul Gold Top nehme ich aber nicht mehr mit auf Tour. Ich will nicht behaupten, es gebe keine bessere Rezeptur, doch diese hat sich für mich bewährt, wenn es um Rock´n´Roll im ursprünglichen Sinn geht. Bei Aufnahmen experimentiere ich manchmal aber ganz gern, neulich erst mit einem tragbaren Amp des deutschen Herstellers Thomas Blug. Es ist das erste Gerät, das meinem Marshall-Sound nahekommt, und genau das, was ich lange gesucht habe. Wenn ich auf Musikmessen präsentiere oder im Rahmen von Clinics Unterricht gebe, will ich schließlich so klingen wie mit Alice auf der Bühne. Man sollte sich nicht vor neuen Entwicklungen verschließen, und selbst eine Fender Stratocaster hat etwas für sich. Ich sage immer: In jeder Gitarre steckt ein guter Song.«

www.ryanroxie.com

www.facebook.com/ryanroxieofficial

Bands:
ALICE COOPER
Autor:
Andreas Schiffmann

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