Festivals & Live Reviews


Pics: Stefan Hackländer

Festivals & Live Reviews 23.09.2019, 16:26

ALCEST, BETHLEHEM - PROPHECY FEST 2019

Nachdem im letzten Jahr zugunsten einer US-Festivalausgabe in New York auf ein Prophecy Fest in der Balver Höhle verzichtet wurde, wagt das Label mit der vierten Auflage eine Art Neubeginn. 2017 hatten die Besucherzahlen nachgelassen und das teilweise sehr ruhige und experimentelle Billing konnte nicht jeden Fan begeistern. Nach einer intensiven Zuschauerumfrage wurde für dieses Jahr ein deutlich härterer Schwerpunkt auf atmosphärischen Black Metal und ein paar progressiv-exzentrische Ausritte gelegt. Das Publikum dankt es den Veranstaltern und ist entsprechend begeistert.

Freitag

Der „Gentlemen Club“ A FOREST OF STARS steigt am Freitagnachmittag mit einem langen Intro ein, welches vom Gesang der Violinistin Katie Stone begleitet wird. Anschließend folgt ein äußerst vielseitiges Set der siebenköpfigen Band, das in seiner Komplexität sehr fordernd für alle ist, die mit den Alben nicht vertraut sind. Die locker mal viertelstündigen Songs sind voller Extreme aus Blast, unverhofften Breaks, seltsamen Strukturen und aufeinander treffenden Clean-Vocals und Screams. Trotz des altenglischen Dresscodes mit Hemd und Sakko ist viel Bewegung auf der Bühne und das Publikum wirkt eher neugierig und beeindruckt, anstatt viel zu applaudieren. Vielleicht sind A FOREST OF STARS doch zu anstrengend zum Einstieg?

SUN OF THE SLEEPLESS ziehen anschließend ungleich mehr Menschen in die Höhle und sind seit ihrer Reunion eine der Prophecy-Allstar-Bands schlechthin. Markus Stock alias Schwadorf hat mit seinen Produktionen viele wichtige Prophecy-Releases beeinflusst und lebt an dieser Stelle seine Vorliebe für straighten, naturverbundenen Black Metal aus. An den zwei (!) weiteren Live-Gitarren stehen Dornenreichs Eviga und Alsvatr von Helrunar. Den Bass bedient Inkantator Koura (Mosaic, Nachtmystium uvm.) und an den Drums sorgt The-Vision-Bleak-Live-Drummer Vince Kreyder für Vollgas. Das Set besteht hauptsächlich aus „To The Elements“-Songs wie 'The Owl', 'In The Realm Of The Bark' oder dem extra-epischen 'Phoenix Rise'. Die Reaktionen sind stürmisch und man sieht, dass fast alle Anwesenden auf SUN OF THE SLEEPLESS gewartet hatten. (mes)

Die zwei Black-Metal-Institutionen FARSOT und COLDWORLD haben sich etwas ganz Spezielles überlegt. Nachdem schon 2018 die „Toteninsel“-Split der beiden Bands für Begeisterung sorgte, tritt man jetzt auch gemeinsam auf. Dabei spielen zunächst FARSOT mit dem COLDWORLD-Einzelkämpfer Georg Börner am Synthesizer ihr Set. Die Thüringer agieren gewohnt emotional und haben die anwesenden Fans schon beim ersten Song in ihrer Gewalt. Mit Großtaten wie 'Circular Stains' oder 'With Obsidian Hands' fällt dies auch nicht sonderlich schwer und wenn man dann noch vom Debut „IIII“ Songs wie 'Thematik: Trauer' auspackt, ist eigentlich der Tag gegessen. Zwar sind gerade die cleanen Gesangsparts nicht immer vollends auf den Punkt, aber das ist bei der Songauswahl auch geschenkt.

Anschließend machen sich dann COLDWORLD für ihren ersten Live-Gig überhaupt bereit und haben die halbe FARSOT-Mannschaft als Backing-Band am Start, während Herr Börner Gesang und Bass übernimmt. Los geht’s mit 'Wasser I' von der oben genannten Split-Scheibe und die Töne verzücken von der ersten Minute an. Die restlichen FARSOT-Mitglieder schauen ihren Kollegen auf der Bühne aus dem Publikum heraus gespannt zu. Nicht nur die gemeinsamen Tracks funktionieren perfekt, sondern auch die ältere COLDWORLD-Hymne 'Red Snow' ist erste Sahne. Geile Scheiße!


Die sich um den ehemaligen Sólstafir-Drummer Guðmundur „Gummi“ Pálmason formierten Isländer von KATLA. haben schon auf ihrer Debüt-Scheibe bewiesen, dass sie einen anderen und doch sehr eingängigen Sound zu bieten haben. Die Höhle wird beim Intro mit Trommeln (vom Band) in Stimmung gebracht, bevor es dann in den Opener der Erstlingsplatte „Móðurástin“ übergeht. Gerade die Gesangsleistung von Einar Thorberg Guðmundsson lässt keine Wünsche offen. Der Kerl trifft auch live jeden Ton und reißt somit sofort mit. Praktischerweise hat das Album keinen einzigen Aussetzer, weswegen auch die Live-Darbietung von der Qualität der Platte profitiert. „Gummi“ merkt man jedenfalls an, dass er nach seinem Sólstafir-Split wieder tierisch Bock hat auf der Bühne zu stehen (bzw. zu sitzen) und sich hinter dem Drum-Kit einfach tierisch wohlfühlt. Man kann sich auf weitere Werke der Band freuen. (sh)

DISILLUSION haben nach dreizehn Jahren ihr neues Album „The Liberation“ über Prophecy veröffentlicht und legen nach kurzem Synth- und Akustikgitarren-Intro mit dem neuen Longtrack 'Wintertide' los. Musikalisch wird sich eindeutig stärker an „Back To Times Of Splendour“, als am kompakten, elektronischeren „Gloria“ orientiert, von dem es heute leider kein Song ins Set schafft. Nichtsdestotrotz ist der Auftritt sehr mitreißend und Sänger/Gitarrist Andy Schmidt kommuniziert im Vergleich zu vielen anderen Bands aktiv und positiv mit dem Publikum. Doch dessen Highlight des Tages folgt erst jetzt. (mes)


ALCEST werden von den anwesenden Zuschauern anscheinend am sehnlichsten erwartet, denn nun ist die Location wirklich gut gefüllt. Zwar spielen sie leider noch keinen Song ihres neuen Albums, aber mit Startern wie 'Écailles de lune - Part 1', 'Oiseaux de proie' und dem vermeintlichen Hit 'Autre temps' sind die Zuschauer selig bedient. Die verträumte Stimmung der Darbietung passt absolut perfekt an diesen Veranstaltungsort und wer hier nicht zumindest mal ein kleines Lächeln über die Lippen schmuggeln kann, ist wohl gänzlich verloren. Die schnellen Attacken von Drummer Winterhalter, gepaart mit den schwebenden Gesangslinien, ergeben einmal mehr ein Potpourri der Ekstase. Zum Schluss gibt’s noch den zehnminütigen Oberhammer 'Délivrance' vom etwas post-rockigeren Album „Shelter“. Einmal mehr ein toller Auftritt!


STRID spielen als letztes an diesem ersten Konzerttag, aber sind bei vielen der klare Favorit des Tages. Obwohl die Jungs nicht gerade viele Songs in ihrem Leben geschrieben haben, genießen sie im Black-Metal-Underground absoluten Kultstatus. Mittlerweile besteht das Line-up dazu auch aus DGH-Mastermind und Avantgarde-Vordenker Vicotnik. Die langsamen Strukturen der Musik und dazu dieses abartige Gekreische gehen wahrlich bis ins Mark. Von vielen als Mitbegründer des depressiven Black Metal gefeiert, liefern die Norweger absolut Fantastisches ab. Nicht nur die schrägen Akkorde, sondern auch die immer wieder wie in Trance vorgetragenen Riffs schließen diesen Abend hervorragend ab. Diese Band hat zurecht einen gesonderten Status in der Schwarzmetallszene. (sh)





Samstag

LASTER starten den Samstag mit ihrem positiv-verqueren Black Metal. Die drei Holländer legen sofort mit ihrem durch Dissonanzen geprägten Sound los und sind hinter ihren Pestmasken nicht zu erkennen. Der mehrstimmige Gesang windet sich zuweilen verzerrt, zuweilen clean durch die Songstrukturen und kann vor allem in den ruhigeren Momenten glänzen. Das Konzept kann leider nicht über die ganze Strecke überzeugen und so verliert sich der vorhandene Anspruch gelegentlich in zu belanglosen Ausflügen, was eventuell auch dem Sound geschuldet ist, da gerade bei den schnellen Passagen die Magie flöten geht. Dennoch ein starker Beginn. (sh)

Das junge US-Trio TCHORNOBOG ist vielen noch nicht bekannt. Doch man sieht, wie der an alte The Ruins Of Beverast erinnernde Black/Death viele Interessierte vor die Bühne führt. Gitarrist/Frontmann Markov und Live-Bassistin Gina haben sich als visuelles Detail schwarze Farbstreifen quer über die Augen gemalt, wobei er sich agil über die Bühne bewegt und sie sich mehr im Hintergrund hält. Die Songs sind brachial und sorgen für Abwechslung im oberen Härtegrad des Billings, doch wirkt das Dröhnen zuweilen sehr willkürlich. Warten wir die neue Scheibe und weitere Gigs ab.

FEN aus England sind als sehr produktiv bekannt und veröffentlichen dieses Jahr ihr sechstes Album binnen zehn Jahren. Auch sie sind neues Prophecy-Mitglied, was darauf hinweist wie das Label sich wieder vermehrt Black-Metal-lastigen Bands öffnet. „It‘s an absolute honour to play this festival“, formuliert Gitarrist/Sänger The Watcher es in einer Ansage. Die Songs, darunter 'Consequence' vom 2013er Album „Dustwalker“ sowie neues Material, folgen den Trademarks aus Blastbeats und vertrackten Post-Rock-Parts. In puncto Vocals sind die Screams eindeutig besser als der zweistimmige Klargesang, womit FEN sich immer noch schwer tun, aus dem Schatten von Agalloch hervorzutreten.

Die Show und Musik von YEAR OF THE COBRA fallen wieder mehr aus dem Rahmen des Festivals. Als Duo mit Drums und Bass/Gesang ist der fuzzige-Stoner Doom von Johanes und Amy Tung Barrysmith sehr auf Groove fokussiert. Über diesem reduzierten Rhythmusfundament schwebt ihre bluesige Stimme und es gelingt, gleichzeitig sowohl mystisch-stimmungsvoll, als auch sympathisch-publikumsnah zu wirken. Tolle, passionierte Band!

Schon in den vergangenen Jahren sind die Norweger VEMOD für ihre meditativen „Black Metal-Messen“ bekannt geworden, mit denen sie Fans von Windir und alten Ulver ansprechen, aber genau so tief in Post-Rock-Sphären schwelgen. Ein heute neu vorgestellter Song ist rein instrumental gehalten und baut eine melodische, repetitive Spirale auf, die von zarten Cleangitarren bis zu härteren Anschlägen und Doublebass-Attacken führt. Bei den wahrhaft hymnischen 'Venter på stormene' und 'Ikledd evighetens kappe' kann man sich am besten fallen lassen. Alle Anwesenden sind schwer begeistert und können für die anschließende DARKHER-Show noch in Trance verweilen.

Die mystische Aura, die Gitarristin/Sängerin Jayn Maiven und ihre Musik umgibt, ist auch auf ihrem zweiten Gastspiel in der Balver Höhle ungebrochen. Wuchtige Drums und knorrige Doom-Riffs die wie ein alter Baum im Wind wirken, durchdringen den Raum. Dass sie dabei auf einer Halbresonanzgitarre spielt, sorgt zumindest subjektiv dafür, dass auch die leisen Momente viel natürliches Volumen haben und bis in den letzten Winkel nachhallen. Jayn steht zweifellos im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und ihre Stimme besitzt eben eine starke Präsenz. Dass es dennoch nie um Selbstinszenierung geht, zeigen die kurzen, aufrichtigen Danksagungen und das weiße Gegenlicht, welches ihre Gestalt hinter wallenden Locken und Schatten verbirgt. Intensives Highlight ist 'Foregone' von der ersten EP „The Kingdom Field“. (mes)


EMPYRIUM verwandeln die Höhle anschließend in eine traurige Katakombe und starten mit dem herrlichen 'Mourners' ihren Set. Gesanglich gibt es absolut nichts auszusetzen und auch die Geige wird vom Soundmann perfekt in Szene gesetzt und nervt zu keiner Sekunde. Das anschließende 'In The Blue Mists Of Night' zeigt die ganze Pracht der Band und lässt die Herzen der Besucher höher schlagen. Wenn dann noch Hits, wie 'Where At Night The Wood Grouse Plays' aus dem Hut gezaubert werden, sind eigentlich alle zufrieden. Super Show, Jungs!

BETHLEHEM sind anschließend eine völlig andere Hausnummer. Gestartet wird sofort mit dem kranken 'Niemals mehr leben' und Oneliar, Bartsch & Co. präsentieren sich sofort in Angriffslaune. Unglaublich, wie tight die Truppe live mittlerweile ist und welche Energie sowie Gedanken an die psychiatrische Notaufnahmen versprüht werden. Mit 'Gestern starb ich schon heute' hat man natürlich alle Old-School-Fans auf seiner Seite und es ist immer noch unglaublich, wie gut Oneliar auch die Phasen der Band interpretiert, als sie noch nicht in selbiger gesungen hat. Zwar ist sie bei 'Fickselbomber Panzerplauze' und beim großartigen 'Kalt' Ritt in leicht faltiger Leere' mehr in ihrem Element, doch beim herrlich gesungenen 'Schatten aus der Alexanderwelt' kommen auch die Fans der Guido-Meyer-de-Voltaire-Phase auf ihre Kosten.

Nach diesem Gig haben es MORTIIS schon etwas schwer. Der alleine mit Laptop auf der Bühne agierende Zauberlehrling aus Norwegen kann zwar durch seine Ambient-Klänge eine schöne Stimmung erzeugen, doch zu diesem späten Zeitpunkt ist es zuweilen auch etwas schwer zu folgen, da auf der Bühne einfach nicht viel passiert. Das scheint auch anderen Besuchern so zu ergehen, da sich die Reihen während des Gigs zunehmend lichten. Dennoch ein schöner Abschluss eines perfekten Festival-Wochenendes. Danke Prophecy! (sh)

Stefan Hackländer (sh) und Meredith Schmiedeskamp (mes)

Bands:
ALCEST
BETHLEHEM
Autor:
Stefan Hackländer
Meredith Schmiedeskamp

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