Classic Albums

Classic Albums 25.04.2012

SODOM - Agent Orange (1989)

Ob „Agent Orange“ das beste Album in der langen Karriere der Ruhrpott-Kapelle ist, der stilistisch ähnlich gepolte Vorgänger „Persecution Mania“ oder gar einer der zahlreichen Nachfolger - Geschmackssache. Fakt ist, dass die Scheibe nicht nur ein paar unsterbliche Genreklassiker enthält, sondern auch das erste Album einer deutschen Thrash-Combo in den hiesigen Media-Control-Charts war.

Eingeprügelt wurden die neun Tracks - darunter das rabiate Titelstück, die stampfende Hymne ´Remember The Fallen´, das deutschsprachige ´Ausgebombt´ oder auch das grandiose Tank-Remake ´Don´t Walk Away´ - im Berliner Musiclab-Studio unter der Fuchtel von Harris Johns (u.a. Kreator, Helloween, Voivod), der in den Achtzigern und Neunzigern zu den angesagtesten Metal-Produzenten Europas zählte.

»Ich glaube, für die Aufnahmen hatten wir zwei Wochen Zeit. Danach sind wir ins Horus-Sound-Studio nach Hannover, wo wir die Platte abgemischt haben. Das hat sich auch gelohnt, weil die ein schönes großes Mischpult hatten. Damals waren Produktionen generell mindestens drei bis vier Wochen lang«, erinnert sich SODOM-Boss Tom Angelripper (v./b.). »Heute geht das schneller, weil unter anderem auch das Spulen der Bänder wegfällt. So kann man beim Schlagzeug einsteigen, wo man will, während wir früher wieder von vorne anfangen mussten, wenn sich Witchhunter (2008 verstorbener Ex-Trommler der Band - buf) verspielt hat.«

Stichwort Witchhunter: Man soll über Tote ja nichts Schlechtes sagen, aber Gerüchten zufolge hat der Gute im Studio immer extrem lange gebraucht, um seine Drumparts einzuspielen.

»Chris hat das manchmal halt ein bisschen zu lässig gesehen. Als wir 1992 im Dierks-Studio aufgenommen haben, wo der Studiotag 2.000 Mark gekostet hat, hat er gar nicht realisiert, dass wir die Kohle letztendlich von unseren Lizenzen abgezogen bekommen. Seine Attitüde war halt: Ich bin der Witchhunter. Außerdem hat er auch schon mal gerne seine Bierchen getrunken, und sobald Harris „Band läuft!“ gesagt hat, ist er nervös geworden. Das Problem haben aber viele Musiker. Deshalb mussten wir oft unsere Studiozeit verlängern. Mir fällt gerade ein, dass „Agent Orange“ auch die letzte Platte mit Frank (Blackfire, damaliger SODOM-Gitarrist - buf) war. Zu dem Zeitpunkt haben wir uns bereits nicht mehr so gut verstanden. Irgendwie hatte Frank schon mit uns abgeschlossen, und man merkte ihm an, dass er SODOM nach der Produktion verlassen wollte. Ich weiß noch, dass wir an einem Abend im Horus den kompletten Küchen- und Wohnbereich oben im Studio zerlegt haben. Der Klassiker mit Stühle zerkloppen und Fernseher aus dem Fenster schmeißen, an dem das Kabel noch dran war. Frank Bornemann von Eloy, dem das Studio gehört, hat mir jeden Morgen ein Stück Kuchen in die Küche gestellt - nur an dem Morgen nicht. Die Rechnung ging dann an Manfred Schütz von unserem Label SPV. Keine Ahnung, wie viel tausend Mark das waren. Ich habe mir bei der Aktion auch noch eine Zehe gebrochen,. Dass die Platte letztlich doch so gut geworden ist und sich auch so gut verkauft hat, hat wohl damit zu tun, dass wir den Nerv der Zeit getroffen haben«, vermutet „Onkel Tom“, der damals nix anbrennen ließ, denn im Westberlin der Vorwendezeit wurde kräftig gesoffen, oops, gefeiert, wann immer sich die Gelegenheit bot.

»Wir waren oft in den Kneipen am Tempelhofer Ufer und Mehringdamm in Kreuzberg. Manchmal haben wir uns auch eine Kiste Bier auf die Bude geholt, oder die Ärzte haben uns besucht und was zum Saufen mitgebracht. Mit denen haben wir damals ja die „Ausgebombt“-Single zusammen gemacht, weil Bela (Ärzte-Drummer/Sänger - buf) großer SODOM-Fan war.«

´Ausgebombt´ war ja quasi Part zwei von ´Bombenhagel´ vom Vorgänger „Persecution Mania“, oder?

»Ja, vom Stil her ist das schon sehr ähnlich, also ein bisschen punkig gehalten. Wobei ich sagen muss, dass „Agent Orange“ für mich nicht DAS Album ist. Nach „Persecution Mania“ wollte ich so was eigentlich nicht mehr machen, sondern mehr in Richtung „Better Off Dead“ gehen, die wir danach gemacht haben. Die Plattenfirma, also Manfred Schütz, wollte aber unbedingt ein Nachfolgealbum mit diesen plakativen Titeln, den Texten und auch dem Cover. Ich bin kein großer Fan der Scheibe, auch wenn der Zeitgeist da war und die Produktion ordentlich ist.«

Verkauft hat sich das Scheibchen seinerzeit trotzdem derart gut, dass ihr damit auf Platz 36 der deutschen Albumcharts gelandet seid, was für damalige Verhältnisse eine mittlere Sensation war.

»Ich weiß noch, wie unser damaliger Bandbetreuer bei SPV, C-D Hartdegen, gesagt hat: „Boah, wir sind in den Media-Control-Charts!“ Mir hat das gar nix gesagt, weil mich das nie interessiert hat. Unser Manager Boggi Kopec meinte nur: „Ein Schock für die Fachwelt.“ Irgendwie konnte keiner begreifen, dass ausgerechnet wir das geschafft haben, aber es war auch wirklich so, dass wir in kurzer Zeit viele Platten verkauft haben. Das lag wohl auch daran, dass die im Sommerloch rauskam. Im Nachhinein bin ich schon stolz drauf, weil wir den Fuß damit in der Tür hatten und ich endlich aufhören konnte, zu arbeiten. Ab dem Zeitpunkt habe ich jeden Monat einen kleinen Scheck bekommen, von dem ich leben konnte und mit dem es mir möglich war, mich voll auf die Musik zu konzentrieren.«

Zum Erfolg des Albums dürfte auch das martialische Cover von Andreas Marschall (u.a. Blind Guardian, Kreator, Hammerfall) beigetragen haben, auf dem das SODOM-Bandmaskottchen Knarrenheinz an Bord eines Bombers im Vietnamkrieg zu sehen ist.

»Ich habe damals Vietnam-Hefte gesammelt, und in einem davon war eine Abbildung von diesem Flugzeug zu sehen, wo man ins Innere reingucken konnte. Ich fand das unheimlich geil, aber weil man das Foto aus rechtlichen Gründen nicht einfach nehmen konnte, hat Andreas Marschall das dann super umgesetzt und sogar noch verlängert. Auf unserer Version sieht man auch noch die Stellung unten im Dschungel und wie sie beschossen wird. Knarrenheinz war auf dem Originalfoto natürlich nicht drauf, sondern der wurde später von uns noch mit eingebaut.«

Promotet wurde „Agent Orange“ einige Wochen nach Veröffentlichung durch eine ausgedehnte Europa-Tour mit den damals noch blutjungen Sepultura im Vorprogramm.

»Man sagt uns ja nach, dass wir Sepultura untergebuttert hätten, weil die uns live an die Wand gespielt haben. Das stimmt aber nicht. Es gab sicher Konzerte, wo die ordentlich Druck gemacht haben, und musikalisch waren die mit Sicherheit besser als wir. Witchhunter hatte allerdings ein paar Probleme mit denen. Von wegen, dass die doch einen Exotenbonus haben, weil sie aus Brasilien kommen und arm sind. Ich habe dann immer gesagt, dass das aber trotzdem eine gute Band ist. Für Sepultura war die Tournee auf alle Fälle ein guter Einstieg in die europäische Szene.«

Auf der Tour mussten SODOM mit Uwe Baltrusch von den Frickel-Metallern Mekong Delta kurzfristig einen neuen Gitarristen präsentieren.

»Frank hatte uns kurz vor der Tour dann leider wirklich verlassen. Mit Uwe haben wir zwar dann relativ schnell einen guten Ersatz gefunden, aber die Fans waren trotzdem enttäuscht. Ich hätte die Dates gerne abgesagt, aber Plattenfirma, Musikverlag und Booking-Agentur wollten die ausverkaufte Tournee um jeden Preis durchziehen. Einmal war ich auf der Tour sogar beim Arzt, weil mir die Stimme komplett weggeblieben ist. Der HNO-Arzt hat mir dann ´ne Spritze in den Hals gejagt, damit ich weitersingen konnte. Heutzutage würde ich sagen: „Ihr könnt mich am Arsch lecken - wenn ich heiser bin oder die Stimme weg ist, geht es nicht.“«

www.facebook.com/pages/sodom/109337095750591

Das Line-up auf „Agent Orange“

  • Tom Angelripper (v./b.)
  • Frank Blackfire (g.)
  • Chris Witchhunter (dr.)

Die Songs

  • Agent Orange
  • Tired And Red
  • Incest
  • Remember The Fallen
  • Magic Dragon
  • Exhibition Bout
  • Ausgebombt
  • Baptism Of Fire
  • Don´t Walk Away (Bonustrack)

Fakten, Fakten, Fakten

  • Songs: 9
  • Spielzeit: 39:54
  • Produzent: Harris Johns
  • Studio: Musiclab, Berlin
  • Cover: Andreas Marschall

DISKOGRAFIE (nur Studioalben)

Obsessed By Cruelty (1986)
Persecution Mania (1987)
Agent Orange (1989)
Better Off Dead (1990)
Tapping The Vein (1992)
Get What You Deserve (1994)
Masquerade In Blood (1995)
´Til Death Do Us Unite (1997)
Code Red (1999)
M-16 (2001)
Sodom (2006)
The Final Sign Of Evil (2007)
In War And Pieces (2010)

Bands:
SODOM
Autor:
Buffo Schnädelbach

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