Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews 22.06.2016

DREAD SOVEREIGN , URFAUST , THE RUINS OF BEVERAST , KING DUDE , OUR SURVIVAL DEPENDS ON US , MOURNING BELOVETH , CHAPEL OF DISEASE - Acherontic Arts II

Oberhausen, Turbinenhalle 2

Es gibt kaum ein anderes Festival, das so im Zeichen des Undergrounds und Herzbluts steht wie das ACHERONTIC ARTS. Darum geht an dieser Stelle nicht nur ein herzliches Dankeschön, sondern auch ein großes Lob an Sven und die gesamte Ván-Records-Crew, die ein so band- und besucherfreundliches Festival ermöglicht und Künstlern Raum schenkt, um ihr inneres Feuer zu entfachen und voller Leidenschaft in mitreißenden Ritualen nach außen zu tragen. That´s the spirit! (mam)

Freitag

Eingeläutet wird die Zeremonie von den kurzfristig als Ersatz aufs Billing gerutschten MORAST, die sich als ziemlicher Glücksgriff erweisen. Irgendwo zwischen Death-Doom und einer Prise Sludge kommt beim brachialen wie atmosphärischen Lärm des Quartetts, dessen Mitglieder teilweise einen Punk-Background haben (den Basser kennt man u.a. von der Kölner Hardcore-Legende Hammerhead), immer wieder mal ´ne stampfende Tom-Warrior-Schlagseite durch. Der Sound drückt mächtig, die Vocals klingen inbrünstig, und überhaupt ist hier gleich zu Beginn alles ziemlich geil. Mehr davon!
THE SPIRIT CABINET sind danach durchaus spaßig, das aber leider mit ziemlichen Abstichen (wer wurde denn abgestochen? - die interessierte Red.): Man merkt der niederländischen Schwarzmetaller-Connection, die sich ihrer Liebe zu klassischem Metal und NWOBHM-Einflüssen hingibt, live nämlich doch irgendwie an, dass sie noch nicht so richtig gut eingespielt ist. Vor allem der Gitarrist mit Kapuze und Facepaint scheint sich ziemlich einen abzubrechen, was den Gesamteindruck blöderweise schmälert. Allerdings macht das Ganze nach hinten raus mit Knallersongs wie ´Ramakrishna´ und ´Convulsions´ dennoch Laune.
Im krassen Gegensatz dazu fahren die vermummten ALMYRKVI eine beim Erstkontakt nicht immer ganz nachvollziehbare Avantgarde-Death/Black-Kombination aus Ambient-Zwischenstücken, Rhythmen von vertrackten Tribals bis straighten Blasts und darüber gerne auch mal länger stehenden Akkorden auf, die sich auf Dauer zu etwas seltsam Monotonem zuspitzt. Nicht uninteressant, aber erst mal auch nicht wirklich mehr als nur das.
Keine ganze Woche ist es her, dass Alan Averill noch mit Primordial in der Gegend auf der Bühne stand, heute ist er mit DREAD SOVEREIGN am Start. Und das Doom-Trio weiß zu überzeugen! Vor allem der mit Hingabe und komplettem Körpereinsatz riffende und solierende Gitarrist Bones hievt die Rock´n´Roll-Aura der Band in ungeahnte Sphären und holt als Actionheld des Tages die Kohlen aus dem Feuer, während Averills übertriebenes Gehabe dem einen oder anderen ein wenig die Augen rollen lässt. Ja doch, sehr gute Show! (sd)
Kommen wir nun zur Überraschung des Tages: KERMANIA. Die Black-Metal-Truppe um The-Ruins-Of-Beverast-Mainman Alexander von Meilenwald baut eine tiefgehende Aura um sich herum auf, die von einer Klangwelt geprägt ist, die ständig zwischen Aufgang und Zerstörung schwebt. Zarte, melodische Momente sind wie die Ruhe vor dem Sturm, bevor leidenschaftlich treibendes Geschredder einen voller Gänsehaut ins weite Meer wirft. Großartig!
WEDERGANGER können da nicht ganz mithalten. Wuchtig, schleppend und mit sphärischen Zwischenspielen präsentieren die von grünem Licht umhüllten Schatten eine ganz coole Show, mehr aber auch nicht.
Dafür reißen (DOLCH) umso stärker mit. Es ist nahezu atemberaubend, mit welch spirituell aufgeladenen Energien sich das anonyme, in Kapuzen gehüllte Kollektiv seiner Musik hingibt und das Publikum in ein bittersüßes Paradies aus zerreißender Tragik und erfüllender Leidenschaft entführt. Die schwebende, eindringliche Stimme der Sängerin kreiert, vereint mit den düster treibenden musikalischen Sphären, eine bebende Atmosphäre, die vor allem bei Songs wie ´Das Auge´ und ´Bahrelied´ tief berührt und (Dolch) zu einem der Festival-Highlights macht.
CHAPEL OF DISEASE sind die Ausreißer des Tages: nicht nur, weil das Kölner Quartett ohne Kapuze und Kerzenlicht auftritt, sondern auch, weil man mit seinem Old-School-Death ganz schön wild herumwirbelt und definitiv einen mächtigen Eindruck hinterlässt.
Doch all das ist noch zu toppen, wie der Headliner THE RUINS OF BEVERAST beweist. Man spürt, dass hier fünf echte Musiker am Werk sind, die ihr gesamtes Herz und Feuer in jeden einzelnen Ton stecken und das Publikum mit Songs wie ´I Raised This Stone As A Ghastly Memorial´ auf einen regelrechten Trip schicken. Facettenreich zwischen Doom, Black und Death schwebend, evoziert die Band kunstvoll eine kaum fassbare, nur spürbare Energie, die so brutal zerstörerisch und erfüllend zugleich ist, dass sie alle Zuschauer in einen einzigartigen Bann zieht. Für solche Momente lebt man! (mam)

Samstag

Auch die heutige Band mit der undankbaren Aufgabe, den Festivaltag um 15 Uhr in der bei bestem Wetter natürlich noch nicht besonders gut gefüllten Halle zu eröffnen, ist als kurzfristiger Ersatz ins Line-up gerutscht: das norddeutsche Underground-Black-Metal-Urgestein FUNERAL PROCESSION. Entsprechend gibt es bei passend stimmungsvoller Beleuchtung Old-School-Geschredder mit melodiösen Passagen und verstimmter Gitarre zu hören, während der lange Fronter mit der äußeren Erscheinung eines Gaahl Klischees wie den rumgereichten Blutkelch und erhobenen Totenschädel abspult.
Das dunkle Geknatter der mal wieder mit Kapuzen anonymisierten KOSMOKRATOR ist anschließend ganz cool, wenn auch etwas akzentarm. Letzteres kann man von den großartigen KALMEN nicht behaupten, denn das ostdeutsche Quartett hat zwischen schwarzmetallischen Anflügen samt Doublebass-Geboller und psychedelisch vernebeltem Sludge-Doom eine eigene Nische besetzt, in der man auch heute wieder dunkel-atmosphärisch und bretthart treibend begeistert. Geile Band! (sd)
Das fränkische Quartett FREITOD muss sich am späten Nachmittag mit einer überschaubaren Menge vor der Bühne begnügen. Schade eigentlich, denn die Herren zocken einen souveränen Gig und präsentieren sich gegenüber der vielen „entmenschlicht“ wirkenden Kunst dieses Festivals sehr nah und ungekünstelt. Frontmann Gerd Eisenlauer pendelt gekonnt zwischen harschen und cleanen Vocals, die absolut den Ton treffen, den Hang zum Kitsch aber nicht verschleiern (wollen). Dazu lassen rockige Black-Metal-Riffs und Neunziger-Katatonia-Erinnerungen die Anwesenden entspannt mitnicken. Vom Sound her allerdings leider nicht das Wahre und viel zu wummerig.
GOLD sind das klare erste Publikumshighlight des zweiten Festivaltages. Über den treibenden, aber meditativen Rhythmen und aufheulenden Leadgitarren schwebt Milena Evas tiefer, melodischer Gesang. Sie tanzt entrückt hinterm Mikro, wirkt generell ein bisschen abwesend und ist zweifellos der Blickfang des Geschehens. Nach einem energiegeladenen Uptempo-Abschluss bekommen Gold reichlich Besuch am Merchstand.
Mit FYRNASK geht es wieder unter die derzeit sehr beliebten Kapuzen. Die Band macht sich bei der Bühnengarderobe seit jeher mehr Gedanken und ist wie schon zuvor in dunkle Mönchsroben gekleidet. Neu ist die Faun-artige Baummaske des Sängers. Seine Vocals unterscheiden sich heute stark vom bekannten Material der Alben und wirken tiefer, schamanischer, fast schon sludgig gebrüllt. Intensiver Auftritt, aber wieder mal zu dumpfer Gesamtklang.
Kompliment an Ván Records, einen Künstler wie Thomas Jefferson Cowgill alias KING DUDE im Repertoire zu haben. Mit Akustikgitarre, Piano, ´ner Pulle Bourbon sowie sympathischen Ansagen  begeistert der Amerikaner heute alle Anwesenden mit seiner Country/Dark-Folk-Performance und reicht mit Songs wie ´Jesus In The Courtyard´ durchaus an Altmeister Cash heran.
Unzählige Kerzen und Weihrauch auf einem Altar kündigen die Stunde der Publikumsfavoriten an. Bei URFAUST ist alles wie immer, und die Begeisterung für die beiden Niederländer kennt von Jahr zu Jahr weniger Grenzen. Zwischendurch gibt´s Probleme bei Willems Gitarre, die vom Techniker in fünf Minuten souverän gelöst werden. Der Kult geht weiter.
Die kauzigen OUR SURVIVAL DEPENDS ON US haben eine Handvoll experimenteller, aber auch eingängiger Tracks zwischen Psychedelic- und Stoner Rock im Gepäck. Die Atmosphäre ist passend rituell, und die Tribal-Drums ergänzen sich mit Keyboard-Ausritten und flinken Gitarrensoli: „Let my people go!“
Nö, einer geht noch. Nach Mitternacht drosseln die Death-Doom-Veteranen MOURNING BELOVETH das Tempo. Keine Maskerade, keine Kerzen, hier regiert traditionelle Metal-Ästhetik, die von allen Verbliebenen wohlwollend aufgenommen wird. Musikalisch sticht das besonders prägnante Bassspiel heraus, und das Zusammenspiel sitzt. (mes)

OHNE KAPUZEN, ABER VOLLER LEIDENSCHAFT WAREN IN OBERHAUSEN VOR ORT: SIMON DÜMPELMANN (SD), MEREDITH SCHMIEDESKAMP (MES), MANDY MALON (MAM), BORIS KAISER, KATHARINA PFEIFLE, CONNY SCHIFFBAUER UND STEFAN HACKLÄNDER (FOTOS).

Pic: Stefan Hackländer

Bands:
KING DUDE
THE RUINS OF BEVERAST
CHAPEL OF DISEASE
OUR SURVIVAL DEPENDS ON US
DREAD SOVEREIGN
URFAUST
MOURNING BELOVETH
Autor:
Mandy Malon
Meredith Schmiedeskamp
Simon Dümpelmann

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