Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews 28.06.2017

URFAUST - Acherontic Arts Festival III

Die diesjährige Ausgabe des ACHERONTIC ARTS steht unter einem besonderen Licht. Was vorher noch niemand weiß: Es ist in dieser Form die letzte Edition des Festivals. In nächster Zeit wird nach einer neuen Location gesucht, in der dieses wunderschöne Spektakel unter dem Banner von Ván Records neu aufgezogen werden soll. Dennoch wurden auch in die dritte Auflage Unmengen an Herzblut und Leidenschaft gesteckt und erneut ein Festival auf die Beine gestellt, das keinen kommerziellen Fokus verfolgt, sondern zum Ziel hat, Künstlern einen Raum für freie kreative Entfaltung und Experimente zu geben. Davor ziehen wir unseren Hut!

Freitag

Am Freitag beginnen I I (Infernal Invocation), und man muss schon ein großer Fan dieses War-Black/Death-Metal sein (so wie ich - mam), um diese 30 Minuten durchzustehen. Zwei Mitglieder der Band Antlers stehen ebenfalls auf der Bühne, und dass diese am nächsten Tag einen absolut brillanten Auftritt hinlegen werden, ist hier noch keinesfalls zu erwarten.
SKAN sind dann musikalisch schon versierter und spielen eine Mischung aus Black- und Death Metal, bei der vor allem die kranken Melodien der Leadgitarre zu verzücken wissen. Die vier Texaner haben vorrangig in den Midtempo-Parts ihre Stärken und verzieren diese mit wildem Gebrüll, das einem ins Mark fährt. Innovativ ist hier sicherlich nicht viel, aber Skan bieten ein hohes Maß an Präzision und vor allem Durchschlagskraft. Tighte Band!
Anschließend stehen eigentlich Dario Mars auf dem Programm. Da sich deren Ankunft aber verzögert, spielen als Nächstes WOLVENNEST. Die Bühne wird hierzu mit vielen Kerzen und Rauchwerk ausgeschmückt, sodass man sich wie in einer Kathedrale fühlt. Die langen, tragenden Songs erzeugen vor allem dadurch Spannung, dass Frontdame Shazzula gefühlte zehn Minuten wartet, bis sie anfängt zu singen, um dann die Besucher mit ihrer düsteren Stimme zu erlösen. Absolut großartig arrangiert und bestens vorgetragen, entführen die Belgier die Zuschauer in Klanglandschaften, die weder vor Black-Metal-Elementen noch vor Siebziger-Jahre-Ambient-Sphären haltmachen.
DARIO MARS & THE GUILLOTINES sind im Anschluss wie ein kleiner Ausflug in eine andere Welt. Der selbsternannte Voodoo-Rock´n´Roll erinnert auch an Soul und stößt schon auf etwas Verwunderung beim Publikum. Fakt ist aber, dass hier unglaublich gute Musiker auf der Bühne stehen und die Sängerin ein Feuerwerk sondergleichen loslässt. Mit einer unfassbar vielseitigen Stimme und einem Körpereinsatz, wie man ihn aus den sechziger Jahren kennt, tobt Bineta Saware über die Bühne – keiner an diesem Wochenende legt mehr Meter auf der Bühne zurück. Eine mutige Wahl für dieses Festival, die aber sehr zu begrüßen ist!
SONNE ADAM haben zwar seit Längerem schon keine Veröffentlichung mehr getätigt, jedoch ist ihr Debütalbum „Transformation“ ein Garant für eine super Songauswahl. Wenn ´We Who Worship The Black´ gespielt wird, kann eigentlich niemand, der sich für dunklen Death/Doom-Metal interessiert, mehr die Füße bzw. die Rübe stillhalten. Die drückenden Riffs wabern durch die Halle, und die vier Israelis spielen sich in Trance. Die Stärken liegen hier in der Variation von Doom-Metal-Passagen und den anschließenden brachialen Midtempo-Riffs, die immer wieder eingestreut werden. (sh)
Die nächste Band gehört irgendwie schon zum Inventar des Acherontic Arts: THE RUINS OF BEVERAST treten zum dritten Mal in der Turbinenhalle auf. Das Kollektiv um Mainman Alexander von Meilenwald benötigt live nicht mehr als ein wenig Licht und Nebel, da die Musik für sich selbst spricht und eine eigene, magische Aura kreiert. Nicht nur auf dem aktuellen Wahnsinnsalbum „Exuvia“, sondern auch live macht sich bemerkbar, dass die Jungs sich weiterentwickelt haben. Die Melodien der Gitarren durchströmen den Körper mitreißend und emotional, doch dann schwenkt die Stimmung um, und die doomigen, schweren Death-Parts bringen ein Gefühl von Endzeit hervor. Ob treibend, zerstörerisch oder verträumt: TROB sind definitiv ein Highlight heute.
Primordial-Sänger Alan Averill hat definitiv eine ordentliche Fanbase mitgebracht, die absolut mitgeht, als DREAD SOVEREIGN die Bühne betreten. Alans Stimme besitzt einen einzigartigen Wiedererkennungswert, der unter die Haut geht und zerreißt, wenn auch auf eine andere Weise als bei Primordial. Hier geht zwischen schwerem Doom und rotzigem Rock´n´Roll alles, ohne auch nur eine Minute an Intensität zu verlieren.
Die nächste Band ist aus Island eingeflogen gekommen und hat es wahrlich schwer. Keine Ahnung, ob der Mischer gerade seine Facebook-News checkt oder betrunken auf dem Mischpult liegt, aber der Sound, unter dem SVARTIDAUDI spielen müssen, ist mehr als unvorteilhaft. Die Höhen und Melodien gehen völlig unter, und alles Tiefe brummt auch nur so verwaschen daher, dass die vielen Elemente, die Svartidaudi im Black-Death hervorstechen lassen, hier nicht zum Tragen kommen. Absolut schade, weil die Jungs immer alles geben und auch heute Abend einen Killerauftritt abliefern.
Last but not least kommen die Wirbelwinde von SLAEGT auf die Bühne. Frisch und absolut dynamisch sprühen die vier Dänen nur so vor Energie und versuchen das auf das Publikum zu übertragen. Verschiedenste Elemente aus Heavy, Black, Death und Seventies-Rock werden zu einer klangvollen und mitreißenden Einheit, gespielt von jungen Wilden, die vollsten (Körper-)Einsatz zeigen und teilweise so herumhüpfen, wie man es sonst nur von Tribulation kennt. That´s the future! (mam)

Samstag

Der zweite Festivaltag wird vom Berliner Duo RA AL DEE EXPERIENCE – mit dabei: Necros-Christos-Fronter Mors Dalos Ra – sehr bedächtig eingeleitet. Vor der Bühne findet sich eine neugierige Schar an Festivalbesuchern ein, um schnell festzustellen, wie vielseitig das Acherontic Arts sein kann. Reduziert auf akustische Gitarre und auf einer Art antiken Amphore gespielten Percussions, lassen die beiden Musiker eine Atmosphäre aufleben, die wie ein Treffen zwischen Morgen- und Abendland klingt. Orientalische Skalen auf der einen, Inspiration bei Bach´schen Fugen auf der anderen Seite.
Anschließend ballern die Israelis VENOMOUS SKELETON ihren intensiven, düsteren Death Metal in die Halle. Alle Mitglieder sind auch bei Sonne Adam aktiv, sodass die Grundausrichtung schnell klar ist – nur dass hier stärker aufs Gas getreten wird. Die tiefen Frequenzen knarzen und dröhnen dabei eine Spur zu viel. Keine Schuld der Band, vielmehr ein wiederkehrendes Problem des ganzen Tages. Einiges an Finessen im Riffing geht somit unter, wenn man nicht direkt vor dem Gitarristen am Fotograben steht.
Die Veranstalter und das Independent-Label Totenmusik teilen ihr Faible für Zwei-Mann-Combos. CONCATENATUS aus Chile überzeugen von Beginn an mit Leidenschaft für das, was sie tun. Gitarrist Balrog und Schlagzeuger Sulphur teilen sich die Vocals und haben von Screams über Growls bis hin zu Urfaust´schem Klagen alles in petto. Die Songs springen unverhofft im Tempo und fesseln nicht immer meine Aufmerksamkeit. Die Reaktionen vor der Bühne sprechen jedoch eindeutig für die Band.
Mit den niederländischen Drone-Doomern GGU:LL warmzuwerden, fällt mir heute schwer. Objektiv kann man ihnen nichts vorwerfen: warmer, tiefer Sound, überzeugend gespielt. Auch das Shouting von Frontmann William passt in den von seinen Mitmusikern erzeugten Lava-Mahlstrom. Dennoch bleibt nach dem Konzert ein fader Geschmack von eintöniger Sumpfigkeit. Wie oft bitte kann man ein Break auf einem Ton wiederholen? Schade, denn bei der Beschäftigung mit Ggu:lls Album „Dwaling“ zeigt sich deutlich mehr Detailarbeit. (mes)
Heute sind ASTROSONIQ die Band, die am meisten aus dem Rahmen fällt. Und wenn man mal ganz ehrlich ist, reißt ihr „Roadburn-Rock“ leider nicht unbedingt nach oben aus. Die Niederländer klingen mal etwas spaciger und mal etwas kräftiger, doch macht der Sänger in weißem Hemd und mit Sonnenbrille auch stimmlich nicht die beste Figur, während man sich außerdem fragt, warum die Band gleich mit zwei Tastendrückern auflaufen muss, die nicht wirklich viel Hörbares zum Ganzen addieren.
Als krasser Gegensatz und eines der Festival-Highlights entpuppen sich ANTLERS. Die Leipziger haben einen eigenen Soundmann dabei, der tatsächlich das Beste aus den örtlichen Gegebenheiten rauszuholen weiß, und überzeugen damit, atmosphärisch-epischen wie räudig-aggressiven Black Metal gleichermaßen perfekt zu beherrschen. Dass ihr Set mit einer ausfallenden P.A. mitten im Song endet, ist etwas ärgerlich, aber immerhin wusste die Band bis dorthin für manch offenen Mund zu sorgen.
„URFAUST sind ´ne Mädchen-Band“, lästert ein Bekannter von mir, kurz bevor die Duoformation auf der Bühne zu bestaunen ist. Das ist irgendwie nicht mal gänzlich falsch, aber Urfaust sind trotzdem nach wie vor eines der eigensinnigsten Unikate der Szene und wissen live ziemlich zu packen. Heute zum Beispiel auch damit, dass Sänger und Gitarrist Villem für die letzten zwei Songs die Klampfe ablegt, um am Keyboard die Ambient-lastigeren Seiten der Band zu präsentieren, was in diesem Rahmen überraschend gut funktioniert. Cool, dass die beiden auch live tatsächlich noch für Überraschungen gut sind!
Ein anderes Paar Schuhe, jedoch eine ähnlich geile Live-Band sind SULPHUR AEON. Die Lokalmatadoren haben mit komplexen Arrangements, bretthartem Geknüppel, eingängigen Leads und dem Cthulhu-Thema als Aufhänger eine eigene Death-Metal-Formel gefunden, die sich vom Genre-Durchschnitt abhebt und auf der Bühne genauso wie aus der Konserve höchst stimmig ist. Der mal wieder nicht ganz optimale Sound in der Halle kann daran auch an diesem Abend nichts schmälern, denn Sulphur Aeon sind einfach super und kriegen das auch mit einigem Jubel quittiert.
Isländischer Black Metal ist ein passender runder Abschluss für den Event, vorgetragen von SINMARA. Stilistisch vielleicht etwas unscheinbarer als einige andere Bands ihrer Liga, beherrschen allerdings auch sie die Zusammenführung von Atmosphäre und schwarzmetallischer Hässlichkeit, was die geneigten Festivalbesucher kaum besser in die Nacht hätte entlassen können. (sd)

Auf eine Fortführung des Acherontic Arts hoffen Stefan  „Hacky“ Hackländer (sh), Simon Dümpelmann (sd), Meredith Schmiedeskamp (mes), Mandy Malon (mam) und Andreas Schiffmann (Fotos).

Bands:
URFAUST
Autor:
Mandy Malon
Stefan Hackländer
Simon Dümpelmann
Meredith Schmiedeskamp

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