Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews 30.08.2017

MEGADETH , SONATA ARCTICA , VOLBEAT , KREATOR , HEAVEN SHALL BURN , POWERWOLF , AVANTASIA , PRIMAL FEAR , EMPEROR , TRIVIUM , ULI JON ROTH , APOCALYPTICA , ALICE COOPER , AMON AMARTH , STEVE HARRIS' BRITISH LION , NILE , MAYHEM , MARILYN MANSON - A touch too Matsch

Man kann beim größten Heavy-Metal-Festival der Welt inzwischen Metal-Yogakurse buchen, pfahlsitzen, Filme sehen und vegane Kochkurse belegen. Das, was am Ende des Tages abseits des extrem umfangreichen Rahmenprogramms aber wirklich zählt, ist natürlich nach wie vor die Musik. Wir haben uns ins feucht-fröhliche Getümmel gestürzt und bieten euch auf den folgenden Seiten einen wie immer völlig subjektiven Überblick.

Donnerstag

Es ist ein Träumchen: Im sonst eher regnerischen Wacken scheint der liebe Gott ein Einsehen zu haben und präsentiert zur Anreise der Rock-Hard-Gesandtschaft strahlenden Sonnenschein und azurblauen Himmel über der norddeutschen Tiefebene. So und nicht anders muss das sein. Ist aber natürlich nichts anderes als pures Wunschdenken und somit ´ne fiese Verarsche, denn pünktlich zum Start des 28. Wacken Open Air öffnet der Himmel seine Schleusen und haut alles runter, was er in der vergangenen Woche noch nicht auf den Acker gerotzt hat. Kenner wissen um die Konsequenzen solcher Wetterkapriolen fürs Infield – wir natürlich auch und sitzen die Rutsche im schützenden Auto aus. Als wir zum Gig von ROSS THE BOSS aufs Gelände gummistiefeln, wird das ganze Ausmaß des Platzregens sichtbar: Eigentlich besteht der Bereich vor den Bühnen nur noch aus knöcheltiefem Schlamm, der von riesigen Wasserlachen durchzogen ist. Hacky findet das nicht wirklich cool, denn seine neuen Stiefel („Von Deichmann, Alter! Nur 13 Euro!“) sind nicht wirklich hoch und den Anforderungen in Wacken eher nicht gewachsen. Aber es hilft ja nix, Bierchen auf die Hand und ab vor die Harder Stage, auf der der ehemalige Manowar-Gitarrist mit seinen Sidekicks ein ziemlich dickes Brett bohrt. Unsterbliche Klassiker wie ´Blood Of My Enemies´, ´Sign Of The Hammer´ oder das abschließende ´Hail And Kill´ heizen die Stimmung an und machen Durst. Etwas wirr wird es nur nach der Show, als eine englische Kommentatorin ohne Vorstellung auf die Bühne geschoben wird, mit diversen Mikroausfällen zu kämpfen hat und dann den gottesfürchtigen Ross in den Stand eines „Metal Ambassador“ erhebt.
EUROPE machen das, was für gewöhnlich sämtliche Melodic-Rock-Bands in Wacken machen, und stellen die eher härteren Songs in den Vordergrund ihres Sets. Joey Tempest hat noch dazu einige Lehrstunden zum Thema „Mikroständer-Gymnastik“ bei David Coverdale belegt und fuchtelt mit dem weißen Teil unentwegt in der Luft herum. Singen kann er trotzdem noch ganz gut, und den Publikumsreaktionen zufolge haben die Schweden in Norddeutschland eine ziemlich große Anhängerschaft. Besonders schön zu beobachten ist das bei drei Grazien vor uns, die ihren T-Shirt-Aufdrucken zufolge den Junggesellinnenabschied einer Freundin feiern und ihrer Begeisterung für die Band mit schrägen Ausdruckstänzen irgendwo zwischen Yoga- und Beischlafübungen freien Lauf lassen. Zwar nie im Rhythmus der Songs, aber das macht es für uns Umstehende noch schöner, als es eh schon ist. Und sonst so? Gitarrist John Norum ist immer noch ein Meister seines Fachs, und ohne das längst totgenudelte ´The Final Countdown´ ist ein Europe-Konzert leider undenkbar.
Apropos Gitarristen: Eigentlich kann man sich STATUS QUO ohne den verstorbenen Rick Parfitt an den sechs Saiten mal so gar nicht vorstellen, aber Richie Malone macht seine Sache ausgesprochen gut, auch wenn er natürlich meilenweit von der Bühnenpräsenz seines Vorgängers entfernt ist. Malone hält sich eher im Hintergrund, der große Star der Band ist nun alleine Francis Rossi, und im Stile eines gütigen Großvaters führt der das einstige Boogie-Woogie-Powerhouse durch ein mit Hits gespicktes Programm. Und damit sind nicht zwangsläufig Smasher wie die unvermeidlichen ´Rockin´ All Over The World´, ´Whatever You Want´ oder ´In The Army Now´ gemeint, sondern Brecher wie ´Rain´, ´Down Down´ oder ´Caroline´, die Quo einst zur heißesten Band des Planeten machten. Lang ist´s her, zugegeben, aber wenn eine Band über fünf Jahrzehnte eine solche Karriere hinlegt, dann sind Sentimentalitäten tatsächlich angebracht. Die machen es auch leichter, gnädig darüber hinwegzusehen, dass die in weißen Oberhemden vor einer weißen Backline agierenden Briten ihren Zenit längst überschritten haben.
Hacky ist inzwischen auch wieder im Infield aufgetaucht, seinem Zustand nach zu urteilen muss er einen längeren Zwischenstopp am Bierstand eingelegt haben, wo ihm wohl nicht nur seine Gummistiefel endgültig vollgelaufen sind, aber das ist dem bekennenden Black-Metaller und Klassik-Liebhaber jetzt mal total wumpe, denn die ACCEPT-Show will er vor allem wegen des tschechischen Symphonieorchesters unbedingt sehen. Bevor das zum Zuge kommt, gibt es aber erst mal fünf Songs von der deutschen Edelstahlschmiede auf die Glocke, die es in sich haben. ´Die By The Sword´ und ´Koolaid´ vom neuen Album erleben ihre Live-Feuertaufe, und der Evergreen ´Restless And Wild´ bringt den Mob endgültig auf Betriebstemperatur. Es folgt der Wolf-Hoffmann-Solopart, in dessen Verlauf sechs Stücke von Mussorgsky, Chopin, Mozart und anderen Klassikgiganten gespielt werden (Hacky dirigiert im Publikum entrückt mit), ehe Accept zum Grande Finale bitten und gemeinsam mit dem Symphonieorchester ihre größten Hits spielen. Und das Joint Venture gelingt erstaunlich gut, Band und Orchester ergänzen sich perfekt, und Gassenhauer wie ´Princess Of The Dawn´, ´Metal Heart´ oder ´Balls To The Wall´ gewinnen zusätzlich an Tiefe. Wenn man nach der Show sieht, wie Wolf Hoffmann übers ganze Gesicht strahlt, dann weiß man, dass die Band mit diesem Konzert zufrieden ist und der Druck – es gab nur eine gemeinsame Orchesterprobe – nicht gerade klein gewesen sein dürfte. Vor dem Hintergrund erledigen sich auch die hinter vorgehaltener Hand geäußerten Nörgeleien („Das Konzert war zu perfekt, fast schon klinisch“...), denn um mit einem Orchester zusammenzuspielen, braucht es Disziplin und musikalische Klasse. Von beidem haben Accept an diesem Abend mehr als genug.
An VOLBEAT scheiden sich im Anschluss mal wieder die Geister. Während die Jungs um Michael Poulsen für den Großteil der Wacken-Besucher der perfekte Headliner sind, rhabarbern Zyniker etwas von der „dänischen Version von The BossHoss“ oder „Bonanza-Rock´n´Roll“. Jedem seine Meinung, aber abgestimmt wird mit den Füßen, und wenn man sich die Menschenmassen vor der Bühne ansieht, dann müssen Volbeat eine Menge richtig machen. Als der Bühnenvorhang nach dem Intro endlich fällt und die ersten Takte von ´The Devil´s Bleeding Crown´ erklingen, gibt es jedenfalls kein Halten mehr, und in der Dunkelheit tut die gigantische Lichtanlage ihr Übriges, um die Band ins, äh, richtige Licht zu rücken. Der Soundcocktail aus Rock´n´Roll, Metal-Riffs, Country und einer Prise Punk zündet gewaltig, und es ehrt die Band, dass sie nicht nur auf Nummer Sicher geht, sondern Akzente setzt. ´Goodbye Forever´ beispielsweise wird Chris Cornell und Chester Bennington gewidmet, und ´Evelyn´ darf Napalm-Death-Barney im Duett mit Michael Poulsen in eine goile Grindversion verwandeln.
Das macht Laune, das macht Spaß, und mit einem Grinsen in den Backen wate ich durch den Schlamm die gefühlten zehn Kilometer zur Zeltbühne, wo BATUSHKA eine schwarze Messe zelebrieren. Sämtliche Bühnendarsteller kommen in schwarzen Roben inklusive Kapuze auf die Bretter, und alle gängigen Accessoires des Genres dürfen natürlich nicht fehlen: Kerzen, Totenschädel und Weihrauch. Man mag von der Theaterinszenierung der acht Polen halten, was man will, aber was zählt, ist, dass die Jungs (und Mädels) recht düsteren orthodoxen Black Metal spielen, der sehr gut ins Ohr geht und auch beim Publikum Anklang findet. Die Reize liefern hier vor allem die stimmungsvollen Gesänge der immerhin drei Backgroundsänger sowie das unbarmherzige Geschepper des Schlagzeugers, das immer wieder durch herrlich getragene Parts Abwechslung findet. Die hymnischen, chorähnlichen Gesänge passen gerade zu den langsamen Passagen hervorragend und erzeugen eine mystische Atmosphäre, die einem wirklich einen Schauer über den Rücken laufen lässt. Kostüme hin oder her: Batushka können einiges!
MAYHEM bieten schon seit Längerem das „De Mysteriis Dom Sathanas“-Album in kompletter Form live an, und so füllt sich die Zeltbühne noch etwas mehr, um den Norwegern die Ehre zu erweisen. Der Sound knarzt an einigen Stellen, doch macht es eher den Eindruck, dass dies Absicht ist, denn Sänger und Superkauz Attila bindet die ungewohnten Effekte gekonnt in seine wie immer befremdlich-leidende Performance mit ein. Dass beim musikalischen Zusammenspiel ansonsten alles stimmt, ist bei der Besetzung kein Wunder: Drummer Hellhammer triggert sich in gewohnt präziser Manier durch den Set, und bei Klassikern wie ´Freezing Moon´, ´Pagan Fears´ oder dem Übersong ´Life Eternal´ taucht das Publikum in die Schwärze eines der besten Black-Metal-Alben aller Zeiten ein. Ebenfalls geliefert wird eine vernebelte Atmosphäre, die das Erlebnis zusätzlich abrundet.
Der Nebel verzieht sich allerdings schnell, und NILE zerlegen im Anschluss alles, was nicht niet- und nagelfest ist. Karl Sanders und seine Ägyptologen machen keine Kompromisse und legen ein Tempo vor, das Formel-1-verdächtig ist. Die abgefahrenen Breaks sind nach wie vor ein Hinhörer für jeden Fan des technischen Death Metal, aber auch für alle anderen Metaller, denn was die Jungs hier zaubern, sollte jeder, der sich für extreme Musik interessiert, einmal gesehen haben. Höhepunkt der Nile-Show ist das Intro von ´Unas, Slayer Of The Gods´, denn von dort an ist klar: Ab jetzt gibt es knappe zwölf Minuten ägyptische Achterbahnfahrt, und aussteigen oder gar die Notbremse ziehen ist nicht drin! Den Weggang des langjährigen Sängers und Gitarristen Dallas Toler-Wade hat die Truppe live sehr gut weggesteckt. Doch danach ist dann auch mal gut. Durchnässt und leicht angetrunken (wirklich nur leicht!) treten wir den Weg in Richtung Bett an. (tk)

Freitag

Tag Nummer zwei startet mit einer aberwitzigen Anreise, für die unsere Taxifahrerin zuständig ist. Um abzukürzen, fährt sie nämlich nicht auf die Autobahn, sondern erst mal auf die Fähre über den Nord-Ostsee-Kanal. Das ist touristisch wertvoll, führt aber auch dazu, dass sich die anschließende Fahrt durch irgendwelche völlig verstopften Minikäffer zieht wie Kaugummi. Von SONATA ARCTICA hören wir nur das, was der Wind uns zuträgt, ehe wir dann doch endlich irgendwann auf dem Gelände aufschlagen und erleben müssen, dass die völlig unwitzigen SALTATIO MORTIS auf der Mainstage vor sich hinstümpern dürfen und GRAND MAGUS parallel im bis zum Anschlag gefüllten Zelt auftreten müssen. Aber egal, machen wir das Beste draus, denn typisch pathetische Wikinger-Leidenschaft, die schon beim „Conan der Barbar“-Intro beginnt, funktioniert in Wacken immer noch besser als irgendwo sonst auf dieser Welt. Und nun Fäuste in die Höh´ für ´I, The Jury´ und ´Varangian´, ehe Schlachtenkommandeur Janne Christoffersson zum Schunkelrefrain von ´Steel Versus Steel´ das Publikum zum Mitsingen animiert. ´Iron Will´ und ´Hammer Of The North´ bilden Abschluss und Höhepunkt einer trotzdem eher durchwachsenen Show, denn auf Dauer können Grand Magus mit den sich oft ähnelnden Songstrukturen nicht überzeugen.
Zurück durch den Matsch, der mittlerweile die Konsistenz und Klebekraft eines Kaugummis entwickelt hat und sich hartnäckig an den Stiefeln festsaugt. Vor dem Hintergrund ist es echt eine fiese Aktion, dass TRIVIUM-Fronter Matt Heafy dem Mob vor der Bühne mehrfach „I wanna see all of you guys jump!“ zubrüllt. Wenn man das Gefühl hat, mit den Beinen in zwei Betonklötzen zu stecken, lässt sich das nicht so einfach in die Tat umsetzen. Das ist aber auch der einzige Kritikpunkt an Matt & Co., denn Trivium liefern. Schon im Opener ´Rain´ vom „Ascendancy“-Album zieht die Band alle Register, der Fronter wechselt spielerisch leicht von Klargesang zu Growls, und die irrwitzigen Gitarrenduelle, die sich Heafy mit Corey Beaulieu liefert, überzeugen auch die Musikerpolizei. Und es passt zum Selbstverständnis der Band, dass man mit ´The Sin And The Sentence´ bereits einen Song vom demnächst erscheinenden neuen Album präsentiert. Und natürlich spricht Heafy als Emperor-Fanboy und Ihsahn-Kumpel für Wacken die klare Empfehlung aus, sich später auf jeden Fall den Auftritt der norwegischen Black-Metal-Legende anzusehen. Als Trivium ihren Set mit einer krachenden Version von ´In Waves´ beendet haben, hält es Matt nicht lange in der Band-Umkleide, ehe er sich auf den Weg zur Emperor-Show begibt.
Zeitgleich treten PARADISE LOST bei schönstem Sonnenschein auf, aber da Nick Holmes schon des Öfteren bei Konzerten nicht ganz das Gesangsniveau der Studioleistung halten konnte, ist man doch skeptisch. Umso erfreulicher, dass er heute bestens bei Stimme ist. Hinter einer Sonnenbrille versteckt, startet er mit ´No Hope In Sight´, und mit ´One Second´ lässt auch die erste Ballade nicht lange auf sich warten. ´Gothic´ macht dann Fans der Anfangstage glücklich, und auch ´The Last Time´ weckt Erinnerungen an die großen Paradise-Lost-Platten Anfang der Neunziger. Die mit Songs aus fast allen Phasen der Band gespickte Setlist erfüllt jedem Fan der verschiedenen Ären zumindest mit einem Song einen Wunsch. Paradise Lost waren live schon lange nicht mehr so gut!
Danach wird´s schlimm. Sehr schlimm. APOCALYPTICA widmen sich im Rahmen ihrer Jubiläumstour voll und ganz ihren Anfangstagen und spielen ausschließlich Coversongs von Metallica, die die Gruppe in den Neunzigern berühmt machten. Gesangliche Unterstützung liefert dabei hauptsächlich das Publikum, da die vier Cellisten die Stücke wie gewohnt nur instrumental vortragen. Der Reiz dieser Coverversionen hat sich nach 20 Jahren aber stark abgenutzt, und so blickt man nach einigen Songs in überwiegend genervte Gesichter. ´Fade To Black´ funktioniert als Ballade mit Streichern dann um einiges besser, und mit dem Einsatz des Schlagzeugs kommt auch zum ersten Mal so etwas wie Stimmung in die Bude, aber für meinen Geschmack hätte es für den Auftritt der Finnen gerne die Zeltbühne statt der Mainstage sein dürfen.
Wie man ein Bandjubiläum besser begehen kann, zeigen im Anschluss EMPEROR. Die Norweger spielen nämlich ihr  1997 veröffentlichtes Meisterwerk „Anthems To The Welkin At Dusk“ komplett live, wie auch schon beim Jubiläum vom „In The Nightside Eclipse”-Album 2014 geschehen. Da die Band der Ausnahmemusiker ja eigentlich nicht mehr existiert, ist die Show für einen Großteil des Publikums ein echtes Highlight. Erwartungsgemäß perfektionistisch geht Frontmann Ihsahn zu Werke, die Wechsel zwischen Gekreisch und seinem majestätisch-cleanen Gesang passen perfekt. Trym, Samoth sowie die Live-Musiker Secthdamon und Einar Solberg sollen dabei aber mit ihrer sehenswerten Darbietung nicht unter den Tisch fallen. Die Songs dieses Überalbums haben nach 20 Jahren in keiner Hinsicht an Energie und Faszination verloren, sodass ein Gänsehautmoment den nächsten jagt. Was wäre die Black-Metal-Szene ohne ´Ye Entrancemperium´ und ´Thus Spake The Nightspirit´? Und dann bildet ´With Strength I Burn´ zum Ende, wie auch auf dem Album, ganz klar den absoluten Höhepunkt! Da die angesetzte Spielzeit länger als das Album ist, folgen dem eigentlichen Set noch ´Curse You All Men!´, ´I Am The Black Wizards´ und ´Inno A Satana´, was dem Gig endgültig die Krone aufsetzt. Ein Wahnsinnserlebnis…
Ein Wahnsinnserlebnis bescheren auch MEGADETH ihren Fans. Und zwar ebenfalls im positiven Sinne. Beim gerne zwischen Genie und Wahnsinn pendelnden Dave Mustaine weiß man im Vorfeld einer Show ja nie so genau, was einen erwartet, die bisherigen Konzerte, die ich von der Band gesehen habe, bewegten sich immer auf einer Skala von „klingt wie ein Auffahrunfall“ bis „ganz großes Kino“. Heute, und das wird schon beim furiosen Eröffnungstriple ´Hangar 18´, ´Wake Up Dead´ und ´In My Darkest Hour´ überdeutlich, genießt der Rotschopf die Show. Vermutlich auch, weil er seinem Selbstverständnis nach eh jeden Tag auf die größten Bühnen dieser Welt gehört, und zum anderen, weil die Rahmenbedingungen perfekt sind. Die Bühne blitzt und funkelt, die Videoeinspieler sorgen für zusätzliche Aha-Erlebnisse. Dazu kommt ein druckvoller, aber perfekt ausbalancierter Sound, der sämtliche Nuancen der rasenden Gitarrenparts nachvollziehbar macht und schnell für offene Münder im Publikum sorgt. Kiko Loureiro hat der Band die erforderliche Frischzellenkur verpasst und agiert mit Mustaine inzwischen auf Augenhöhe, und Dirk Verbeuren an den Drums und David Ellefson am Bass legen das tonnenschwere Groove-Fundament, auf dem sich die beiden Ausnahmegitarristen austoben dürfen. Selbst der „Gesang“ von Mustaine kommt heute erstaunlich gut. Klar, ein Heldentenor wird nicht mehr aus ihm, aber es gibt auch niemand anderen, der seine Vocals so cool und gleichzeitig schnodderig ins Mikro röchelt wie er. Eine Killer-Show, die mit den Thrash-Hits ´Symphony Of Destruction´, ´Mechanix´, ´Peace Sells´ und der Zugabe ´Holy Wars… The Punishment Due´ beendet wird und dem Publikum die letzten Kraftreserven abverlangt.
Ursprünglich hatten wir vor, uns von Schockrocker MARILYN MANSON das heutige Schlaflied singen zu lassen, aber nach einer mächtig derangierten Vorstellung des einstigen Superstars wenden wir uns schnell mit Grausen ab. Keine Ahnung, ob das Gesamtkunstwerk Manson inzwischen wirklich total durch ist oder er sich vor der Show sämtliche Drogenvorräte Norddeutschlands eingefahren hat, aber sein „Auftritt“ ist für die seit Stunden in der Matsche rumstehenden Fans eine einzige Frechheit. (sh)

Samstag

Der Endspurt am Samstag beginnt mit strahlendem Sonnenschein, aus dem Wackenmoor wird langsam wieder standfester Boden. Zumindest kurzfristig, denn zur schönsten Mittagszeit sorgen RAGE bereits dafür, dass die müden Metalheads in Horden eine Stampede zum Infield antreten. Das ist dem gerade getrockneten Untergrund ein – Achtung, Wortwitz! – touch too Matsch. Gemütlich hinlegen ist nicht mehr. Peavy und seine Jungs schütteln den Fans also schnell den Schlaf aus den Hüften.
Das ist aber auch nötig, schließlich steht nicht viel später eine Zeitreise an. MAX & IGOR CAVALERA hetzen den Sepultura-Klassiker „Roots“ in Gänze durchs heilige Wacken-Land, spielen zu Lemmys Ehren ´Ace Of Spades´ und hinterlassen nach ziemlich ordentlicher Performance einige ratlose Fragezeichen auf den Gesichtern der vom Gig davor auf dem Infield verbliebenen Beyond-The-Black-Fans. Ärgerlich, dass zeitgleich auf der Louder-Stage RUSSKAJA für gute Laune sorgen. Das alte Wacken-Dilemma: Man müsste sich teilen können. Jetzt knallt auf einmal die Sonne, als wollte sie alle Wackinger für die Schlammschlacht am Donnerstag entschädigen. Sonnencreme hat aber auch wieder kaum jemand dabei. Wie man es macht, macht man´s verkehrt…
Schön eingecremt sind die Kollegen von POWERWOLF, auch wenn mir mein Nebenmann weismachen will, dass das keine Sonnenmilch ist. Ich glaube das mal und sehe, dass die Wölfe um Oberpriester Attila Dorn von einer riesigen Gruppe südamerikanischer Fans geradezu vergöttert werden. Insgesamt kommen die Saarbrücker „Rumänen“ aber auch bestens an. Die Mischung aus Power Metal und Gottesdienst macht´s, und so zocken sich die Wölfe durch eine Setlist, die in der Mitte um ´Armata Strigoi´ einige Längen hat, spätestens aber zum Rausschmeißer ´We Drink Your Blood´ eine saftige Portion Ohrwurmmelodien bereithält. Gelungen, schließlich wandert es sich durch den inzwischen nach Bauernhof riechenden Schlamm mit einem lustigen Liedchen auf den Lippen gleich deutlich besser. Leider fällt der zeitgleich stattfindende Gig von Hämatom dem Wolfsgeheul zum Opfer. Man kann nicht alles haben.
Keine großen Überschneidungen hat man immerhin, als HEAVEN SHALL BURN die Harder-Stage betreten, und dementsprechend kommen die Thüringer um den wie immer im schicken roten Hemd gekleideten Frontgrunzer Marcus Bischoff in den Genuss einer ziemlich großen Zuschauermenge. Routiniert und gewohnt energetisch steuert das deutsche Metalcore-Schlachtschiff die Fans von Circlepit zu Circlepit, gönnen sich und dem Mob aber immer wieder kürzere Päuschen. Erholung muss sein. Musikalisch gibt es ziemlich auf die Zwölf mit Brechern wie ´Downshifter´, ´Bring The War Home´ oder dem Veggie-Song ´Hunters Will Be Hunted´, mit dem es Heaven Shall Burn einst sogar wegen des vermeintlichen Aufrufs zur Gewalt gegen Jäger in die Zeitung mit den vier großen Buchstaben geschafft hat. Die Band gibt sich keine Blöße, spielt eine solide Show, kommt auch gut an, aber irgendwie bleibt der Eindruck haften, dass man sie schon mitreißender gesehen hat.  Mit dem Edge-Of-Sanity-Cover ´Black Tears´ (inklusive stimmgewaltiger  argentinischer Unterstützung am Mikro) wird das nachmittägliche Musizieren beendet.
Heaven Shall Burn musizieren so laut, dass die zeitgleich einberufene Bilanzpressekonferenz in Mitleidenschaft gezogen wird und fernab der großen Bühne deshalb ordentlich Dezibel aufgefahren werden müssen, um die ersten Bands für 2018 (unter anderem Nightwish, Arch Enemy, Amorphis, Doro, Watain, In Extremo, Epica, Knorkator, Firewind und Running Wild) vorzustellen. Polizei, Rettungsdienste und Feuerwehr sind auch dabei, betonen, wie friedlich das größte Metalfest Deutschlands wieder war, die W:O:A-Macher Thomas Jensen und Holger Hübner betonen einmal mehr die Internationalität des Ereignisses und geben sich zufrieden mit der neuen, sagenumwobenen Bierpipeline. Niemand habe es zudem geschafft, diese anzuzapfen, wird gescherzt. Metal-Queen Doro stellt sich gleich selbst vor und muss fast ein wenig schmunzeln, als sie über ihre diversen Anniversary-Shows der vergangenen Jahre spricht. 2018 gibt es eine weitere – dieses Mal wird das 35-jährige Bühnenjubiläum zum Anlass genommen. Man muss die Feste schließlich feiern, wie sie fallen.
Rock´n´Rolf ist auch da, kommt aber kaum zu Wort, schließlich gilt es einen Ehrengast noch größeren Kalibers zu begrüßen: ALICE COOPER kommt ungeschminkt und bester Laune direkt vor seiner Show kurz vorbei, beantwortet ein paar Fragen, gibt kurze Lemmy-Anekdoten zum Besten („Er erzählte mir, dass er aufgehört habe, Whiskey zu trinken, er trinke jetzt Wodka“) und ist so schnell weg, wie er gekommen ist. Wahrscheinlich muss er noch die Guillotine putzen. Auf jeden Fall blitzt das gute Stück in der prallen Abendsonne, als sie wenig später dem guten alten Alice den Kopf vom Körper trennt. Bevor der 69-Jährige in die Knie geht, legt er mit seiner fantastischen Band vor einem proppenvollen Infield eine Rockshow der absoluten Extraklasse hin. Das Programm ist natürlich gespickt mit Klassikern wie ´No More Mr. Nice Guy´, ´I´m Eighteen´, ´Poison´, ´Only Women Bleed´, ´School´s Out´ (mit ´Another Brick In The Wall´-Einschub), aber auch eine Nummer wie das brandneue ´Paranoiac Personality´ kommt bestens an. Am Ende wird schon wieder ´Ace Of Spades´ von Motörhead gecovert, im Vergleich zur ruppigen Cavalera-Version vom Mittag ist Coopers Version jedoch deutlich werkgetreuer, und Bassist Chuck Garric gibt am Mikro eine verdammt gute Lemmy-Kopie ab. Fast alles, was noch auf den Beinen ist, tummelt sich mittlerweile vor den Hauptbühnen. Es gibt Shows, die kaum jemand verpassen möchte, und diese ist eine davon. Dass zeitgleich ULI JON ROTH im Zelt etwas untergeht, kann einem leidtun, bedienen doch Cooper und Roth eine sehr ähnliche musikalische Zielgruppe. Das hätte man besser planen können.
Noch völlig euphorisiert von der starken Cooper-Show, bekommen die Fans dann eine starke Dosis schwedischer Metall-Wertarbeit geboten. AMON AMARTH lassen in den folgenden gut 75 Minuten absolut nichts anbrennen, hämmern sich stahlhart und megatight durch einen bockstarken Set, sparen nicht mit Pyros und Gimmicks, beschwören die ´Guardians Of Asgard´ und haben sich sogar einen Special-Guest eingeladen. Doro Pesch lässt sich blicken und singt mit Oberwikinger Johan Hegg wie schon auf der aktuellen CD ´A Dream That Cannot Be´. Musikalisch ist das Spitze, und auch rein optisch sind die beiden ein entzückendes Pärchen. Doro geht Johan gefühlt bis zur Hüfte. Zum Ende stehen die Schweden wortwörtlich im Regen – im Feuerregen, der von der Bühnendecke niederströmt, während zu ´Twilight Of The Thunder God´ die riesige Midgardschlange über die Bretter fegt. Ein absolut überzeugender Auftritt, der die Bierpipeline glühen lässt. Wikingermusik macht durstig.
Nach der skandinavischen Abrissparty kommt Tobi Sammet mit seinem AVANTASIA-Kontrastprogramm. Während zuvor das Infield gerappelt voll war, wollen jetzt scheinbar deutlich weniger Menschen das All-Star-Projekt des Edguy-Fronters sehen. Dabei gibt es musikalisch rein gar nichts zu motzen: Eine perfekt aufspielende Band, Gesangsgranaten wie Jorn Lande, Bob Catley, Herbie Langhans, Eric Martin, Amanda Somerville oder Geoff Tate (leider fehlt Michael Kiske dieses Mal), ein Bühnenbild wie aus einem Disney-Musical und reichlich Pathos sorgen für ein kurzweiliges Konzert, das einen gelungenen Querschnitt durch alle Avantasia-Phasen – angefangen mit dem Eurovision-Bewerbungstitel und Meat-Loaf-Wannabe-Song ´Mystery Of A Blood Red Rose´ von 2016 bis hin zu Tracks vom Debüt „The Metal Opera“ von 2001 – unters Volk streut. Lediglich die überbordende Theatralik (vor allem im Zusammenspiel von Lande und Sammet) ist an manchen Stellen etwas zu viel des Guten. Muss man mögen…
Wenn man es nicht mag und einfach härter einen auf die Glocke benötigt, tritt man die Reise ins Zelt an. Auf W.E.T.- und Headbanger-Stage läuft man zeitgleich zu Sammets großer Musical-Show kaum Gefahr, dass es einem zu cheesy wird: Erst schwingen PRIMAL FEAR den Stahlhammer, wobei Ralf Scheepers einmal mehr zeigt, dass er einer der besten deutschen Metalsänger ist, danach beweist Mr. Iron Maiden himself, Steve Harris, mit seiner kleinen Hobbyband BRITISH LION, dass der Brexit-Löwe live durchaus etwas zu reißen vermag. Die eher mediokren Stücke der Studio-CD kommen live deutlich besser rüber, haben weitaus mehr Energie, als es der Höreindruck aus der Konserve nahelegt. Dass Mr. Harris selbst als Füllmaterial-Act auf einer Nebenbühne eines Megafestivals auf seltsame Fotoverträge für die knipsende Journaille besteht, hat dann allerdings eher Monty-Python-artige Züge.
Die Uhr zeigt jetzt längst zwei Promille an, doch einer geht noch: KREATOR knallen um halb eins mit ´Hordes Of Chaos´, ´Phobia´ und ´Satan Is Real´ einen flotten Dreier zum Start der Show in die mit 13 Grad empfindlich kalte Sommernacht. Da hilft nur Bewegung. Mille & Co. strotzen vor gesunder Aggressivität, die Lichtshow ist opulent, und der Set gleicht einer Best-of-Compilation mit starker Betonung der aktuellen CD „Gods Of Violence“. Überraschenderweise hat Mille bei ´Fallen Brother´ Probleme, einen Circlepit dezent anzuzählen, was vor allem daran liegt, dass ihm Drummer Jürgen „Ventor“ Reil viel zu früh in die Parade fährt. Am Ende drehen trotzdem alle durch und verwandeln das W:O:A in gepflegte Chaostage bester Prägung. ´Pleasure To Kill´ beendet die Show und für viele Fans auch das diesjährige Wacken Open Air. Einige Eifrige schaffen es noch zu LORDS OF THE BLACK, der Band von Ronnie Romero – seines Zeichens aktueller Ritchie-Blackmore-Frontmann. Da dürfe Romero im Gegensatz zum Rainbow-Trauerspiel noch richtig rocken, sagt man beim Frühstück, bevor es heißt: Goodbye, Arrividerci, Salut und auf Wiedersehen – bis 2018. Rain or shine. Vermutlich eher rain… (ts)

In Wacken robbten headbangend durch den Schlamm: Thomas Kupfer (tk), Stefan „Hacky“ Hackländer (sh) und Thorsten Seiffert (ts).

Bands:
APOCALYPTICA
ULI JON ROTH
STEVE HARRIS' BRITISH LION
NILE
TRIVIUM
POWERWOLF
PRIMAL FEAR
ALICE COOPER
EMPEROR
AMON AMARTH
SONATA ARCTICA
VOLBEAT
MEGADETH
MARILYN MANSON
HEAVEN SHALL BURN
KREATOR
AVANTASIA
MAYHEM
Autor:
Stefan Hackländer
Thomas Kupfer
Thorsten Seiffert

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