Interview

Interview 24.10.2018, 14:24

DESTRUCTION - »Wir müssen die Bands davon überzeugen, dass der Libanon kein Terror-Staat ist«

Wir begleiteten DESTRUCTION für ein Tourtagebuch in Rock Hard Vol. 378 in den Libanon und in die Türkei. In Beirut führten wir ein Interview mit Elia Mssawir, der das Beirut Metal Festival mit seinem Team zum zweiten Mal veranstaltet.

Elia, wie bist du zum Veranstalter des Beirut Metal Festivals geworden?

»Ich stamme aus dem Libanon, lebe aber inzwischen in Dubai, wo ich als Event-Manager arbeite. Mein Geschäftspartner und ich überlegten vor einer Weile, wie wir die Live-Szene im Libanon beleben könnten. Wir schmissen unsere Kontakte zur Musikbranche zusammen, begannen Konzerte zu organisieren und legten 2017 mit dem Festival los. Langsam bekommen die Bands aus anderen Ländern mit, dass es auch im Libanon, beziehungsweise generell im Mittleren Osten, eine Metal-Szene gibt. Mir ist es wichtig, internationale Bands in den Libanon zu holen und ihnen zu zeigen, dass das Land nichts mit den konservativen Stereotypen gemeinsam hat, die man mit dieser Region in Verbindung bringt.«

Wie habt ihr die Festival-Stätte ausgewählt?

»Im Libanon gibt es keine Live-Clubs, wie man es aus anderen Ländern kennt. Wir modeln zum Beispiel kleine Studios, in denen Werbefilme gedreht werden, zu Konzertstätten um. Das Beirut Metal Festival findet auf einem Parkplatz statt, der zu einer Fabrikhalle von Porsche gehört und direkt an einer Stadtautobahn liegt. Wir hatten Glück, dass wir dafür eine Erlaubnis bekommen haben.«

Auf welche Widerstände bist du gestoßen?

»Zunächst einmal müssen wir die Bands davon überzeugen, dass der Libanon kein Terror-Staat ist. Viele Musiker wissen zunächst nichts über dieses Land oder bekommen durch die Medien einen falschen Eindruck.
Als nächstes müssen wir die hohen Reisekosten der internationalen Bands irgendwie bezahlt bekommen. Zum Glück haben uns dieses Jahr die Botschaften von Deutschland, Schweden und Polen unter die Arme gegriffen. Sie unterstützen uns bei den Visa-Anträgen, den Flugtickets und behördlichen Genehmigungen. Gerade Letztere sind nicht zu unterschätzen.«

Wie steht es generell um die Metal-Szene im Libanon?

»Wir hatten im Libanon mal eine große Metal-Szene. Früher kamen zu einem Konzert mit drei bis vier lokalen Bands bis zu 3.000 Fans. Doch wegen politischer Konflikte mit den Nachbarländern – ab 2006 z.B. mit Israel – sind viele Metalheads aus dem Libanon geflohen. Als 2011 das Beirut Rock Fest mit Serj Tankian, Moonspell und Katatonia veranstaltet wurde, glaubten wir an ein Comeback der Szene, doch es kamen nur 900 Leute.
Inzwischen baut sich die Metal-Szene langsam wieder auf. Letztes Jahr waren inklusive Bands und Crews rund 300 Leute auf dem Beirut Metal Festival. Dieses Jahr sind es doppelt so viele Personen.«

Wie viele Bands spielen auf dem Festival und wo kommen sie her?

»Insgesamt spielen hier 16 Bands an zwei Tagen. Mit DESTRUCTION und Decapitated haben wir zwei internationale Headliner. Dazu eine Band aus Syrien und eine aus Dubai. Die restlichen Gruppen stammen aus dem Libanon.«

Woher kommen die Besucher?

»Sie kommen aus Saudi-Arabien, Kuwait, Tunesien, Ägypten, Syrien, Irak, Australien, Deutschland, Holland, England, Niederlande, USA, China, Philippinen, Marokko und den Vereinigten Arabischen Emiraten.«

Viele arabische Besucher kommen sicherlich hierher, weil es in ihren Ländern so ein Festival nicht gibt, oder?

»Das ist einer der Gründe, aber einige Besucher kommen auch, weil es im Libanon nicht so heiß wie bei ihnen ist. Sie verbinden den Festivalbesuch mit einem Trip in die Berge oder an den Strand.«

Wie reagiert die Gesellschaft auf dein Festival und die Besucher?

»Wir müssen ständig mit negativen Reaktionen kämpfen. Man attackiert uns zwar nicht, aber Politiker und religiöse Gruppen, die wir nicht unterstützen, reden sehr schlecht über uns. Sie hängen sich daran auf, dass es in den Metal-Texten oft gegen Politik und Religion geht. Die Metal-Fans sind für sie Sündenböcke.
Am gestrigen ersten Festivaltag haben viele kleine Regierungsbeamte versucht die Veranstaltung zu untersagen. Aber da wir alle benötigten Bewilligungen für das Festival hatten – da uns zum Glück ja auch Leute unterstützen – konnte es weitergehen. Sie versuchen alles, um uns das Leben schwer zu machen.«

Stimmt es, dass du wegen deiner Liebe zum Metal schon im Knast gelandet bist?

»Ich wurde über die Jahre schon sehr oft von der Polizei verhört.«

Wie muss man sich das vorstellen? Klingeln die dann irgendwann bei dir an der Haustür?

»2013 war es am heftigsten. Damals war ich mit einer Band in der Türkei auf Tournee, als mich meine Mutter plötzlich aufgeregt anrief. Sie sagte: „Hier sind 25 Soldaten von der Armee bei uns im Haus. Du bist angeklagt, ein Satanist zu sein!“. Mein Anwalt konnte die Sache zum Glück erledigen. Später stellte sich heraus, dass die Polizei ein paar unter Drogeneinfluss stehende Teenager geschnappt hatte, die pubertäre Satanisten-Rituale vollzogen und benebelt erzählten, ich sei ihr satanischer Anführer. Ich war damals unter anderem als Moderator aktiv, und daher kannten sie mich. Nach dem Vorfall bin ich ins nationale Fernsehen eingeladen worden, um über die Geschehnisse zu sprechen.
Vor zehn Jahren bin ich auch mal in den Knast gewandert – einfach nur, weil ich Heavy Metal hörte. Bei meinem Bruder, der zwölf Jahre älter ist als ich, war es noch viel schlimmer. Er kam ständig in den Bau. Es war die Hochzeit der angeblichen Satanisten-Verfolgung. Jeder, der lange Haare und Tätowierungen hatte, wurde damals sofort hinter Gitter gebracht. Die Band Kaoteon wurde an den Haaren von der Bühne heruntergezogen und für eine Woche ins Gefängnis gesteckt. Jemand hatte ihren Bandnamen mit einem Wort verwechselt, das „Teufel“ bedeutet.
Da der Anklagepunkt Satanismus nicht im libanesischen Gesetz auftaucht und man nicht so recht wusste, wie man uns Metaller zu Rechenschaft ziehen sollte, wurden wir einfach in die Schublade Terrorismus gesteckt. In den Staatsakten werde ich als Terrorist geführt.«

Wie oft wurden du und dein Team für die Liebe zum Metal schon ins Gefängnis gesteckt?

»Der engere Kreis 15 Mal. Beim erweiterten Festival-Team dürften wir auf 50 Mal kommen. Den letzten Vorfall dieser Art gab es vor fünf Jahren. Seitdem ist es ruhig. Wir haben jetzt eine neue, jüngere Regierung, die unsere Kunst besser zu verstehen scheint. Die Tatsache, dass uns beim Festival Botschaften unterstützen und wir Genehmigungen vom Staat bekommen, zeigt mir, dass ein Wandel stattgefunden hat. Wir werden nicht mehr gejagt, sondern sogar unterstützt.«

Bands:
DESTRUCTION
Autor:
Conny Schiffbauer

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