Classic Albums

Classic Albums 29.08.2018

ANTHRAX - „We´ve Come For You All“ (2003)

Während die Big-Four-Kollegen Metallica, Megadeth und Slayer von Beginn an einen konstanten Sänger vorweisen konnten, mussten ANTHRAX den Frontmann-Posten mehrfach neu besetzen. Nachdem Joey Belladonna die klassische Ära von 1984 bis 1992 mit seiner klaren und hohen Stimme geprägt hatte, übernahm John Bush anschließend bis 2005 das Mikro, um die Kompositionen mit seinem rauen Gesang in einem anderen Licht erstrahlen zu lassen. 2003 gelang dem US-Quintett mit „We´ve Come For You All“ ein Karriere-Highlight, über das wir uns mit John nach seinem Auftritt mit Armored Saint auf dem Rock Hard Festival unterhalten haben.

John, in den Jahren vor „We´ve Come For You All“ waren ANTHRAX nicht sonderlich aktiv.

»Ja, „Volume 8“ kam 1998 raus, danach zogen Scott Ian und Charlie Benante die S.O.D.-Reunion durch, und ich nahm „Revelation“ mit Armored Saint auf, das 2000 erschien. Das geschah nicht aus Trotz, ich musste einfach etwas tun, sonst wäre mir langweilig geworden, und außerdem versuchte ich, etwas Geld mit der Musik zu verdienen. Wir hatten aber immer den Plan, irgendwann ein neues ANTHRAX-Album in Angriff zu nehmen. Zu der Zeit hatten wir aber keinen Plattenvertrag. „Volume 8“ erschien auf einem kleinen Label namens Ignition, das kurz nach der Veröffentlichung pleiteging. Im Nachhinein betrachtet war es eine schlechte Idee, mit ihnen einen Deal zu machen. Eine von vielen schlechten Entscheidungen, die bei ANTHRAX getroffen wurden, zumindest in der Zeit, als ich in der Band war. Als wir uns entschieden, in Europa bei Nuclear Blast zu unterschreiben, gab uns das einen Motivationsschub. Wir wussten, dass wir in Europa eine tolle Promotion erwarten konnten und es die Band wieder nach vorne bringen würde. So fingen wir an, Songs zu schreiben, aus denen letztlich „We´ve Come For You All“ wurde.«

Thrash Metal war Anfang der 2000er etwas aus der Mode gekommen. „W.C.F.Y.A.“ tönt aber etwas thrashiger als die beiden Vorgänger „Volume 8“ und „Stomp 442“.

»Für mich ist es in erster Linie ein ziemlich vielfältiges Album. Klar, ´What Doesn´t Die´ ballert ordentlich, und ´Black Dahlia´ verarbeitet gar einen Black-Metal-Einfluss. ´Superhero´ ist hingegen langsam und groovig, und ´Refused To Be Denied´ stellt eher einen Rocker dar. ´Safe Home´ klingt in Ermangelung an Vergleichen wie ein epischer Foo-Fighters-Song. In der Retrospektive ist es also ein recht abwechslungsreiches Album, das auch einige harte Nummern enthält. Es war aber nie so, dass wir auf eine bestimmte Richtung abgezielt hätten. Zu meiner Zeit bei ANTHRAX wollten wir uns auf verschiedenen Ebenen kreativ austoben. Natürlich haben wir auch mal zurückgeblickt und einige alte Elemente in unseren Sound integriert, doch die meiste Zeit schauten wir nach vorn. Mein erstes Album mit ANTHRAX, „Sound Of White Noise“, war meiner Meinung nach sogar seiner Zeit voraus.«

Hattet ihr Bedenken, dass die Vielseitigkeit der Tracks in der Summe kein stimmiges Album ergeben könnte?

»Wir sind schon ein Risiko eingegangen. Das Schöne an ANTHRAX war, dass wir etwas gewagt haben, anstatt immer die gleiche Leier zu spielen. Schon bevor ich bei ihnen eingestiegen bin, habe ich diese Haltung an ANTHRAX geschätzt. Ich nenne jetzt keine Namen, aber in meinen Ohren ist Heavy Metal teilweise ganz schön konservativ geworden. Das geht ja schon damit los, dass alle immer nur Schwarz tragen und grimmig gucken. Ich empfinde das als Einschränkung. ANTHRAX haben bereits vor meiner Zeit mit ´I´m The Man´ und einigen Coversongs wie Trusts ´Antisocial´ bewiesen, dass sie über den Tellerrand blicken. Meine Lieblingskünstler waren schon immer diejenigen, die eben nicht auf Nummer sicher gehen und sich sagen: „Oh, das ist es, was die Fans wollen? Dann lasst uns ihnen ein weiteres Album in diesem Fahrwasser geben.“«

„W.C.F.Y.A.“ war das erste Album, bei dem Rob Caggiano nicht nur als Leadgitarrist, sondern auch als Produzent in Erscheinung trat. War es seltsam, dem „Neuen“ so viel Verantwortung zu übertragen?

»Ich kann mich nicht erinnern, dass es sich seltsam angefühlt hätte. Er hatte einen Partner und Co-Engineer, Eddie Wohl, in dessen Haus in White Plains wir die Scheibe auch aufgenommen haben. Ich übernachtete damals in einem Hotel. Meine Frau besuchte mich dort einmal und war entsetzt, weil es mitten im Nirgendwo lag, sie wollte lieber nach New York (lacht). Rob hatte vorher schon einige coole Produktionen betreut und frisches Blut in die Band gepumpt. Er war sehr inspiriert und glücklich, bei ANTHRAX spielen zu können. Er hatte ein gutes Paar Ohren, weshalb wir ihm vertrauten.«

Neben den zwei obligatorischen Soli von Pantera-Gitarrist Dimebag Darrell enthält „W.C.F.Y.A.“ auch noch einen Gastauftritt eines weiteren prominenten Musikers.

»Ja, bei ´Taking The Music Back´ singt Roger Daltrey von The Who mit. Ich war leider nicht anwesend, als er seine Vocals in L.A. aufnahm. Als wir seine Parts zum ersten Mal hörten, sagten wir uns: „Das klingt nicht besonders toll!“ Aber wie bringt man einer Rock-Ikone wie Roger Daltrey bei, dass man mit seiner Performance nicht zufrieden ist? Irgendwie haben wir es jedoch hinbekommen, dass er seine Spuren noch mal neu eingesungen hat, womit wir dann auch zufrieden waren. Live hat Frankie (Bello, b. - rb) Rogers Gesang übernommen.«

Würdest du an dem Album aus heutiger Sicht etwas ändern wollen?

»Nicht wirklich, denn eine Platte ist fertig, wenn sie fertig ist. Es ist wie mit einem Kind: Du hältst es lange auf dem Arm, aber irgendwann musst du es laufen lassen. Wenn du das nicht tust, dann wird es zu „Chinese Democracy“. Ich bin gut darin, Dinge loszulassen.«

Als du das Studio verlassen hast, war dir aber noch nicht klar, dass „W.C.F.Y.A.“ dein letztes reguläres Album mit ANTHRAX sein würde.

»Nein, das war zu dem Zeitpunkt noch nicht abzusehen. Ich weiß nicht, woher die Motivation kam, die Reunion mit Joey Belladonna durchzuziehen. Ich kann mich noch daran erinnern, dass wir zu der „Attack Of The Killer A´s“-Best-of 1999 oder 2000 eine Tour geplant hatten, bei der Joey und ich singen sollten. Das hatte aber nicht geklappt, weshalb wir ohne Joey auftraten. Nach der Veröffentlichung von „W.C.F.Y.A.“ kam das Thema erneut auf den Tisch, und ich sagte: „Ich habe diese Idee vor ein paar Jahren unterstützt und mich dazu bereit erklärt, aber es hat nicht hingehauen.“ Mir war nach „W.C.F.Y.A.“ nicht danach, wir hatten ja 2004 „The Greater Of Two Evils“ rausgebracht, auf der ich die Hits aus der Belladonna-Phase im Studio neu eingesungen hatte. Damit war das Thema für mich abgefrühstückt. Aus meiner Sicht implizierte der erneute Vorschlag, Belladonna mit auf Tour zu nehmen, dass die ANTHRAX-Jungs meine Performance auf „The Greater Of Two Evils“ nicht gut genug fanden. So nach dem Motto: „Dann lasst uns denjenigen zurückholen, der die Sachen ursprünglich gesungen hat.“ Joey singt seine Songs großartig, keine Frage, aber ich fühlte mich damit nicht wohl. Ich hätte „The Greater Of Two Evils“ wahrscheinlich niemals aufgenommen, wenn ich gewusst hätte, dass danach erneut zur Debatte stehen würde, mit Joey auf Tour zu gehen. Deswegen habe ich den ANTHRAX-Jungs zu verstehen gegeben, dass ich nicht bereit bin, mit Joey zu touren. „Wenn ihr meint, dass ihr das tun müsst, dann macht es!“ Das hat die Türen für die Reunion mit Joey Belladonna und Dan Spitz (die von 2005 bis 2007 Bestand hatte - rb) geöffnet.«

Wie groß war deine Enttäuschung, nicht mehr zur Band zu gehören?

»Nun, das Timing war für mich ganz gut, denn meine Tochter war gerade erst vier Monate alt. Deshalb freute ich mich über die Gelegenheit, zu Hause bleiben zu können und meinen Nachwuchs großzuziehen. Aber es war auch beängstigend. Meine Frau ist mit einer Casting-Agentur selbstständig, und genau zu dem Zeitpunkt, als ich bei ANTHRAX raus war, sprang einer ihrer Hauptauftraggeber ab. Unser beider Karrieren formten sich zu einem Fragezeichen, und wir hatten ein Baby, das wir ernähren mussten. Letztlich hat sich aber alles zum Guten gewendet.«

Völlig beendet war dein Engagement bei ANTHRAX damit aber noch nicht. Nachdem der Versuch, mit Joey an einem Album zu arbeiten, nicht fruchtete, suchten ANTHRAX einen neuen Sänger und wurden Ende 2007 in Dan Nelson fündig. Jener flog aber 2009 wieder aus der Band, weshalb du gefragt wurdest, für einige Shows auszuhelfen.

»Ja, wir haben das Sonisphere in Knebworth gespielt, danach Loudpark in Japan und die Soundwave-Konzerte in Australien. Ich glaube, ich war damals nicht bereit, wieder voll einzusteigen. Die Songs des „W.C.F.Y.A.“-Nachfolgers „Worship Music“ wurden alle geschrieben, als Dan Nelson in der Band war. Ich habe kein großes Ego, aber zumindest ein kleines. Nun zurückzukehren und die Tracks, die sie mit Dan teilweise bereits live gespielt hatten, neu einzusingen, konnte ich mir nicht geben. Ich habe gerne Joey ersetzt, denn vor ihm habe ich großen Respekt, er ist die Stimme von ANTHRAX. Aber ich komme nicht zurück, um diesen Typen zu ersetzen. Nichts gegen ihn, ich kenne ihn nicht. Es fühlte sich einfach nicht richtig an, seine Sachen neu einzusingen. Ich konnte und wollte das nicht. Darunter leidet mein Verhältnis zu Charlie bis heute. Ich sagte ihm nämlich: „Wenn ihr wollt, dass ich „Worship Music“ neu einsinge, müsst ihr Summe X auf den Tisch legen!“ Darauf meinte er: „Fuck that! Wir zahlen dir nicht so viel Geld!“ Ich hatte extra eine hohe Summe genannt, weil ich es einfach nicht machen wollte. So haben sie Joey zurück in die Band geholt, was eine smarte Entscheidung war. Joeys letztes Album lag schon 20 Jahre zurück, deshalb machte seine Rückkehr mehr Sinn.«

ANTHRAX sparen die Songs aus deiner Phase live aus, weshalb du in einigen Interviews Interesse daran bekundet hast, mit diesen Tracks auf Tour zu gehen. Wie ist diesbezüglich der Stand der Dinge?

»Richtig, mein Booking Agent wollte einige Angebote einholen, die mir bisher aber noch nicht vorliegen. Ich würde gern ein paar Festivals spielen, das wird keine Clubtour. Es ist mittlerweile genügend Zeit ins Land gegangen, und ANTHRAX lassen die Tracks außen vor, was ich verstehe. Aber die Umstände und die Mitmusiker müssen passen. Ich würde gern Paul Crook an der Gitarre dabeihaben, denn er hat auf „Stomp 442“ und „Volume 8“ gespielt und war auch mit uns auf Tour. Ich denke, wir werden das eines Tages umsetzen, doch ich kann noch nicht absehen, wann und wie viele Shows es geben wird.«

www.anthrax.com
www.facebook.com/anthrax


Das Line-up auf „We´ve Come For You All“

Scott Ian (g.)
Charlie Benante (dr.)
Frank Bello (b.)
John Bush (v.)
Rob Caggiano (g.)

Fakten, Fakten, Fakten

Spielzeit: 50:03 Minuten
Produzent: Scrap 60 (Rob Caggiano + Eddie Wohl)
Studio: BearTracks Recording Studios, Avatar Studios, Red Clay Studios
Cover-Artwork: Alex Ross
Veröffentlichung: 24. Februar 2003 (Europa)

Die Songs

Contact
What Doesn´t Die
Superhero
Refuse To Be Denied
Safe Home
Any Place But Here
Nobody Knows Anything
Strap It On
Black Dahlia
Cadillac Rock Box
Taking The Music Back
Crash
Think About An End
W.C.F.Y.A.

Diskografie (Studioalben)

Fistful Of Metal (1984)
Spreading The Disease (1985)
Among The Living (1987)
State Of Euphoria (1988)
Persistence Of Time (1990)
Sound Of White Noise (1993)
Stomp 442 (1995)
Volume 8: The Threat Is Real (1998)
We´ve Come For You All (2003)
Worship Music (2011)
For All Kings (2016)

Pic: Andy Buchanan

Bands:
ANTHRAX
Autor:
Ronny Bittner

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