Classic Albums

Classic Albums 21.02.2018

KREATOR - „Violent Revolution“ (2001)

Mit „Violent Revolution“ konnten KREATOR sich nach einem Jahrzehnt des Experimentierens wieder als eine der weltweit besten Thrash-Bands behaupten und einen soliden Grundstein für ihre bis heute sehr erfolgreiche Karriere legen. Wir blicken mit Mille Petrozza auf den ersten Klassiker einer neuen KREATOR-Ära zurück.

Mille, um die Geschichte von „Violent Revolution“ nachvollziehen zu können, müssen wir erst mal auf das „Endorama“-Kapitel zurückblicken.

»Vielleicht, schwierig zu sagen. Zu der Zeit von „Outcast“ und „Endorama“ hatten wir ein Durcheinander in der Band, der Spirit war nicht so richtig da. Man hat sich nicht hundertprozentig konzentriert, wir hatten Probleme mit Plattenfirmen, dem Line-up und unserer musikalischen Richtung. Das war alles ein totales Drama. Für die Tour waren noch Tommy Vetterli und Ventor-Ersatz Makka (Despair/Sodom-Drummer Markus „Makka“ Freiwald - rb) in der Band. Die Tour lief grauenhaft, obwohl wir mit unseren Freunden von Moonspell unterwegs waren. Aber dass wir bei den „Endorama“-Songs live zu Samples spielen mussten, hat mich emotional total zurückgehalten. Auf Platte war das super, aber wenn du das live spielst, fühlt es sich wie in einem Käfig an. Das gefiel mir nicht. Wir haben eine zweimonatige Europatour absolviert und uns in der Zeit von unserem Management und Label getrennt. Ich hatte danach einfach Bock, diesen ganzen Ballast von mir zu werfen. Mit einem befreundeten Schlagzeuger nahm ich erste Demos auf, womit schon vier oder fünf Songs des Albums standen. Daraufhin habe ich die alte Bande wieder zusammengetrommelt und Sami ins Boot geholt. Er hatte schon mal ausgeholfen, als Tommy verletzungsbedingt einige Festivals nicht spielen konnte.«

In „Violent Evolution“, der KREATOR-Biografie von Hilmar Bender, wird die Zeit nach der Tour im Vorprogramm von Moonspell als Tiefpunkt eurer Karriere beschrieben.

»Das war etwas sehr inszeniert und dramatisiert, was der Hilmar da geschrieben hat. Das kann man so sehen, aber ich glaube, so schlimm war es gar nicht. Die Tour an sich war in Ordnung, doch für uns war es natürlich eine neue Situation, in Europa als Support einer anderen Band aufzutreten. Das hatte es vorher noch nie gegeben. Auf der anderen Seite existierte eine gute, freundschaftliche Ebene, weil Moonspell mit die coolsten Menschen in der Musiklandschaft sind. Auf der musikalischen Ebene wurde es halt schwierig. Tommy Vetterli hat auch ein bisschen was von „Endorama“ geschrieben und ein wenig die Richtung diktiert. Das gefiel mir nicht, ich musste wieder die Zügel in die Hand nehmen. Ich würde es allerdings nicht als Tiefpunkt von KREATOR bezeichnen – es gab keinen Tiefpunkt. Für mich wäre der Tiefpunkt gewesen, wenn wir gar nicht mehr hätten spielen können. Wir sind ja weiterhin aufgetreten und haben Platten veröffentlicht. Aber es war natürlich nicht so eine enthusiastische Phase wie zu Zeiten von „Pleasure To Kill“ und „Extreme Aggression“. Dennoch war es eine wichtige Epoche, die musikalisch sehr inspirierend war. Diese melodischen Sachen, die ich mit Tommy zusammen entworfen habe und die wir auf „Endorama“ sehr gut umsetzten, konnten wir mit in die Session zu „Violent Revolution“ nehmen.«

„Violent Revolution“ markiert einen deutlichen Einschnitt in eurer Diskografie, weil ihr nach über zehn Jahren wieder auf eure Tugenden zurückgeblickt habt. In den Neunzigern waren KREATOR eher dafür bekannt, mit neuen Sounds zu experimentieren.

»Das ist richtig. Ich glaube, dass das Line-up damals auch ein bisschen gelitten hat, weil die musikalischen Interessen in den Neunzigern etwas auseinandergingen. Ventor ist eher ein traditioneller Metal-Typ, dem es ein bisschen zu viel mit den Takten wurde, die er von Tommy aufs Auge gedrückt bekommen hat. Die Sachen waren damals alle sehr durchdacht und vielleicht eine Spur zu intellektuell anstelle von emotional und intuitiv. Ich denke, gerade die Intuition ist das, was die Band ausmacht – dass wir mehr mit dem Herzen als mit dem Kopf spielen. In den Neunzigern haben wir uns selbst immer ein Dogma auferlegt und einen komischen Anspruch an unsere Musik gestellt. Ich wollte wieder ein Album machen, bei dem wir bei null anfangen und den Enthusiasmus von früher in den Mittelpunkt stellen. Ich denke, das hat allen gutgetan und die Band gerettet. Bei „Violent Revolution“ kam die Musik wieder aus dem Bauch heraus. Wenn wir allerdings die ganze Zeit nur Thrash-Metal-Alben herausgebracht hätten, wäre uns wahrscheinlich irgendwann das musikalische Interesse verloren gegangen.«

Gab es einen Song, der beim Songwriting die Richtung von „Violent Revolution“ vorgegeben hat?

»Wenn ich mich nicht total irre, war das ´Reconquering The Throne´ oder ´System Decay´. Diese beiden Tracks waren zuerst da. Die habe ich noch mit einem anderen Schlagzeuger aufgenommen – ´Servant In Heaven, King In Hell´ und ´Second Awakening´ auch. Diese Demos habe ich dann Ventor gegeben und ihn gefragt, ob er nicht Bock hätte, wieder mitzumachen. Der Rest von „Violent Revolution“ entstand danach bei den Sessions mit Ventor und Speesy. Der Schlüsselsong war für mich aber immer ´Violent Revolution´, weil er so eine Mischung aus „Outcast“ und der neuen Richtung darstellt. Zudem ging der Text mehr in die Richtung dessen, was wir vorher immer repräsentiert hatten. Die Lyrics sind viel runder, bei „Outcast“ waren die Texte sehr spirituell, abgehoben und esoterisch, während „Violent Revolution“ wieder zurück ins Weltgeschehen blickte.«

Kannst du dich noch daran erinnern, was du als Inspiration für die Riffs genommen hast?

»Ja, die alten Alben von uns (lacht). Ich glaube, „Coma Of Souls“ war ein großer Einfluss, zudem Musik, die ich zu der Zeit gehört habe – Maiden, Priest und Goth-Kram. Ich entdeckte aber auch einiges aus dem härteren Bereich neu. Bei der Moonspell-Tour haben wir uns mit Witchery einen Bus geteilt, und deren Gitarrist Patrik Jensen hat mir das zweite The-Haunted-Album ohne Gesang vorgespielt. Das hat mich ein bisschen inspiriert. Ich habe mir das angehört und gedacht: „Na gut, das ist zwar super, aber das kann ich auch – und zwar besser!“ (lacht). Ich finde diese „healthy competition“ wichtig, dass man, ohne zu kopieren, einen Ansporn findet.«

Bis auf wenige Ausnahmen gab es 2001 aber auch kaum Bands, an denen man sich orientieren konnte, weil der Thrash Metal zu der Zeit ziemlich am Boden lag.

»The Haunted waren die Band, die die Thrash-Metal-Fahne hochgehalten hat. Natürlich gab es noch ein paar Untergrund-Sachen. War Thrash wirklich am Boden? Ich kann das gar nicht so genau sagen, kam zu der Zeit nicht auch ein Exodus-Album, was total super war?«

Du meinst „Tempo Of The Damned“.

»Ja, aber ich glaube, das kam nach „Violent Revolution“ („Tempo Of The Damned“ erschien 2004 - rb). Doch es gab dieses eine geile Testament-Album, „The Gathering“. Als ich das gehört habe, war Andy Sneap als Produzent für mich gesetzt, weil das einfach super klang.«

Wie konnte Sami sich einbringen?

»Wir waren bei „Violent Revolution“ noch vorsichtig, weil wir uns noch nicht so gut kannten. Außerdem war ich damals noch mehr Kontrollfreak als heute. Wir sind erst mal zu dritt ins Studio gegangen und haben die Basics eingespielt. Sami haben wir dann für eine Woche eingeflogen, um ihn seine Soli einspielen und Ideen entwickeln zu lassen, was einige Melodien und Harmonien betrifft. Beim Nachfolger „Enemy Of God“ war Sami dann schon die ganze Zeit dabei.«

Warum ist das Titelstück als einziger Track im Live-Set geblieben?

»Nö, wir haben doch noch... (greift sich die mitgebrachte „Violent Revolution“-CD und liest die Tracklist). Oh, du hast recht (lacht). Ich würde gern mal wieder ´Reconquering The Throne´ oder ´All Of The Same Blood´ spielen, ich glaube, die werde ich mal wieder in den Set einführen. „Violent Revolution“ ist aber sogar eines dieser Alben, die man am Stück spielen könnte – ich finde darauf alle Lieder sehr gut bis gut. Aber wir stehen mit 14 Alben halt immer in der Bredouille, alle Wünsche zu befriedigen.«

Würdest du an dem Album aus heutiger Sicht etwas ändern wollen?

»Nee, das ist schon gut, so wie es ist. Bei einer heutigen Veröffentlichung würde ich zwei Stücke runternehmen, weil die Plattenfirma noch Bonustracks für ´ne Rock-Hard-7“-Vinyl oder so was braucht (lacht).«

Wie hast du die Fanreaktionen damals empfunden?

»Wir sind zuerst mit Cannibal Corpse getourt und dann mit Sodom, Destruction und Tankard. Plötzlich waren wieder Läden ausverkauft, in denen wir vor Jahren noch vor 400 Leuten gespielt hatten, die Markthalle in Hamburg fällt mir da ein. Da hatten wir schon das Gefühl, dass Metal generell ein Revival erlebt. Wir mussten uns langwierig unseren Status zurückerobern, das war harte Arbeit. Wir sind zigmal um die Welt geflogen, um überall dort aufzutreten, wo die Leute einen sehen wollten. Wir waren mit dem Album ein ganzes Jahr unterwegs. In den Neunzigern haben wir hingegen zum Teil gar nicht mehr in Amerika gespielt, 2002 machten wir dann dort mit Destruction eine Tour, die für unsere damaligen Verhältnisse sehr erfolgreich war. Wir hatten schon beinahe ein Trauma, weil wir 1996 mal eine grauenhafte Amerika-Tour absolviert hatten. Die Neunziger waren einfach ein schlechtes Jahrzehnt für Metal. Man hatte danach wieder ein gutes Selbstbewusstsein als Band – und Iron Maiden hatten auch wieder ein gutes Album draußen.«

Musstest du dir dieses neue Selbstbewusstsein erarbeiten? Du dankst in der Thanks-Liste des Albums mit Chricki nur einer Person – „für Inspiration und mentalen Support“.

»Das war meine damalige Freundin. Ich muss immer eine Inspirationsquelle haben, und Chricki war damals ein ziemlicher Metalfan, die mir Sachen vorgespielt hat, die ich noch gar nicht kannte, weil ich so ein bisschen aus der Metal-Welt raus war. Ich habe zwar noch viel Metal gehört, aber viele Untergrund-Sachen hat sie mir wieder nahegebracht. Ich glaube, deshalb habe ich den Satz in der Thanks-Liste geschrieben. Es war gut, einfach mal wieder mit Leuten mit einem guten Musikgeschmack zusammen zu sein (lacht).«

www.facebook.com/kreatorofficial


Das Line-up auf „Violent Revolution“

Mille Petrozza (v./g.)
Jürgen „Ventor“ Reil (dr.)
Christian „Speesy“ Giesler (b.)
Sami Yli-Sirniö (g.)

Fakten, Fakten, Fakten

Spielzeit: 56:43 Minuten
Produzent: Andy Sneap
Engineers: Andy Sneap und Tommy Newton
Studios: Area 51, Celle und Backstage Studios, Nottingham
Coverartwork: Andreas Marschall
Veröffentlichung: 24. September 2001

Die Songs

Reconquering The Throne
The Patriarch
Violent Revolution
All Of The Same Blood
Servant In Heaven, King In Hell
Second Awakening
Ghetto War
Replicas Of Life
Slave Machinery
Bitter Sweet Revenge
Mind On Fire
System Decay

?DISKOGRAFIE (Studioalben)
??Endless Pain (1985)
?Pleasure To Kill (1986)
?Terrible Certainty (1987)?
Extreme Aggression (1989)?
Coma Of Souls (1990)?
Renewal (1992)?
Cause For Conflict (1995)
?Outcast (1997)
?Endorama (1999)?
Violent Revolution (2001)?
Enemy Of God (2005)?
Hordes Of Chaos (2009)?
Phantom Antichrist (2012)
?Gods Of Violence (2017)

Pic: Hans-Martin Issler

Bands:
KREATOR
Autor:
Ronny Bittner

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