Classic Albums

Classic Albums 25.07.2018

ULI JON ROTH , SCORPIONS - „Tokyo Tapes“ (1978)

Thin Lizzys „Live And Dangerous“, „Strangers In The Night“ von UFO, Kiss´ „Alive!“ und „Alive II“, Judas Priests „Unleashed In The East“ und auch „At The Budokan“ von Cheap Trick – die Liste der klassischen Live-Alben aus den siebziger Jahren ist lang. Und selbstverständlich gehört auch „Tokyo Tapes“ von den SCORPIONS dazu. Ein Doppelalbum, das in dieser Form um ein Haar gar nicht erst erschienen wäre. Uli Jon Roth, der mit seinem magischen Gitarrenspiel die Aura von „Tokyo Tapes“ prägt, wollte der Band nämlich eigentlich bereits vor besagter Japan-Tournee für immer den Rücken kehren.

Zum Glück für die Nachwelt ließ sich der Gitarrenhexer allerdings von Klaus Meine und Rudolf Schenker dazu überreden, den Abstecher ins Land der aufgehenden Sonne noch zu absolvieren. Uli sitzt nach seinem denkwürdigen Auftritt auf dem Rock Hard Festival 2018 im Backstage-Raum, lehnt sich entspannt zurück und erweckt den Eindruck, mit sich und der Welt vollumfänglich im Reinen zu sein. »War doch geil der Auftritt, oder? Da brannte gar nichts an, fast gar nichts. Am Anfang hatte ich ein paar Stimmprobleme. Aber danach lief es wirklich wie geschmiert. Ich fand´s super. Die Tontechniker hier wissen definitiv, was sie machen!« Gar nicht so leicht, den Übergang zu finden zum legendären ersten Live-Album der SCORPIONS, 40 Jahre zuvor in Japan aufgezeichnet. Gelsenkirchen... Tokio. Uli beamt sich mal schnell zurück ins Jahr 1978:

»Effektiv hatte ich die SCORPIONS 1978 schon verlassen. Bereits ein Jahr zuvor hatte ich der Band meinen Ausstieg bekannt gegeben, weil ich einfach mein eigenes Ding machen wollte. Das war aber gar nicht so einfach, weil die SCORPIONS sich gerade ganz offensichtlich im Aufwind befanden und uns ein Tourangebot nach dem anderen auf den Tisch flatterte. Ich habe dieses Spiel also noch mitgespielt. Auf einmal hieß es: „So, jetzt noch eine Japan-Tournee und dann Amerika.“ Das war mir aber nun eigentlich wirklich zu viel des Guten. Klaus und Rudolf haben mich dann aber so lange bekniet, bis ich doch noch klein beigegeben habe. Die Japan-Tournee sollte den Abschluss dieser Ära der SCORPIONS markieren, ich war ja damals immerhin fünf Jahre mit von der Partie gewesen. Das Live-Album war quasi als Schwanengesang vorgesehen. So lautete ganz explizit der Plan. Heute bin ich wirklich froh, dass ich mich habe überreden lassen, denn diese Auftritte in Japan waren ein tolles Erlebnis. Für uns alle in der Band war es die erste Reise nach Japan. Okay, Deep Purple waren vorher bereits dort aufgetreten, aber ansonsten hatte das japanische Publikum vor den SCORPIONS noch nicht viele andere westliche Rockbands gesehen. Speziell als deutsche Band war das natürlich etwas ganz Besonderes. Wir spielten in schönen großen Hallen, die auch richtig voll waren. Mit „Virgin Killer“ hatten wir in Japan bereits Gold erzielt, und darauf basierte dann diese Tour. „Tokyo Tapes“ war eben die Momentaufnahme davon, wie die SCORPIONS zu jener Zeit geklungen haben. Wir absolvierten insgesamt fünf Konzerte, die alle ausgesprochen gut gelaufen sind. Meine Lieblingsshow war die erste, in der Sun Plaza Hall in Tokio, die haben wir allerdings leider nicht aufgenommen, was ich echt schade fand, weil es in meinen Augen das beste Konzert war, das ich je mit den SCORPIONS gespielt hatte. Die beiden anderen Abende in Tokio waren aber auch gut, und aus diesen Aufnahmen resultierte „Tokyo Tapes“. So war das.«

Auf den Albumtitel nahmen Blind Guardian 1993 noch einmal Bezug, indem sie ihre eigene Live-CD in enger Anlehnung an die SCORPIONS „Tokyo Tales“ nannten. Gab es denn überhaupt Alternativen für den Namen der Platte? Uli muss nicht lange überlegen:

»Wenn ich mich recht entsinne, dann war der Titel der Platte die Idee von Klaus Meine. Ich erinnere mich an ein Telefonat mit Klaus, als er zu mir sagte: „Bob Dylan hat ein Album herausgebracht, das sich „Basement Tapes“ nennt, wieso nennen wir unsere Platte dann nicht „Tokyo Tapes“?“ Na ja, ich habe mir wenig dabei gedacht, weil ich mich mental zu diesem Zeitpunkt schon aus der Band ausgeklinkt hatte. Ich habe das alles nur noch so am Rande mitbekommen. Am Ende war ich aber froh, dabei noch mitgewirkt zu haben, denn „Tokyo Tapes“ entwickelte sich zur mit Abstand erfolgreichsten Platte der frühen SCORPIONS: Egal, wo ich heutzutage auftrete, jeden Abend kommen Fans mit „Tokyo Tapes“ auf Schallplatte zu mir und fragen mich nach meiner Unterschrift. Damals habe ich mir null Gedanken zum Thema Live-Album gemacht – ich hatte wirklich nur Electric Sun im Kopf. Ich habe mich auch beim Mix so gut wie niemals blicken lassen. Im Nachhinein habe ich das allerdings bereut, weil ich der Meinung bin, dass die Gitarre oft zu leise gemischt worden ist. Das wäre nicht passiert, wenn ich da gewesen wäre. Mit dem Sound war ich am Ende auch nicht zufrieden – das scheint aber nichts ausgemacht zu haben, denn die Leute fanden es trotzdem klasse. „Tokyo Tapes“ ist über die Jahre zu einem echten Kultalbum geworden, in einer Liga mit „Strangers In The Night“ von UFO oder „Live At Leeds“ von The Who – und das ist ja gar nicht einmal so schlecht.«

In die Frage der Songauswahl für „Tokyo Tapes“ hat sich Uli dann aber doch eingemischt:

»Ja, da war ich sehr involviert. Wir hatten ja deutlich mehr Stücke aufgenommen, als letztendlich ihren Weg auf die Platte gefunden haben. Unter anderem gab es da einen Song von mir, der sich ´Hellcat´ nannte. Diesbezüglich habe ich damals mein Veto eingelegt, weil ich die Aufnahme als nicht gut genug empfand. Das war wohl ein Fehler von mir. Ich habe mir das Recording jüngst noch einmal angehört, und es klang eigentlich ziemlich gut, da war ich seinerzeit wohl einfach ein wenig zu selbstkritisch. Ein Veto habe ich auch bei ´Catch Your Train´ eingelegt, weil mir ein paar Sachen nicht gefielen. Damals war ich halt sehr perfektionistisch veranlagt. Das war wahrscheinlich ein Fehler. Aber im Großen und Ganzen funktioniert die Platte. Obwohl natürlich ein paar Schwachstellen drauf sind: ´Long Tall Sally´ und so, das hätte wohl nicht sein müssen. Aber es handelt sich am Ende des Tages eben lediglich um eine Momentaufnahme. Wir waren damals eine authentische Band aus den siebziger Jahren, viele von uns kamen ja sogar aus den Sechzigern. Aus diesem Grund haben wir auch relativ viel improvisiert. Die Soli, lange Passagen und ganze Blöcke waren oft frei, was die SCORPIONS heute natürlich überhaupt nicht mehr machen. Aber das war das, was der Band damals auch ihr Feuer gab, glaube ich. Wir haben uns nicht gescheut, jeden Abend Risiken einzugehen, und uns dabei auch sehr wohlgefühlt. Mir hat das sehr viel Spaß gemacht, und ich fand diese Aufnahmen äußerst inspiriert. Es war letztendlich auf jeden Fall richtig, dass wir diese Platte aufgenommen haben.«

1977 befand sich noch das Stück ´They Need A Million´ im Live-Repertoire der SCORPIONS (nachzuhören auf dem alten Vinyl-Bootleg „Live In London“), das es leider nicht auf „Tokyo Tapes“ geschafft hat.

»´They Need A Million´ haben wir in der Tat manchmal live gespielt, das war in unserem späteren Programm dann aber nicht mehr drin. Ein Live-Programm hat ja nur 90 Minuten, und da kann man immer nur eine bestimmte Anzahl von Stücken spielen. Irgendwann findet man dann ein Programm, das auch „funktioniert“. Nicht alle Songs kann man wirklich nebeneinanderstellen, das ist immer auch eine Art musikalische Reise. Manche Stücke harmonieren einfach nicht miteinander, andere machen sich sogar gegenseitig Konkurrenz. Es ist eine große Kunst, ein Programm so zusammenzustellen, dass die Dramaturgie stimmt, praktisch wie ein Kinofilm. Das hatten wir damals, glaube ich, ganz gut im Griff. Der Abend begann immer mit ´All Night Long´, einem Song von mir, der eigentlich gar kein Song war. Das war nur ein Riff, das ich bei der Probe frei gespielt habe, daraus ist dann quasi auf der Stelle ´All Night Long´ entstanden. Das ist jetzt keine Komposition, auf die ich in irgendeiner Weise stolz wäre, aber als Opener funktioniert das Stück bis heute erstaunlich gut, vor allem bei Rock-Festivals. Das ist ein klassischer Boogie-Shuffle, immer leicht verständlich. Da kann man sich gut justieren, weil er auch einfach zu spielen ist, der spielt sich ja quasi fast von alleine.«

Die zweite Überraschung in der Songauswahl auf „Tokyo Tapes“ ist ´Suspender Love´ – gar kein Albumsong, sondern lediglich eine Single-B-Seite (von ´He´s A Woman, She´s A Man´).

»Wir haben ´Suspender Love´ live zu jener Zeit eben gerade gespielt. Wir dachten gar nicht in diesen Kategorien. Die SCORPIONS waren seinerzeit überhaupt nicht kommerziell genug für Singles. ´The Sails Of Charon´ ist damals in Japan als Single ausgekoppelt worden, nicht gerade eine kommerzielle Nummer. Wenn wir heute ´In Trance´ oder ´We´ll Burn The Sky´ spielen, hat das natürlich etwas Hymnenhaftes, aber die SCORPIONS in den Siebzigern waren ganz klar eine Album- und eine Liveband. Erst später wurden sie zu einer Band, die bewusst Singles geschrieben hat. Rudolf und Klaus wurden beim Komponieren ja auch immer besser. Dann kamen halt solche Dinger wie ´Rock You Like A Hurricane´ und ´Wind Of Change´.«

Mit ´He´s A Woman, She´s A Man´ sowie ´Steamrock Fever´ standen auf „Tokyo Tapes“ allerdings auch zwei Nummern, die letztendlich zum Ausstieg von Uli Jon Roth bei den SCORPIONS geführt haben. Heute sieht er das einigermaßen leidenschaftslos, kein Blick zurück im Zorn:

»Vom Songwriting her habe ich mich bei den SCORPIONS eigentlich immer sehr wohlgefühlt, aber es gab eben ein paar Nummern, wo mir die Texte einfach zu albern waren. Gerade zum Ende hin. Den Text von ´He´s A Woman, She´s A Man´ fand ich z.B. bescheuert. So etwas wollte ich eigentlich nicht spielen. Und ´Steamrock Fever´ war für mich vom Text her eine reine Kindernummer. Das waren Sachen, die ich künstlerisch nicht vertreten wollte. So habe ich die SCORPIONS nicht gesehen. Die wirklichen Hits, die dann alle später kamen, nach meinem Ausstieg, die fand ich allerdings klasse. Da hätte ich keine Probleme mit gehabt.«

www.facebook.com/ulijonrothofficial


DAS LINE-UP AUF „TOKYO TAPES“

Klaus Meine (v.)
Ulrich Roth (g.)
Rudolf Schenker (g.)
Francis Buchholz (b.)
Herman Rarebell (dr.)

FAKTEN, FAKTEN, FAKTEN

Spielzeit: 84:25 Minuten
Produzent: Dieter Dierks
Engineer: Tamotsu Yoshida
Aufnahme: Sun Plaza Hall, Tokio, 24. und 27. April 1978

DIE SONGS

All Night Long
Pictured Life
Backstage Queen
Polar Nights
In Trance
We´ll Burn The Sky
Suspender Love
In Search Of The Peace Of Mind
Fly To The Rainbow
He´s A Woman, She´s A Man
Speedy´s Coming
Top Of The Bill
Hound Dog
Long Tall Sally
Steamrock Fever
Dark Lady
(Kojo No Tsuki)
Robot Man

DISKOGRAFIE
(Studioalben)

Lonesome Crow (1972)
Fly To The Rainbow (1974)
In Trance (1975)
Virgin Killer (1976)
Taken By Force (1977)
Lovedrive (1979)
Animal Magnetism (1980)
Blackout (1982)
Love At First Sting (1984)
Savage Amusement (1988)
Crazy World (1990)
Face The Heat (1993)
Pure Instinct (1996)
Eye II Eye (1999)
Unbreakable (2004)
Humanity Hour I (2007)
Sting In The Tail (2010)
Return To Forever (2015)

Pic: Thorsten Seiffert

Bands:
SCORPIONS
ULI JON ROTH
Autor:
Matthias Mader

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