Kolumne

Kolumne 20.11.2013

„There´s Only One Um“

WOLFSGEHEUL

„There´s Only One Um“

Als Knirps fand ich Rätselbilder in Zeitschriften super. Kennt ihr bestimmt: zwei nebeneinander abgedruckte, auf den ersten Blick identische Zeichnungen, auf denen entweder eine schwangere Frau mit Staubsauger durchs Wohnzimmer rennt oder ein betrunkener Mann auf eine elektrische Eisenbahn pinkelt, die sich gerade durch ein Miniatur-Allgäu schlängelt, oder vielleicht auch Hase, Meerschwein, Igel und der Klapperstorch im Garten sitzen und kiffen. Finde die zehn Unterschiede, steht immer unter diesen Bildern – und mit spitzem Bleistift in der Kinderfaust ging das große Vergnügen los. Ah, auf der rechten Zeichnung hat der eingerahmte Honecker einen Hitlerbart. Oh, der Klapperstorch links hat seine Beine in Gips. Ui, bei der rechten Eisenbahn fehlt ein Waggon. Toll war das damals!
Dann kamen Iron Maiden und ihr ´86er, vielfach unterbewertetes 9,5-Punkte-, quatsch, Zehn-Punkte-Album „Somewhere In Time”. Und wieder verbrachte ich Stunden voller Rätselspaß, denn im gesamten Coverartwork, in dem die beste Rock/Metal-Band aller Zeiten (niemand sonst hat in seiner Karriere sieben absolute Klassikeralben hintereinander veröffentlicht, und damit ist diese Diskussion auch beendet) in einer Metropole der fernen Zukunft posiert, wurden viele kleine und größere Hinweise auf die Band- und Albenhistorie platziert. Man findet die Acacia Avenue, die Aces High Bar, das Phantom Opera House, das Ancient Mariner Seafood Restaurant, den Sanctuary Music Shop, im Kino läuft nicht nur „Blade Runner”, sondern auch „Live After Death“, West Ham hat gegen Arsenal 7:3 gewonnen, vom Himmel fällt der brennende Ikarus, vor der Stadt türmen sich Pyramiden auf und und und. Kurz: eine der genialsten Plattenhüllen aller Zeiten!
Doch damit hatte die Rätselei längst kein Ende. Gerade Iron Maiden waren und sind bekannt dafür, auf den Ablaufrillen am Ende jeder Plattenseite komische, geheimnisvolle oder einfach nur strunzblöde Botschaften zu platzieren. Auf der A-Seite von „Powerslave“ lesen wir „There´s Only One Um“. Wie meinen? Die B-Seite offenbart vielsagend: „That´s Fuck Um.“ Weisse Bescheid, Schätzelein... Und die B-Seite von „Somewhere In Time“ lässt uns wissen: „Even Quiet Bits Were Loud.“ Wieder was gelernt...
Bis Ende der Achtziger waren derlei Späßchen in der gesamten Rockszene in Mode, danach flachte die Ablaufrillen-Prosa ab. Schade, denn hier liegt ein enormes Entertainmentpotenzial: So könnte uns Rock´n´Rolf in kyrillischer Schrift oder in Schatzkartenlayout mal das eine oder andere Produktionsinternum verraten. Oder Tobias Sammet erzählt lustig, lustig, trallalallala, aus welchem Sammelcontainer der Arbeiterwohlfahrt er sich immer seine Bühnenklamotten ausborgt. Oder „Dave Mustaine tells, but who´s listening?“. Lars Ulrich könnte heimlich niederpinseln, in welcher Vernissage er mit welchem Popmusiker über eine mögliche Zusammenarbeit gesprochen hat. Also, falls ihr auf einer künftigen Metallica-Platte mal „Bollocks, hell! Learn Nutella!“ lest: Dieser Nonsens ergibt: Bohlen...
Avenged Sevenfold könnten auf der Ablaufrille herumjammern, dass die Metalszene sie nicht respektiert. Und Kerry King könnte darauf antworten, dass Avenged Sevenfold deshalb nicht respektiert werden, weil sie eine grauenvolle §$%&-Band sind.
Bushido könnte heimlich schreiben und reimen lernen und sich somit in den Favoritenkreis des vom Burdaverlag gestifteten Preises zur Bekämpfung des Analphabetentums unter kriminellen Jungerwachsenen begeben.
Oder aber Iron Maiden übernehmen wieder das Zepter des Handelns und lassen uns in einer Vinylbotschaft wissen, dass sie gar keine Menschen, sondern Götter – und somit unsterblich sind – und deshalb niemals aufhören werden. „There´s Only One IM.“

Autor:
Wolf-Rüdiger Mühlmann

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