Classic Albums

Classic Albums 27.06.2018

SKID ROW - „Slave To The Grind“ (1991)

Anfang der Neunziger beginnt sich der US-amerikanische Musikmarkt zu wandeln: Die Zeit der glattgebügelten und austauschbaren Haarspray-Bands, die im vorangegangenen Jahrzehnt von den Plattenfirmen massiv gepusht wurden, neigt sich dem Ende zu. Auf lange Sicht überlebt nur, wer ein Alleinstellungsmerkmal bieten kann. SKID ROW treffen mit ihrem zweiten Album, das wesentlich härter und roher als das Debüt daherkommt, den Nerv der Zeit.

Gitarrist Dave „The Snake“ Sabo erinnert sich an die turbulenten Tage, in denen der Grundstein für „Slave To The Grind“ gelegt wird:

»Als wir mit den Arbeiten an den Songs begannen, waren wir gerade im Vorprogramm von Aerosmith auf Tour. Fokussiert zu bleiben, fiel uns nicht leicht, weil es für so junge Musiker wie uns unterwegs recht viele Ablenkungen gab. Natürlich gibt es da draußen viele Künstler, die sich darauf spezialisiert haben, ihre Alben zu schreiben, während sie um die Welt touren – wir gehören aber definitiv nicht dazu. Die große Ausnahme war ´Get The Fuck Out´. Der Track ist mehr oder weniger während eines einzigen Fluges nach Australien entstanden. Eigentlich wollten wir nur ein bisschen rumkaspern und uns in Form halten, aber am Ende stand der komplette Song. Die Lyrics beziehen sich auf einen Typen, der damals in unserer Roadcrew gearbeitet und sich ordentlich danebenbenommen hat.«

Die zwei Jahre, die seit der Veröffentlichung des Debütalbums ins Land gezogen sind, sind nicht spurlos an den Bandmitgliedern vorbeigegangen.

»Zwischen 1989 und 1991 hat sich unser Leben drastisch verändert. Bevor wir unser Debütalbum veröffentlichten, lebten wir von der Hand in den Mund. „Skid Row“ veränderte alles. Die Platte hat sich mehr als anständig verkauft, und im Anschluss an den Release sind wir auf großen Touren mitgefahren. Das war alles ziemlich surreal. Eigentlich wollten wir einfach nur zusammen ein paar Songs aufnehmen, und auf einmal schien das Ergebnis unserer Bemühungen mehr Menschen zu gefallen, als ich jemals für möglich gehalten hätte. Wir waren plötzlich in der Lage, uns Häuser und Autos zu kaufen, und hatten von jetzt auf gleich eine richtige Steuerklasse. Man erkannte uns sogar auf der Straße. Das fühlte sich unglaublich an, wir waren schließlich gerade mal in unseren frühen Zwanzigern. Trotzdem teilten sich unser Bassist Rachel Bolan und ich während jener Tage noch ein Hotelzimmer, weil die Budgets für unsere Konzertreisen relativ knapp bemessen waren. Als Nächstes fokussierten wir uns darauf, am Nachfolger von „Skid Row“ zu arbeiten. Natürlich verspürten wir einen gewissen Druck, weil sich unser Debüt mehr als drei Millionen Mal verkauft hatte. Zum Glück funktioniere ich unter Druck ganz hervorragend, obwohl ich so eine Situation eigentlich hasse.«

Es folgen eine mehrmonatige Songwriting-Phase, erste Proben – und ein derber Rückschlag.

»Die Zeit schritt voran, und wir begannen, das neue Material im Keller unseres Schlagzeugers Rob Affuso auszuarbeiten und zu proben. Wir waren eigentlich ziemlich zufrieden, aber eines Tages kam uns Doc McGhee besuchen, der uns managte. Er hörte sich die neuen Sachen an, verzog keine Miene – und nahm Rachel und mich beiseite: „Jungs, wenn das das Beste ist, was ihr zustande bringt, dann haben wir ein echtes Problem. Das wird nicht ansatzweise so einschlagen, wie ihr es euch erhofft.“ Wir waren am Boden zerstört, mein Ego hat an diesem Tag eine ordentliche Schramme bekommen. Rückblickend muss ich allerdings zugeben, dass wir genau diese Schelle brauchten. Wir haben uns danach richtig reingekniet und einen Song nach dem anderen geschrieben: ´Monkey Business´, ´Quicksand Jesus´, den Titeltrack und so weiter. Etwa zum selben Zeitpunkt veränderte sich die politische Lage in unserer Heimat, die USA zogen in den Golfkrieg. Wir konnten nicht fassen, was da passierte. Nachdem wir unser Debütalbum veröffentlicht hatten, sind wir für beinahe 17 Monate auf Tour gewesen und hatten viele Länder rund um den Globus besucht. Das war ein Erlebnis, das unsere Sicht auf die Welt entscheidend geprägt hat. Vorher lebten wir im Grunde nur in unserem eigenen kleinen Kosmos, jetzt hatten wir einen Blick auf das geworfen, was jenseits unserer Haustür lag.«

Wenig später bricht die Band zu den New River Studios in Fort Lauderdale auf, wo große Teile der Aufnahmen zu „Slave To The Grind“ entstehen sollen.

»Als wir im Februar 1991 nach Florida flogen, um zusammen mit Produzent Michael Wagener aufzunehmen, war die Stimmung euphorisch. Wir hatten eine klare Vision und waren genau da, wo wir sein wollten. Das merkt man der Platte deutlich an. Wir waren in unserer klassischen Besetzung, bestehend aus Sebastian Bach, Scott Hill, Rob, Rachel und mir, in rein künstlerischer Hinsicht weder in den Jahren zuvor noch jemals zu einem späteren Zeitpunkt so fokussiert wie damals. Als das Album im Kasten war, fühlten wir uns großartig. Natürlich weiß man nie, wie sich ein Longplayer verkaufen wird, aber die ersten Reaktionen von Freunden, denen wir die Songs vorspielten, waren fantastisch. Lars und James von Metallica haben uns im Studio besucht, wir pflegten damals ein ziemlich gutes und durch großen Respekt geprägtes Verhältnis zueinander. Als James ´Monkey Business´ hörte, flippte er aus. Er rief: „Ihr verarscht mich, das seid doch nicht ihr!“ Ein besseres Kompliment hätte man mir nicht machen können.«

Und das, obwohl sich der Sound von SKID ROW im Vergleich zum Debütalbum deutlich verändert hat.

»Natürlich hätten wir einfach versuchen können, ´18 And Life´ oder ´I Remember You´ noch einmal neu zu schreiben, aber das fühlte sich einfach nicht richtig an. Wir hatten uns verändert, also musste sich auch unsere Musik verändern, wenn wir uns treu bleiben wollten. Ein Schreibprozess ist in gewisser Hinsicht ein ziemlich egoistischer Vorgang, und das muss er auch sein. Wenn man nicht auf das hört, was in einem vorgeht, und versucht, anderen Leuten zu gefallen, kann man es gleich sein lassen. Uns war natürlich klar, dass uns die härtere Grundeinstellung vermutlich den einen oder anderen Hörer kosten würde. Zum Glück hatten wir das Vertrauen unserer Plattenfirma, man ließ uns einfach machen. Man muss im Hinterkopf behalten, dass uns die veränderte Ausrichtung auch neue Türen aufstieß. Wenn wir einfach „Skid Row, Pt. 2“ gemacht hätten, hätten wir nicht mit Pantera oder Soundgarden auf Tour gehen können. Im Grunde machten wir genau das Gegenteil von dem, was man erwarten würde, und scherten uns nicht darum, ob unsere Musik radiokompatibel war.«

Dennoch zeichnen sich bereits im Frühjahr ´91 erste Risse im Bandgefüge ab.

»Ich schätze, dass jeder mit plötzlichem Erfolg unterschiedlich umgeht. Nach der Veröffentlichung unseres Debütalbums wuchs das Interesse an der Band rapide. Es gab unzählige Interviewanfragen, unsere Gesichter prangten auf den Titelblättern von Magazinen. Man begann uns einzureden, dass wir die Allergrößten seien. Die Verlockung, diese Dinge zu glauben, ist nicht von der Hand zu weisen. Rachel und ich sind unter ähnlichen Umständen aufgewachsen. Wir stammen aus Familien, in denen hart gearbeitet wurde, unsere Eltern haben uns zu Demut erzogen. Dementsprechend waren wir in der Lage, die Früchte unserer Arbeit zu genießen, ohne völlig abzuheben. Es ist kein Tag vergangen, an dem ich nicht dankbar für das bin, was ich erreicht habe. Dennoch stellte der Erfolg auch unsere Freundschaft auf die Probe, denn wir begannen, uns über Kleinigkeiten zu streiten. Wie sollte eine Textzeile genau lauten? Was war mit dem Riff, das der andere geschrieben hatte? Dazu kam, dass es in der Band ein Machtgerangel gab. Die Dynamik hinter den Kulissen veränderte sich zunehmend: Einerseits erschufen wir zusammen fantastische Musik, andererseits begannen wir, uns auseinanderzuleben. Das lag mitunter daran, dass von allen Seiten an uns gezerrt wurde, weil jeder ein Stück vom Kuchen abhaben wollte. Jeder von uns hatte seinen „persönlichen Berater“, der ihm Dinge einflüsterte. Dennoch schafften wir es vorerst noch irgendwie, uns am Riemen zu reißen.«

Wie gut das auf lange Sicht funktioniert, ist hinlänglich bekannt: SKID ROW nehmen in der klassischen Besetzung noch ein weiteres Album („The Subhuman Race“, 1995) auf, bevor es zwei Jahre später zum großen Eklat kommt, in dessen Verlauf erst Frontmann Sebastian Bach und später Schlagzeuger Rob Affuso die Band verlässt. An eine Reunion ist bis zum heutigen Tage nicht zu denken. Doch egal, was noch kommen oder nicht kommen mag: „Slave To The Grind“ hat sich seinen Platz unter den besten Rock- und Metal-Platten aller Zeiten mehr als verdient.

www.facebook.com/officialskidrow


DAS LINE-UP AUF „SLAVE TO THE GRIND“

Sebastian Bach (v.)
Dave „The Snake“ Sabo (g.)
Scott Hill (g.)
Rachel Bolan (b.)
Rob Affuso (dr.)

FAKTEN, FAKTEN, FAKTEN

Spielzeit: 47:41 Minuten
Produzent: Michael Wagener
Studios: New River Studios, Fort Lauderdale & Scream Studios, Studio City
Cover: David Bierk

DIE SONGS (ORIGINALVERSION)

Monkey Business
Slave To The Grind
The Threat
Quicksand Jesus
Psycho Love
Get The Fuck Out
Living On A Chain Gang
Creepshow
In A Darkened Room
Riot Act
Mudkicker
Wasted Time

DISKOGRAFIE (STUDIOALBEN & EPS)

Skid Row (1989)
Slave To The Grind (1991)
B-Side Ourselves (EP, 1992)
Subhuman Beings On Tour (EP, 1995)
Subhuman Race (1995)
Thickskin (2003)
Hi-Five (EP, 2005)
Revolutions Per Minute (2006)
United World Rebellion: Chapter One (EP, 2013)
Rise Of The Damnation Army – United World Rebellion: Chapter Two (EP, 2014)

Bands:
SKID ROW
Autor:
Jens Peters

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