Classic Albums

Classic Albums 26.09.2018

SAXON - „Power & The Glory“ (1983)

Während „Wheels Of Steel“ und „Strong Arm Of The Law“ (beide 1980 erschienen) gemeinhin völlig zu Recht als Meilensteine der Heavy-Metal-Historie gelten, hat das fünfte SAXON-Album „Power & The Glory“ von 1983 niemals die Wertschätzung erhalten, die es eigentlich verdient gehabt hätte.

Im Kontext des Gesamtschaffens von SAXON ist „Power & The Glory“ vielleicht das innovativste Werk ihrer Frühphase. Mit ´Redline´, ´Power And The Glory´ sowie ´This Town Rocks´ stehen drei Stücke auf dem Album, die die Parameter des Speed Metal vorwegnehmen. Zudem knüpft ´The Eagle Has Landed´ als epischer Longtrack mehr oder minder nahtlos an ´Dallas 1 PM´ an. Mehr Qualität geht kaum...
Zum Erscheinungszeitpunkt 1983 herrschte im SAXON-Lager Aufbruchstimmung, „Power & The Glory“ war die erste Platte, die man in Amerika aufnahm. Offensichtlich hatten sich Carrere Records vorgenommen, SAXON auf dem größten Markt der Welt zum Durchbruch zu verhelfen. Selbst eine kurze US-Tour im Vorprogramm von Iron Maiden wurde finanziell unterstützt. Mit Nigel Glockler war zudem ein neuer Schlagzeuger zur Band gestoßen, der deutlich hörbar für neue Impulse sorgte. Als Endresultat standen nach unbestätigten Angaben weltweit immerhin 1,5 Millionen verkaufte Exemplare von „Power & The Glory“ zu Buche – genaue Zahlen kennt nicht einmal die Band, da die Abrechnungen des Labels über die gesamte Dauer der Vertragslaufzeit bruchstückhaft bleiben sollten (und die Verwertungsrechte zudem später durch mehrere Hände gingen).
Gitarrist Paul Quinn und der wieder genesene Nigel Glockler sitzen vor ihrem Auftritt als Headliner beim Rock Hard Festival 2018 in trauter Zweisamkeit im Backstage-Raum auf der schwarzen Ledercouch und lassen ihre Gedanken ins Jahr 1983 zurückschweifen.

Was war es denn für ein Gefühl, „Power & The Glory“ fernab der Heimat, dem verregneten Barnsley, im sonnigen Atlanta einzuspielen?

»Es war wirklich großartig, die Platte zusammen mit Jeff Glixman in Atlanta aufzunehmen«, erinnert sich Nigel. »Für mich persönlich war es zudem eine extrem wichtige Sache, da es sich bekanntlich um mein erstes Studioalbum mit SAXON handelte. Ich wusste genau, dass mein Vorgänger Pete Gill eine Menge Fans hatte, deswegen hatte ich schon irgendwie das Gefühl, mich beweisen zu müssen. So komisch das heute auch klingen mag: Ich spürte schon etwas Druck, das muss ich ehrlich zugeben. Für mich war das ein echter Meilenstein in meiner Karriere. Ich war bis in die Haarspitzen motiviert – sowohl beim Komponieren der Songs als auch später bei den Aufnahmen. Die Stimmung innerhalb der Band bei den Recordings war einfach großartig. Jeff Glixman produzierte seinerzeit ausschließlich in seinem eigenen Studio in Atlanta, und da wir ihn unbedingt als Produzenten haben wollten, war die logische Folge, dass wir in Atlanta unsere Zelte aufschlugen.«

Wie groß war denn der Einfluss von Nigel auf das Songwriting von „Power & The Glory“? Gingen etwa die schnellen Stücke ´Redline´, ´Power And The Glory´ und ´This Town Rocks´ auch ein wenig auf das Konto des neuen Schlagzeugers?

»Das glaube ich nicht«, übt sich Nigel in britischem Understatement. »Am Ende des Tages müssen das allerdings andere beurteilen, nicht ich. Wenn ich mir aber anschaue, was SAXON vorher bereits aufgenommen hatten, da war ziemlich schnelles Zeug dabei. ´To Hell And Back Again´ etwa. Oder auch die Studiofassung von ´Princess Of The Night´, das ist ebenfalls eine extrem schnelle Aufnahme. ´Motorcycle Man´, ´20,000 Feet´… Alles ziemlich flotter Stoff. Nein, ich denke, die stilistische Ausrichtung von „Power & The Glory“ lässt sich einzig und allein auf die Stimmung zurückführen, die während des Songwriting-Prozesses innerhalb der Band geherrscht hat.«

Dieser Songwriting-Prozess fand nicht in Amerika statt, sondern zu Hause in England. SAXON hatten sich laut Nigel in einem Landhotel nahe der Ortschaft Battle in Sussex eingemietet:

»Wir wohnten dort alle zusammen. Fernab des Trubels einer Großstadt arbeiteten wir mit voller Konzentration an den Songs für „Power & The Glory“. Das Hotel hatte einen großen Ballsaal mit einer fantastischen Akustik. Diesen benutzten wir für unsere Proben, die wir grundsätzlich immer aufzeichnen. So können wir nachher in Ruhe analysieren, was funktioniert und was nicht. Es gab dann noch eine zweite Songwriting-Session in Suffolk, da haben wir in einem kleinen Cottage gewohnt, das war ebenfalls sehr schön. Viele Stücke von SAXON entstehen ganz spontan aus einer Jam heraus, selbst epische Sachen wie ´The Eagle Has Landed´, was man vielleicht nicht unbedingt vermuten würde. Textlich geht es in letzterem Lied bekanntlich um die Mondlandung. Einen Song über die Landung auf dem Mond hatte zuvor noch niemand gemacht – und irgendjemand musste es ja mal tun. Warum also nicht SAXON? Auf Texte wie „I love you baby“ haben wir sowieso nie wirklich gestanden.«

Das erste Livealbum von SAXON, „The Eagle Has Landed“, erschien am 14. Mai 1982 und damit ein knappes Jahr vor „Power & The Glory“ (21. März 1983). Warum war ´The Eagle Has Landed´ denn nicht bereits auf der Live-Platte vertreten?

»Weil wir es zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht geschrieben hatten«, lautet die verblüffende Antwort von Nigel. »Der Titel des Live-Albums war lediglich eine Anspielung auf unser Logo, frei nach dem Motto: Der Adler ist gelandet, hier sind wir, SAXON live auf Tour. Das sollte die Leute ein bisschen zum Denken anregen.«
»Das Stück ´The Eagle Has Landed´ auf „Power & The Glory“ war quasi ein „Postquel“ zur Live-Platte«, lacht Paul.

Stimmt es eigentlich, dass „Power & The Glory“ im Vergleich zu „Wheels Of Steel“, „Strong Arm Of The Law“ und auch „Denim And Leather“ gerne ein wenig unterschätzt wird?

»Das ist unterschiedlich«, meint Paul. »Wenn wir Platten unterschreiben, dann haben ganz viele Fans auch immer „Power & The Glory“ mit dabei. Viele sagen, dass es ihr Lieblingsalbum von SAXON ist. Besonders in Amerika ist das der Fall. Ich bin mir auch relativ sicher, dass wir über die Jahre hinweg jedes Stück der Platte mindestens einmal live gespielt haben. ´Watching The Sky´ ist vielleicht die Nummer, die wir am seltensten auf die Bühne gebracht haben.«

Als Singles wurden ´Power And The Glory´ (zusammen mit ´See The Light Shining´ als Live-Version) sowie ´Nightmare´ (Rückseite ´Midas Touch´) vom Album ausgekoppelt, exklusiv in Spanien zusätzlich ´Warrior´ (mit ´This Town Rocks´ auf der B-Seite).

»Die Singles hat bei SAXON grundsätzlich die Plattenfirma ausgesucht«, erzählt Paul. »Das war dann also die Vorstellung davon, was das französische Disco-Label Carrere als die zugkräftigsten Stücke von „Power & The Glory“ angesehen hat. Mein Lieblingsstück auf der Scheibe ist ja nach wie vor ´Watching The Sky´. Eine Nummer, die ein wenig untypisch für uns ist und auch niemals die Beachtung gefunden hat, die sie eigentlich verdient gehabt hätte. Wenn man eine Komposition wie ´Warrior´ nimmt, dann verstehe ich sehr gut, was du meinst, wenn du sagst, dass „Power & The Glory“ im Geiste so ein wenig den Speed Metal vorweggenommen hat. Es ist zwar keine besonders schnelle Nummer, aber trotzdem gibt es dort diesen treibenden Doublebass-Part von Nigel, das ganze Album klingt von der Produktion her wesentlich moderner und zeitgemäßer als beispielsweise „Wheels Of Steel“ oder „Strong Arm Of The Law“. Metallica haben in der Vergangenheit in Interviews mehr als einmal betont, wie groß der Einfluss von SAXON auf sie gewesen ist.«
 
Nigel war 1982 von der englischen New-Wave-Band Toyah zu SAXON gestoßen. Was sich auf dem Papier wie ein Wechsel zwischen den Fronten der damals noch strikt segregierten Musikwelt anhört, war für den Drummer die Erfüllung eines lange gehegten Traumes:

»Ich besaß in meiner Sammlung alle Alben von SAXON und war bereits ein riesiger Fan. Für den Auftritt von SAXON in meiner Heimatstadt hatte ich mir schon ein Ticket besorgt. Und auf einmal bekam ich das Angebot, bei ihnen einzusteigen. Das war meine allererste Show mit SAXON. Was sollte ich jetzt mit meiner Eintrittskarte machen? Die musste ich wohl oder übel verschenken (lacht). Ich rief also meinen Kumpel an und sagte: „Du musst wohl mit jemand anderem zum Konzert gehen – ich werde nämlich auf der Bühne sein und nicht davor!“ Es war am Ende des Tages keine große Umstellung für mich. Zwar waren Toyah tatsächlich ein wenig „arty“ veranlagt, aber privat habe ich schon immer Rockmusik gehört. Noch während meiner Zeit bei Toyah habe ich für Bernie Tormé sein Soloalbum „Turn Out The Lights“ eingetrommelt. Ich war schon immer ein klassischer Rockdrummer.«

Die Touraktivitäten zu „Power & The Glory“ konzentrierten sich mehr auf Amerika als auf Europa. Die Konzertreise zusammen mit Fastway und Iron Maiden war für Nigel die erste große Feuerprobe.

»Das war wirklich eine fantastische Tour. Wir waren ca. fünf Wochen mit Maiden unterwegs. Dann aber hat unser Management oder unser Agent die Reißleine gezogen. Wir haben die Tour also nicht ganz bis zu Ende gespielt. In meinen Augen war das ein riesiger Fehler. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir damals in Amerika analog zu Iron Maiden den Durchbruch geschafft hätten, wenn wir alle Dates absolviert hätten. Das war für mich persönlich vielleicht das frustrierendste Erlebnis während meiner langen Zeit bei SAXON, aber hey, man sollte niemals im Zorn zurückschauen, sondern lieber gespannt sein, was die Zukunft so bringt.«

www.saxon747.com
www.facebook.com/saxon


DAS LINE-UP AUF „POWER & THE GLORY“

Biff Byford (v.)
Graham Oliver (g.)
Paul Quinn (g.)
Steve Dawson (b.)
Nigel Glockler (dr.)

FAKTEN, FAKTEN, FAKTEN

Spielzeit: 36:37 Minuten
Produzent: Jeff Glixman
Tontechniker: Jeff Glixman, Cheryl Bordagary, Les Horn
Studio: Axis Sound Studio, Atlanta

DIE SONGS

Power And The Glory
Redline
Warrior
Nightmare
This Town Rocks
Watching The Sky
Midas Touch
The Eagle Has Landed

DISKOGRAFIE (Studioalben)

Saxon (1979)
Wheels Of Steel (1980)
Strong Arm Of The Law (1980)
Denim And Leather (1981)
Power & The Glory (1983)
Crusader (1984)
Innocence Is No Excuse (1985)
Rock The Nations (1986)
Destiny (1988)
Solid Ball Of Rock (1991)
Forever Free (1992)
Dogs Of War (1995)
Unleash The Beast (1997)
Metalhead (1999)
Killing Ground (2001)
Lionheart (2004)
The Inner Sanctum (2007)
Into The Labyrinth (2009)
Call To Arms (2011)
Sacrifice (2013)
Battering Ram (2015)
Thunderbolt (2018)

Bands:
SAXON
Autor:
Matthias Mader

Melde dich für unseren Newsletter an und verpasse nie mehr die wichtigsten Infos

Diese Seite verwendet Cookies. Erfahrt in unserer Datenschutzerklärung mehr darüber, wie wir Cookies einsetzen und wie Ihr Eure Einstellungen ändern und Cookies deaktivieren könnt. Darüber hinaus verwenden wir Cookies Dritter für die Einbindung audiovisueller Inhalte durch Youtube, Spotify und Soundcloud. Dem könnt ihr hier zustimmen oder dies ablehnen. Datenschutzerklärung ansehen.