Classic Albums

Classic Albums 21.03.2018

FATES WARNING - „Perfect Symmetry“ (1989)

FATES WARNING haben sich immer wieder neu erfunden. Ihr begeisternder Auftritt auf dem letztjährigen Rock Hard Festival ist Zeugnis dieser Grundeinstellung. Mit Ray Alder am Gesang und Neuzugang Mark Zonder am Schlagzeug war „Perfect Symmetry“ 1989 der erste Quantensprung in der Entwicklung der Band. Gitarrist Jim Matheos betrachtet das Album allerdings mit etwas anderen Augen.

Auf Platz 67 landete „Perfect Symmetry“ in unserem Buch „Best Of Rock & Metal – Die 500 stärksten Scheiben aller Zeiten“ und damit vor „A Pleasant Shade Of Gray“ und „Parallels“ sowie hinter „Awaken The Guardian“. Jim Matheos´ persönliche Evaluierung folgt hingegen einem etwas anderen Muster:

»Vordergründig würde ich „Perfect Symmetry“ qualitativ ungefähr in der Mitte unseres künstlerischen Schaffens einordnen. Es gibt aber in der Tat sehr viele unterschiedliche Aspekte, die determinieren, wie ich ein Album von FATES WARNING beurteile, und nicht alle Faktoren haben in erster Linie etwas mit der Musik zu tun. Es geht eben auch um die Begleitumstände und um die Stimmung innerhalb der Gruppe, die zum Aufnahmezeitpunkt geherrscht hat. Die Beurteilung einer bestimmten Platte durch einen Musiker unterscheidet sich fundamental von der eines Fans, der wirklich nur die dargebotene Musik bewertet. Für mich persönlich gehört aber das ganze Drumherum untrennbar mit dazu. Ich fühle mich einfach nicht dazu in der Lage, mir „Perfect Symmetry“ objektiv anzuhören. Ich liebe einige Songs der Platte wirklich sehr, aber die Produktion sagt mir überhaupt nicht zu. Der Gitarrensound und der Mix stellen mich ganz und gar nicht zufrieden. Aus diesem Grund ist es schwierig für mich, mir „Perfect Symmetry“ heute noch einmal anzuhören. Wenn es aber tatsächlich einzig und allein um die Qualität des Songmaterials geht, dann würde ich sagen, dass „Perfect Symmetry“ mittelprächtig ist.«

Mit ´Through Different Eyes´ enthält „Perfect Symmetry“ einen der bekanntesten Songs in der Karriere von FATES WARNING – nicht zuletzt dank vieler Einsätze im amerikanischen Rundfunk sowie Musikfernsehen.

»Ich stimme dir zu, dass FATES WARNING wohl niemals mehr näher an einen „Hit“ herankommen werden als mit ´Through Different Eyes´. Allerdings war dies nicht einmal eine bewusste Entscheidung, wir haben nicht wirklich versucht, einen Hit zu schreiben. Es war aber durchaus unsere Intention, mit kürzeren Songformaten zu experimentieren. ´Through Different Eyes´ ist relativ kompakt, dennoch beinhaltet das Stück ein paar schöne, recht verschachtelte Gitarrenparts. Auch die Schlagzeugmuster sind durchaus interessant. Es war das erklärte Ziel, die Elemente unseres damaligen Stils ein bisschen weniger ausufernd auf den Punkt zu bringen. ´Through Different Eyes´ hat dann tatsächlich ein wenig Airplay bekommen. Es handelt sich um eine Nummer, die die Fans heute noch von uns fordern.«

Der Sound von FATES WARNING war über die Jahrzehnte hinweg einigen stilistischen Wandlungen unterworfen, von „Maiden on Speed“ am Anfang über die Prog-Phase bis hin zur Artrock-Gegenwart. 

»Aus meiner Sicht gibt es mindestens drei unterschiedliche Schaffensperioden von FATES WARNING. Es ist fast unmöglich, „No Exit“ in diesen Parametern einzuordnen. Durch den Sängerwechsel war der Unterschied zum Frühwerk riesig. Aber „Perfect Symmetry“ fiel noch einmal völlig anders aus als „No Exit“. In dieser Phase würde ich es noch nicht ganz FATES WARNING Mark III nennen, doch es war ein wirklich komplett anderes Album als unser Frühwerk und auch als „No Exit“. Den ganz großen Unterschied hat in der Tat der Besetzungswechsel am Schlagzeug gemacht. Ich hatte schon lange mit dem Gedanken gespielt, den Stil von FATES WARNING mehr in die progressive Richtung zu lenken, und durch Mark Zonder war das nun möglich geworden. Schon bei den ersten Proben mit ihm hat sich für mich eine völlig neue Welt erschlossen. Manche seiner Sachen waren schon fast jazzy. Ich sage immer wieder: Eine Veränderung auf der Schlagzeugposition ist oftmals einschneidender als ein Sängerwechsel. Natürlich steht der Sänger auf der Bühne im Vordergrund und ist so etwas wie die Visitenkarte einer Band. Aber der Drummer bestimmt den Stil entscheidend mit. Als Mark Zonder für Steve Zimmermann gekommen ist, hat er uns die Freiheit verschafft, ganz andere Sachen auszuprobieren, hat uns das Selbstvertrauen eingeimpft, stilistisch bis an unsere Grenzen zu gehen. Das merkt man bei „Perfect Symmetry“ an allen Ecken und Enden. Mark ist ein Perfektionist. Zumindest als Musiker. Als Mensch habe ich ihn nicht gut genug kennengelernt, um das abschließend beurteilen zu können. Noch nie zuvor hatten FATES WARNING beispielsweise mit Clicktrack aufgenommen. Das war anfänglich ganz schön schwierig, hat aber am Ende einen riesigen Unterschied gemacht. Ich war schon immer ein glühender Verehrer von Pink Floyd und auch von Rush. Mark ist ebenfalls großer Rush-Fan, also ist es rückblickend nur allzu logisch, dass auf „Perfect Symmetry“ zum ersten Mal Strukturen erkennbar wurden, die genau in diese Richtung weisen. Auch wenn ich gesagt habe, dass mir die Produktion der Platte nicht zusagt, kann man doch heraushören, wie ich versuche, ein wenig wie Alex Lifeson zu klingen. Ich besaß zu jener Zeit auch dieselben Amps wie er – und trotzdem war es nicht genug, um ihm das Wasser zu reichen.«

Die Rush-Referenzen von „Perfect Symmetry“ enden nicht an dieser Stelle. Das tolle Coverartwork stammt nämlich von Hugh Syme. Wie kam es dazu?

»Wir hatten eine Liste mit Leuten, mit denen wir unbedingt zusammenarbeiten wollten. Der Rush-Produzent Terry Brown stand ganz oben auf dieser Liste, hatte aber für „Perfect Symmetry“ leider gerade keine Zeit. Hugh Syme dagegen konnten wir für uns gewinnen. Es ging uns gar nicht in erster Linie konkret um eine bestimmte Arbeit von ihm, wir wollten der Welt einfach nur beweisen, dass FATES WARNING auf einer Stufe angekommen waren, um in einem Atemzug mit einer Legende wie Hugh Syme genannt zu werden. Es war fantastisch, mit ihm arbeiten zu dürfen. Er erhielt von uns den Titel der Scheibe sowie die Lyrics, um dann mit drei verschiedenen Ideen anzukommen. Er fertigte ein paar Entwürfe an und präsentierte sie der Band. Richtig coole Sketches. Die beiden alternativen Entwürfe sind später von anderen Gruppen als Frontcover benutzt worden. Ich finde nach wie vor, dass das Cover von „Perfect Symmetry“ die Musik exzellent illustriert.«

Im Anschluss an „Perfect Symmetry“ ging es erstmalig in Deutschland auf Headliner-Tour. Allerdings handelte es sich dabei nicht um den ersten Besuch von FATES WARNING im Land der Dichter und Denker:

»Wir waren 1989 schon einmal ganz kurz in Deutschland gewesen, zusammen mit Manowar bei den „Christmas Metal Meetings“. Aber 1990 auf der Tour zu „Perfect Symmetry“ waren wir wirklich mittendrin, als die Mauer gefallen ist und die beiden deutschen Staaten wiedervereinigt wurden. Als wir in Berlin aufgetreten sind, haben uns die Leute geraten, uns unbedingt die Mauer anzusehen, weil bald nichts mehr von ihr übrig sein würde. Leider waren wir nur einen Tag in der Stadt, haben aber dennoch Geschichte hautnah erlebt. Es war ein einmaliges Erlebnis.«

Ein schönes Dokument dieser Periode ist der Vinyl-Bootleg „Silent Cries - Live“, 1991 in Deutschland mitgeschnitten. Jim kennt die Platte zwar, besitzt sie aber nicht.

»Ich habe per se nichts gegen Bootlegs, ich sammle selbst Live-Bootlegs meiner Lieblingsbands. Nur Bootlegs meiner eigenen Gruppe kann ich mir einfach nicht anhören. Jeder Spielfehler treibt mich zur Weißglut. Das zieht mich regelrecht runter, und ich möchte meine Gitarre am liebsten nie wieder anfassen. Aber grundsätzlich stören mich Bootlegs nicht, in meiner Sammlung befinden sich etliche Bootlegs anderer Bands.«

Nachdem die jüngsten Themenauftritte zu „Awaken The Guardian“ nicht nur von den Fans euphorisch aufgenommen worden sind, sondern mittlerweile auch als Live-DVD vorliegen, schließt sich die Frage an, ob für „Perfect Symmetry“ eine ähnliche Sonderbehandlung vorstellbar wäre.

»Ich würde es nicht ausschließen wollen, dass es irgendwann in der Zukunft einmal eine spezielle Show für „Perfect Symmetry“ geben wird. Zurzeit ist nichts geplant, aber man weiß ja nie. Für „Parallels“ gab es damals auch ein paar spezielle Reunion-Auftritte. Momentan kann ich mir das zwar nicht vorstellen, weil ich gar nicht weiß, ob genug Leute „Perfect Symmetry“ wirklich gut genug finden, um es in Gänze zu spielen. Die Lage bei „Awaken The Guardian“ gestaltete sich komplett anders – da gab es eine riesige Nachfrage. Auch für „Parallels“ haben wir genügend Anfragen bekommen. Das Element der Nachfrage ist für so eine Sache natürlich schon wichtig. Der künstlerische Standpunkt ist dann noch einmal eine ganz andere Geschichte. Würde es für mich als Musiker eine Herausforderung darstellen, mich noch einmal eingehend und allumfassend mit „Perfect Symmetry“ zu beschäftigen? Auf diese Frage kann ich dir spontan ehrlich gesagt gar keine eindeutige Antwort geben.«

Wesentlich einfacher ist für den Ausnahmegitarristen die Frage nach seinem persönlichen Lieblingsalbum von FATES WARNING zu beantworten.

»Viele Musiker nennen in diesem Fall immer ihre aktuelle Platte. Das würde ich auch tun wollen, nämlich mit „Theories Of Flight“. Aber ich weiß, dass du dich mit dieser Antwort nicht zufriedengeben wirst. Also plädiere ich für ein Unentschieden zwischen „A Pleasant Shade Of Gray“ sowie „Parallels“ auf dem ersten Platz. „Awaken The Guardian“ kommt ganz knapp dahinter an zweiter Position.«

www.facebook.com/fateswarning

DAS LINE-UP AUF „PERFECT SYMMETRY“

Ray Alder (v.)
Jim Matheos (g.)
Frank Aresti (g.)
Joe Dibiase (b.)
Mark Zonder (dr.)

FAKTEN, FAKTEN, FAKTEN
Spielzeit: 41:56 Minuten
Produzent: Roger Probert
Cover: Hugh Syme

DIE SONGS

Part Of The Machine
Through Different Eyes
Static Acts
A World Apart
At Fates Hands
The Arena
Chasing Time
Nothing Left To Say


DISKOGRAFIE (Studioalben)

Night On Bröcken (1984)
The Spectre Within (1985)
Awaken The Guardian (1986)
No Exit (1988)
Perfect Symmetry (1989)
Parallels (1991)
Inside Out (1995)
A Pleasant Shade Of Gray (1997)
Disconnected (2000)
FWX (2004)
Darkness In A Different Light (2013)
Theories Of Flight (2016)

Pic: Holger Stratmann

Bands:
FATES WARNING
Autor:
Matthias Mader

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