Classic Albums

Classic Albums 15.10.2003

CARCASS - „Necroticism - Descanting The Insalubrious“ (1992)

Im Death-Metal-Paralleluniversum wurde am Dienstag, dem 11.2.1992, ein neues Zeitalter eingeläutet. Mit ihrem dritten Werk „Necroticism - Descanting The Insalubrious“ revolutionierten CARCASS quasi über Nacht ein komplettes Genre. Tödlich, krank und unsagbar heavy fraßen sich die Briten mit dieser Scheibe durch die Gehörgänge der Welt. Auch heute, mehr als eine Dekade später, steht das Album noch wie ein Fels in der Brandung. Unerreichbar, unfassbar, unergründlich. Bassist, Texter und Eitergurgler Jeff Walker blättert für euch im Poesiealbum.

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Die Story hinter dem Meilenstein

Keine Frage: Neben den Beatles dürfen sich CARCASS zu Recht als die bekanntesten Söhne Liverpools bezeichnen. In einem kleinen Vorort der englischen Küstenstadt hat es sich Jeff Walker gemütlich gemacht. Das Musikbusiness und alles, was er damit verbindet, ist zwar nicht völlig aus seinem Leben verschwunden, aber zumindest etwas nach hinten gedrängt worden.

»Ich verbringe seit einigen Jahren jede Menge Zeit damit, viel zu reisen. Nicht die exotischen Plätze dieser Welt interessieren mich, sondern gerade hier in England gibt es viel zu entdecken. Ich fühle mich sehr stark mit meiner Heimat verbunden.«

Die Stimme des kauzigen Briten klingt dabei auch im Normalzustand so kratzig, wie man dies von seinen Gesangsleistungen auf den CARCASS-Platten her gewohnt ist. Vom Dschungel-ähnlichen Liverpool-Akzent ganz zu schweigen. Aber CARCASS und Liverpool, diese Beziehung, diese Dualität, diese Hassliebe - sie soll uns noch das eine oder andere Mal begegnen.

»Keiner von uns stammt direkt aus Liverpool, aber niemand wurde so weit entfernt geboren, als dass wir der Anziehungskraft der Stadt hätten widerstehen können.«

Jeffs erster Bass, der erste Proberaum, das erste Konzert, die besten Kumpels - alle und alles aus Liverpool. Auch Colin Richardson. Mit dem bekannten Produzenten (der damals noch eher ein Geheimtipp war) hatten CARCASS bereits auf dem zweiten Album „Symphonies Of Sickness“ zusammengearbeitet. Auch für die dritte Platte schmiedeten Band und Produzent bereits gemeinsame Pläne, die zunächst nicht aufgehen sollten.

»Colin rief mich eines Abends völlig entgeistert an und sagte mir, dass ihm soeben gekündigt worden war. Er war fester Studiotechniker in den Slaughterhouse-Studios, wo wir unser neues Album aufnehmen wollten. Doch ohne ihn war auch der Special-Mitarbeiter-Rabatt dahin, und wir mussten uns etwas Neues suchen.«

Während CARCASS mal hier, mal da anriefen und Preise anfragten, keimte in Colin scheinbar über Nacht das Selbstvertrauen.

»Er rief ein paar Wochen später wieder an und sagte, er sei jetzt selbstständig. Und er hätte ein echtes Sahnestudio an der Hand, welches im fraglichen Zeitraum frei wäre.«

Die Amazon-Studios in Simonswood (logo - auch bei Liverpool) hatten das Rennen gemacht. CARCASS befanden sich bedauerlicherweise im schrecklichen Dilemma, zwischen Euphorie und Panik hin und her gerissen zu sein.

»Wir wussten, dass wir vermutlich nur hier den Sound bekommen würden, den wir uns schon immer gewünscht hatten. Andererseits sahen wir auch das enorme finanzielle Risiko, denn das Studio war richtig krass teuer.«

Und auf ein Label wollten CARCASS eigentlich schon damals verzichten.

»Nach „Symphonies...“ hatten wir den Entschluss gefasst, nicht mehr mit Earache zusammenzuarbeiten. Wir wollten die Scheibe selbst produzieren und veröffentlichen. In unserer Kasse befanden sich stattliche 16.000 Pfund, die wir aus alten Albumverkäufen zusammengespart hatten. Doch schon während der Aufnahme von Schlagzeug und Bass merkten wir, dass wir mit unserem Budget nie und nimmer hinkommen würden.«

Und einmal von zu Hause ausgezogen, bereitet es stets Schmach und Scham, gleich wenige Tage später als Bittsteller wieder vor der Tür zu stehen.

»Na ja, wir wollten Earache eigentlich nicht nach Geld und einem neuen Vertrag fragen, weil wir ja total stolz und unabhängig waren. Ich erinnerte mich, dass uns Roadrunner ein Jahr vorher einen Vertrag angeboten hatten. Wir ließen uns deren Angebot nochmals im Detail zukommen, was allerdings ein großer Fehler war. Das Angebot war das lächerlichste Stück Dreck, was mir je unter die Nase gekommen ist.«

Schlussendlich setzten CARCASS dann doch ihre Unterschriften unter einen neuen Vertrag bei Earache, der eben auch sicherstellte, dass das Projekt „Necroticism - Descanting The Insalubrious“ finanziell durchgezogen werden konnte.

»Wir haben im Endeffekt für die gesamte Produktion unglaubliche 25.000 Pfund bezahlt .«

Und das englische Pfund war 1991 noch richtig was wert...

»Aber der Sound entschädigt für alles. Michael und Bill nahmen jeweils drei Gitarrenspuren auf. Es sind also satte sechs Gitarren auf dem Album zu hören.«

...auch wenn Resultat und Vorstellung recht verschieden ausgefallen sind.

»Wir waren schon damals sehr weit weg von der gesamten Death-Metal-Bewegung. Gerade was Sounds und Produktionen anging, haben mich Death-Metal-Scheiben nie sonderlich interessiert. Alles war total Low-Budget-mäßig und improvisiert. Uns schwebte ein Sound wie eine Mischung aus King Diamond und Queensryche vor. Ganz ehrlich; das ist kein Witz!«

Der Fakt, dass die Scheibe nicht nur sagenhaft heavy, sondern auch glasklar produziert wurde, sollte hier in die Beweisführung aufgenommen werden. Ebenso die Cover-Collage, die das Album ziert.

»Nachdem wir so viel Geld im Studio verbraten hatten, wollten wir jetzt nicht auch noch einen teuren Künstler für unser Cover engagieren. Wir hatten in Kens Wohnung schon einige Wochen vorher die Portraits gemacht. Mir kam dann die Idee, die Sache recht klinisch anzuordnen und eine Szene aus einem Krankenzimmer nachzustellen. Natürlich mit meinem unverkennbaren Hang zum Bizarren und Komischen...«

Das Artwork sollte aber beileibe nicht der einzige Spielplatz bleiben, auf dem Jeff seine kranke und makabre Ader ausleben konnte.

»Ken kam mit der Idee, die Scheibe einfach „Descanting The Insalubrious“ zu nennen, was zweifelsohne sehr schrill und abgedreht klang. Ich hatte bei diesem Titel tatsächlich die Vision, die „ganze Ekel erregende Schlechtheit aus einem menschlichen Körper herauszureißen“ (sinngemäße deutsche Übersetzung - vw). „Necroticism“ fügte ich noch dazu, weil dies das Ganze auf eine Ebene sexueller, abartiger Perversion transportieren sollte („necro“: englisches Präfix für Tod; „-ticism“: Wortspiel und Kombination, hier übertragen stehend für Fetischismus, Erregung - vw).«

Obwohl man mit dem Ammenmärchen, CARCASS wären Medizinstudenten gewesen, endgültig mal aufräumen sollte.

»Ich weiß gar nicht mehr, wer sich das ausgedacht hat. Jedenfalls hielten uns die meisten immer für musizierende Studenten oder Doktoren. Das ist echt witzig. Daran ist absolut alles erstunken und erlogen. Ich selbst brauchte für meine Texte immer ein Wörterbuch. Die Kunst bestand darin, etwas, was total einfach und banal war, so krank, extrem und medizinisch auszudrücken, dass nicht mal Engländer den Sinn der Lyrics verstanden.«

Trotzdem tut man Jeff mehr als Unrecht, wenn man seine lyrischen Ergüsse einfach als krank und abartig abtut. „Necroticism“ ist eine wahre Fundgrube an Doppeldeutigkeiten und gesellschaftlichen Seitenhieben.

In ´Incarnate Solvent Abuse´ wird z.B. beschrieben, wie aus menschlichen Überresten ein Klebemittel entsteht, an dem sich wiederum Menschen durch Schnüffeln berauschen. Im Song selbst taucht dann das „glue sniffing“ („Klebstoff schnüffeln“) in leicht veränderter Form wieder auf. Eines der Soli (die bei CARCASS alle bis zu dieser Scheibe einen Eigennamen trugen) wird schlichtweg als „glue stiffing“ bezeichnet...

»Klebstoff schnüffeln war absolut angesagt, als wir noch ganz klein waren und zur Schule gingen. Je ärmer die Leute waren, desto intensiver wurde geschnüffelt.«

In ´Carneous Cacoffiny´ erzählt Jeff hingegen die bizarre Geschichte, wie es wohl klingen mag, wenn man einen Menschen durch den Fleischwolf dreht und ihn fortan als Gitarrensaiten benutzt. Wen er damit genau im Sinn hatte, verrät er leider nicht. Douglas-Adams-Fans werden allerdings zu Recht fragen, wieso gerade „Necroticism“ die Earache-Katalognummer „Mosh 42“ verpasst bekam.

»Das ist ein lustiger Zufall. Aber ich kann dir versichern: mehr auch nicht. Allerdings bin ich gerade etwas verwirrt, denn mir war bis dato auch noch nicht aufgefallen, dass zwischen „Per Anhalter durch die Galaxis“ und „Necroticism“ eine derartige Verbindung besteht.«

Doch halt: Waren nicht auch CARCASS, so wie Arthur Dent, zur falschen Zeit am falschen Ort?

»Nicht, was „Necroticism“ angeht. Aber grundsätzlich würde ich das sofort unterschreiben. Wäre unsere ganze Entwicklung einige Jahre später passiert, hätten wir uns nicht irgendwann frustriert aufgelöst, weil wir das Gefühl hatten, keiner würde uns verstehen. Wenn ich an die Diskussionen mit dem Label denke, das mir einen normalen Gesang verpassen wollte, und wenn ich die jungen Bands heute sehe, wie sie sich in die Charts brüllen und schreien... Na ja, was soll´s. Die Zeiten haben sich eben geändert. Aber wie sagt man hier so schön: Für Bands aus Liverpool gibt es kein Happy End.«

An eine Reunion ist laut Jeff eh nicht zu denken. Michael Amott ist mit Arch Enemy gut ausgelastet, Bill Steer bluest mit Firebird durch die Gegend, und Ken Owen ist nach Hirnblutungen und monatelangem Koma erst vor kurzem wieder auf die Beine gekommen.

»Ich hoffe, dass Ken wieder völlig gesund wird. Er ist ein guter Kumpel, und wir beide haben wirklich an der Band gehangen. Sollte er es noch mal schaffen, halbwegs Schlagzeug zu spielen, dann werde ich mit ihm eine kleine private Session machen. Nur für uns, nur der guten alten Zeiten willen.«

Und Jeffs kleines privates Fazit zur Scheibe soll am Ende auch nicht unterschlagen werden:

»Das Erste, an das ich bei „Necroticism“ denke, sind die vielen Tippfehler im Booklet. Das ist eine totale Katastrophe. Ansonsten bin ich aber immer noch sehr stolz auf unser drittes Baby. Meine Lieblingsscheibe bleibt zwar nach wie vor „Symphonies Of Sickness“, aber „Necroticism“ läutete für CARCASS ein neues Zeitalter ein.«

Punkt. So könnte man noch Stunden erzählen und immer noch kleine Details über das Album aus der Tiefe hervorkramen. Oder über Jeff. So z.B., dass er es war, der das legendäre Earache-Logo entworfen hat. Oder dass das Cover von Napalm Deaths „Scum“ seiner Feder entsprang. Und dass es ihm scheißegal ist, ob der FC Liverpool oder der FC Everton englischer Meister wird. Aber das ist eine andere Geschichte. Diese hier galt „Necroticism - Descanting The Insalubrious“.

Und mal ganz ehrlich gefragt: Wann hast DU diese Scheibe das letzte Mal in den Player geschoben?

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Das Line-up auf „Necroticism“:

Jeff Walker - v./b.

Bill Steer - g.

Michael Amott - g.

Ken Owen - dr.

Fakten, Fakten, Fakten:

Aufnahme: Juli 1991

Mix: November 1991

Produzent: Colin Richardson

Veröffentlichung: Februar 1992; außerdem gibt es einen Re-Release mit vier Bonustracks (alle von der „Tools Of The Trade“-EP, 1992), die zur selben Zeit wie das komplette Album aufgenommen wurden.

Bands:
CARCASS
Autor:
Onlineredaktion

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