Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews 27.09.2017

OVERKILL , URFAUST , MARDUK , NILE , DESASTER , AURA NOIR , TRIPTYKON , ABBATH , CANDLEMASS , VADER , AUTOPSY , MANTAR , INQUISICION , POSSESSED , NIGHT DEMON - »Gott will das nicht«

„Da steckt mein ganzes Herz drin“, verrät uns PARTY.SAN-Mitveranstalter Jarne – und das spürt man auch. Das PARTY.SAN ist eines der wenigen Festivals, die mit ca. 10.000 Besuchern nicht gerade klein sind, aber trotzdem ihren Spirit nicht verlieren und authentisch bleiben, weil es sich von jeglichem Zirkus fernhält, damit der Festival-Tourismus ausbleibt und der Fokus einzig und allein auf einer Sache liegt: Extreme Metal. Bleibt so, wie ihr seid, wir kommen nächstes Jahr wieder!

DONNERSTAG

Ein klug gewählter Einstieg: NIGHT DEMON eröffnen das Party.San mit ihrem melodischen NWOBHM-Stoff, den man an diesem Wochenende kein zweites Mal mehr geboten bekommen wird, auf genauso mitreißende Art wie beim jüngsten Rock Hard Festival. Das Trio befriedigt spürbar Bedürfnisse nach melodischem Stoff und erfüllt die Rolle des Einpeitschers mit der bekannten Setlist (viel vom neuen Album „Darkness Remains“ plus das mutig mit nur einer Klampfe gezockte Maiden-Cover ´Wasted Years´) hervorragend – auch weil Jarvis Leatherby als Front-Flummi das Publikum vom Fleck weg für sich einnimmt.
Das Ersatzteillager AZARATH ist eigentlich die Zweitband von Behemoth´ Inferno, doch der Trommler lässt sich dort wie hier vertreten. Hinter den Kesseln hockt Stormblast (Infernal War), während Embrional-Frontmann Skullripper an der Spitze aushilft. Darum springt auch kein Funke vom für die Heimat der Musiker typischen Black- bis Death Metal über, und die stimmungsvollen Parts ihrer neuen Scheibe „In Extremis“ verpuffen komplett im Bassdrum-Sperrfeuer. Am Ende erfüllt die Band nur ihren Zweck und gibt die Stoßrichtung für die meisten weiteren vor.
Auf MISTHYRMING treffen fast alle Island-Klischees zu: Das Quartett aus Reykjavik klingt weltfern und verschroben, aber keineswegs verträumt – schon gar nicht live, wenn die subtilen Harmonien der abwechselnd rasanten und zähen Songs des bisher einzigen Albums „Söngvar Elds Og Óreidu“ wegbrechen. ´Hof´ von der aktuellen Split-Single mit Sinmara erkennt man nicht im Set, doch der rauschhafte Strudel, den die Gruppe mit den Debüt-Stücken aufwirbelt, soll unter den ersten Feuersäulen des Tages sowieso nicht wie ein gewöhnlicher Liederreigen funktionieren.
Obwohl die zwischenzeitlich aufgelösten GOD DETHRONED seit Jahren „nur“ solide Alben herausbringen, sind sie eine sichere Bank auf der Bühne. Henri Sattler und seine leidlich feste Besetzung lassen ihrer martialischen Ausrichtung entsprechend Flammen aufsteigen und in neueren Stücken, die nicht das Klassiker-Potenzial von ´Villa Vampiria´ oder ´Boiling Blood´ besitzen, umso mehr authentisch wirkende Aggression sprechen, was zu Recht prima ankommt. Da geht noch was auf Platte, falls die Niederländer diese Form (und das Line-up!) aufrechterhalten.
Dass man mit nur ein, zwei Hits, deren Formel der Rest des eigenen Repertoires stimmig wiederholt, eine aussichtsreiche Karriere antreten kann, haben MANTAR längst bewiesen, und dementsprechend souverän wickelt das Duo sein zahlreich erschienenes Publikum um den ausgestreckten Mittelfinger. Hannos und Erinçs Arschlecken-Lesart des Erbes von Hellhammer findet auch von der großen Bühne aus vorgetragen Anklang, obwohl man die schräge Mimik der zwei nur aus der Nähe erkennt. Da grölt jeder gern „Death über alles“ – und das nicht nur einen Sommer lang.
Stichwort Langlebigkeit: Die Veranstalter behalten auch als wirtschaftliche Größe in der Event-Branche ihr Herz für den Untergrund und stellen weiterhin Liebhaber-Zeug wie DARKENED NOCTURN SLAUGHTERCULT auf die große Bühne. Der Vierer bedankt sich mit einer angenehm unaufgeregten, aber intensiven Show, in deren Brennpunkt Sängerin und Gitarristin Onielar als ganz in Weiß gekleidete Todesbraut steht, wobei man feststellt, dass die Band in ihrer immerhin schon knapp 20 Jahre andauernden Laufbahn verblüffend viel verschleißfreies Schwarzmetall gegossen hat. (as)
URFAUST – und vor allem die Zuschauer – haben dann leider mit den schlimmsten Regengüssen des Festivals zu kämpfen, was mir als Urfaust-Fan natürlich besonders missfällt. Die in blaues Licht getünchte Bühne schafft die perfekte Stimmung für die atmosphärischen Klänge der zwei Niederländer. ´Die kalte Teufelsfaust´ gibt es dann zum Glück nicht nur vom Wetter, sondern auch musikalisch von der Bühne, sodass in diesem Moment zumindest alles egal ist. Urfaust können mit dieser Art von Musik selbst solche Unwetter übertreffen und kreieren einmal mehr eine unvergessliche Stimmung. Leider ist natürlich nicht jeder dieser Meinung, und ein Großteil der Zuschauer flüchtet ins Partyzelt, um dem Regen zu entgehen.
OVERKILL genießen anschließend das Glück, dass der Regen nachgelassen hat, und bilden einen schönen Kontrast zu den langen und epischen Urfaust-Songs. Das auf den Punkt gebrachte Thrash-Metal-Feuerwerk lässt die Knochen wieder etwas wärmer und trockener werden, sodass sich die allgemeine Stimmung merklich hebt und die Matten kreisen. Bobby ist natürlich ein absoluter Entertainer, kann die Meute exzellent zum Mitmachen aktivieren, und der schwere Schauer gerät schnell in Vergessenheit.
ABBATH überzeugt zunächst einmal mit seinen Feuerspuck-Aktivitäten, die an alte Immortal-Bilder aus den Neunzigern erinnern und einem sofort genau dieses Gefühl der damaligen Platten suggerieren. Leider bleibt dies bei den artistischen Einlagen hängen, und im Verlauf des Konzertes kommt nur das eine oder andere Mal diese Atmosphäre auf. Die Songs klingen mehr oder weniger alle nach dem Sound und den Songstrukturen, die Immortal seit dem „At The Heart Of Winter“-Album kultivierten, und die Showeinlagen rücken immer mehr in den Vordergrund als die Atmosphäre. Jedem Musiker sei seine Vision von seiner Musik und seinem „Charakter“, wie Abbath es selber nennt, gestattet, aber an so manchen Punkten hat dies einfach seinen Zenit überschritten.

FREITAG

GUT repräsentieren in gewohnter Manier die Grindcore-Fraktion, und vor der Bühne werden aufgeblasene Gummipuppen, Bananen und Pelikane in die Höhe gehalten. Mir ist das alles eigentlich immer zu plump, aber Gut grooven wenigstens ordentlich und verleiden einem so nicht den Einstieg in den Tag.
DEMILICH hämmern sich anschließend durch ihren 35-Minuten-Set und machen dabei keine Gefangenen. Mir gefallen sie auf Platte etwas besser, doch die ist ja auch schon 24 Jahre alt. Die verrückt-vertrackten Riffs kommen bei dem Live-Sound nicht annähernd so gut rüber wie bei den Studioaufnahmen. Dennoch hat die Show ihren Reiz, weil man erahnen kann, was Demilich eigentlich können. (sh)
Viel zu früh – schon in der Mittagszeit – werden die legendären DEMOLITION HAMMER heute als dritte Band verheizt, allerdings ist der Publikumsandrang berechtigterweise gar nicht mal so gering. Mit der einen oder anderen etwas amüsanten Ansage (Basser und Shouter Steve Reynolds fordert z.B. das Publikum auf mitzuzählen, wie oft er dabei „fuck“ sagt, damit man ihm die Schlagzahl nachher mitteilen kann) ballern die nach zwei Dekaden Pause reaktivierten New Yorker den erbarmungslos knallenden Thrash Metal ihrer ersten beiden Highlight-Alben von Anfang der Neunziger raus, als wären sie nie weg gewesen. Was die alten Herren hier aufs Parkett zaubern, ist auf seine ureigene, rabiate Art einfach nur saumäßig mächtig, geil und wunderschön!
Die nach diesem Inferno eigentlich besonders gute Laune wird danach von KALMAH fast schon wieder geschmälert. Oder ist das alles so eine Art von Witz, den ich nicht ganz verstehe, denn derartigen Dudel-Krächz-Metal mit Konservenorchester kann man doch unmöglich ernst meinen? Wenn man sich den viel geringeren Publikumszuspruch als bei der Band davor so anguckt, scheint es allerdings nicht nur mir so mit dieser „drittklassigen Children-Of-Bodom-Kopie“ (O-Ton Schiffmann) zu gehen.
Manch ein Deather wird mich jetzt rügen wollen, aber VITAL REMAINS waren ebenfalls noch nie so mein Ding, was gerade auch spätere Outputs der Band mit Projektcharakter um Gitarrist Tony Lazaro betrifft. Neben der Unsitte, relativ gewöhnliche Knüppel-Stilmittel in unpassend langen Song-Arrangements auswalzen zu müssen, nervt live heute zudem besonders der viel zu prollig rüberkommende Frontmann Brian Werner mit seinen stumpfen Aufforderungen zu brutaler Pit-Action und einer Wall Of Death. Wir sind hier nicht beim Pressure Fest 2005, Alter!
UADA kommen dann einer kathartischen Erlösung gleich. Die Masche der Amerikaner, sich beim Spielen fast schon etwas angestrengt unter Kapuzen verstecken zu wollen, entbehrt in einigen Momenten zwar nicht einer gewissen unfreiwilligen Komik, aber musikalisch weiß die Düstertruppe aus Portland zu gefallen. Ihr durch den richtigen zeitgemäßen US-Filter adaptierter skandinavischer Black Metal verbreitet nämlich gleichermaßen rau wie episch Dunkelheit auf dem Festivalgelände.
Oder liegt´s am sich schon wieder zuziehenden Wetter? Bei MOONSORROW hält sich der Niederschlag allerdings zunächst erst mal noch in Grenzen. Schlechtes Timing, denn wie schon zuvor bei ihren Landsleuten Kalmah merkt man auch bei diesen Finnen mit Pagan-Wurzeln, dass Derartiges nicht unbedingt den Konsensgeschmack der Partysaner trifft, und so herrscht auch hier etwas weniger Andrang als bei den Acts zuvor oder danach.
Z.B. bei AURA NOIR. Deren verhältnismäßig primitives und völlig legitimerweise primär gewissen Klischees und Genreregeln folgendes Black-Thrash-Gerödel macht aber auch einfach Laune – und ist noch mal umso witziger, wenn man sich vor Augen hält, dass Gitarrist Carl-Michael Eide alias „Aggressor“ neben dieser Huldigung des frühen Teutonen-Thrash auch die dazu schon konträr-progressiven Virus betreibt. So oder so ist man sich am Ende rundum einig: Genau so muss das klingen!
Dass als Nächstes bei VADER kein wildester Mob tobt, könnte allerdings tatsächlich am inzwischen ziemlich fiesen Wetter liegen. Das polnische Urgestein ballert und groovt sich präzise durch seinen schon als Eigenmarke durchgehenden Death Metal, allerdings folgt ein Großteil der Crowd der gelungenen musikalischen Darbietung unter Regenschirmen zusammengekauert und in Plastik-Capes gehüllt. Ein bisschen schade ist das schon, denn die Band, die schon in den Achtzigern gegründet wurde und mit ihrem 1992er Earache-Einstand „The Ultimate Incantation“ auf der Bildfläche erschien, seitdem immer solide bis superbe Langspieler ablieferte und trotz Rückschlägen und Line-up-Wechseln bis heute erfolgreich durchhält, hätte wirklich ein bisschen mehr Action vor der Bühne verdient gehabt. (sd)
NILE bratzen brachial wie erwartet. Der Regen setzt wieder ein, aber das Publikum ist begeistert, mehr noch als bei Vader. „Let me hear the Death Metal growl!“, fordert der Frontmann – und das ist seit Anfang 2017 nicht mehr Dallas Toler-Wade. In Erscheinungsbild und Ansprache eine andere Band, wissen Nile aber auch fünf Jahre nach ihrem letzten Party.San-Gig nicht nur mit ´Those Whom The Gods Detest´ nachhaltig zu überzeugen. Inmitten des vertrackten Gitarrenspiels und der dick aufgetragenen Moll-Effekte kommen die eingestreuten Slo-Mo-Momente schön heavy, so auch in ´What Should Not Be Unearthed´ mit seinen vielen Tempowechseln und Finster-Growls. Das ist technischer Death Metal für die große Bühne, vor allem ´Unas, Slayer Of The Gods´ mit Doublebass-Blast und perfekt gespielter Trigger-Parade von George Kollias, dazu Growls von allen drei Saiteninstrumentalisten.
CANDLEMASS sind nicht weniger heavy als Nile und erreichen das mit viel Energie und faustballenden Riffs. Einige Besucher haben sich in ihre Zelte oder unter ihre Pavillons verkrochen, die verbleibenden wissen aber, was sie wollen – und das bekommen sie mit schwer stampfendem Riffing in Form von ´Dark Reflections´. Nebel und Nieselregen, das sind die Rahmenbedingungen, unter denen auch ´A Cry From The Crypt´ hervorragend funktioniert.
Fast so lange wie Candlemass sind AUTOPSY bereits unterwegs – sieht man von der 13-jährigen Unterbrechung ab. Anno 2017 läuft die Saitenfraktion zunächst auf der Bühne durcheinander. Satt und voll klingend geht es ins räudig-gorige Midtempo. Vor sieben Jahren waren Autopsy kurz nach der Reunion noch in Bad Berka, und das Uptempo-Gerumpel sowie der nonchalant hingerotzte Groove haben seitdem nichts von ihrem Charme eingebüßt. (gb)

SAMSTAG

GRUESOME STUFF RELISH haben als erste Band auf der großen Bühne leider nicht den groovigen Hauch von Gut am Vortag und tragen ihre Grindcore-Riffs recht eintönig vor. Hier passiert sicherlich nichts Furchterregendes, aber sich den kompletten Set anzusehen, ist schon sehr monoton, denn nach zwei Songs ist eigentlich alles gesagt.
MOURNING BELOVETH schmücken sich mit zwei Sängern, und schnell wird klar, wem welche Aufgabe zuteil wird. Während Darren Moore für die Schreie und das Growling zuständig ist, kümmert sich Frank Brennan um die cleanen Parts. Musikalisch ist das schon ziemlich angenehmer Death/Doom-Metal, der durch seine schönen Melodien überzeugen kann. Die Art des cleanen Gesangs ist ohne Zweifel eine gute Leistung, rückt die Band aber zu sehr an Primordial heran. Dass die beiden Gruppen gut befreundet sind und Alan Averill sogar das Bandlogo gemalt hat, ist ja nichts Unbekanntes, doch was den cleanen Gesang betrifft, ist mir das etwas zu nah beieinander. Nichtsdestotrotz: super Auftritt!
MERCILESS passen zum Party.San-Nachmittag wie die Faust aufs Auge. Mit Hopfen-Smoothie in der Hand kann man den alten Hasen aus Schweden bei ihrer Black/Thrash-Show zuschauen, und vor allem die Songs von „The Awakening“ begeistern die Zuschauer sehr. Kein Wunder, hat doch Black-Metal-Guru Euronymous selbst noch 1990 dieses Album veröffentlicht. Spielfreude, Aggression und ein räudiges Auftreten machen den Gig zu einer sehr sehenswerten Veranstaltung, die sogar ein wenig an den legendären Auftritt von Tyrant im Jahre 2008 erinnert, der natürlich nicht zu toppen ist. (sh)
Im Kampf um den Titel des ultimativen Bathory-Erbverwalters legen HADES ALMIGHTY heute eine Pause ein, denn die Songauswahl der norwegischen Urgesteine schließt ihre epische Seite weitgehend aus, obwohl Kampfar-Drummer Ask Ty hervorragend singen kann. Stattdessen grölt er launisch zu stampfenden Midtempo-Tracks, die sowohl vom Klassiker-Doppel „Millenium Nocturne“ und „The Pulse Of Decay“ als auch von der immer noch aktuellen 2015er EP „Pyre Era, Black!“ stammen. Darum geht der Gig als kleine Enttäuschung durch, obwohl die Bergener gut ankommen. (as)
„Hat geballert“ ist die essenzielle und passendste Beschreibung für den Auftritt, den CRYPTOPSY in Schlotheim abliefern. Während mich am meisten fasziniert, welch extreme Nackenmuskeln Basser Olivier Pinard haben muss, der seinen Kopf während des Sets in Schallgeschwindigkeit wie einen Dauerkreisel wirbeln lässt, gibt es Song für Song stumpf auf die Fresse – doch der Meute gefällt´s.
Ein ganz anderes Gefühl lösen dagegen INQUISITION aus: Das US-Duo schafft es, einzigartigen und wirklich unverwechselbaren Black Metal zu kreieren und ohne viele Accessoires eine mystische, vibrierende Aura von der Bühne auf das Publikum zu übertragen. Songs wie ´Dark Mutilation Rites´ erwecken absolute Gänsehaut, und auch wenn dem eingefleischten Inquisition-Fanatiker der eine oder andere Klassiker im Programm fehlen mag, liefern die zwei einen unglaublich starken, mitreißenden Gig ab. Großartig! (mam)
NECROPHOBIC haben gerade eine neue EP veröffentlicht und versuchen mit einem großartigen Konzert, die Querelen um ihren kriminellen Ex-Sänger vergessen zu machen. Das gelingt ihnen mit Bravour, so gut hat man die schwedischen Melodic-Black-Metaller vermutlich noch nie gesehen.
Bei INSOMNIUM heißt es dann wieder: runterkommen. Musikalische Abwechslung im Billing ist zwar gerne gesehen, aber was die Finnen da abliefern, ist doch arg seicht.
Entschädigt wird man von DESASTER, die aus dem Vollen schöpfen können, weil sie noch nie ein schlechtes Album gemacht haben. Mit ihrem engagiert dargebotenen Weltklasse-Black-Thrash läuten die Koblenzer einen starken Samstagabend ein.
„Ich würd´s nicht glauben, wenn ich´s nicht hören würde“, sagt ein Fan zwei Reihen weiter. Und es stimmt, POSSESSED sind heute verdammt stark. Der Sound passt, und Jeff Becerra ist im Rahmen seiner Möglichkeiten ein agiler und sowieso charismatischer Fronter. Nur ein neues Album könnte jetzt so langsam mal kommen.
Mit Geschützdonner starten MARDUK in ihren Set und lassen keinen Zweifel daran, dass die Black-Metal-Warmachine heute nichts als verbrannte Erde zurücklassen wird. Knochentrocken und humorlos feuern die Schweden Blastsalven von der Bühne, die einem die Locken geradeföhnen. Dass das selbst der härteste Fan keine Stunde am Stück aushalten kann, wissen Morgan und seine Crew natürlich. Etwas befremdlich wirken die langen Pausen zwischen den Songs, in denen Marduks mittlerweile typische Military-Ambient-Sounds erklingen. Aber vielleicht braucht man einfach einen Moment länger zum Verschnaufen, wenn die Musik einem leistungssportartige Anstrengungen abverlangt, was natürlich vor allem für Drummer Fredrik Widigs und Sänger Mortuus gilt. Ein beeindruckender Auftritt, der dank effektiver Lightshow und ausdauernden Einsatzes der Flammensäulen auch optisch einiges hermacht.
Als Ersatz für die aus etwas undurchsichtigen Gründen verhinderten Morbid Angel wurden TRIPTYKON gebucht. Eine gute Wahl, denn schließlich ist die Truppe um Tom Warrior live eine Bank und hat neben erstklassigem eigenen Material auch diverse Celtic-Frost-Klassiker im Gepäck. Natürlich geht es mit der langsam gespielten und dadurch ultraschweren Version von ´Procreation Of The Wicked´ los. ´Dethroned Emperor´ bereitet im Anschluss den Boden für den „Eparistera Daimones“-Opener ´Goetia´, der nah am ursprünglichen Frost-Sound für Gänsehaut bei den Fans der Schweizer sorgt. Die gleiche Wirkung erzielt ´Ain Elohim´ vom Celtic-Frost-Comeback-Album „Monotheist“. Der Sound ist massiv, die Gitarren röhren auf unnachahmliche Weise, und Vanja Slajh legt mit harten, pumpenden Anschlägen ein mächtiges Bassfundament. Für die Band ist dies ein emotionaler Abend, denn es ist das letzte Konzert mit Drummer Norman Lonhard, der sich zukünftig anderen musikalischen Projekten widmen wird. Dass Toms Gitarre zwischenzeitlich streikt, nimmt er trotzdem mit Humor. „Gott will das nicht“, feixt er in Anspielung auf den letzten Gig auf dem Party.San, bei dem die Band wegen eines Unwetterschadens ins Zelt ausweichen musste. Aber letztlich kann das Problem behoben werden, und Triptykon verabschieden nicht nur ihren Drummer in Würde, sondern beschließen auch das diesjährige Party.San mit einem denkwürdigen Schlussakkord. (ses)

Durch den strömenden Regen in Schlotheim kämpften sich für euch: Mandy Malon (mam), Jens Peters (jp), Andreas Schiffmann (as), Stefan „Hacky“ Hackländer (sh), Simon Dümpelmann (sd), Sebastian Schilling (ses), Gretha Breuer (gb) sowie Dani Lipka, Svenja Kleinhaus und Robert Fust. Die Kamera trug Andreas Schiffmann durch Wind und Wetter.

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DAS ZELT

Donnerstag

LUCIFERICON eröffnen die Tentstage 2017 standesgemäß mit düsterem Death Metal. Zwischen schleifend-zähen Momenten und rasantem Rumpel-Blast bewegt sich der stimmungsvolle Death Metal. Aber mit den Echoeffekten übertreiben es die Niederländer: Hinterm Mischpult stehend klingt alles arg verwabert, und auch weiter vorn dominiert basshaltiges Gewummer, bestimmt von der Doublebass. Nur im Midtempo entzerrt sich dieser Matsch und wirkt mächtiger. Schade, denn die beiden EPs haben mehr zu bieten als okkulte Effekt-Koketterie.
Gänzlich Gegensätzliches fahren die Berliner PIGHEAD auf. Das stumpfe Brutal-Death-Gehacke steht nicht nur im krassen Gegensatz zum Bemühen um Atmosphäre von Lucifericon, sondern auch zu den fast ätherischen Misthyrming eben auf der Mainstage. Pighead stört das nicht im Geringsten, und die Bree-Growls finden ihr geneigtes Publikum.
THE LURKING FEAR ist nicht nur eine Kurzgeschichte von H.P. Lovecraft, sondern auch eine Band aus der schwedischen Death-Metal- und Crust-Prominenz: Tompa Lindberg hat sich seinen At-The-Gates-Drummer Adrian Erlandsson geschnappt und mit Bombs-Of-Hades-, Skitsystem- und Disfear-Saiteninstrumentalisten ein sehr schönes Stück Death Metal eingespielt. Live auf der Party.San-Zeltbühne kommt das Ganze dreckiger und räudiger rüber als auf Platte. Tompas kehlige Growls fügen einen Schuss Punk hinzu, und The Lurking Fear werden sicher einige neue Fans gewonnen haben.
ULTHA gönnen sich langes Intro-Geschwurbel, ohne dass viel passiert, was Struktur erzeugt. Die Kölner zelebrieren sodann atmosphärischen Black Metal mit klassischem Blast, langgezogenen Schwarzmetall-Screams und Alphornchören. Dabei schlagen die atmosphärischen Phasen in Raserei um, was die Spannung aufrechterhält. Ultha schaffen es offenbar, auch diejenigen anzusprechen, die sich mit der klassisch-verbissenen Schwarzwurzelei nicht unbedingt identifizieren können. „Viel Spaß mit Inquisition“, verabschieden sich Ultha, die bereits zuvor auf dem gleichen Festival-Billing wie die Amerikaner gestanden haben, was ihnen nicht unbedingt hoch angerechnet worden war.
DAWN OF DISEASEs nach vorn gehender Old-School-Death-Metal wie ´Alone With The Dead´ und ´Ashes´ zieht vor allem im Uptempo die Banger in seinen Bann. Auch der Song vom am Party.San-Wochenende erscheinenden neuen Album „Ascension Gate“ ist ein old-schoolig melodisches Brett. Und mit ´Knife vs. Flesh´ gibt es noch mal ordentliches Gebrate. „Sorgt dafür, dass zumindest heute kein Konzert mehr im Zelt stattfinden kann“, fordert Sänger Tomasz das Publikum auf. An die Metal-Disco hat er dabei offenbar nicht gedacht… (gb)

Freitag

Eröffnet wird der Zelt-Freitag von den aus dem Norden Deutschlands stammenden VERHEERER, die unglaublich bitteren, beißenden Black Metal an den Tag legen. Räudig zerreißende Blastbeat-Raserei, gepaart mit unmenschlichen Vocals und kaltherzigen Riffs, bestimmt den Set des Fünfers, der bislang nur eine einzige EP namens „Archar“ veröffentlicht hat. Da darf gerne mehr kommen, Jungs!
Als Nächstes betreten KOSMOKRATOR die Bühne, die definitiv zu meinen Favoriten unter den Black-Death-Neulingen gehören. Die Belgier, die bislang ihr Demo „To The Svmmit“ und ihre EP „First Step Towards Supremacy“ über Ván Records rausgehauen haben, präsentieren sich in schwarze Kapuzen gehüllt und von blauem Licht umgeben zunächst mystisch, bis nach dem Intro die ersten Abrissbirnen losgelassen werden. Nach anfänglichen kleinen Sound-Problemen findet sich das Kollektiv und peitscht scheppernde Todeshymnen, gemischt mit Growls und hohen Schreien, die einem Stich ins Herz gleichkommen, in die Meute. Ob schleppend oder brachial rasend, Kosmokrator sind mächtig!
Doch auch KRINGA schlagen mit ihrem old-schooligen, teils fast schon rotzigen Black Metal voll in meine Kerbe. Mit einem äußerst dynamischen Fronter und absolut wilden Gitarrenläufen liefern die Österreicher eine energetische Performance ab, die sie vor einem komplett vollen Zelt vortragen dürfen, das zuhauf aus Kringa-Anhängern, allerdings auch aus regenscheuen Partysanern bestehen dürfte. In jedem Fall merken: Kringa sind killer und haben den Spirit!
Im Vergleich dazu haben NAILED TO OBSCURITY – nicht zuletzt durch ihre diesjährige Tour mit Thulcandra – schon einiges mehr an Live-Erfahrung gesammelt. Dementsprechend sicher präsentieren die Nordlichter ihren abwechslungsreichen, eher modern gehaltenen Death Metal, der von einem dynamischen Wechselspiel zwischen brachialer Brutalität und leidenschaftlich-melodischen Passagen lebt – läuft!
DEW-SCENTED gehören zu den „größeren“ Zeltbands und beschließen den Freitag auf der kleinen Bühne. Die Niedersachsen – die übrigens traditionell nur Alben veröffentlichen, die mit dem Buchstaben „I“ beginnen – haben sich schon seit 1992 dem Krach verschrieben, weshalb es auch am heutigen Abend pures Geknüppel auf die Ohren gibt. Mein Ding ist´s nicht, aber die Matten in den ersten Reihen kreisen – also ein solider Abschluss, würde ich sagen! (mam)

Samstag

MR. SIDEBURN AND THE BARONS starten mit einer guten Prise Rock´n´Roll in den Tag und bilden natürlich ein Rahmenprogramm, das sich ein wenig vom sonstigen Billing abhebt. Auszusetzen gibt es hier aber gar nichts, und so finden sich schon um zehn Uhr die ersten trinkfreudigen Zuschauer vor der Zeltbühne ein – Spaß macht das Ganze definitiv.
INDIAN NIGHTMARE legen dann den Schalter um und knüppeln von der ersten Sekunde an drauflos. Dass die Jungs große Fans des schmutzigen Sounds der achtziger Jahre sind, lässt sich keinen Moment verbergen. Einzig und allein der Gesang lässt einen zum Teil etwas aufschrecken, da die plötzlich auftretenden hohen Schreie wie aus dem Nichts kommen. (sh)
Spätschicht an der Zelt-Stage: Bei fast jedem anderen Festival würde das nerven, aber nicht hier. Da es auf dem Party.San nur zwei Bühnen gibt und die Umbauzeiten auf der Mainstage angenehm lang gehalten sind, verpasst man auch dann keinen der großen Acts auf der Open-Air-Bühne, wenn man sich das komplette, ebenfalls spannende Indoor-Programm reinzieht. Den Nachmittags-Opener machen die Italiener BLOOD OF SEKLUSION, die kürzlich mit ihrem neuen Longplayer „Servants Of Chaos" in unserem Soundcheck vertreten waren und live noch mal eine ganze Ecke gröber als auf Platte rüberkommen.
Anschließend geben sich VIGILANCE aus Slowenien die Ehre, die mit ihrem Corpsepaint und den Leder-und-Nieten-Outfits definitiv fieser aussehen, als sie klingen: Die Truppe mischt Heavy-, Black- und Speed Metal munter durcheinander, hat ein unüberhörbares Faible für frühe Maiden-Nummern (diese Soli!) und legt einen durchweg gelungenen Gig aufs Parkett, der von den Anwesenden mit gebührendem Applaus belohnt wird. Coole Band!
Die Dritten im Bunde – draußen haben gerade Insomnium ihren ziemlich starken Gig beendet – sind ATOMWINTER aus dem niedersächsischen Göttingen. Die Herrschaften spielen Death Metal der traditionellen Machart irgendwo zwischen Asphyx, Desaster (die passenderweise direkt im Anschluss auf der Mainstage spielen werden) und Bolt Thrower. Für den sackstarken Auftritt der Truppe hat sich (zu Recht!) gefühlt das halbe Party.San im Zelt versammelt, die Bude ist proppenvoll. Merkwürdige Szenen spielen sich in den ersten Reihen ab, wo diverse Fans Glitzer-Konfetti in die Menge schmeißen. Ein Insider – oder einfach spontaner Quatsch? Wer´s weiß, schreibt es uns an leserbriefe@rockhard.de.
Weiter geht´s mit KRATER, die dem einen oder der anderen dann doch zu viel des Guten zu sein scheinen. Die Herrschaften rumpeln auf der Bühne mit Karacho vor sich hin, neben mir ergreift ein Pärchen mit den Worten „Wir mögen Black Metal, aber das ist selbst uns zu derbe“ die Flucht. Ich bin ja bekanntermaßen nicht gerade ein Experte im Genre, aber mir kommt das, was die Band da veranstaltet, schon ziemlich kompetent vor, und die meisten anderen Anwesenden (das Zelt ist mittelstark gefüllt) scheinen auch ihren Spaß zu haben.
Und apropos Spaß: Selbiger neigt sich fast schon dem Ende zu, denn HUMILIATION sind nicht nur der letzte Act, der heute im Zelt spielen wird, sondern der drittletzte des Festivals überhaupt. Die aus dem fernen Malaysia angereiste Combo zockt technischen Death Metal, der vor allem, das ist nicht zu überhören, durch Bolt Thrower inspiriert ist, und trümmert die Zeltbühne zum großen Finale nach allen Regeln der Kunst in Grund und Boden. Stärker geht´s kaum – was für ein Abschluss! (jp)

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Unsere Hoch- und Tiefpunkte

Andreas Schiffmann


Top: Overkill, Misthyrming, Vader, Ultha, Uada, Demilich
Flop: Abbath
Wünsche fürs Party.San 2018: Vemod, Gorguts, Enslaved

Mandy Malon

Top: Urfaust, Possessed, Inquisition, Aura Noir, Marduk
Flop: Auch wenn der immergraue Himmel seinen Charme hatte, der Regen war der Arsch des Festivals.
Wünsche fürs Party.San 2018: Watain, Toxic Holocaust und Revenge sind ja schon mal so was von killer, da kann ich mir nur noch mal Venom zurückwünschen! Fürs Zelt vielleicht Antiversum, Deathcult und Antlers.

Jens Peters

Top: Sleaze Rock hin, Glam Metal her: Nachdem mir Mandy und Hacky seit Jahren in den Ohren lagen, wie geil das Party.San sei und dass ich da uuuuunbedingt auch mal hin müsse, hatte ich ja quasi gar keine andere Wahl, als den Weg nach Schlotheim anzutreten. Regrets? No way! Geile Bands, spitzenmäßige Organisation, tolle Leute. Beide Daumen hoch!

Sebastian Schilling

Top: Triptykon, Marduk, Nile, Vital Remains, Misthyrming, Demolition Hammer, Vader, die Schweinshaxe am Grillwagen
Flop: Das Wetter, ansonsten alles top!
Wünsche fürs Party.San 2018: Wäre schön, wenn man den Morbid-Angel-Auftritt nachholen könnte. Ansonsten wird die PSOA-Crew sicher wieder ein spannendes Billing zusammenstellen.

Gretha Breuer

Top: The Lurking Fear, Blood Of Seklusion, Misthyrming
Flop: Cryptopsy
Wünsche fürs Party.San 2018: Satyricon, Mitochondrion, Discreation, Wovenhand, Lantern

Stefan „Hacky“ Hackländer

Top: Mich haben Mantar, Aura Noir und Marduk am meisten überzeugt, und Urfaust waren auch ein klares Highlight, trotz des Regens.
Flop: Der Bassdrumsound bei so manchen Bands, der sämtliche Gitarren verschluckt und die Gruppen so unhörbar macht.
Wünsche fürs Party.San 2018: Virus, Dool, Grave Pleasures, Khold

Simon Dümpelmann

Top: Der Zeltbühnenauftritt von Ultha am Donnerstag! Beste Band des Wochenendes neben Demolition Hammer.
Flop: Comedy-Crap wie Gut, Kalmah oder Moonsorrow können wir zukünftig auch gerne sein lassen.
Wünsche fürs Party.San 2018: Wie wär´s mit Khthoniik Cerviiks, Reverie, Immortal Bird und Oranssi Pazuzu?

Pic: Andreas Schiffmann

Bands:
POSSESSED
TRIPTYKON
INQUISICION
URFAUST
DESASTER
NILE
CANDLEMASS
MARDUK
ABBATH
MANTAR
AUTOPSY
OVERKILL
NIGHT DEMON
AURA NOIR
VADER
Autor:
Mandy Malon
Andreas Schiffmann
Stefan Hackländer
Sebastian Schilling
Simon Dümpelmann
Gretha Breuer
Jens Peters

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