Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews 31.08.2016

BLIND GUARDIAN , DARK FUNERAL , SATAN , MARDUK , MELECHESH , EXODUS , SECRETS OF THE MOON , AT THE GATES , DRAGONFORCE , KREATOR , ELECTRIC WIZARD - »Fuck The Rain!«

Von den lebhaften Erinnerungen ans vergangene Jahr zehrend, fieberte unser Expeditions-Team schon Wochen vor dem fünftägigen Festival im slowenischen Städtchen Tolmin den METALDAYS entgegen. Sonne, Sommer, eine malerische Gebirgskulisse und der erfrischend kühle und glasklare Fluss Soca samt Strand, Beach-Bar und planschenden Metallern auf aufblasbaren Gummitieren, dazu die Herzlichkeit der Slowenen, die Multikulti-Atmosphäre des Festivals und ein abwechslungsreiches Billing. Metaller-Herz, was willst du mehr?

Vielleicht ein ausgeklügeltes ökologisches Konzept, sinnvolle Neuerungen wie ein Camp für allein reisende Frauen und ein vielseitiges kulinarisches Angebot (Vegetarierin Michels sagt besten Dank!), dachte sich Veranstalter Boban Milunovic, der mit seinem Team nicht müde wird, das Open Air jedes Jahr zu verbessern. Leider hat die Crew auf eine Sache keinen Einfluss: Petrus, Thor und sämtliche anderen Wetter-Gottheiten haben scheinbar eine Wette laufen, ob sich die Besucher ihre Metaldays von Starkregen, Gewittern und Sturmböen verhageln lassen, und halten während der Hälfte des Open Airs die Schleusen sperrangelweit offen. Da warmer Regen aber immer noch besser ist als die Schlammseen einer gewissen „Rain Or Shine“-Konkurrenzveranstaltung und das Publikum das miese Wetter mit lautstarken „Fuck the rain!“-Chören einfach weggrölt, stürzt sich unsere vierköpfige Delegation aus drei verschiedenen Nationen optimistisch ins Getümmel. (am)

MONTAG


Die 15-stündige Anfahrt noch ein wenig in den Knochen, führt der erste Watschelgang vor die Hauptbühne, die dem verstorbenen Motörhead-Frontmann zu Ehren in „Lemmy-Kilmister-Stage“ umbenannt wurde. Eingeweiht wird diese von den selbsternannten Cross-Cultural-Metallern ZIX um die energische Frontlady Maya, die die Reise aus dem Libanon angetreten haben und die ersten Headbanger erfolgreich auf Touren bringen.
Ein äußerst überraschender (und äußerst nasser) Platzregen vermasselt den katalanischen Folk-Metallern DRAKUM die Show. Den Frust lassen die Jungs und Mädels aus Barcelona sich allerdings nicht anmerken, sondern dudeln, geigen und flöten sich im Gegenteil mit vollem Einsatz eine erstaunlich große Party-Meute vor die Bühne. Der Rattenfänger von Hameln wäre vor Neid erblasst – und hätte sich gefragt, was diese weiße Keytar von Albert Orozco wohl für ein wunderliches Teufelswerk ist.
DESERTED FEAR brettern gegen den nächsten Wolkenbruch an und treten den ersten Circle Pit des Open Airs los, der ob der herabrauschenden Wassermassen ein wenig an Aqua-Gymnastik erinnert. Egal – Manuel, Simon & Co. donnern lauter, präziser und zweifellos mitreißender und lassen das Stürmchen somit schnell alt aussehen.
Es folgt der Club der grauen T-Shirts, bekannt als HACKNEYED, die nach zehn Jahren die Segel streichen und in Tolmin eines ihrer letzten Konzerte spielen, in das sie jegliche verfügbare Energie stecken. Drummer Tim und Gitarrist Devin verpassen die Gelegenheit, sich vom internationalen Publikum zu verabschieden, werden aber von den Ichorid-Kollegen Alex und Ingo, die sich in Rekordgeschwindigkeit das Live-Repertoire in den Schädel gehämmert haben, würdig vertreten.
Man kann eigentlich nie genug ORPHANED LAND hören und schon gar nicht sehen, was Fronter Kobi „Ich bin nicht Jesus“ Farhi und seine Mannen heute erneut unter Beweis stellen. Nicht nur trifft der Oriental Death Metal der Israelis genau den Geschmack des Festival-Publikums – die Botschaft des aktuellen Albums „All Is One“ spricht dem Gros der Masse aus der Seele. Da kann sich selbst Petrus ein paar männliche Freudentränen nicht verkneifen und öffnet mal wieder die himmlischen Wasserhähne, was beim traditionellen Kollektivhüpfen zum Schlusssong ´Norra El Norra´ den Traum jedes inneren Kleinkinds wahr werden lässt. Plitsch platsch…
Tränen, allerdings keine freudigen, hat auch Kollege Kuhn in den Augen, als FLESHGOD APOCALYPSE in Frack, Rüschenhemd und Make-up zur Tat schreiten und Todesblei mit klassischer Oper kreuzen. Die Italiener agieren dabei gewohnt theatralisch, im Eifer des Gefechts jedoch auch ein wenig neben der Spur – vor allem Schlagzeuger Francesco Paoli liegt öfter mal hörbar daneben. Ob ihn die Rückenansicht von Live-Unterstützung Veronica derart irritiert, bleibt leider sein Geheimnis. (am)
2002 war ich das erste Mal in Tolmin; damals hieß die Veranstaltung noch Metalcamp, und die Hauptattraktion des Programms war ein Bibelweitwurf. Zehn Minuten, nachdem die letzte Bibel durch die Luft geflogen war, setzte ein Wolkenbruch ein, der das gesamte Camp unter Wasser setzte. Mittlerweile werden zwar keine heiligen Bücher mehr geworfen, doch der Wettergott scheint immer noch sauer zu sein. Liegt es etwa an DARK FUNERAL? Eher nicht, denn das schwedische Black-Metal-Kabarett präsentiert sich ohne seinen bekloppten Bassisten Zornheym als eher biedere Truppe, und auch der neue Kolkrabe Heljarmadr kann seinen Vorgängern nicht das Wasser reichen. Sein Stageacting beschränkt sich auf majestätisches Schreiten, was im Prinzip ja auch auf Phil Rind von SACRED REICH zutrifft. Bei dem ist man jedoch froh, dass er auf wildes Hüpfen verzichtet; der vom Regen bereits aufgeweichte Boden hätte das mit Sicherheit nicht verkraftet. In jedem Fall: fetter Gig! Selbiges lässt sich auch von TESTAMENT sagen, die endlich mal einen guten Sound erwischen und einen überraschend starken Headliner-Gig zocken. Gene Hoglan staubt die Medaille für den besten Drummer des Festivals ab und muss für seine Verhältnisse bemerkenswert oft grinsen. Hat vermutlich zuvor Fleshgod Apocalypse gesehen.
Damit noch ein Blick zur kleinen Bühne: Dort steht zu späterer Stunde mit JESS COX der ehemalige Sänger der Tygers Of Pan Tang auf der Bühne und singt Lieder der Tygers Of Pan Tang. Der Mader hätte sich angebrunzt, gewiss. (wlk)

DIENSTAG

Nach all dem Wasser von oben verspricht der heutige Tag (zunächst) ein erfrischendes Eisbad in der glasklaren Soca und sonnige Aussichten – vor allem für die Herren der Schöpfung, als die slowenischen Eigengewächse MIST die Lemmy-Stage entern. Vier Damen und ein einsamer Gitarrist (ist der verzweifelte Ausdruck in seinen Augen Einbildung?) erinnern an eine Kreuzung aus Blues Pills und The Devil´s Blood und machen doomig-harten Dampf.
Dampf hätten sich GLORYHAMMER bestimmt auch gewünscht, stattdessen bekommen die Power-Metaller um Christopher Bowes (Alestorm) und Frontmann Thomas Winkler (im wahren Leben nicht Fantasy-Krieger, sondern Notar) so viel Regen, dass sie ihre bis dahin unterhaltsame Show nach nur vier Songs abbrechen müssen, weil Instrumente und Monitore eben nur leidlich wasserfest sind. Die lautstarke Fan-Schar verabschiedet ihre Helden mit dem ab sofort als Festivalmotto immer wiederkehrenden Schlachtruf „Fuck the rain!“ und spritzigen Ausdruckstänzen im Schlamm.
Nachdem eifrige Helfer und Tontechniker eine gute halbe Stunde lang damit beschäftigt sind, die Bühne trockenzulegen und halbwegs wetterfest zu machen, können SKÁLMÖLD aus Island selbige übernehmen. Schon der Soundcheck der sympathischen Viking-Metaller ist unterhaltsamer als so manch reguläres Konzert, und die eigentliche Show wird mit jeder Minute besser. Gitarrist Baldur kommt kurzerhand oben und unten ohne auf die Bühne (natürlich ohne Schuhe, oder was dachtet ihr?), die Nordmänner verströmen mit landestypischem mehrstimmigem Gesang, satten Growls und feinsinnigen Melodien eine positive Atmosphäre, die sogar einen Rollstuhlfahrer zum Crowdsurfen animiert, und werden vom Publikum im EM-Stil mit lauten „Huh!“-Sprechchören belohnt. Anschließend ballern CATTLE DECAPITATION und PENITENZIAGITE parallel ihr extrem-metallisches Kontrastprogramm raus, bevor INSOMNIUM, Meister des sphärischen Melodic Death Metal und der fotogenen Posen, die Mädels zum Kreischen und ihre männlichen Begleiter zum Moshen bringen. So ganz auf den Punkt spielen die Finnen heute allerdings nicht – vielleicht ist die Sonne (ja, dieses warme, helle Ding, lange nicht gesehen!) einfach kontraproduktiv für die eisig-melodische Grundstimmung, die auf der nächsten Scheibe „Winter´s Gate“ in einen 40-minütigen Song gebannt werden soll. (am)
Der Sage nach sollen die Bewohner Russlands ja von nordischen Ruderern („Ruus“), ergo Wikingern abstammen. Nur logisch, dass mit ARKONA die erste Pagan-Truppe aus dem früheren Zarenreich auf den Bühnen der Welt auftaucht. Während Frontfrau Masha mit coolen Rockstar-Posen und mehr oder weniger abwechslungsreichem Gesang punkten kann, bleibt der Rest der kostümierten Horde leider eher blass.
Die Veteranen von INCANTATION brauchen dagegen keine Kostüme, und sie pfeifen auf Dudelsäcke. Feinster US Death Metal wird kredenzt, handwerklich mehr als überzeugend dargeboten.
SKINDRED starten mit zehn Minuten Verspätung, AC/DCs ´Thunderstruck´ und der ´Imperial March´ aus „Star Wars“ läuten den Auftritt ein. Vom ersten Moment an hat Sänger Benji die Meute im Griff, ganz Tolmin hüpft, springt, bangt und mosht. Beeindruckend: der sogenannte Newport-Helikopter – große Teile des Publikums entledigen sich ihrer Shirts, um diese auf Kommando in der Luft kreisen zu lassen.
Der mesopotamische Black-Metal-Orden MELECHESH beschallt derweil die zweite Bühne. Ashmedi und seine Mitstreiter vereinen traditionellen Sound mit orientalischen Rhythmen und ziehen damit die im Laufe des Auftritts immer größer werdende Meute in ihren Bann. Großes Kino!
MARDUK sind wie üblich rasant, aber wenig abwechslungsreich. Daher ist es kaum überraschend, dass der Funke erst spät überspringt. Als Outro ertönt ´Blutrote Rosen´ – angeblich ein Lieblingslied von Adolf Hitler. Ähem, geschmackvoll...
Zu später Stunde präsentieren THE STONE atmosphärischen Black Metal. Nach dem stumpfen Geknatter eine willkommene Abwechslung und ein würdiger Abschluss des Tages. (ts)

MITTWOCH

Der Mittwoch beginnt mit INFERNAL TENEBRA aus Sloweniens Nachbarland Kroatien. Ihr präziser und groovender Death Thrash ist genau das Richtige für den Start in einen neuen Festivaltag, auch wenn sich das Gelände nur sehr zögerlich füllt.
Das ändert sich leider auch bei BOMBUS kaum. Trotzdem rotzen die Göteborger auch vor dem leeren Infield überzeugend und angenehm räudig. Zumindest bis ein plötzlicher Starkregen innerhalb von Minuten die Bühne überflutet und die Show damit beendet. Die Band rettet mit wenig begeisterten Mienen ihre Instrumente, während die Crew mit Schrubbern und Planen bewaffnet versucht, die Stage wieder bespielbar zu machen.
Nachdem dies endlich erledigt ist, füllt sich der Bereich vor der Bühne bei ABORTED trotz des Regens nun doch merklich. Shouter Sven De Caluwe gibt Anweisungen für den ersten Circle Pit des Tages, der prompt eröffnet wird: „This is a song about Pokémon. You gotta catch ´em all!“
Stumpf ist Trumpf. PRO-PAIN können auch bei den Metaldays mit einer fetten Show punkten, obwohl im Vergleich zu Aborted leider eine deutliche Publikumseinbuße zu vermelden ist. Trotzdem: souveräne Performance der New Yorker Legende!
DYING FETUS starten nahtlos aus einem kurzen Soundcheck in ihren Gig. Unprätentiös ballert sich das Death-Blast-Kommando aus Maryland durch sein Repertoire. Keine Ahnung, wie die Musiker es dabei schaffen, geradezu gelangweilt aus der Wäsche zu gucken.
In den letzten Jahren haben sich die Ruhrpott-Metaller GLORYFUL mit großen Schritten nach oben gekämpft. Auch in Tolmin finden sie ihre Anhänger, die den Power Metal von Sänger Johnny La Bomba und seiner Truppe begeistert abfeiern. (ts)
Vom Hoffnungsträger zum Saisonabsteiger: Wenn bei den ebenso großartigen wie sinnlosen Aborted bei strömendem Regen um 15 Uhr mehr los ist als bei GRAVEYARD im trockenen Hauptabendprogramm, hat die Band ein Problem. Nach dieser blutleeren Performance brauchen NAPALM DEATH gefühlte sechs Sekunden, um das Publikum wieder auf Touren zu bringen – die Prügelinstitution erweist sich einmal mehr als letzte verlässliche Konstante des nicht mehr ganz so großen Britanniens.
Auf der kleinen Bühne bemühen sich die Slowenen SARCASM, die versammelten Opfer auf den Aufstieg von RISE OF THE NORTH STAR vorzubereiten, was ihnen jedoch nur bedingt gelingt. Die Franzosen, die so tun, als ob sie Japaner wären, sind genauso stumpf und energiegeladen wie Biohazard Anfang der neunziger Jahre. Prognose: Sie werden nur einen Sommer lang glühen, den dafür aber heftig.
Auf der großen Bühne machen KREATOR dann das, was Kreator dieser Tage eben so tun und was beim Volk extrem gut ankommt: Voller und lauter war es in dieser Woche bei keiner anderen Band. Gegen diesen Triumphzug prügeln MISERY INDEX vehement, im Endeffekt allerdings vergeblich an. Zu späterer Stunde lautet die Programmierung dann DIE APOKALYPTISCHEN REITER gegen SECRETS OF THE MOON, also im Prinzip RTL II gegen Arte. Bitte unterstützt Arte – tolles Programm, wertige Kunst (RTL II geht es viel zu gut).

DONNERSTAG

Wenn du am nächsten Tag aufwachst, der Schädel brummt und die Englein singen, liegt das nicht notwendigerweise an einem Kater, sondern an SERENITY. Die Österreicher entpuppen sich als der absolute Tiefpunkt des Festivals – pure fucking Einhorn-Terror. Immerhin vertreiben sie das Publikum erfolgreich zur kleinen Bühne, wo HALO CREATION spielen, eine Nachwuchs-Death-Metal-Hoffnung aus Wien. Sie werden es auch bleiben. Bei LAYMENT ist hingegen alles im grünen Bereich, was die Band selbst aufgrund technischer Probleme zwar nicht so sieht, das Publikum ist vom klischeefreien Heavy Metal der Deutschen jedoch hörbar angetan.
Zurück zur großen Bühne: Dort haben IMMOLATION die Arschkarte gezogen, da ihnen Drum-Equipment und Gitarrist Bill Taylor auf dem Weg abhandengekommen sind. Das Gitarre spielende Playmobil-Männchen Robert Vigna post dafür für zwei, und Front-Rapunzel Ross Dolan ist immer noch das beeindruckendste Haarwunder der Szene. Das krasse Gegenprogramm bieten anschließend DELAIN, die ihren Symphonic Pop immerhin mit einem Ansatz von Restwürde auf die Bühne bringen, was vor allem an den beiden Damen in der Band liegt. Nur Bassist Otto Schimmelpenninck van der Oije ist nicht am Start. Hat sich wohl wieder irgendwo die Eier wegschießen lassen.
Mit sehr viel Manneskraft betreten wenig später dann SEPTICFLESH die Bretter. Sie vertrauen auf die Macht der großen Geste, die Wirkung von Fledermauskostümen und die geballte Symphonie aus der Konserve. United bits and bytes of keyboards, assemble! Und während sich die Griechen mit großem Pomp selbst feiern, setzen die Exoten des Festivals auf der kleinen Bühne zu einem Überrumpelungsangriff an: Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit hat noch kein anwesender Besucher zuvor jemals von den 9 TREASURES gehört. Die Chinesen nehmen das als Steilvorlage und mischen das Publikum mit ihrem Mongolen-Folk-Metal so dermaßen auf, dass der gesamte Platz innerhalb kürzester Zeit am Toben ist. Der Titel „Überraschungssieger des Festivals“ ist der Asia-Gang nicht zu nehmen, und nach diesem furiosen Sturm wirken ELECTRIC WIZARD zunächst wie ein lauwarmer Dinosaurierfurz. Zwar sind die Briten der künstlerisch hochwertigste Main-Act in einem ansonsten recht biederen Line-up, doch es braucht drei zähe Songs, bis sie ihre sogartige Mahlstrom-Wirkung entfalten. Vielleicht dauert es auch einfach seine Zeit, bis die zahlreich zirkulierenden Sportzigaretten die verbliebenen Resthirne ausreichend eingenebelt haben. Überhaupt ist es bemerkenswert, wie viele Rauchschwaden während der gesamten Woche über das Gelände wabern; nach diesem Festival dürfte das gesamte Goldene Dreieck restlos abgeerntet sein.
Dez Fafara ist von der Luftqualität in Tolmin ebenfalls restlos begeistert und stellt ansonsten einmal mehr nachhaltig klar, dass DEVILDRIVER der überbewertetste Headliner aller Zeiten sind. Immerhin: Die Band gleicht mangelnde Qualität beim Songwriting dadurch aus, dass sie 15 Minuten später anfängt und zehn Minuten früher aufhört. Mir soll´s recht sein. Die „Früher war alles besser“-Fraktion fühlt sich anschließend von AT THE GATES in ihrer Mentalität bestätigt: Die Schweden im Allgemeinen und Tompa Lindberg im Speziellen sind an diesem Abend fix auf dem Posten und hauchen den alten Klassikern noch einmal feuriges Leben ein. Bei den neuen Songs ist das nicht möglich, weil Totgeburt. Death Metal eben. (wlk)

FREITAG  

Das erste Highlight des letzten Festivaltages sind MYNDED, die Bayern kreieren originellen und rotzigen Thrash und bieten diesen mit Frische und Spielfreude dar. Genau das Richtige zum Wachwerden!
NIGHTMARE aus Frankreich sind auf der Mainstage, pardon, „Ian-Fraser-Lemmy-Kilmister-Stage“ deutlich melodischer unterwegs, leider jedoch vor recht leerer Kulisse. Viele Metalheads kühlen sich bei den tropischen Temperaturen wohl noch am Soca-Strand ab. Frontfrau Maggy motiviert die anwesenden Zuschauer aber erfolgreich. (ts)
Da Kollege Schmidt, der gestern noch mit seiner eigenen Combo Layment auf der Bühne stand und den Fans beim Nasswerden zuguckte, eine kleine Verschnaufpause braucht, statte ich dem Wikinger-Quartett SKYFORGER einen Besuch ab und bin mehr als positiv überrascht vom erfreulich unkitschigen, authentischen Sound der Folk-Thrasher aus Lettland, die bei Formaten wie „Vikings“ nicht nur mitspielen, sondern problemlos auch den passenden Soundtrack liefern könnten. Kleiner Wink mit dem Zaunpfahl, liebe TV-Produzenten! (am)
Charlie Chaplins Rede aus „Der große Diktator“ läutet anschließend VARGs ´Das Ende aller Lügen´ ein. Nachdem er eine Weile vom Kopfabschneiden singt, fordert Sänger Freki von der inzwischen anwachsenden Menge mehr Toleranz in der Welt. Ach so. Weiter geht es mit der bekannten Mischung aus Geballer, oberflächlicher Lyrik und Männerchören vom Band. Wo ist denn hier der Weg zur nächsten Bar?
Wie es besser geht, zeigen dann EINHERJER aus Norwegen – schöner düsterer Viking Metal ohne Schnickschnack. Nach anfänglichem Zögern wird die sonnenverbrannte Meute aktiver, und auch der beliebten Disziplin des Trockenruderns wird begeistert gefrönt.
EXODUS können das Festivalgelände heute erstmals schön voll machen, und es kommt zum ersten ernstzunehmenden Circle Pit. On/Off-Sänger Zetro Souza wähnt sich offenbar in einem frisch vom Kommunismus befreiten Slowenien und gratuliert allen Anwesenden, dass sie jetzt endlich Heavy Metal genießen können. Danke, Zetro! Auch auf die Abwesenheit von Gitarrist Holt geht er ein: „You know where Gary is?“ Alle schreien „Slayer!“, und die Bay-Area-Thrasher spielen kurz ´Reign In Blood´ an, bevor sie ihr gelungenes Konzert fortsetzen. (ts)
Wie werden die Besucher des Festivals, das zwar vielseitig, aber mit deutlichem Hang zu Death-, Thrash- und Black Metal ausgerichtet ist, die Fantasy-Barden BLIND GUARDIAN als Headliner aufnehmen? Überaus positiv und emotional! Gänsehaut ist angesagt, als mehrere tausend Menschen andächtig ´Lord Of The Rings´ und ´The Bard´s Song´ mitsingen oder das komplette ´Into The Storm´-Sprechintro ´War Of Wrath´ Wort für Wort mitrezitieren. Hansi Kürsch hat offenbar einen Zaubertrank entdeckt, der seinen Stimmbändern ausschließlich goldene Töne entlockt, während die Saitenfraktion, Live-Basser Barend Courbois leider stets etwas im Hintergrund, dem Ausdruck „Präzision“ eine ganz neue Dimension verleiht. Mit der Masse an Crowdsurfern, die teils auf Luftmatratzen, Gummitieren oder sogar im Stehen ihre Reise antreten, sind die Ordnungskräfte zeitweise etwas überfordert, so dass es die eine oder andere unsanfte Bruchlandung im Fotograben gibt. Daher geht die Show der Krefelder vielleicht nicht für die Securitys, wohl aber für die Fans viel zu schnell vorbei. ´Time What Is Time´?
Das scheinen sich auch DRAGONFORCE zu fragen. Nach dem Motto „Dieses Festival soll niemals enden“ fangen die Highspeed-Power-Metaller rund 40 Minuten zu spät an, obwohl aufmerksame Beobachter die Musiker am Bühnenrand stehen, Späße machen und Selfies knipsen sehen. Des Rätsels Lösung verkündet Gitarrist Herman Li: Fronter Marc Hudson muss auf ärztliche Anweisung die Klappe halten. Da die Jungs ihren Gig aber auf keinen Fall canceln wollten, haben sie mit dem Norweger Per „PelleK“ Fredrik Åsly kurzfristig einen Ersatzmann organisiert, der bei der Drachenmacht bereits vor Jahren als potenzieller Schreihals vorstellig wurde. Gesanglich ist PelleKs Leistung top, unglücklicherweise hat es der Sänger aber nicht so mit den Songtexten und muss diese vorgebeugt von auf dem Boden festgeklebten Zetteln ablesen. Da helfen auch die Sonnenbrille und die wahlweise rasanten, waghalsigen oder schreiend komischen Showeinlagen der restlichen Besetzung wenig – die Dynamik der Show wird durch den „Stillstand“ des Frontmanns merklich ausgebremst. Oder von der Länge, pardon, Kürze des Sets, der nach 35 Minuten und fünf Songs mit ´Through The Fire And The Flames´ sein Ende findet. Respekt an PelleK für den spontanen Noteinsatz, doch gerade diese Band hätte ihre ursprünglich auf 75 Minuten angesetzte Spielzeit mit Soli oder Instrumental-Battles durchaus länger gestalten können.
Lachender Dritter sind SATAN. Die Briten spielen teuflisch guten Heavy Metal, freuen sich tierisch über die ausflippenden Fans (Brian Ross: „Wo sonst würden so viele Leute damit durchkommen, im Chor „Satan! Satan!“ zu brüllen?“) und lassen auch um 2.30 Uhr morgens noch keine Müdigkeit erkennen, als sie die Metaldays mit ´Kiss Of Death´ ausklingen lassen. Ein toller Schlusspunkt für ein vielseitiges, entspanntes, etwas anderes Festival, das wir uns für das kommende Jahr schon rot im Kalender eingetragen haben. (am)
 
In Tolmin tropften, brutzelten und feierten: Wolfgang Liu Kuhn (wlk), Liu Jun (Fotos), Tobias Schmidt (ts) und Alexandra Michels (am).

Bands:
DRAGONFORCE
MELECHESH
SATAN
BLIND GUARDIAN
MARDUK
ELECTRIC WIZARD
SECRETS OF THE MOON
KREATOR
EXODUS
AT THE GATES
DARK FUNERAL
Autor:
Tobias Schmidt
Alexandra Michels
Wolfgang Liu Kuhn

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