Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews 23.09.2015

GHOST BRIGADE , BLOODBATH , ROTTING CHRIST , NUCLEAR ASSAULT , KRISIUN , PRIMORDIAL , BEHEMOTH , EVIL INVADERS , MANTAR , MY DYING BRIDE , ENSIFERUM , THE RUINS OF BEVERAST , DEATHRITE , MAYHEM - »Es darf getanzt werden«

Hell is here? Ja, ganz schön hell is´ hier... Obermehler, früher Nachmittag, die Sonne brennt – so beginnen alle Tage des diesjährigen PARTY.SAN OPEN AIR, das den Erfolgstrend der vergangenen Jahre fortsetzt.

Mieze Flicke und Jarne Brauns dürfen sich damit brüsten, in der hübschen Thüringer Einöde eines DER Festivals für extremen Metal schlechthin aus dem Boden gestampft zu haben, der 2015 zum fünften Mal aus Beton besteht. Mit dem alten Flugplatz hat die Party ihr ultimatives Zuhause gefunden, auch wenn die Veteranen unter den Fans weiterhin dem „Acker“ in Bad Berka nachtrauern, aber solche Menschen beschweren sich vermutlich auch über auch diesmal wieder auftretende Quasi-Stammbands (Primordial, Asphyx, Melechesh, Behemoth), die eben verlässlich und publikumswirksam sind. Dennoch gehen die Veranstalter beileibe nicht nur auf Nummer sicher, sondern setzen gezielt stilistische Kontrastpunkte (Zemial, Ghost Brigade, Ensiferum), die das Festival langfristig auch für nicht dem Death- und Black Metal zugetane Seelen reizvoll machen. Organisatorisch kann sich ohnehin mancher eine Scheibe von dem abschneiden, was hier geboten wird: keine Warteschlangen, dafür saubere und ausreichende Sanitäranlagen, eine ernstzunehmende, aber kumpelhafte Security und trotz blutiger Musik im Bedarfsfall auch Essensvielfalt, für die kein Tier bluten musste, ganz zu schweigen von einem wirkungsvollen Filter für politische Extreme. So entsteht eine ausgesprochen entspannte Stimmung, die auch kein defektes Mischpult trüben kann, zumal das Team anscheinend gegen solche und andere Eventualitäten gefeit ist.

Kurzum: Das PSOA begeistert in diesem Jahr mit einer Mischung aus Bewährtem und Überraschendem (wie seit einigen Sommern eigentlich immer), was mit fast schon zu bombigem Wetter und Dankbarkeit von Seiten der Gäste und Künstler belohnt wird. Wenn die musikalische Substanz vorhanden ist, braucht man keine millionenschweren Shows oder Rahmenprogramme, die nichts mit dem Kern der Sache zu tun haben, geschweige denn noch mehr Masse bei zu wenig Klasse. Bitte also bleiben, wie ihr seid, liebe Macher!
Wir haben uns auf jeden Fall schon das zweite Augustwochenende im nächsten Jahr im Kalender angestrichen, denn diese Sause wird im europäischen Festival-Geschehen zunehmend wichtiger – wetten?

DONNERSTAG

Wie es die eröffnenden DEGIAL hinkriegen, dass ihnen bei dieser Hitze das Corpsepaint nicht verläuft, bleibt ihr Geheimnis. Sich in die Hölle versetzt zu fühlen, fällt unter dieser Sonne schwer, die mit der Band um die Wette ballert, doch das angeschwärzte, hässliche Todesmetall markiert einen gelungenen Start in den auch weiterhin qualitativ ausschließlich hochwertigen Festivaltag.
Zunächst übt man sich allerdings in Geduld, denn vor MORBUS CHRON, die sich nach dem Soundcheck auch noch mal eben schnell schminken, raucht das Mischpult ab. Nachdem Ersatz beschafft wurde, meistern die Jungspunde ihren Gig souverän. Seit dem aktuellen Album „Sweven“ besitzt die Musik der Truppe einen ziemlich eigenwilligen, psychedelischen Vibe, den sie auch live mit Arschtritt zu transportieren weiß.
MIDNIGHT setzen daraufhin mit ihrem „Party!“ schreienden Black´n´Roll einen entsprechenden Kontrastpunkt. Die maskierten Herren an Bass und Gesang sowie Gitarre springen über die Bühne, als gäbe es kein Morgen. Man sagt den Titeltrack der ersten Scheibe geschmacklos als „Deutschland Royalty“ an, der Feger ´You Can´t Stop Steel´ ist wie erwartet das Highlight der Setlist, und gegen Ende geht sogar der Bass in Flammen auf. Man kann die Leute verstehen, die in Bezug auf diese Chaoten etwas von Hype faseln, aber mal ehrlich: Die Jungs sind unterhaltsam as fuck.
Das trifft auch auf NUCLEAR ASSAULT zu. Deren Frühwerke lebten zwar gerade vom Sturm und Drang jugendlicher Energie, doch machen die alten Herren auch 2015 noch mächtig was her. Man merkt nicht nur der sich offiziell bereits in Altersteilzeit befindlichen Basslegende Danny Lilker und dem in Würde ergrauten, aber nach wie vor tighten Drummer Glenn Evans den Spaß deutlich an; Gitarrist und Frontsirene John Connelly entpuppt sich dazu als Scherzbold des Tages. So imitiert er etwa, auf erhobene Fan-Arme deutend, eine Versteigerung („...verkauft an den Gentleman in der Mitte“) und bemerkt nach der legendären Vince-Neil-Häme ´Butt Fuck´, es sei verstörend, dass ein Mädel in der ersten Reihe den Text gröle. Im Übrigen freut man sich sehr darüber, wie alte Helden hier noch einmal richtig gut abliefern.
Mit den deutschen Ausnahme-Black-Metallern SECRETS OF THE MOON kommt anschließend nicht jeder klar. Die Osnabrücker haben originelle und spannende Song-Aufbauten, klingen generell nicht wie die Kapelle von nebenan und fahren damit einfach gut! Als das Ganze allerdings gegen Ende mehr und mehr in sehr atmosphärische Gefilde abdriftet, verlieren die Jungs und das Mädel den einen oder anderen Zuhörer, dem dabei irgendwie etwas die Härte fehlt.
Was einem bei THE RUINS OF BEVERAST eher nicht passieren kann. Zwar lassen Mainman Alexander von Meilenwald (bekanntlich einst Schlagzeuger der legendären Nagelfar, hier an Vocals und Gitarre) und seine Mitstreiter (darunter auch ein doppelt belastetes Mitglied von SOTM, das gleich auf der Bühne bleiben konnte) auch gelegentlich mit einer ruhigen Passage verschnaufen, doch insgesamt erwecken die mitunter überlangen Songs eher den Eindruck einer apokalyptischen Kriegsmaschine, die alles zermalmend unaufhörlich weiterrollt, vor allem mit dem mächtigen ´Daemon´.
Hitverdächtig geht es dann auch gleich bei PRIMORDIAL weiter. ´Where Greater Men Have Fallen´, Titeltrack ihres Albums des Monats in diesem Magazin, ist ein Wahnsinnssong. Vor allem nimmt man Frontmann Alan Averill ab, dass er das, was er da tut, auch so meint. Der Ire singt und gestikuliert mit Nachdruck, geht in den Himmel blickend auf die Knie und wendet sich wieder mit ausholender Körperhaltung dem Publikum zu. Die Band in seinem Rücken donnert währenddessen ihre einzigartige Mixtur aus schwarzem Heavy Metal und Einflüssen irischer Folk-Musik mit einem fest im Sattel sitzenden Drive raus, der seinesgleichen sucht.
Handwerklich über jeden Zweifel erhaben ist auch die Performance von BEHEMOTH, die – passend zur heutigen Finaldarbietung – auch eine entsprechende Show auffahren. Pyros und Nebelschwaden, ein fast schon durchchoreografiertes Auftreten... Klar, auf so was muss man Bock haben. Das ultrapräzise Geballer der Polen weiß allerdings ferner mit der einen oder anderen eingängigen bis mitreißenden Nummer (wie dem schon als halbes Anthrax-Rip-off durchgehenden ´Conquer All´) zu überzeugen.
Man kann es ruhig mal ganz deutlich unterstreichen, liebe Party.San-Crew: Was ihr gleich am ersten Tag für ein facettenreiches Kraftpaket auf Top-Niveau zusammengeschnürt habt, bekommt man so wohl nirgendwo anders. Respekt! (sd)

FREITAG

Hauptbühne

Traditionsgemäß läuten oft Grind-Truppen die Festivaltage in Obermehler ein, und mit dem Quintett CLITEATER haben sich die Organisatoren einen besonders edlen Vertreter für den Freitag ausgesucht. Die Niederländer zocken ihr gar nicht mal so „witzisches“ Gore-Zeug ebenso solide wie unterhaltsam und erfüllen damit ihren Zweck als Wecker zur Gänze.
VANHELGD hingegen machen derben Ernst. Die Schweden bieten in puncto Dynamik sorgfältig ausgesuchten Stoff ihres bisherigen Schaffens mit Fokus auf ihrem aktuellen Reißer „Relics Of Sulphur Salvation“, wobei sich ein interessanter Spannungsbogen ergibt. Der Gig wird zu einem einzigen Sog, in dessen Garstigkeit man sich verlieren kann, ohne dass die Macher okkulten Popanz veranstalten müssen.
Den gibt es selbstverständlich auch bei den wiederbelebten GEHENNAH nicht. Nach ihrer Wiedervereinigung hat sich die Band zu einer erstaunlich solide aufspielenden Einheit entwickelt, der man zumindest drei Songs lang gefällig zuhören kann, bevor ihre Mischung aus D-Beat, Motörhead und Rumpel-Thrash eintönig wird. Letztlich ist dieser Auftritt einen Tick zu lang, auch wenn der kugelrunde Frontmann Mr. Violence zu den Sympathieträgern des Tages gehört. (as)
Einen Stein im Brett haben AETERNUS aufgrund ihrer Knaller „Ascension Of Terror“ und „A Darker Monument“, aber dieser Gig der Norweger fällt weniger spektakulär aus, da sie zwar brachial klingen, aber nur ihr durchschnittliches Material auftischen. Trotz der Mittagshitze sind allerdings genug Fans aus dem Schatten gekrochen, um Ares und seiner Mannschaft einen ordentlichen Applaus zu bereiten. (mes)
Dass die ehemaligen Asphyx-Recken Eric Daniels und Bob Bagchus Twan van Geel von Legion Of The Damned als Frontmann von SOULBURN ins Boot geholt haben, verleiht ihnen enorm viel Profil, wodurch die Songs des Reunion-Albums „The Suffocating Darkness“ live gleich viel imposanter wirken. Das hier ist kein Vergleich zu den mäßigen Auftritten mit Wannes Gubbels (Wacken 1998), sondern Oberliga, die Bock auf die großen Brüder gegen Abend macht. (as)
Als „schwedischste“ deutsche Death-Metal-Combo starten DESERTED FEAR derzeit richtig durch. Das Quartett strahlt bei seinem Heimspiel unheimlich viel Spielfreude aus, wobei es weniger um Technik und Originalität geht, sondern ums Plattmachen im Midtempo, wozu Hunderte Arme in die Höhe gereckt werden.
Ohne Einleitung oder Intro starten die Berliner Urgesteine POSTMORTEM anschließend eine solide, aber wenig aufregende Show. Stumpfe Riffs sowie vereinzelt antreibende Thrash-Parts und beliebig wirkende Ansagen treffen zwar den Nerv alteingesessener Fans, lösen beim Rezensenten aber eher Langeweile aus.
MELECHESH ballern mit ´Great Gathas Of Baal Sin´, ´Multiple Truths´, ´Triangular Tattvic Fire´ sowie ´Rebirth Of The Nemesis´ Highlights aus den letzten zwölf Jahren Bandgeschichte in die passenderweise schweißtreibende Nachmittagssonne. Frontmann Ashmedi kreischt in beißender Tonlage, und das arabisch-orientalische Flair der Wahlniederländer spiegelt sich im Backdrop, den Bühnenoutfits, vor allem aber in der Melodieführung und Rhythmik wider. (mes)
Da sich AGALLOCH selten in Europa blicken lassen, geht man hin, aber dass die Vorreiter des Cascadian Black Metal mittlerweile dermaßen auf der Bühne abgehen, stand nicht zu erwarten, auch wenn John Haughm & Co. dank laufender Tournee besonders gut eingespielt sein mögen. Die Band verursacht auch mit abgespeckter Setlist und ohne ihre offensichtlichen „Hits“ (wo war ´The Mantle´?) eine Gänsehaut, womit sie zu einem der Highlights des Festivals wird.
Dann trumpfen ASPHYX auf, die nach Soulburn noch eine Schicht Schimmel auf den Käse setzen und heute vor allem von Grinsekatze Martin van Drunen leben. Das Publikum frisst dem Mann aus der Hand, der Death Metal in Europa verkörpert wie nur wenige, und feiert ein durchweg spielgeil dargebotenes Best-of-Programm inklusive ´Death... The Brutal Way´ ab, das anscheinend immer noch nicht jeder als den Song der Band schlechthin wahrnimmt. Wieder gilt: Live ist das Ganze gleich doppelt so schmissig wie auf Platte.
Auch BLOODBATH gehen gut geölt durch Festivals ins Rennen und haben an der Spitze mit Nick Holmes im Priestertalar die coolste Sau des Wochenendes stehen, die sich sparsam bewegt, während die Instrumentalisten ordentlich Radau machen. Die Klassiker (´Breeding Death´) kommen nicht zu kurz, aber an den Klopfern der neuen Scheibe (´Let The Stillborn Come To Me´, die „Liebeserklärung“ ´Anne´) kratzt nichts. Der Frontmann geht ganz in dieser Band auf, die sich spätestens jetzt mit „Grand Morbid Funeral“ als solche bewährt hat, Projektcharakter hin oder her. So agil wie hier würde man Anders Nyström und Jonas Renkse übrigens auch gerne bei Katatonia sehen.
Für Farbtupfer wie ENSIFERUM hasst oder liebt man das PSOA, und wie auch immer man zur Musik der Finnen steht: Live zieht ihnen in Sachen Unterhaltung kaum jemand die Wurst vom Teller, und wer das aktuelle Programm nicht in Wacken erlebt hat, freut sich über Folk-Metal-Referenzstücke wie ´Twilight Tavern´ und ´Warrior Without A War´. Hier geht es definitiv zuerst um die Musik, und erst danach darf das Methorn geschwungen werden. So agil und zugleich tight wie allen voran der völlig irre Bassist Sami zockt heute niemand, und es spricht auch fürs Publikum, dass dieser Headliner verdientermaßen euphorische Reaktionen einheimst.
Immerhin heißt der Rausschmeißer CANNIBAL CORPSE und setzt einen grellen Kontrast, dies allerdings wie zu erwarten mit einem Auftritt ohne Überraschungen. Die Konsequenz, mit der die Todeslegende ihr Ding durchzieht, beeindruckt genauso wie ihr Spielvermögen und ihre stoischen Bühnengebärden. Nach dem Stroboskop-Gewitter bei Ensiferum freut man sich geradezu über die sparsame Beleuchtung und den technischen Standfußball, den die Amerikaner bieten, doch vor allem wird wieder eines deutlich: Es gibt keine (!) Genre-Band mit so vielen Hits, was das gnadenlose Zugaben-Triple aus ´Skull Full Of Maggots´, ´Hammer Smashed Face´ und ´Devoured By Vermin´ eindrucksvoll beweist. (as)

Zeltbühne

Raus aus der prallen Sonne und hinein ins – sagen wir mal nicht ganz so luftige – Zelt wagen sich an diesem Freitag mehr Headbanger als gedacht. Die Sinsheimer ICHORID haben die Ehre, die Tentstage zu eröffnen, und meistern diese Aufgabe auch ganz gut. Fetter, wuchtiger Death Metal, der voll in die Fresse schlägt, sowie Musiker, die zu ihrer Mucke abgehen und die Menge mitreißen, ergeben einen frischen Wachmacher für Spätaufsteher.
Diese Stimmung greifen die Jungs von SPEEDBREAKER auf, auch wenn sie musikalisch ein Kontrastprogramm bieten: Lockerer Heavy Metal mit vielen heulenden Soli scheint im Verbund mit dem Sommergefühl von draußen einfach gute Laune zu verbreiten.
Weitaus dreckiger und düsterer geht es bei den Black-Thrashern von NOCTURNAL WITCH zur Sache. Egal wo, wann und zu welcher Tageszeit man das Trio bisher gesehen hat: Es reißt einfach jede Hütte ab. Nur wenige junge Bands zocken so dynamisch und mächtig auf der Bühne beziehungsweise klingen live noch zerstörerischer und aggressiver als auf Platte. Das zu übertreffen, ist keine einfache Aufgabe und wird zunächst auch nicht geschafft.
FÄULNIS läuten das Abendprogramm im Zelt ein, zünden bei mir jedoch überhaupt nicht. Ein paar schleppende Parts hier, wenige Melodien dort, etwas Gebrüll darüber – mit einem Wort: ermüdend. Die Black-Metaller aus Hamburg haben ohne Zweifel einige Fans am Start, die mit dem in ein Feinripp-Unterhemd gehüllten Sänger Seuche abgehen, doch ich zähle nicht dazu.
Darum freue ich mich umso mehr auf die folgenden HELLISH CROSSFIRE, die wie immer lautstark die Bühne stürmen und jeden mit ins Verderben reißen. Die Thrasher spielen jedes einzelne Riff und jeden Beat dermaßen hingebungsvoll, dass sich das sofort auf die Leute überträgt. So findet der Freitag einen leidenschaftlichen, energiereichen und alles zerberstenden Abschluss. Killer! (mam)

SAMSTAG

Hauptbühne

Der Asphalt ist schon wieder heiß, und die Rüben sind vom Vortag noch nicht abgekühlt, da entern zur Mittagszeit die Portugiesen HOLOCAUSTO CANIBAL die Bühne. Der Quatsch- oder in diesem Fall Goregrind als Tages-Opener hat sich damit wohl etabliert, denn der Circle dreht seine kleinen Runden.
Mit ihren Vorgängern auf der Bühne verbindet anschließend HEMDALE, dass sie lyrische Leichenschau und Geschlechtsteilbetrachtung betreiben. Musikalisch ist das fürs Party.San reanimierte US-Urgestein immerhin abwechslungsreicher. (gb)
EVIL INVADERS starten mit gutem Sound, vor allem die Gitarren klingen herrlich nach aufgerissenem Marshall. Generell sind die Riffs und Soli der beiden Gitarristen Joe und Max hier die Hauptattraktion. Der Speed Metal der Belgier ist eingängig, ohne allzu simpel zu sein. Das Stageacting sprüht vor Spielfreude, und das Outfit stammt direkt aus den Achtzigern. Einziger Kritikpunkt: Die hohen Agent-Steel-Gedächtnisschreie nerven zwar nicht so stark wie auf dem aktuellen Album, könnten aber deutlich sparsamer eingesetzt werden.
Sparsamer geht es, zumindest was die Besetzung angeht, beim Griechen-Trio ZEMIAL zu. Ein singender Drummer ist besonders auf großen Bühnen immer erst einmal suboptimal. Man hat einfach Schwierigkeiten, ihn zu sehen, vor allem wenn er hinter so einem imposanten Kit sitzt wie Archon Vorskaath. Aber egal, der Musik tut das natürlich keinen Abbruch. Die geht nicht nur gut rein, sondern ist auch angenehm eigenständig. Zemial spielen einen leicht progressiven Black Thrash, der vor allem durch den nur mittelstark verzerrten Crunch-Sound der Gitarre ziemlich rockig daherkommt. Ein sehr cooler Auftritt, der Lust macht, sich mal durch die Diskografie der Hellenen zu hören. Lediglich die Kutte der Marke Okkult-Mönch des Bassisten ist besser gemeint als gemacht.
Aber immerhin wird dadurch der Wunsch deutlich, der Musik auch eine visuelle Dimension zu geben, wovon bei WINTERFYLLETH keine Rede sein kann. Die Briten stehen auf der Bühne, als wären sie eben noch beim Einkaufen oder im Büro gewesen. Fairerweise muss man aber sagen, dass der flächige Black Metal mit Post-Attitüde durchaus eine hypnotische Wirkung entfaltet. Aber dennoch wirkt Extreme Metal irgendwie unecht, wenn er im Schalterbeamten-Outfit dargeboten wird. (ses)
Umso echter schleudern die ewig tourenden Brasilianer KRISIUN ihren zeitlosen, präzise erbarmungslosen Death Metal ins genau darauf wartende Publikum. Das mächtig stampfende ´The Will To Potency´ wird leider vom angenehm auffrischenden Wind verweht. Mit ´Vicious Wrath´ und ´Ravager´ zollen die stets grimmig erscheinenden Brüder ihrer längeren Geschichte Tribut. Das Publikum johlt und frisst den dreien aus der Hand. Mit ´Ways Of Barbarism´ und der überzeugend nachdrücklichen Live-Premiere von ´Scars Of Hatred´ findet das am Vortag erschienene „Forged In Fury“ seinen Weg in die Setlist. Krisiun-Sänger/Bassist Alex bedankt sich mehrfach überschwänglich: „Thank you, Deutschland!“
Während Krisiun bei der anhaltenden Hitze gut kopfnickend bewundert werden können, verlangen die aufrührerischen TOXIC HOLOCAUST naturgemäß gepflegtes Ausrasten. Mit ´Metal Attack´, ´Awaken The Serpent´, ´I Am Disease´ oder ´666´ liefert die Band inklusive Joel Grind genau das, wofür man Toxic Holocaust liebt: nah am vermeintlichen Chaos rödelnden, punkigen Thrash – nachlässig nur in der Attitüde. Mit ´In The Name Of Science´, ´Lord Of The Wasteland´ und dem obligatorischen ´Nuke The Cross´ haben es gleich drei Songs von „An Overdose Of Death...“ ins Programm geschafft. Auf dem windigen Flughafen rastet das Publikum unter dunklen Wolken zum Teil doch noch aus, aber Hitze und Bier haben erschöpft. (gb)
Nach dieser Punk-Thrash-Abrissbirne starten ROTTING CHRIST vor stark ausgedünnten Reihen. Gefühlte zwei Drittel der eben noch Anwesenden haben sich in Richtung Zeltplatz, Bierstand oder Händlermeile verabschiedet. Doch die griechischen Veteranen um die Brüder Sakis und Themis lassen sich davon nicht beeindrucken und erobern sich das Publikum Stück für Stück zurück. Mit Songs wie ´P´unchaw kachun - Tuta kachun´ vom aktuellen Album „Kata Ton Daimona Eaytoy“ oder ´Athanati Este´ vom Vorgänger „Aealo“ zeigen Rotting Christ, dass sie einen völlig eigenständigen Sound kreiert haben, der mit seiner reduzierten, repetitiven Herangehensweise einerseits modern wirkt, zugleich aber auch in der Tradition von südeuropäischem Black Metal steht.
GHOST BRIGADE spielen nicht zum ersten Mal hier, und offenbar sind die Finnen so eine Art Konsens-Band, wenn es um softere bzw. unmetallische Töne geht. Zwar beweist ein Song wie ´Breakwater´, dass Ghost Brigade mal als Doom-Band angetreten waren, doch neuere Songs zeigen keine Berührungsängste mit poppiger Leichtigkeit. Das macht auch nichts, man muss eben drauf stehen. Und die Anwesenden, bei denen das offenbar so ist, werden von dem engagiert aufspielenden Sextett gut unterhalten.
Gute Unterhaltung ist auch das Stichwort für KATAKLYSM. Mit ´To Reign Again´ starten die Kanadier, und schnell ist klar: Das wird ein Heimspiel. Sicher kann man die Entwicklung der Band und auch die letzte Platte kritisieren. Doch wenn man mal ehrlich ist, muss man eingestehen, dass Maurizio und seine Mannschaft schon immer die großen Posen und Hits angepeilt haben. Und davon gibt es heute reichlich. ´As I Slither´, ´Push The Venom´ sowie die Alltime-Classics ´In Shadows And Dust´ und ´Crippled And Broken´ funktionieren live einfach immer. Und nicht zuletzt die bodenständige und allürenfreie Art von Sänger Maurizio trägt dazu bei, dass der Gig ein Homerun wird. Immer weiter stachelt er die Menge an, und die Zahl der Crowdsurfer, die dem Aufruf zum „Security Stress Test“ nachkommen, zeigt, dass die Band trotz aller Unkenrufe nach wie vor eine absolute Live-Macht ist.
Das kann man von MAYHEM leider nicht behaupten. Zwar überzeugen die Norweger immer wieder mit großartigen Platten, doch live will es nicht so recht klappen. Auch heute will der Funke nicht überspringen. Zwar bemüht sich besonders der mal wieder genial bizarr gestylte Attila darum, den Laden durch seine exaltierte Performance zusammenzuhalten. Doch gegen die verwaschenen Gitarren und seine lustlos wirkenden Mitstreiter kommt er nicht an. Laut Gitarrist Charles Hedger hatte die Band mit den Umständen zu kämpfen. Seiner Aussage nach wusste man nichts von den Pyros, was natürlich fatal sein kann, wenn man an der falschen Stelle steht. Und der damit einhergehende Knall habe die Band zusätzlich aus dem Takt gebracht. Dennoch: Ohne Attila würden Mayhem wirklich schlecht dastehen. Das kann man sich nicht einmal mit einer Black-Metal-fuck-you-Attitüde schönreden. (ses)
Ein DJ würde für einen solchen Übergang gehenkt – es sei denn, es würde sich beim Folgenden um den Rausschmeißer handeln. MY DYING BRIDE auf Mayhem folgen zu lassen, stellt einen Stilwechsel auf ganzer Linie dar. Auf Attilas kunstvoll arrangierte Fetzen und okkulte Symbole im Gesicht folgt Aaron Stainthorpe mit akkurat gebügelter Bundfaltenhose. Der Neunziger-Sound zwischen gegeigter Gothic-Atmosphäre und schweren Gitarren begeistert immerhin die eingefleischten Fans. Die sind schon vorher ganz hibbelig und sagen, dass von Neunziger-Sound nur die jungen Leute sprächen. (gb)
Wie man besser altert, zeigen im Anschluss SAMAEL, die das komplette „Ceremony Of Opposites“-Album von 1994 darbieten. Zwar gefällt nicht jedem, dass die Schweizer auch hier kein richtiges Schlagzeug auffahren, sondern Drummer/Keyboarder Xy an seiner Synth/Drum-Station steht. Aber abgesehen davon muss man sagen, dass die Platte verdammt gut gealtert ist oder, so könnte man es auch sehen, Samael sich unterm Strich doch sehr treu geblieben sind. Songs wie ´Baphomets Throne´, ´Black Trip´ und ´Mask Of Red Death´ wirken mit ihren stoischen Stakkato-Riffs und den dezenten Keyboardflächen keinesfalls aus der Zeit gefallen. Der zwischen drei „Passage“-Klassikern eingeschobene Song ´The Truth Is Marching On´ vom aktuellen Album „Lux Ferre“ bestätigt die bemerkenswerte Konstanz im Schaffen der Schweizer. Die Bühnenperformance ist ebenfalls die pure Freude: Diese Mischung aus athletisch-explosiver Darbietung und düster-militaristischer Optik hätte auch Riefenstahl nicht besser inszenieren können. Somit sorgen Samael für ein majestätisches und erinnerungswürdiges Finale dieses erneut in jeder Hinsicht großartigen Festivals. (ses)

Zeltbühne

Am späten Nachmittag können PRIPJAT kaum fassen, dass sie auf der Zeltbühne des Party.San stehen: „Was wir sehen, ist unglaublich!“ und „Ich kann die letzte Reihe nicht sehen!“, gefolgt vom Versprechen: „Die nächste halbe Stunde gehören eure Ärsche in die Achtziger.“ Denn die Kölner spielen Aggro-Thrash, und dazu gibt´s Mille-Gesang und -Gequatsche. Wer Kreator mag, und das sollen ja einige sein, wird wohl auch mit Pripjat warm, denn „wir reden nicht lange drum rum, es gibt mal wieder in die Fresse“.
Die Dortmunder Death-Metaller LIFELESS kämpfen schon ziemlich zu Anfang mit technischen Problemen und versuchen, diese mit Drum- und Bass-Jamming zu überbrücken. „Dann müssen wir den Rest etwas schneller spielen“, lautet zunächst der Plan, bevor es mit nur einer Gitarre und angenehm verwaschenem Sound endlich weitergeht. Alles in allem ist dieser Auftritt vor allem eins: viel zu kurz.
DEATHRITE hingegen haben die volle halbe Stunde Zeit. Das live erst chaotisch anmutende Gerödel der crustigen Deather aus Dresden ordnet sich mit, äh, ´Revelation Of Chaos´ und ´Mayhem Remains´.
Langsam wie der Staub im Zelt bewegen sich OPHIS. Zwei besonders lange ihrer Death-Doom-Songs packen die Hamburger heute aus, um dem hitzegelähmten Publikum den Rest zu geben. Das Zelt ist gut gefüllt, und bei Gelegenheit wird begeistert geklatscht.
Jetzt kommt der nächste heiße Scheiß. Dachte ich. Doch der Hype um MANTAR scheint an diesem Abend nur schwer nachvollziehbar. Nicht schlecht, aber keine Offenbarung. Möglicherweise liegt es am genreübergreifenden, sludgy Stil, der viele anspricht? In den ersten Reihen ist das Publikum sichtlich begeistert und geht gut mit. Als Kataklysm draußen ihren Set beenden, kommen zu ´Astral Kannibal´ noch weitere Neugierige ins Zelt. Sie sehen die nebelumwaberten Silhouetten des Gitarristen und Drummers im Profil, da diese sich gegenüberstehen bzw. -sitzen. „Wir sind Mantar aus Bremen. Es darf getanzt werden.“ (gb)

In Obermehler ließen sich tiefschwarz braten: Andreas Schiffmann (as), Gretha Breuer (gb), Sebastian Schilling (ses), Mandy Malon (mam) und Meredith Schmiedeskamp (mes).

Gretha Breuer

Beste Band: Bloodbath. Auch wenn er bei ´Eaten´ nicht voluminös genug singt, passt Nick Holmes´ raues Raspeln perfekt.
Schlechteste Band: Erwartungen wurden zumindest nicht enttäuscht, doch allmählich wiederholen sich die Headliner zunehmend; andererseits ist dieser Mikrokosmos einfach zu schön.
Größte Überraschung: Midnight – tatsächlich mit jedem Mal belangloser
Wünsche für 2016: Wolfbrigade stehen fest, ansonsten Heresiarch, Lantern, Lvcifyre, Take Over And Destroy, Misery Index (hat irgendwer etwas von sich wiederholenden Billings gesagt?) und auch mal ordentlicher Grindcore neben Napalm Death: Antigama oder Unrest, dazu das Wetter wechselnd wolkig bei 26 Grad.

Mandy Malon

Highlights: Neben Bands wie Hellish Crossfire, die immer mitreißen, waren auch Degial einfach der Wahn. Midnight sorgen immer für Stimmung, auch wenn der brennende Bass nicht ganz so kontrolliert aussah. Die neuen Songs von Secrets Of The Moon live zu hören, war das musikalisch intensivste Erlebnis des Festivals – und Behemoth kamen auch ziemlich stark daher.
Tiefschläge: den einen oder anderen, aber Cannibal Corpse wirkten einfach wie eine Platte, auf der die Nadel hängen geblieben ist.
Wünsche für 2016: Archgoat, Nifelheim, Enforcer, Vorum, Capilla Ardiente, Razor, Inquisition

Andreas Schiffmann

Kniefall: Agalloch, Secrets Of The Moon, Melechesh, Vanhelgd, Mantar, Samael, Kamerakind Hacky (stiehlt mir die Show beim Interview mit My Dying Bride)
Reinfall: Winterfylleth, die der Pickel am Arsch von Agalloch sind – mit Schirmmütze
Wünsche für 2016: Ihsahn, Fallujah, Atheist, Demilich, Horrendous, Vemod und ein Multitasking-Orden für mich

Sebastian Schilling

Top: Samael, The Ruins Of Beverast, Soulburn, Aeternus, Krisiun, Kataklysm, Toxic Holocaust, Zemial, Vanhelgd
Flop: Degial (dieser schreckliche Blast, der wie ein Krampfanfall klingt, machte alles kaputt), Winterfylleth, Ensiferum
Wünsche für 2016: Morbid Angel, Portal, Mitochondrion, Dead Congregation, Cruciamentum, Septic Flesh, Moonspell (für die Auflockerung zwischendurch), Triptykon (spielen eine Best-of-Show der ersten drei Celtic-Frost-Alben), Sodom, Destruction. Diese Liste ließe sich endlos fortsetzen.

Meredith Schmiedeskamp

Kuriosum: Hitze macht Camper erfinderisch. An den Wasserstellen legt man sich in zu Badewannen umfunktionierte Kübel und Bollerwagen – geile Idee, bloß besteht dabei die Gefahr, in drei Tagen nur zwei Bands zu sehen.
Festivalstand 2015: Ván Records. Sven Dinninghoff und seine Mitarbeiter bieten eine Auswahl liebevoll designter LPs, CDs und Shirts an. Für Käufer gibt es einen erfrischend unhippen Jutebeutel und sogar Freibier über den Verkaufstisch.
Top: The Ruins Of Beverast, Secrets Of The Moon, Behemoth trotz des endlosen Soundchecks, Melechesh, Agalloch, Ghost Brigade
Flop: Ensiferum, Mayhem, My Dying Bride
Wünsche für 2016: Ahab, Deafheaven, Opeth, Saor, The Great Old Ones, Ultha

Bands:
DEATHRITE
ROTTING CHRIST
EVIL INVADERS
MANTAR
MY DYING BRIDE
THE RUINS OF BEVERAST
ENSIFERUM
KRISIUN
NUCLEAR ASSAULT
GHOST BRIGADE
PRIMORDIAL
BLOODBATH
BEHEMOTH
MAYHEM
Autor:
Mandy Malon
Andreas Schiffmann
Meredith Schmiedeskamp
Sebastian Schilling
Gretha Breuer

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