Classic Albums

Classic Albums 26.04.2017

SATAN - „Court In The Act“ (1983)

Als „Maiden on Speed“ wurden SATAN zu Beginn ihrer Karriere gerne beschrieben. Und in der Tat ebneten die Nordostengländer mit ihrer legendären Single „Kiss Of Death“ sowie zwei Beiträgen für die Compilation „Roxcalibur“ musikalisch den Weg für Metallicas „Kill ´Em All“. Ihr Debütalbum „Court In The Act“ von 1983 gilt gemeinhin (zusammen mit Jaguars „Power Games“ sowie „Loose ´N Lethal“ von Savage) als eine der ersten Proto-Speed-Metal-Platten der Musikgeschichte.

Für Bands aus dem Großraum Newcastle gab es zu Beginn der Achtziger zwei gar nicht mal so unattraktive Optionen: Entweder man unterschrieb einen Vertrag bei David Woods aufstrebendem Neat-Label, oder aber man entschied sich für Terry Gavaghan und seine Firma Guardian Records ´N´ Tapes aus dem nahegelegenen Durham. SATAN hingegen nahmen zwar ihre famose Debüt-Single „Kiss Of Death“ (1982) für Guardian auf, bekamen aber für das erste Album von Neat die kalte Schulter gezeigt. Ein Umstand, der Gitarrist und Bandchef Russ Tippins noch heute ziemlich auf die Palme bringt. (Und ein Grund dafür, warum SATAN nach über 30-jähriger Pause erst im Jahr 2016 wieder live in ihrer Heimatstadt aufgetreten sind.) Anstelle von Neat Records standen indes Roadrunner aus Holland mit einem Vertrag für „Court In The Act“ Gewehr bei Fuß. Die Platte wurde vom 3. bis 5. August 1983 in den heimischen Lynx Studios aufgenommen und bereits am 4. November 1983 europaweit veröffentlicht. Kurioserweise lizenzierten Neat Records die fertige Platte daraufhin von Roadrunner Records für Großbritannien. Brian Slagel, bekanntlich ein ausgewiesener Anhänger der New Wave Of British Heavy Metal, vermarktete „Court In The Act“ in Amerika über Metal Blade. Für SATAN selbst also eigentlich ein durchaus vielversprechendes Szenario. Dennoch, Russ Tippins verspürt auch 33 Jahre später noch immer ein emotionales Unbehagen, wenn er daran denkt, dass ein Klassiker wie „Court In The Act“ in seiner Geburtsstadt verkannt wurde und erst über den Umweg Kontinentaleuropa seine verdiente Wertschätzung erlangen konnte:

»Neat haben uns eiskalt abserviert. Wir hatten uns mit ihnen in Verbindung gesetzt, das muss um 1982 herum gewesen sein. David Wood hat einfach nicht verstanden, worum es ging: „Ist das ein Witz, oder nennt sich die Band wirklich SATAN?“ Er hat uns schlicht und ergreifend ausgelacht. Die Ironie des Schicksals war dann allerdings, dass wir 1983 bei Roadrunner unterschrieben haben und Neat letztendlich Geld dafür hinblättern mussten, um „Court In The Act“ in England verkaufen zu dürfen. Waren wir enttäuscht, nicht beim Vorzeigelabel unserer Heimatstadt untergekommen zu sein? Natürlich waren wir enttäuscht! Unser Verlangen nach einem Plattenvertrag war riesig, wir waren absolut motiviert. Uns lag also dieser Kontrakt von Roadrunner vor, den wir vorsichtshalber von einem auf Musikrecht spezialisierten Anwalt prüfen ließen. Dieser zitierte uns an einem Samstagnachmittag in sein Büro und präsentierte eine Liste mit zweifelhaften Punkten, die länger war als mein Unterarm. Sein Urteil lautete: Wer diesen Vertrag akzeptiert, ist selbst schuld. Am folgenden Montag gaben wir Roadrunner den Zuschlag. Wir waren uns so sicher, dass SATAN absolut durch die Decke gehen würden, wenn erst mal unser Debütalbum in den Läden stünde.«

Die Entfremdung von der Heimat wurde für Russ Tippins durch die Plattenkritik von „Court In The Act“ im 1983 noch meinungsbildenden „Kerrang!“ zementiert. Justine Cole schickte zwar fairerweise vorweg, dass das Material auf „Court In The Act“ abhängig vom individuellen Musikgeschmack sei, um dann aber nicht weniger vernichtend zu urteilen: „Im besten Falle sind die Stücke todlangweilig. Es handelt sich um mittelmäßigen, völlig uninspirierten Heavy Metal mit Thrash-Anleihen.“ Da half es auch nicht mehr viel, dass das aufstrebende „Metal Forces“, viel näher am damaligen Zeitgeist, „Court In The Act“ zum „Muss für jede Heavy-Metal-Sammlung“ erklärte: „Zusammen mit Tokyo Blade das beste englische Metal-Album des Jahres 1983.“ Russ erinnert sich mit Schrecken an diese Zeit zurück:

»Es war nicht alleine diese vernichtende Kritik im „Kerrang!“, die uns runtergezogen hat. Vor der Veröffentlichung der Platte strotzten wir nur so vor Selbstbewusstsein und wähnten uns bereits im Metal-Olymp. Und auf einmal kamen von überallher diese lauwarmen Kritiken. Zu allem Überfluss verkaufte sich die Platte auch noch richtig mies – zumindest wenn man den Abrechnungen der Plattenfirma Glauben schenken darf. Im ersten Jahr nach der Veröffentlichung standen wir irgendwo zwischen 2.000 und 3.000 verkauften Exemplaren. In der Folgezeit kamen dann überhaupt keine Sales-Statements mehr bei uns an. Wir waren total am Boden zerstört.«

Innerlich hatten Russ Tippins und SATAN zu diesem Zeitpunkt trotz der zweifellos hohen Wertschätzung des Albums in Kontinentaleuropa (vor allem in den Niederlanden) bereits mit ihrem bisherigen Karriereplan abgeschlossen. In ihrem jugendlichen Leichtsinn bedachten sie allerdings nicht, dass eine neue musikalische Ausrichtung plus Sänger- und Namenswechsel für ihre Anhänger doch ein wenig zu viel des Guten sein könnten. Hinterher ist man bekanntlich immer schlauer. Während Metallica mit „Kill ´Em All“ eine neue Zeitrechnung einläuteten, floppten die zu Blind Fury mutierten SATAN mit „Out Of Reach“ (1985) auf ganzer Linie (in Person von Lou Taylor war ein neuer Frontmann gekommen). Selbst ´Dynamo (There Is A Place...)´, die Ehrerbietung an den gleichnamigen Metal-Club in Eindhoven (bereits seit 1983, noch mit Brian Ross am Gesang, sporadisch in der SATAN-Setlist), konnte die Platte nicht mehr retten. Russ denkt heute anders darüber als damals:

»Wenn man die ganze Sache rückblickend betrachtet, dann hätten wir genau in dem Stil von „Court In The Act“ noch eine weitere Platte aufnehmen müssen, mit genau denselben Leuten. Es war ein großer Fehler, Brian Ross damals gehen zu lassen. Wir hatten so lange um ihn gekämpft, mussten ihn von Blitzkrieg loseisen, und dann holten wir Lou Taylor ins Boot und änderten unsere Musik. Das war Selbstmord. Aber wir befanden uns damals einfach in einer absoluten Sackgasse: Die Kritik im „Kerrang!“ nahm sich vernichtend aus, ebenso die Abrechnung der Plattenverkäufe. Wir glaubten, die ganze Welt hätte sich gegen uns verschworen. Was blieb uns anderes übrig, als einen kompletten Neustart zu wagen? Zu jenem Zeitpunkt sahen wir einfach keinen anderen Ausweg. Man muss bedenken, dass wir beim Erscheinen von „Court In The Act“ gerade mal 18 oder 19 Jahre alt waren. Naiv ist gar kein Ausdruck für unseren damaligen Geisteszustand. „Warum sind wir noch keine Millionäre?“ Diese Frage schoss uns nach der ersten LP durch den Kopf. Und am Ende musste Brian als Sündenbock herhalten. Das kann ich bis heute nicht begreifen. Brian Ross war 1983 der ideale Sänger für SATAN. Und er ist es 2017 immer noch.«

Erst in den Folgejahren bzw. -jahrzehnten erlangte „Court In The Act“ den Klassikerstatus, der dem Album eigentlich bereits 1983 zugestanden hätte. Nach dem erfolgreichen SATAN-Comeback mit den Scheiben „Life Sentence“ (2014) sowie „Atom By Atom“ (2015) wurde „Court In The Act“ bei ausgewählten Festivals live in den Mittelpunkt gerückt. Songs wie ´Blades Of Steel´, ´Hunt You Down´, ´No Turning Back´ oder ´Break Free´ sind zeitlose Metal-Tracks, die 2017 genauso gut funktionieren wie 1983 (oder gar noch besser). Damals wie heute der Schlüsselsong des Albums: die Proto-Speed-Metal-Hymne ´Trial By Fire´ samt ihres Intros ´Into The Fire´, nicht von ungefähr 1992 von Blind Guardian auf „Somewhere Far Beyond“ gecovert. Russ ist spürbar stolz auf das jahrzehntelang unterschätzte Stück, das heute bei keinem SATAN-Auftritt fehlen darf und „Court In The Act“ wie folgt eröffnet: „1945, the year it came to be. Their fate decided many miles across the sea. They told them not to fear, they couldn´t be prepared. Then came the day that not a single soul was spared.“ Erst im weiteren Verlauf des Textes wird klar, dass sich das Lied um ein singuläres Ereignis im Zweiten Weltkrieg dreht.

»´Trial By Fire´ ist kein allgemeines Stück über die Geschichte des Zweiten Weltkriegs. Es handelt konkret von den vernichtenden Atombomben-Abwürfen der USA auf Hiroshima und Nagasaki im August 1945. Ohne Übertreibung kann man behaupten, dass ´Trial By Fire´ das populärste Stück von „Court In The Act“ ist, vielleicht sogar das populärste Stück von SATAN überhaupt.«

Wie heute wieder pflegte Sänger Brian Ross auch in den Achtzigern in zwei Bands aktiv zu sein: Blitzkrieg und SATAN. Da beide Gruppen ihre Basis im Großraum Newcastle haben, bleiben gewisse Überschneidungen nicht aus. So nahmen SATAN 1983 mit ´Blitzkrieg´ den größten Hit von Blitzkrieg in ihren Live-Set auf. Im Gegenzug befindet sich mit ´Pull The Trigger´ selbst heute noch ein nomineller SATAN-Song im Repertoire von Blitzkrieg, der auch für „Court In The Act“ zur Auswahl gestanden hätte. Russ schmunzelt:

»´Pull The Trigger´ ist in der Tat ein SATAN-Song. Das Stück habe ich komponiert. Meiner Meinung nach handelt es sich dabei allerdings um das schlechteste Stück, das ich jemals geschrieben habe. Genau aus diesem Grund ist die Nummer auch nicht auf „Court In The Act“ gelandet. Ich weiß, dass Brian das Stück liebt. Ich selbst hingegen hasse es. Damit ziehen wir uns gegenseitig immer herrlich auf. Brian meint ständig: „Lass uns doch endlich ´Pull The Trigger´ in die Setlist nehmen.“ Meine Antwort lautet dann immer: „Klar, morgen machen wir das, versprochen.“ Zum Glück konnte ich mich bisher stets erfolgreich davor drücken.«

Ursprünglich war im Anschluss an „Court In The Act“ die Veröffentlichung einer 12”-EP auf Roadrunner geplant, die die drei Stücke ´Break Free´ (Single-Version), ´Pull The Trigger´ sowie ´Dynamo´ beinhalten sollte (nachzuhören auf dem CD-Re-Release von Neat Metal aus dem Jahre 1997). Durch die Umbenennung in Blind Fury kam es allerdings nicht mehr dazu...

www.facebook.com/officialsatanpage


DAS LINE-UP AUF „COURT IN THE ACT“ (1983)

Brian Ross (v.)
Russ Tippins (g.)
Steve Ramsey (g.)
Graeme English (b.)
Sean Taylor (dr.)

FAKTEN, FAKTEN, FAKTEN

Spielzeit: 41:08 Minuten
Produzent: Yusman Osman „Stosh“
Engineers: Yusman Osman „Stosh“ und J.C. Aitchison
Studio: Lynx Studios, Newcastle upon Tyne, England
Cover: Bill Colwell

DIE SONGS

Into The Fire
Trial By Fire
Blades Of Steel
No Turning Back
Broken Treaties
Break Free
Hunt You Down
The Ritual
Dark Side Of Innocence
Alone In The Dock

DISKOGRAFIE

Court In The Act (1983)
Suspended Sentence (1987)
Life Sentence (2014)
Atom By Atom (2015)

Bands:
SATAN
Autor:
Matthias Mader

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