Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews 26.03.2014

POLTERGEIST , BONFIRE , FEAR FACTORY , OVERKILL , SWASHBUCKLE , SYMPHONY X , UNEARTH , DARK TRANQUILLITY , THE HAUNTED - 70.000 TONS OF METAL: Der lauteste Swimmingpool der Welt

„70.000 Tons Of Metal“ ist so etwas wie die UN des Heavy Metal auf hoher See. Fans aus 61 Ländern, darunter Kuwait, Israel, Neuseeland, Saudi-Arabien, Indien, Hongkong, Kirgisistan sowie Trinidad und Tobago, nehmen an dem fünf Tage und vier Nächte dauernden Festival teil, das auf dem Kreuzfahrtschiff „Majesty Of The Seas“ stattfindet. Mit der größten Open-Air-Bühne, die es je auf einem Schiff gegeben hat, 2.000 Gästen und 40 Bands (u.a. Dark Tranquillity, Satyricon, Overkill, Fear Factory, Orphaned Land, Obituary) geht es auf einer Strecke von rund 1.700 Kilometern von Miami nach Mexiko an die Costa Maya und wieder zurück.


Logbuch: Montag, 27. Januar, Port Miami – größter Kreuzfahrthafen der Welt

Auf der „Majesty Of The Seas“ sitzen Fans und Musiker buchstäblich gemeinsam in einem Boot. Gesonderte Backstage-Bereiche gibt es nicht. Und so steht man schon am Check-In neben Bobby „Blitz“ von Overkill, Herman Frank von Accept, der mit Victory auf dem Schiff spielt, Samael-Bassist Masmiseim, der als Lichttechniker mit Carcass unterwegs ist, und den Mitgliedern von Xandria. Einige Musiker sind gerade erst eingeflogen, andere verweilen bereits seit dem Wochenende in Florida, wie z.B. Carcass, die schon eine Warm-up-Show in Miami gespielt haben und deren Lichtmann Masmiseim man am Vortag tief im Sand verbuddelt am Strand von Miami Beach entdecken konnte.

Eröffnet wird das Festival von SWASHBUCKLE, die schon bei der ersten „70.000 Tons Of Metal“-Kreuzfahrt dabei waren und der Spectrum Lounge mit ihrem plüschigen Nachtbar-Ambiente und den weichen Cocktailsesseln und dicken Teppichböden ordentlich Rock´n´Roll-Feeling einpusten. Ebenfalls Wiederholungstäter sind OVERKILL, die schon 2012 dabei waren und deren Frontmann Bobby „Blitz“ sich im Chorus Line Theatre mit einem quietschig-begeisterten „I fucking, fucking love this boat“ fast überschlägt. Progressivere Klänge stimmen SYMPHONY X an, deren Frontmann Russell Allen irgendwann ins Publikum hüpft, um dort weiterzusingen. Unter den Zuschauern sind u.a. auch Mikael Stanne von Dark Tranquillity und Kobi Farhi von Orphaned Land, die man – wie auch viele andere Musiker – auf der Cruise als begeisterte Fans bei den Auftritten anderer Bands erlebt. Russell entpuppt sich im Verlauf der Nacht noch als einer der größten Party-Hunde des Schiffs. Nach seinem Symphony-X-Auftritt sieht man ihn mit einer großartigen Performance ´The Mob Rules´ in der Karaoke-Bar schmettern. Irgendwann enden sowieso alle in den beiden Bars der „Majesty Of The Seas“, vor allen Dingen in der Karaoke-Bar, die keine Nacht vor Sonnenaufgang schließt.

Logbuch: Dienstag, 28. Januar, irgendwo im karibischen Meer

Die bis in die frühen Morgenstunden dauernde Party-Nacht hat ihre Spuren hinterlassen. Als POLTERGEIST um zehn Uhr den Konzerttag auf dem Pool Deck beginnen, finden sich erst einmal nur wenige Zuschauer vor der Bühne ein. Voller ist es schon bei BONFIRE, die zur Mittagszeit ein spezielles „Fireworks“-Set spielen.

Der Tag auf hoher See ist entspannt und dennoch kurzweilig. Es ist kaum möglich, alles mitzubekommen. Drei Bühnen, Autogrammstunden von zwölf bis 24 Uhr sowie spezielle Auftritte, z.B. von der Metal-Pianistin Vika im Atrium, sorgen dafür, dass es ständig etwas zu sehen gibt. Oder man hängt einfach im Fitnesscenter (wie einige Musiker), am Pool oder in einem der Restaurants rum. Der eindeutig beste Platz ist allerdings am Pool, weil dort mit der Pool-Bar DER zentrale Anlaufpunkt schnell zu erreichen ist und man zudem, mit einem Drink in der Hand auf einer Sonnenliege schlummernd, den Bands lauschen kann.
Overkill-Bassist D.D. Verni erzählt, dass er sich lange gesträubt hat, auf dem Schiff zu spielen, weil er Angst hatte, seekrank zu werden. Doch ebenso wie Doro Pesch im Vorjahr hat nun auch er auf Anraten von Festival-Veranstalter Andy Piller ein kleines Pflaster gegen Seekrankheit hinterm Ohr kleben: „Das hilft, auch wenn es mich ein wenig schusselig im Kopf macht. Ich hatte gestern Abend richtig Angst, dass ich meine Einsätze vergeige.“ Mit Seekrankheit hat Carcass-Sänger/Bassist Jeff Walker keine Probleme, allerdings grummelt der Engländer, dass er den Auftritt von THE HAUNTED wegen anstehender Interviews verpassen wird. Und tatsächlich entgeht Walker ein Killer-Auftritt der Schweden, deren Ex-und-Wieder-Sänger Marco Aro mal eben das Pool Deck in Stücke brüllt. Mitten im Publikum sieht man auch Mikael Stanne, der den Gig seiner Landsleute enthusiastisch abfeiert.

Der Abend ist gespickt mit großartigen Konzerten. Den Anfang machen ORPHANED LAND, die ein guter Gegenpol zu den vielen harten Bands auf der Cruise sind, gefolgt von DARK TRANQUILLITY. Beim Auftritt von SATYRICON im Chorus Line Theatre ist es zunächst relativ leer, doch dann füllen sich die Reihen. Satyr & Co. spielen eine sehr gute Show, obwohl Drummer Frost wegen Einreiseproblemen in die USA nicht am Start ist und stattdessen Soilwork-Schlagzeuger Dirk Verbeuren hinter den Kesseln sitzt. Schließlich wartet mit FEAR FACTORY ein weiteres Highlight des Abends auf dem Pool Deck. Die Jungs sollten ab sofort nur noch in warmer Seeluft spielen, denn Sänger Burton C. Bell ist für seine Verhältnisse gut bei Stimme. Zudem steht das komplette „Demanufacture“-Album auf der Setlist – ein Fan-Schmankerl, für das Veranstalter Andy Piller lange bei der Band gebaggert hat. Geburtstagskind des Tages ist Bassist Matt DeVries, der gegen zwei Uhr nachts als Vertretung von John Maggard auch noch einmal bei UNEARTH in die Saiten greift und sich feiern lassen darf. Zunächst finden sich nur rund 50 Nasen beim nächtlichen Auftritt der Massachusetts-Metalcoreler ein, doch die Reihen füllen sich (und das nicht nur, weil Fear-Factory-Gitarrist Dino irgendwann seine Rundungen im Publikum platziert), und die Herren um Frontsau Trevor Phipps liefern eine fette Show ab.
Zeitgleich erreicht die Stimmung in der Karaoke-Bar ihren Höhepunkt. Symphony-X-Frontmann Russell Allen schmettert einen Song nach dem anderen und formiert sich mit Burton C. Bell zu einem genialen Duo, das Van Halens ´Beautiful Girls´ performt, während Mikael Stanne offensichtlich alles so super findet, dass er glückselig alle Menschen um sich herum umarmt.

Logbuch: Mittwoch, 29. Januar, Costa Maya, Mexiko

Gegen Mittag legt die „Majesty Of The Seas“ an der Costa Maya in Mexiko an. Viele steigen in die wartenden Reisebusse, um die Chaccoben-Maya-Ruinen zu besichtigen, die rund eine Autostunde später von schwarzgekleideten Langhaarigen in Cruise-Shirts bevölkert werden. Der größte Teil der Passagiere bleibt aber einfach an Bord, um sich von der letzten Nacht zu kurieren, oder verbringt den Mittag in der Bar-Pool-Anlage, die direkt am Pier zu finden ist. Dort gibt es auch die einmalige Chance, Dino von Fear Factory in Badeklamotten zu sehen. Sein Bandkollege Burton scheint sich währenddessen gedanklich schon wieder auf seine Bord-Nebenaktivitäten als Stand-up-Sänger, -Comedian und -Entertainer vorzubereiten, denn kaum zurück auf dem Schiff, begegnet einem der Sänger im schicken Smoking und Zylinder. Mit diesem Look sagt er wenig später auch den zweiten Cruise-Auftritt von UNEARTH an.
Heute ist Bergfest, denn ab jetzt wiederholen sich die Auftritte der Bands – wenn auch oft mit anderen Setlists und auf anderen Bühnen. Rock-Hard-Griechenland-Kollege Vassilis legt eine erstklassige Performance als Luft-Keyboard-Spieler der Welt bei DARK TRANQUILLITY hin, während Trevor von Obituary in einer der Bars von seinen eigenen BBQ-Soßen schwärmt. Die Nacht endet – wie immer –, als es schon taghell ist, und das Frühstück ist längst vorbei, als die letzten Party-Tiere in ihren Kabinen verschwinden.

Logbuch: Donnerstag, 30. Januar, irgendwo im aufgewühlten karibischen Meer

Der Seegang und die Witterung verhalten sich heute analog zu den Gehirnzellen der härtesten Party-Aktivisten, nämlich rau, konfus und unberechenbar. Ein Platzregen und dicke graue Wolken machen Auftritte auf dem Pool Deck unmöglich. Die Outdoor-Shows finden nun im Chorus Line Theatre statt, zusätzlich zu den dort sowieso schon laufenden Konzerten, weswegen das Programm bis in die frühen Morgenstunden geht. Doch zunächst lässt es sich wundervoll im Kabinenbett des schaukelnden Schiffs ausnüchtern, wenn man vom aufgewühlten Meer nicht seekrank wird. Es ist weit nach drei Uhr nachts, als FEAR FACTORY das Festival im Chorus Line Theatre beenden. Einige hundert standhafte Fans werden Zeugen eines legendären „Demanufacture“-Sets, das Burton noch besser singt als beim ersten Mal. Zeitgleich läuft die Party in der Karaoke-Bar noch auf Hochtouren. Satyricon-Frontmann Satyr hält in einem der Bar-Sessel zwar schon ein seliges Nickerchen, aber ein Großteil der Passagiere lauscht noch lange den Karaoke-Auftritten (u.a. ein Typ mit Geige im Flying-V-Format), bis die „Majesty Of The Seas“ gegen Morgen wieder in den Hafen von Miami einläuft.

Interview mit „70.000 Tons Of Metal“-Veranstalter Andy Piller

Andy, was hast du gemacht, bevor du Veranstalter der „70.000 Tons Of Metal“ geworden bist?

»Ich bin schon ein Leben lang in der Livemusik-Branche tätig – überwiegend im Bereich Metal. Angefangen habe ich als lokaler Veranstalter in der Schweiz. Über Agenten-Tätigkeiten bin ich schließlich beim Tourmanagement gelandet. Ich war Tourmanager auf der ersten Children-Of-Bodom-Tour, als die Jungs noch Opening Band waren. Viele Tourneen habe ich mit Death-Metal-Bands von Benediction bis Dismember gemacht. Ich war fünf Jahre mit Overkill unterwegs und einige Jahre mit Annihilator. Außerdem war ich Tourmanager auf der ersten Within-Temptation-Tournee, als die Band Vorgruppe von Orphanage war.«

Wie ist die Idee mit der „70.000 Tons Of Metal“-Kreuzfahrt entstanden?

»Ich bin vor zehn Jahren nach Vancouver gezogen und konnte von meinem Appartement aus den Kreuzfahrtpier sehen. Eines Abends saß ich mit ein paar Freunden zusammen und hatte wohl schon ein, zwei Bier zu viel intus, als ich ein Kreuzfahrtschiff ablegen sah und sagte: „Warum mieten wir uns nicht ein Kreuzfahrtschiff und veranstalten darauf ein Heavy-Metal-Festival?“«

Wie lange hat die Vorbereitung der ersten Cruise 2011 gedauert?

»Fast vier Jahre, und meine Hauptaufgabe war das Klinkenputzen. Inklusive der „Majesty Of The Seas“ habe ich mir damals 13 Schiffe angeguckt und auf ihre Tauglichkeit geprüft. Ich musste die Möglichkeit haben, im Theater die vorderen Sitze ohne viel Aufwand abzumontieren und auf dem Deck eine große Bühne zu bauen.«

Die „Majesty Of The Seas“ schippert mit der größten schwimmenden Open-Air-Musikbühne der Welt durch die Gewässer. Was macht die Kreuzfahrt sonst noch zu etwas Besonderem?

»Die enorme Internationalität. Wir haben dieses Jahr 61 Nationen an Bord. Außerdem versuche ich immer etwas Besonderes im Programm zu bieten. Letztes Jahr gab es die Metal-Church-Reunion, dieses Jahr haben Fear Factory das komplette „Demanufacture“-Album gespielt.« (cs)

Pics: Conny Schiffbauer

Bands:
BONFIRE
FEAR FACTORY
DARK TRANQUILLITY
SYMPHONY X
POLTERGEIST
UNEARTH
OVERKILL
THE HAUNTED
SWASHBUCKLE
Autor:
Conny Schiffbauer

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