Online-MegazineInterview

JONATHAN DAVIS

Wer oder was ist Gott?

JONATHAN DAVIS

Zehn Jahre lang hat JONATHAN DAVIS sein Soloalbum „Black Labyrinth“ reifen lassen. Während einer Schaffenspause bei Korn hat er die Gelegenheit beim Schopf gepackt und veröffentlicht nun 13 Songs, in denen er sich mit Religion, Gesellschaft und Serienmördern auseinandersetzt. Zur Mitternachtsstunde in Kalifornien meldet sich der Sänger topfit am Telefon.

Jonathan, es ist eine ungewöhnliche Uhrzeit für ein Telefon-Interview, denn bei dir läutet es gerade zur Geisterstunde. Mir scheint, du bist ein Nachtmensch.

»Ich brauche keinen Schlaf, ich bin ein Vampir. Ich verbringe den Tag in meinem Sarg und komme dann am späten Nachmittag raus. (lacht) Das ist also meine übliche Zeit, zu der ich Dinge erledige.«

Auf deinem Soloalbum hast du viele Klänge aus der Weltmusik einfließen lassen. Was fasziniert dich an indischen und osteuropäischen Tönen?

»Ich liebe einfach den Klang und wie indische Musik funktioniert: In unserer Musik haben wir Halbtonschritte, in der indischen Musik gibt es zwischen diesen Halbtönen noch zwei Zwischentöne. Sie schreiben Lieder, die 36 Teile haben, die komplett verschieden sind, und können sich alles merken – es sind unglaubliche Musiker. Außerdem höre ich gern der Duduk zu, wie sie zum Beispiel in ‘Final Days’ vorkommt. Sie ist ein armenisches Instrument, das wie eine Stimme klingt. Beim Schreiben habe ich noch andere asiatische und osteuropäische Instrumente verwendet, die nun auch bei den Live-Shows zum Einsatz kommen können. Ich wollte keine Samples einspielen müssen, sondern, dass alles sehr organisch klingt.«

Die Veröffentlichung des Albums hat zehn Jahre gedauert. Haben sich die Lieder in der Zeit verändert?

»Nein, nicht wirklich. Das meiste wurde bereits 2007 geschrieben und 2008 aufgenommen. Ich war damals noch bei einem anderen Label. Dort gingen ein paar Dinge vor sich, ich bekam mein Album zurück, aber ich musste mit Korn auf Tour gehen. Nun gibt es bei Korn gerade eine kleine Auszeit, weshalb der Zeitpunkt für mich perfekt war. Ich habe also all die Zeit lang geduldig darauf gewartet, „Black Labyrinth“ zu veröffentlichen. Mein Ziel war es, etwas Zeitloses zu schaffen, indem ich Weltmusik mit harten Tönen kombiniere. Durch die Instrumente, die ich benutzt habe, und die Weise, wie die Songs orchestriert sind, klingen sie auch nach zehn Jahren noch nicht veraltet. Ich bin sehr froh, dass das Album den Test der Zeit überstanden hat. Es ist sehr eigenständig, weshalb man keinen Zeitstempel darauf setzen kann.«

Gilt das auch für deine Lyrics?

»Die Texte geben das wieder, was ich vor zehn Jahren durchgemacht habe. Ich war damals sehr wütend auf Religion, vor allem, weil unser Gitarrist Head (Brian „Head“ Welch – ir) die Band verlassen und sich dem Christentum verschrieben hat. Ich bin mittlerweile froh, dass er das gemacht hat, denn es rettete ihm das Leben. Aber zu dem Zeitpunkt war ich sehr sauer. An sich habe ich kein Problem mit dem Glauben an Christus, Jesus oder Gott – jeder hat etwas, an das er glaubt. Das ist toll, ich will es gar nicht herabstufen. Womit ich aber ein Problem habe, ist organisierte Religion und der ganze Scheiß, der in Kirchen vor sich geht. Dagegen wettere ich in meinen Texten. In anderen Songs geht es darum, den Kriegen überall auf der Welt zuschauen zu müssen, die nicht da sein sollten. Überall passierte nur Scheiße und das wollte ich behandeln – nur nicht auf Korn-Art, sondern in einem anderen Stil.«

Zufälligerweise wird Head bald eine Dokumentation über seinen Weg ins Christentum veröffentlichen. Hast du mit ihm darüber gesprochen, dass fast zeitgleich dein Album erscheint, auf dem du genau diese Religion anzweifelst?

»Oh, warte nur, bis du diese Dokumentation siehst – die reden von Anfang bis Ende nur Scheiße! (lacht) Mit so was hab ich echt Probleme. Das war aber seine Reise und ich bin sehr stolz auf ihn. Für ihn ist das sehr gut. Er berührt da draußen viele Leben und hilft vielen Leuten. Mit ihm habe ich kein Problem, sondern damit, dass die Kirche sich gegen Menschen stellt, ihr Geld einsackt und ihnen das Gefühl gibt, unzulänglich zu sein. Dass sie Homosexuelle verurteilt, Menschen vorschreibt, was Liebe sein soll, und Schwule in Camps schickt, in denen sie umprogrammiert werden sollen – das ist so was von bescheuert! Dagegen protestiere ich, nicht unbedingt gegen die Ideologie dahinter.«



In dem Song 'What You Believe' sprichst du davon, dass es jedem selbst überlassen sein sollte, an was er glauben möchte. 

»Ja. Bei diesem Song hat mich die Mutter von Ross Robinson, der Produzent des ersten Korn-Albums, inspiriert. Sie erklärte, dass alles, woran auch immer man glaubt, seine eigene Religion ist. Da gibt es keinen Diskussionsspielraum. Das ist so ein verdammt großartiges Statement: Gott ist Liebe. Es geht bei Gott nicht um Glauben oder irgendetwas, wo du dich reinkniest. Gott ist einfach pure, positive Energie. In manchen christlichen Religionen verabscheuen sie Leute, die keinen Glauben haben, und reden schlecht über homosexuelle Menschen. Und das ist nicht Gott. Darauf möchte ich in diesem Song hinaus.«

Wie war die Zusammenarbeit mit den anderen Musikern auf dem Album?

»Ray (Luzier, Korn – ir) spielt Schlagzeug. Es war eines der ersten Dinge, die er gemacht hat, nachdem er bei Korn eingestiegen war. Er kam mit uns auf Tour und ich fragte ihn, ob er die Drums aufnehmen könnte, da er viele Jahre als Session-Drummer gearbeitet hat. Nun ist er auch in meiner Band und mit auf Tour. Wie schon auf meiner ersten Solo-Tour „Alone I Play“ spielt mit Miles Mosley ein großartiger, talentierter Bassist in meiner Band, der vor allem im Jazz zu Hause ist. Dann ist da noch Shenkar, der Violine spielt und bereits zusammen mit Peter Gabriel und vielen anderen gearbeitet hat. In einigen Songs spielt Wes Borland (Limp Bizkit, Black Light Burns – ir) Gitarre und Zac Beird Keyboard. Den Rest habe ich selbst gemacht: Gitarre, Bass, Gesang und vieles mehr. Der Prozess hat sehr viel Spaß gemacht.«

Der Song 'Gender' hat mich etwas überrascht, denn er hat einen recht fröhlich klingenden Refrain mit ziemlich dunklen Texten und einem tiefen Bass.

»(lacht) In 'Gender' geht es um Buffalo Bill, den Serienkiller aus „Das Schweigen der Lämmer“. Davon bin ich inspiriert worden: „Can I wear your skin? Can I have it now?“ Ich wollte einen gruseligen, makabren Vibe haben, während die Sitar und der Kontrabass die Melodien spielen. So mischt sich diese dunkle Seite mit einem wunderschönen Stück Musik.«

Du hast mal gesagt, dass deine Musik reine Kunst sei. Gleichzeitig hältst du mit Statements zu Kirche und Gesellschaft nicht hinter dem Berg. Ist eine solche Stellungnahme deiner Meinung nach der Sinn von Kunst?

»Der Sinn von Kunst ist es, eine Emotion zu erzeugen. Das ist alles, Punkt. Sie lässt den einen dies und den anderen das fühlen. Daran glaube ich. Mein Album ist die Verkörperung dessen und nimmt dich mit an einen anderen Ort. Du vergisst währenddessen, was gerade Gutes oder Schlechtes in deinem Leben vorgeht. Wenn du dich mit deinem Freund oder Ehemann streitest, anschließend ins Auto springst und im Radio gerade deine Lieblingsband läuft, fühlst du dich danach besser. Es ist so einfach und funktioniert auch mit Gemälden: Es liegt immer im Auge oder Ohr des Betrachters oder Zuhörers, welche Emotionen aufkommen. Wenn es eine Sache auf der Welt gibt, auf die wir uns alle einigen können, dann ist das Kunst. Wir alle brauchen das Visuelle oder Musikalische. Ich war überall auf der Welt, habe in muslimischen Ländern und in Russland gespielt. Egal, wo ich hinkomme, wird sie begrüßt und geliebt, ohne schlechte Vibes. Es gibt eine Weltsprache und das ist die Musik.«

Welche Musik inspiriert dich aktuell?

»Hm, das ist schwierig. Es gibt zum Beispiel einen Song von Doris Day, der heißt 'Ten Cents A Dance'. Er ist in den 1930ern entstanden und hat den Sound dieser Zeit. (Der Song wurde 1930 von der Schauspielerin und Sängerin Ruth Etting bekannt gemacht. Für den Film „Love Me Or Leave Me“ über ihr Leben hat Doris Day ihn 1955 erneut aufgenommen - ir). Ich höre gerne Musik aus der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg. Ich mag den Vibe der Songs, der Bigband-Style inspiriert mich. Überleg mal: Sie hatten damals vier Aufnahmespuren. Eine war für den Sänger, für die anderen ging die gesamte Band mit drei Mikrofonen ins Studio. Die Musiker mussten damals sehr gut in ihrem Job sein. Heute kann alles mit einem Computer manipuliert werden, man braucht eigentlich nicht singen und kein Instrument spielen können. Daher höre ich die Musik von früher gern. Davor habe ich mir Funk aus den späten 1960ern und frühen 1970ern angehört. Ich wechsle immer und mag auch elektronische Musik, EDM oder Rock’n’Roll aus den 1970ern. Mir ist die Richtung egal: Wenn etwas gut und echt ist, inspiriert es mich. Meine Kids hören auf Soundcloud Darkstyle-Rap. Das Zeug ist gefährlich, es ist wie Punkrock! Daraus wird gerade, was der Rock ’n’ Roll einst war. Ich finde nicht alles gut, aber vielleicht kapiere ich das auch nur nicht, weil ich schon so alt bin. Meine Kinder lieben es! Sie lachen immer über mich und sagen: „Komm schon, Dad, es geht nicht um den Rap, sondern um den Beat!“ Und dann muss ich eingestehen, dass der Beat ziemlich gut ist.«

Schön, dass du durch deine Kinder auch neue Musik kennenlernst.

»Ja, sie zeigen mir den neuesten Scheiß. Dann spiele ich ihnen die Klassiker vor und sie staunen. Ich antworte immer: „Ich weiß, damals musste man noch talentiert sein.“ (lacht)«


Diskografie

KORN (nur Studioalben)

Korn (1994)
Life Is Peachy (1996) 
Follow The Leader (1998)
Issues (1999)
Untouchables (2002)
Take A Look In The Mirror (2003)
See You On The Other Side (2005)
Untitled Album (2007)
Korn III: Remember Who You Are (2010)
The Path Of Totality (2011)
The Paradigm Shift (2013)
The Serenity Of Suffering (2016)

JONATHAN DAVIS AND THE SFA

Alone I Play (live, 2007)

KILLBOT

Sound Surgery (2012)

JONATHAN DAVIS

Black Labyrinth (2018)

 

www.jonathandavis.com

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