Online-MegazineInterview

SHAMAN´S HARVEST

Von Aasfressern und Schmirgelpapier

SHAMAN'S HARVEST

Es wird düster im Hause SHAMAN'S HARVEST: Die Blues-Rocker aus dem amerikanischen Bundesstaat Missouri haben sich auf Album Nummer sechs nicht nur stilistisch merklich weiterentwickelt. Auf „Red Hands Black Deeds“ setzt sich die Gruppe mit menschlichen Abgründen auseinander und thematisiert dabei unter anderem die Krebserkrankung und Depression ihres Sängers. Doch welche Rolle spielen dabei Ziegenhufe, Schmirgelpapier und der Stamm der Lumbee-Indianer? Um Licht ins Dunkel zu bringen haben wir uns Frontmann Nathan Hunt an die Strippe geholt, der auch sofort im ur-amerikanischen Kaugummi-Slang loslegt.

Hi Nate, wie geht's dir?

»Oh, mir geht es gut. Danke der Nachfrage!«

Das freut mich! Was ist das für ein Gefühl, endlich wieder ein paar neue Songs im Repertoire zu haben?

»Wir waren mit unserem letzten Album lange auf Tour. Irgendwann hatten wir einfach die Schnauze voll davon, ständig nur das alte Material zu spielen und wollten wieder etwas Neues machen. Außerdem sind die Resonanzen großartig, die wir bisher zu „Red Hands Black Deeds“ bekommen haben. Es fühlt sich also wirklich gut an!«

Ich habe mitbekommen, dass du gegen eine Kehlkopfkrebserkrankung gekämpft hast, die du aber mit der Unterstützung deiner Band überstanden hast. Wie fühlst du dich denn aktuell?

»Yeah, es ist ganz in Ordnung im Moment. Ich bin nur müde vom vielen Reisen, aber das ist ja normal, wenn man auf Tour ist (lacht). Ich bin den Krebs soweit losgeworden und er ist nicht wieder zurückgekehrt, das ist auf jeden Fall gut.«

Du leidest auch seit längerer Zeit unter Depressionen. Waren die Aufnahmen zu „Red Hands Black Deeds“ auch gewissermaßen eine Therapie für dich?

»Das waren sie auf jeden Fall. Es ist bei jedem Album wieder ein großes Geschenk für mich, mir als Künstler eigene Welten und Orte erschaffen zu können. Welten, in die ich voll und ganz eintauchen und den Alltag vergessen kann. Man schafft sich einen Rückzugsort von diesem ganzen Durcheinander. Das hat mir dieses Mal natürlich umso mehr geholfen.«

Im Song 'The Come Up' singst du unter anderem die Zeile "I was my own enemy, my demons pushing me through the dark". Verarbeitest du hier explizit deine Krankheiten?

»Ganz genau. Es geht darum, sich deshalb nicht selbst zu quälen und sich von so etwas nicht unterkriegen zu lassen.«

Euer neues Album ist schlussendlich gewissermaßen zu einem Konzeptalbum geworden, obwohl das anfangs nicht so geplant war. Was ist das übergreifende Thema?

»Es ist nicht so, dass eine durchgängige Geschichte im gesamten Verlauf des Albums erkennbar ist. Jeder Song hat eigene Beweggründe. Nicht so, wie wenn du dir beispielsweise ein Theaterstück ansiehst. Einige Anzeichen für ein Konzeptwerk sind aber definitiv zu finden. Im Sound und den Texten der verschiedenen Songs finden sich musikalische Parallelen, die sich wie ein roter Faden durch die Aufnahme ziehen. Das Hauptthema dahinter hat sich von selbst ergeben, es geht um menschliche Abgründe und den ständigen Kampf zwischen Gut und Böse. Über dem Album liegt eine starke düstere Spannung und Paranoia.«

Hinsichtlich des Titeltrack-Intros und des Songs 'The Broken Ones' fügt ihr eurem Gesamtkonzept musikalisch und textlich auch indianische Einflüsse hinzu.

»Das hat für mich ganz einfach den Grund, dass das Album dadurch ein bisschen die mystische Atmosphäre einer Zeremonie bekommt. Gleich am Anfang durch den Prelude-Track ganz besonders. Ich bin mir nicht sicher, ob sich das so einfach mit Native-American-Einflüssen oder etwas in dieser Richtung beschreiben lässt. Auf jeden Fall bekommt der Song durch die klanglichen Experimente eine gewisse organische und stammeszugehörige Note, das wollten wir hauptsächlich damit erreichen. In 'The Broken Ones' geht es um die Entrechtung von Personengruppen, in diesem Fall meiner eigenen indianischen Vorfahren, dem Stamm der Lumbee-Indianer. Der Track schlägt aber auch die Brücke zur Einwanderungsthematik, die aktuell weltweit präsent ist.«

In welcher Verbindung steht das Coverartwork zum Albumtitel?

»Das Artwork zeigt zwei aasfressende Tiere, eine Hyäne auf dem Frontcover und einen Geier auf der Rückseite. Ich denke, dass die Welt der Tiere des Öfteren sehr gut das menschliche Verhalten repräsentiert. Das Jagdverhalten dieser beiden Aasfresser steht für ein dunkles menschliches Level, das in uns allen herrscht und auf das wir uns gelegentlich herablassen.«



'Off The Tracks' handelt vom heftigen Ende einer Beziehung. Beruht es auf einer wahren Geschichte?

(Lacht:) »Wir haben uns natürlich auch einigen leichter verdaulicheren Themen angenommen. Die Geschichte im Song ist nicht anhand eines konkreten Beispiels entstanden. Ich denke aber, dass es viele Menschen auf dieser Welt gibt, die in einer Beziehung richtigen Mist gebaut haben. Und ist es nicht auch vorstellbar, dass dieser Mist, den du gebaut hast, so groß ist, dass deine Ex-Freundin bei dir auftaucht und aus Rache all deine Kleidung verbrennt?«

Hand aufs Herz: Wolltet ihr mit 'Blood Trophies' den nächsten James-Bond-Soundtrack einspielen?

(Lacht herzlich:)»Yeah, da ist etwas dran, besonders wenn man auf die Gitarrenmelodie achtet. Tatsächlich handelt der Track von einem Serienmörder, der von seinen Taten besessen ist und die Kontrolle verliert. Er läuft nicht Gefahr gefasst zu werden, kann somit uneingeschränkt weiter morden und schließlich einfach nicht mehr damit aufhören. Daher kommen vermutlich auch diese leichten Suspense-Vibes, die dich an James Bond erinnern.«

Ihr habt auf „Red Hands Black Deeds“ viele musikalische Stilrichtungen verarbeitet und euch ein breites Soundspektrum erschlossen. Mittlerweile seid ihr in Southern Rock, Blues, Country und stellenweise sogar Alternative Rock angesiedelt.

»Absolut, Kumpel! So fühlt es sich an, als wären wir wirklich absolut ehrlich zu uns selbst gewesen. Wir haben natürlich versucht, jeden Einfluss unseres Sounds auf „Red Hands Black Deeds“ zur Schau zu stellen, der sich über die Jahre angesammelt hat. Musik hat so viele Gesichter, überall auf der Welt. Ich selbst liebe Motown und Blues, ich mag Country und höre sogar gelegentlich ein wenig Rap. Es ist für uns als Band einfach wichtig, uns die Freiheit nehmen zu können, jeden Winkel und Aspekt unseres Sounds zu erforschen.«

Euer Produzent Keith Armstrong hat dazu eine maßgebliche Rolle gespielt.

»Oh ja, er war schlussendlich für so vieles auf dem Album wirklich wichtig. Wir anderen haben oft darüber gesprochen, wie wir einen möglichst organischen und natürlichen Sound erreichen können. Keith ist für alle akustischen Besonderheiten verantwortlich, die auf „Red Hands Black Deeds“ zu hören sind. Ich wollte ursprünglich keine ungewöhnlichen Experimente wagen, aber Keith hat es getan. Er hat irgendwelche Werkzeuge und Gegenstände in die Hand genommen und versucht, das bestmögliche Ergebnis damit zu erzielen. Es ist ihm gelungen, frische Energie in jede Idee zu bringen. Dieser kreative Antrieb kam uns sehr entgegen. Wir haben unseren Sound auf einen anderen Weg gebracht und stellenweise sehr untypische Geräusche aufgenommen. Außerdem wurde „Red Hands Black Deeds“ im Endeffekt komplett ohne digitale Soundeffekte und ausschließlich mit analogen Effektpedalen und Vintage-Verstärkern eingespielt.«

Besagte akustische Besonderheiten beziehen sich wohl vor allem auf die Ziegenhufe in den Tracks 'A Longer View' und 'Blood Trophies', sowie das Schmirgelpapier bei 'Scavengers'.

»Ja, es sind tatsächlich Ziegenhufe auf dem Album zu hören. Wir haben uns wegen des organischen Klangs, der gut zum düsteren Gesamtbild passt, dafür entschieden. Aber keine Sorge, es wurden natürlich keine Ziegen getötet, um ihre Hufe für dieses Soundergebnis verwenden zu können (lacht). Das Schmirgelpapier haben wir deshalb ausgewählt, weil es eine starke realistische Wirkung entfaltet. In meinem Kopf sehe ich direkt vor mir, wie es zur Musik aneinander gerieben wird. Ein geradezu unangenehmes Gefühl.«

Wenn du dir „Red Hands Black Deeds“ als Ganzes vor Augen rufst: Wie sollen eure Hörer an das Album herangehen?

»Ich denke, man sollte sich auf jeden Fall ab dem ersten Track intensiv auf das Album als Gesamtes einlassen, wenn man die Thematik verstehen und dem Konzept folgen will. Du musst dir das ganze Ding anhören. Nur so kannst du dich emotional davon beeinflussen lassen, je nachdem, in welche Richtung es deine Stimmungslage lenkt.«

Zum Abschluss: Mit 'Hookers And Blow' habt ihr einen kurzen fröhlichen Hidden-Track am Ende der Platte versteckt. Was ist die Geschichte dahinter?

»Ach weißt du, das ganze Album klingt so ernst, da muss man die Leute auch mal zum Lachen bringen und die Stimmung auflockern (lacht). Das ist aber auch schon alles an Hintergrund, was ich dir dazu bieten kann.«

 

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Pic: Adrienne Beacco (Promo)