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DREAM THEATER

Lingen, EmslandArena

DREAM THEATER

25 Jahre „Images And Words“: Die Prog-Titanen von DREAM THEATER feiern das erste überdauerte Vierteljahrhundert ihres 1992er-Meilensteins mit einer umfangreichen Jubiläumstour und sind auf ihrem letzten Deutschlandkonzert im beschaulichen Lingen zu Gast.

Dass das Qualitätslevel eines DREAM THEATER-Konzerts grundsätzlich stark zwischen inszenatorisch-herausragend und gezwungen-uninspiriert pendeln kann, dürfte mittlerweile weithin bekannt sein. Doch wenn die Herren Petrucci, Myung und Co. ihre schwer fassbaren Songs mit hundertprozentiger Überzeugung präsentieren, kann man sie guten Gewissen zu den herausragendsten Live-Bands dieses Planeten zählen. Und der heutige Abend ist ein besagter hundertprozentiger. Die relativ abgelegene EmslandArena ist in den Rängen und im Stehplatzbereich zwar nur zu gut zwei Dritteln gefüllt, hat jedoch der Stimmung nach zu urteilen ausschließlich begeisterte Die-Hard-Fans angezogen. Ohne Vorband, dafür jedoch mit einem gewaltigen Drei-Stunden-Set, lässt sich der Abend in drei Abschnitte unterteilen. Im ersten Teil pflügen die Progger kreuz und quer durch ihren breitgefächerten Diskografie-Gemüsegarten, von „Train Of Thought“ über „Falling Into Infinity“ zu „The Astonishing“. Die bunte Mischung kommt gut an, auch wenn sich das Schwerverbrechen, keinen einzigen Song der legendären „Scenes From A Memory“-Scheibe ins Set zu nehmen, kaum in Worte fassen lässt. Wer weiß, vielleicht wird auch diese Jubiläumstour kommen. Doch das ist eine andere Geschichte...

DREAM THEATER beginnen ihren Gig und den ersten Teil des Sets mit dem heftig krachenden 'The Dark Eternal Night' vom „Systematic Chaos“-Album. Ein Paukenschlag. Die Halle ist schlagartig auf den Beinen und kann jedem noch so abrupten Break und Tempowechsel quasi im Schlaf mitsingen. Der Sound ist glasklar, jedes einzelne Instrument kann messerscharf aus dem Kollektiv herausgepickt und mitverfolgt werden. Dass die fünf Männer auf der Bühne heute Abend richtig Bock haben, merkt man von der ersten Sekunde an und in jeder bis zum Exzess zelebrierten Note. Ein stimmlich bestens aufgelegter James LaBrie singt, shoutet und schmachtet sich durch sämtliche Höhen und Tiefen der Bandgeschichte und interagiert charismatisch mit dem Publikum. Saitenhexer John Petrucci (mit rosa Glitzergitarre) und Tastenzauberer Jordan Ruddess (der nur einmal während eines Solos auf seinem iPad-Keyboard-Programm versehentlich zum Startbildschirm zurückklickt) frickeln sich verbissen und todsicher einen Melodienorkan nach dem anderen aus den Fingern und spielen sich gegenseitig die Bälle zu, der stille John Myung wirbelt nicht minder beeindruckend über seinen Tieftöner und Mike Mangini beackert die Kessel mit einer nahezu unheimlichen Präzision. Mit 'The Bigger Picture' und den „The Astonishing“-Tracks 'The Gift Of Music' und 'Our New World' bekommt die Halle etwas leichtere Kost serviert, bevor zum stampfenden 'As I Am' (mit 'Enter Sandman'-Auszug) wieder mächtig abgeschädelt werden darf. Die vollkommen unfassbare Achterbahnfahrt 'Breaking All Illusions' beendet schließlich einen lupenreinen ersten Akt.


Es folgt eine etwa zwanzigminütige Pause, die angesichts des Supportverzichts und irren Spielpensums auch mehr als gerechtfertigt erscheint. Dann beginnt mit dem zweiten Akt das eigentliche Herzstück der Tour, nämlich das komplette „Images And Words“-Album in einem Stück, in all seinen Farben, Facetten und damals wie heute gleichermaßen revolutionären Songstrukturen. Mit einem Jubiläums-Tape des Jahres 1992, in dem vielen in diesem Jahr veröffentlichten Hits Tribut gezollt wird, kehrt die Band auf die Bühne zurück. Eine Ansagerstimme vom Band informiert über den Release von „Images And Words“ und leitet in den größten Bandhit 'Pull Me Under' über, der selbstverständlich sofort mit Inbrunst durch alle Kehlen gejagt wird. Doch auch in den ruhigeren Momenten ('Another Day', 'Wait For Sleep') zeigen sich die Fans vollends mitgerissen und textsicher und folgen jedem von James LaBrie gesungenen Worten. Die tonnenschweren labyrinthischen Prog-Sternenkreuzer 'Metropolis Part I: The Miracle And The Sleeper', 'Under A Glass Moon' und 'Learning To Live' setzen dem Abend endgültig die Krone auf, in 'Metropolis' feuert Mangini mit einem rasenden Drumsolo, das den abgedrehten Instrumentalteil durchbricht, aus allen Rohren. Auch wenn LaBrie ungefähr ab diesem Zeitpunkt die richtig hohen Töne bereits galant umsingt, sind keine Müdigkeitserscheinung in den Köpfen und Gliedern zu spüren. Weder im Publikum, noch auf der Bühne. „Images And Words“ zündet ausnahmslos als Ganzes, das Album ist in seiner Größe über die Jahre beständig weiter gewachsen.

Zuletzt beschließt als Zugabe der wundervolle, alle Grenzen sprengende 23-Minüter „A Change Of Seasons“ den Abend, durch dessen emotionale Berg- und Talfahrten DREAM THEATER mit der gleichen Verspieltheit jagen, mit der sie diesen Abend begonnen haben. Besonders hier wird klar, wieso die Band ihr Bühnenbild stets auf ein Minimum reduziert und sich auf Lichteffekte und Jordan Ruddess Standkeyboard beschränkt, das mit Brezeln, Chilischoten und Spielzeughubschraubern behangen, die größten Verzierungen aufweist. Im Zentrum steht die Musik, sie ist das einzige, worauf man sich konzentrieren soll (was bei so manchem Longtrack auch wirklich nötig ist). Die Traumtheatershow ist zu Ende, der Vorhang ist gefallen. Doch die Herren haben heute wieder einmal bewiesen, warum sie auch nach der Veröffentlichung der eher umstrittenen „The Astonishing“-Scheibe nach wie vor den Prog-Thron für sich reserviert haben. Ganz nebenbei wurde für ihren nächsten Deutschlandbesuch ein neues Album angekündigt. Ganz großes Kino!


SETLIST DREAM THEATER

The Dark Eternal Night
The Bigger Picture
Hell's Kitchen
The Gift Of Music
Our New World
Basssolo
As I Am (+ Enter Sandman)
Breaking All Illusions
-----
Pull Me Under
Another Day
Take The Time
Surrounded
Metropolis Part I: The Miracle And The Sleeper (+ Drumsolo)
Under A Glass Moon
Wait For Sleep
Learning To Live
-----
A Change Of Seasons

 

Pics: Simon Bauer

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