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REVIEW 8.0 27.09.2017

(Album, RH 365, 2017)

WUCAN - Reap The Storm

PLUS-MINUS Säe den Wind, ernte den Sturm - den Titel eines Debüts („Sow The Wind“ von 2015) mit dem Titel des zweiten Albums („Reap The Storm“, siehe oben) einfach so selbstverständlich fortzuschreiben, wirkt schon ein wenig spätpubertär nassforsch, umschreibt die Entwicklung dieser Band dann aber doch ganz gut. Denn während der Erstling der Wir-machen-so-ziemlich-alles-was-retro-klingt-Combo aus Chemnitz eher nur in der Schlaghosen-Szene aufhorchen ließ, gerät der Zweitling deutlich zwingender: das 21-minütige ´Aging Ten Years In Two Seconds´ (= Boris Kaiser bei der Morgentoilette) etwa ist ein multi-instrumentelles Kunsthandwerkskleinod, an dessen Prog-Pathos und geradezu menopausal monumentale Stimmungschwankungen man schon mal den einen oder anderen Tag Dauerhören verschwenden kann. Da verzeiht man selbst die (teilweise deutsche) Poesiealbumspoesie, das kraftvoll-klare, manchmal aber etwas seelenlose Organ von Sachsensirene Francis Tobolsky und auch die bandoffizielle Selbstverschubladung „Kräuterrock“, die eine Verschmelzung von Hardrock-Soul mit kopflastigem Krautrock-Erbe versinnbildlichen soll, aber eher nach Klampfenzottel mit Mundgeruch auf dem Mittelaltermarkt klingt. Für alle Menschen, die gerne in den siebziger Jahren geschlechtsreif geworden wären, statt in den siebziger Jahren geboren worden zu sein. Thorsten Dörting 8 Du verzeihst der Band ganz schön viel, lieber Thorsten! Spätpubertär wirkt auf diesem Album nicht nur die Titelgebung. „Lieber schräg als schön“ ist leider nicht nur Motto, sondern Dogma auf „Reap The Storm“. Das Quartett aus Dresden (nicht Chemnitz) meint viel zu oft, dass seine Unangepasstheit automatisch mit Genialität einhergeht. „Je abgedrehter und unkonventioneller, desto besser!“ Natürlich darf man gern einige Szene-Konventionen hinterfragen. Aber dass die Band sich so offensichtlich gegen kompositorische Muster sträubt, zeugt entweder von einer absoluten Abwehrhaltung oder wenig Ahnung von der Kompositionslehre. Selbst die kürzeren Tracks kommen nicht richtig auf den Punkt, während die drei Longtracks künstlich aufgeblasen werden. ´Aging Ten Years In Two Seconds´ kann partiell tatsächlich was, verbleibt aber eine Aneinanderreihung von Parts und ergibt kein stimmiges Ganzes. Obendrauf kommt noch der streitbare Gesang: Francis hat eigentlich eine fabelhafte Stimme, die sie aber kaum richtig in Szene setzen will. Stattdessen rauscht sie überkandidelt und mit wenig Feeling für den jeweiligen Part durch die Oktaven, wodurch der Eindruck der von Thorsten beschriebenen Seelenlosigkeit entsteht. Ronny Bittner 5

REVIEW 8.0 23.09.2015

(Album, RH 341, 2015)

WUCAN - Sow The Wind

PLUS-MINUS Hänsel & Gretel/SPV (42:42) WUCANs limitierte 2014er Debüt-EP „Vikarma“ (hurry up, folks!) wurde in diesem Heft mehr als freundlich abgenickt, jetzt folgt das offizielle Debüt: Viel mehr noch als Geistesgenossen wie Kadavar (deren Live-Mischer Richard Behrens „Sow The Wind“ produziert hat), Zodiac, Samsara Blues Experiment oder Heat wildert das Dresden-Quartett im hierzulande viel zu lange belächelten, international hochangesehenen Krautrock (der musikalisch zwischen Tangerine Dream und Birth Control natürlich nicht die Bohne homogen war, sondern nach wie vor eher eine Epoche beschreibt), erinnert dabei wegen der meistens „harten“ Herangehensweise an Lucifer´s Friend, Eiliff, Night Sun, Weed und Kin Ping Meh, evoziert aufgrund der (in ruhigeren Passagen an Melissa Etheridge erinnernden) weiblichen Vocals natürlich auch Frumpy (was WUCAN wiederum mit Blues Pills verbindet), traut sich aber ebenfalls Schlenker gen Funk (´Looking In The Past´ - Randy Pie, Emergency, Achim Reichel, anyone?) und Flöten-Folk zu. Diese Jethro-Tull-Referenzen (z.B. im Opener-Hit ´Father Storm´) sollten Rensen vor Begeisterung eigentlich nackisch durch Dortmund hüpfen lassen, aber irgendwie schaltet unser Rotschopf auf stur. Nur Schiffmann findet WUCAN auch geil. Was ihn zu einem guten Mann macht. (Ungefähr so gut wie den 16-minütigen „Sow The Wind“-Rauswerfer ´Wandersmann´ mit seinen fliegenpilzirren Psychedelic-„Ideen“.) Los, Michel: Get high, touch the sky! Boris Kaiser 8 Ächz... Stilistisch sind WUCAN ja grundsätzlich tatsächlich ´ne interessante Alternative zu all dem belanglosen Retro-Rock-Verschnitt, der momentan auf unseren Komposthaufen entsorgt wird. Bei genauerem Hinhören zerfällt „Sow The Wind“ allerdings schon nach bemerkenswert kurzer Halbwertzeit in seine für sich genommen äußerst unspannenden Einzelteile. Die Vocals sind so krautrockig-bieder, dass man der jungen Dame am liebsten einen gehäkelten quietschgrünen Klorollenhut über die Ohren ziehen möchte, die hüftsteifen Classic-Rock-für-Anfänger-Gitarrenparts (diese Soli, aua!) versprühen so viel spontanen Charme wie ein Urologen-Besuch, und das Songwriting bewegt sich irgendwo zwischen geklaut (die Tull-„Verbeugungen“ sind allerblasphemischste Majestätsbeleidigung!) und nicht gekonnt. Wer bis zum ´Wandersmann´ durchhält, wird dann auch noch mit Sommerlager-Fremdschäm-Lyrik penetriert. Kadavar, Zodiac und die Blues Pills darf man gerne unter „überbewertet“ einsortieren, im Vergleich zu diesem uninspirierten Säusel-Rock hier sind das aber alles Weltklasse-Acts. Wenn schon coole Kauz-Mucke, dann doch bitte Kultiges wie das ´71er Kin-Ping-Meh-Debüt oder die frühen Popol-Vuh-LPs. Und das Nudisten-Gehopse überlasse ich lieber Herrn Peters, der ist bei so was unterhaltsamer. Michael Rensen 4,5

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