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REVIEW 7.5 23.10.2019, 08:00

(Album, RH 390, 2019)

PHIL CAMPBELL - Old Lions Still Roar

Schon zu Motörhead-Zeiten kokettierte PHIL CAMPBELL immer wieder mit dem Gedanken an ein Soloalbum, verwarf die Pläne dann aber und stellte sich in den Dienst eines Lemmy Kilmister. Mehr als 30 Jahre war Campbell Gitarrist einer der legendärsten Rock´n´Roll-Bands des Planeten, ohne selbst jemals groß im Rampenlicht gestanden zu haben. So verrückt es klingt, das hatte extrem selbstlose Qualitäten, die natürlich auch sein „richtiges“ Soloalbum tragen, das sich von den Alben mit seinem „Bastard Sons“-Familienclan allerdings nur in Nuancen unterscheidet. In erster Linie ist es die enorme Zahl an Gastmusikern, vor allem Sängern, die hier den Unterschied macht, das Prinzip ist aber letztlich immer dasselbe. Campbell ist ein im besten Sinne solider und songdienlicher Rock´n´Roll-Gitarrist, der das große Ganze nie aus den Augen verliert. Der verhaltene Beginn mit dem bluesig-folkigen ´Rocking Chair´ überrascht, aber die simple, selbstironische Nummer hat das Zeug zum Radio-Hit und rahmt das Album zusammen mit dem Gitarren-Ausklang ´Tears From A Glass Eye´ (Joe Satriani) ein. Dazwischen wird mal mehr, mal weniger heftig gerockt. ´Swing It´ (Alice Cooper) und ´These Boots´ (Dee Snider) hätten auch auf einer Motörhead-Scheibe eine gute Figur gemacht, das schneidige ´Straight Up´ (mit Rob Halford) ist ein weiterer Höhepunkt der Platte. ´Dancing Dogs (Love Survives)´ (Whitfield Crane) und ´Faith In Fire´ (Ben Ward) erinnern an Iommi-Solo-Nummern. Das klingt besser, als es tatsächlich ist. Campbell muss sich den Vorwurf gefallen lassen, eine Spur zu oft an Traditionen festzuhalten. Die beiden Balladen des Albums sind eher zum Gähnen.

REVIEW 8.5 23.10.2019, 08:00

(Dynamit, RH 390, 2019)

ALCEST - Spiritual Instinct

Lobeshymnen hat Neige mit seinem Kumpel Winterhalter in diesem Magazin schon etliche kassiert, meistens mit dem Hinweis versehen, dass die Massen für diese Art von Musik noch nicht bereit sind. Man wird sehen. „Spiritual Instinct“ erscheint nach einer immer erfolgreicheren Untergrund-Karriere unter Mithilfe von Prophecy Productions nun bei Nuclear Blast, und das Auftaktdoppel ´Les Jardins De Minuit´ und ´Protection´ dürfte unumstritten zum besten Metal dieses Jahres gehören. 14 Minuten harte Riffs, Abwechslung und bestechende Melodien. Dass die Band trotz des Labelwechsels stur ihrem Konzept treu bleibt, spricht für sie. Der schamanenhafte Gesang und das Postrock-Geschrammel gehören zu ALCEST wie der Black-Metal-Blastbeat und die eleganten Delay-Gitarren aus der Killing-Joke-Schule. Noch interessanter als diese Stilmittel ist das Songwriting, das entweder gekonnt psychedelisch anmutende Klangwände auftürmt oder die wenigen Wiederholungen gerade mal in unterschiedlichen Tempi zulässt. Mit dem fast schon düsterpoppigen ´Sapphire´ und dem subtilen Zwischenspiel ´Le Miroir´ finden sich auf dem kurzweiligen Sechserpack zudem zwei originelle Verschnaufpausen. Der Rest des Albums ist ein fließender Strom an stimmungsvollen Klängen, die mitunter in wilden Kaskaden in die Tiefe stürzen oder von berührender Schönheit sind. Ein Vergleich, der den französischen Naturmystikern bestimmt gefallen würde. Tatsächlich haben sich ALCEST über die Jahre ein Alleinstellungsmerkmal erarbeitet. Man kann sie in der Tradition von Bands wie Tiamat oder Anathema sehen und liegt doch zur Hälfte daneben, weil das sinfonische Element des Black Metal und der betont zarte Gesang als Kontrast wichtige Bausteine des ALCEST-Universums sind. Vielleicht ist es besser, weniger zu beschreiben, als die mitunter soundtrackartige Musik auf sich wirken zu lassen. Innere Einkehr anstelle von Kickbox-Training. Gelegenheit dazu bietet diese Rock-Hard-Ausgabe ja. Eine hochoriginelle Band, die in einem Ozean immergleicher Standard-Musik wie eine einsame Insel heraussticht.

REVIEW 8.5 25.09.2019, 08:00

(Album des Monats, RH 389, 2019)

OPETH - In Cauda Venenum

Wo es doch schon im aktuellen Plattenfimen-Info steht: Mikael Åkerfeldt hat eine neue Beziehung, trägt selbstbewusst das T-Shirt der Band seiner neuen Flamme und hat beim Songwriting offensichtlich eine Euphorie erlebt, die das Album über eine Stunde lang ansteckt. So was gibt´s. Auf „Sorceress“ hatte er ja (schön versteckt) bereits seine Scheidung verarbeitet. Ist „In Cauda Venenum“ deshalb das bessere Album? So läuft das nicht. Die Platte ist anders. Es dauert eine halbe Ewigkeit, bis der Zehn-Tracker aus dem Quark kommt und man das überhaupt alles halbwegs verstanden hat. „In Cauda Venenum“ ist eine Mischung aus durchaus bissiger Sozialkritik, überkandideltem Musikantentum und Rätseln, die Hörer und Musikjournalisten in naher Zukunft noch entschlüsseln werden (einige davon findet ihr bereits in unserer Titelstory). Aber genau das macht das Album ja besonders. Es ist eben kein Wegwerfprodukt wie so vieles, es fordert eine künstlerische Auseinandersetzung ein. Der erste Song ´Dignity´ ist schon ein Wellental der Emotionen, sehr abwechslungsreich, aber nicht so geradeheraus wie ´Heart In Hand´, der härteste und zugänglichste Song des Albums. Die lebendige Produktion und das dynamische Schlagzeugspiel von Martin Axenrot kommen hier zum ersten Mal richtig zur Geltung. Die „kranken“ Streicher in ´Next Of Kin´ wirken wie der verstörende Soundtrack eines Claude-Chabrol-Films, dem süßlich-folkige Melodien gegenübergestellt werden. Meines Erachtens ein Experiment mittlerer Qualität. Auch die düstere Bassorgie ´Charlatan´, mit einer nervigen Keyboard-Melodie garniert, ist nicht ganz nach meinem Geschmack. Solche Songs kann Steven Wilson besser. Das dazwischen platzierte ´Lovelorn Crime´ ist hingegen eine balladeske Wohltat auf höchstem Åkerfeldt-Niveau. Und das gilt auch für den halbstündigen Rest des Albums. ´Universal Truth´, ´The Garroter´, ´Continuum´ und ´All Things Will Pass´ sind die vielleicht homogenste Abschlussrutsche der an Höhepunkten nicht gerade armen Bandgeschichte. Unter dem Kopfhörer ein Genuss. Es macht sich bezahlt, dass mit Stefan Boman ein Mixer hinter dem Pult saß, der das Album leidenschaftlich mit Effekten, Fades und höchst verschiedenen Klängen versehen hat. Das allein sollte aufgrund des hohen musikalischen Levels ein Grund für Fans sein, hier erneut zuzuschlagen. DISKOGRAFIE (Studioalben) Orchid (1995) Morningrise (1996) My Arms, Your Hearse (1998) Still Life (1999) Blackwater Park (2001) Deliverance (2002) Damnation (2003) Ghost Reveries (2005) Watershed (2008) Heritage (2011) Pale Communion (2014) Sorceress (2016) In Cauda Venenum (2019) LINE-UP Mikael Åkerfeldt (v./g.) Fredrik Åkesson (g.) Martin Mendez (b.) Joakim Svalberg (keys) Martin Axenrot (dr.) DIE PATEN Wer mit den folgenden Bands etwas anfangen kann, dürfte auch an „In Cauda Venenum“ Gefallen finden: Storm Corrosion * Katatonia * King Crimson * Steven Wilson * Porcupine Tree * Jethro Tull * Pink Floyd * Anathema * Mahavishnu Orchestra * Weather Report * Genesis * The Soft Machine * Gong * Caravan * Yes * November * Kaipa * Culpeper´s Orchard * Bo Hansson * Kebnekaise

REVIEW 6.5 28.08.2019, 08:00

(Album, RH 388, 2019)

STATUS QUO - Backbone

Der Titel („Rückgrat“, schreckliche Grafik übrigens) ist schon eine Ankündigung, an der sich STATUS QUO messen lassen müssen. Natürlich ist die Band auch ohne Rick Parfitt denkbar, jeder ist bis zu einem gewissen Grad ersetzbar, und dass Francis Rossi etwaige Unkenrufe nicht jucken würden, hat er ja bereits in seiner Biografie ausführlich dargelegt, inklusive zarter Hinweise, dass sein langjähriger Partner ohnehin schon gesundheitlich angeschlagen war. „Mit oder ohne Parfitt, wo ist da der Unterschied?“, hört man ihn klammheimlich sagen. Kein Problem. Trotzdem ist das Album nicht der Wahnsinn, was wahrscheinlich an meinen geistesgestörten Erwartungen liegt, meine einstigen Lieblinge könnten doch noch mal zum Sound der Siebziger zurückkehren und staubtrockenen Jam-Heavy-Rock zelebrieren, der die Blues Pills oder Graveyard aus den Stiefeln kippen lässt. Oder wenigstens altersgerechten Bluesrock, was ja auch schon was wäre. Jedenfalls etwas anderes als die Weiterführung der fröhlichen Schunkel-STATUS QUO mit ein bisschen mehr Drive. Aber genau das ist es ja letztlich, was es auch live ohne Parfitt war. Die Songs sind durchweg okay, Melodien, Gitarren und Refrains gehen ins Ohr, es gibt keine peinlichen Katastrophen wie ´Margherita Time´ oder ´In The Army Now´, aber es ist auch eine zumeist zuckersüße Soße ohne Biss, Schlagzeug-Extravaganzen oder gar schmutzige Rock-Riffs. Mainstream-Pop-Rock, gefällig, aber zahnlos.

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