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REVIEW 8.0 24.01.2018

(Dynamit, RH 369, 2018)

ORPHANED LAND - Unsung Prophets & Dead Messiahs

Junge, Junge, Junge. Ein Konzeptalbum über Plato und verkannte Revolutionäre, natürlich auch immer mit einem versteckten Hinweis auf die verworrene politische Situation im Nahen Osten: ORPHANED LAND fahren hier groß auf, auch musikalisch. Edelste Chöre und raumgreifende Orchester-Arrangements wurden von Meister-Mixer Jens Bogren gleichberechtigt zur Band aufgeschichtet, Gastbeiträge von Hansi Kürsch (Blind Guardian), Steve Hackett (ex-Genesis) und Tomas Lindberg (At The Gates), Sprachsamples und eine unendliche Anzahl verschiedener Stile von Death Metal bis zur orientalischen Musik eingebaut. „Unsung Prophets & Dead Messiahs“ ist eine Wundertüte für Fans, die mit dem Booklet auf den Knien ein Album 40 Mal hören und mit mathematischer Begeisterung jeden Winkelzug ausloten. Und warum auch nicht, wir haben ja Winter. Ein Meisterwerk des Prog Metal? Der achtminütige Einstieg ´The Cave´ liefert gleich eine Zusammenfassung der Platte. Zuckersüße Chöre treffen auf Death-Metal-Grunts. Die facettenreiche Komposition mit ihren feinen Tempowechseln kann was. Die nachfolgenden Titel sind kürzer, nicht weniger abwechslungsreich, wirken aber trotz einiger schöner Melodien mitunter unvollständig. Man wähnt sich bei der Aufführung eines Theaterstücks (siehe Moonspells „1755“), die Storyline gibt den Ton an. Aber Musik ist bekanntlich dann am besten, wenn die Melodien auch ohne großes Brimborium und intellektuellen Überbau auskommen. Wahrscheinlich wäre das sogar drin gewesen, aber die Stücke sind oft mit mehrstimmigen Arrangements, Effekten, immer wieder neuen Teilen und jeder Menge Kleinkram gnadenlos überladen, da kann die einzelne Performance noch so gut sein. ´Left Behind´, das getragene ´All Knowing Eye´ und die gute Single ´Like Orpheus´ liefern halbwegs gradliniges Kontrastprogramm, aber von der Durchschlagskraft von Nummern wie ´All Is One´ oder ´Brother´ ihres 2013er Meisterwerks sind ORPHANED LAND einiges entfernt. Natürlich ist „Unsung Prophets & Dead Messiahs“ allein aufgrund der orientalischen Melodien (in der Disziplin sind sie nun mal führend) und der enormen Vielschichtigkeit immer noch ein hörenswertes, hochoriginelles Album - aber nicht der angestrebte Befreiungsschlag, den „Israel´s finest“ so dringend nötig hätten.

REVIEW 7.0 31.08.2016

(Album, RH 352, 2016)

ORPHANED LAND - Kna´an

Wenn mir vor 20 Jahren jemand erzählt hätte, dass zwei israelische Metalbands im Landestheater Memmingen Teil einer progressiven Theater-Aufführung sind, die sich mit einer interreligiösen Streitfrage aus alttestamentarischen Zeiten beschäftigt, hätte ich getippt, dass Drogen im Spiel sind, aber 2016 fühlt sich das Ganze trotz der verstörenden Terror-Schlagzeilen völlig normal an. Weil ORPHANED LAND beteiligt sind und man sich an die Friedensbotschafter des Metal bereits gewöhnt hat? Vielleicht sollte man sich lieber vor Augen führen, wie mutig und wichtig gerade jetzt Akteure des Kulturbetriebs sind, die unbeirrt ihrem Herzen folgen - egal, wie viele verblendete Irre, Selbstmordattentäter und Amokläufer ihrem Leben noch ein blutiges Ende setzen werden. Umso schwieriger ist es, den „Kna´an“-Soundtrack nach rein musikalischen Kriterien fair zu beurteilen. Stilistisch bietet das Album den zu erwartenden Mix aus Akustik-Balladen und harten Einschüben, wobei Letztere klanglich leider nicht immer den nötigen Druck erzeugen. Hinzu kommt, dass sich viele Teile an der Länge der vorgegebenen Storyline orientieren müssen. Das ist ein wenig schade, weil der Großteil der Songs im Kern großartige Melodien transportiert, die das Zeug zu neuen ORPHANED LAND-Großtaten hätten. Besonders der oft mehrstimmige Gesang ist äußerst gelungen, weshalb auch die eine oder andere Portion Pathos zu verschmerzen ist. Unterm Strich ist „Kna´an“ ein hörenswertes Nebenprojekt der Israelis, von der konzentrierten Qualität eines Oriental-Metal-Klassikers wie „All Is One“ ist man allerdings ein Stück weit entfernt. 4 Fragen an ORPHANED LAND-Sänger Kobi Farhi: Kobi, wie muss man sich den Songwriting-Prozess für ein Theaterstück vorstellen? »Auf jeden Fall anders als sonst. Manchmal wurden kurze Teile gebraucht, oder ich musste für die ersten Versionen zunächst weibliche Stimmen imitieren. Es gab Meetings mit dem Schauspiel-Leiter Walter Wayers, bei denen wir seine Wünsche verstehen mussten. Es war ein sehr nettes Abenteuer, besonders als wir der finalen Aufführung, bei der Schauspieler zu unseren Playbacks sangen, beiwohnen konnten.« Was ist auf dem Cover zu sehen? »Eine Kalligraphie, die aussieht, als hätte man sie bei einer archäologischen Ausgrabung gefunden, und die das Wort „Kna´an“ darstellt. Der obere Teil des Wortes ist in Hebräisch, der untere in Arabisch. Eine neue Sprachschöpfung unsererseits: „Arabhebrew“.« Kannst du den Hintergrund der Aufführung in zwei Sätzen erklären? »Walter hat seine eigene Interpretation jener Bibel-Geschichte erarbeitet, die wir in dem Song ´Brother´ (von „All Is One“ - hs) erzählen. Obwohl beide Söhne gesegnet sind, streiten Juden und Christen auf der einen Seite und Muslime auf der anderen bis heute darüber, ob Abraham Isaak oder Ismael opfern sollte, weil sich das Selbstverständnis der Religionsgruppen als deren Nachfolger unmittelbar davon ableitet. Walter hat den Wahnsinn sehr gut in Dialoge umgesetzt.«    Im November brecht ihr erneut zu einer Tour mit zwei „World Metal“-Bands aus China und Russland auf. Es sieht so aus, als wolltet ihr den Spannungen im Nahen Osten so oft wie möglich entfliehen. »Wir feiern das 25-jährige Bestehen unserer Band. So lange schreiben wir schon Musik über unsere blutende Region. In dieser Zeit haben wir Hoffnung vermitteln, aber nichts ändern können. Im Gegenteil: Die Situation wird immer schlimmer.« (hs)

REVIEW 8.5 26.06.2013

(Dynamit, RH 314, 2013)

ORPHANED LAND - All Is One

Century Media/EMI (54:24) ORPHANED LAND machen es sich, Kritikern und Hörern nicht gerade leicht. Während der Vorgänger „The Never Ending Way Of ORwarriOR" ein schwer verdauliches Füllhorn von kreativen Ideen darstellte, präsentiert man auf „All Is One" spürbar knapper arrangierte Songs, die zum Teil sehr schnell ins Ohr gehen. Bestes Beispiel ist das hymnenhafte Titelstück, ein genialer Ein-Riff-Song, dessen orientalische Melodieführung größtenteils von klassisch ausgebildeten Sängern und einem halben Streichorchester übernommen wird. An dieser „bombastischen" Herangehensweise, die sich durch das komplette Album zieht, werden sich die Geister scheiden, so viel ist jetzt schon klar. Ja, es wird ganz schön dick aufgetragen (für meinen persönlichen Geschmack hätte es weniger sein dürfen), aber auch das muss man erst mal gekonnt in Szene setzen. ORPHANED LAND und ihr Produzent Jens Bogren haben es geschafft, jede Stimme und jeden Ton perfekt unterzubringen. Kobi Farhi hat sich vom ehemaligen Death-Metal-Grunzer zu einem respektablen Sänger gemausert, der mit viel Gefühl großartige Texte und Melodien hervorbringt. Eine straffe Nummer wie ´Simple Man´ mit einer wunderbaren orientalischen Melodie wäre vor Jahren noch undenkbar in der Rockwelt gewesen. Auch die tiefschürfende Ballade ´Brother´ ist beeindruckend. Dass danach mit ´Let The Truce Be Known´ nochmals auf die Pathosdrüse gedrückt wird, ist ein bisschen unnötig, zumal die Platte mit ´Through Fire And Water´ (einer Art Intro zur rauen Anklageschrift ´Fail´) nur schwer wieder in Schwung kommt. Das Instrumentalstück ´Freedom´ ist eine beabsichtigte Zäsur, ehe mit den hebräischen ´Shama´im´ (Folk) und ´Ya Benaye´ (schwer rockender künftiger Live-Hit) zwei starke Fremdkompositionen dem Album weitere Facetten hinzufügen. Mit ´My Own Messiah´ und ´Children´ lässt man die Platte mit einem selbstbewussten (anti-)religiösen Statement und einer Anklage gegen kriegerische Auseinandersetzungen ausklingen. Harten Metal sucht man auf der Platte diesmal (fast) vergeblich, dafür bekennt man sich umso mehr zu klassischen Musikformen des Orients. ORPHANED LAND haben sich zu einer orchestral komponierenden Rockband gemausert, die keine Angst vor Risiken hat und deren musikalisches Schaffen stets im Kontext mit den engagierten Texten zu sehen ist. Ob das nun noch „richtiger" Metal ist oder nicht, ist mir dabei ziemlich schnuppe. Es ist originell und eine angenehme Abwechslung zum Szene-Einheitsbrei.

REVIEW 19.10.2011

(DVD - Musik, RH 294, 2011)

ORPHANED LAND - The Road To OR SHALEM

(Century Media/EMI) Es klingt etwas schmeichelhaft, wenn Steven Wilson seine Kumpels von ORPHANED LAND nicht nur zur „besten Heavy-Metal-Band Israels" kürt, sondern das Quintett im Überschwang gar zu einer der „besten Bands der Erde" zählt. Klar, Wilson ist der wichtigste Bühnengast dieser Show und überbringt seinen Gastgebern in Tel Aviv selbstredend Nettigkeiten, aber der Porcupine-Tree-Kopf ist keinesfalls als oberflächlicher Lautsprecher, sondern als profunder Musikexperte bekannt. ORPHANED LAND sind die wichtigste Band im Orient und machen mit dieser DVD tatsächlich einen Quantensprung. Von Meistermixer Jens Bogren (Opeth, Paradise Lost) hervorragend in Szene gesetzt, begeistern die Israelis von der ersten Minute an mit einer dichten Soundwand aus knallhartem Live-Metal, Einspielungen (Orchester, Keyboards) und Gästen an Bouzouki, Percussion und Mikrofonen. Insbesondere Sängerin Shlomit Levi verleiht dem Abend mit ihrer klaren Stimme einen besonderen Glanz; nur Metaller, die vorzugsweise im Kühlschrank übernachten, dürften bei dieser Darbietung nicht dahinschmelzen. ORPHANED LAND können sich dafür auf die Schulter klopfen, dass sie es fertigbringen, selbst mit Untergrund-Status alle Register einer solchen Produktion zu ziehen: unzählige Kameras, auch an den Instrumenten fixiert, eine volle Hütte mit begeisterten Fans, Videoleinwände und eine an Höhepunkten reiche Show, die zwischen progressivem Hartmetall und balladesken Tönen immer auch genügend Nahost-Flair vermittelt, um die Eigenständigkeit der Band zu unterstreichen. Auf natürliche Weise klingt diese DVD besser und direkter als die bisherigen Studioalben und vermittelt die musikalische Vision der Band nahezu perfekt. Abgerundet wird das Ganze von einer Dokumentation, die ein paar interessante Hintergründe zur Bandgeschichte erzählt. „Wir waren eine ganz normale Death-Metal-Band, ehe wir in Iron-Maiden-Shirts eine Synagoge besuchten, um der traditionellen Musik des Orients auf die Spur zu kommen." Im Mittelpunkt steht natürlich die sympathische Botschaft der Band, selbst in einer von Hass gebeutelten Krisenregion mit Musik alle Grenzen zu überwinden. Eine Aussage, die bis heute nicht überstrapaziert wirkt. Respekt!

REVIEW 9.0 20.01.2010

(Dynamit, RH 273, 2010)

ORPHANED LAND - The Never Ending Way Of ORWarriOR

Dass ORPHANED LAND angesichts einer sechsjährigen Songwriting-Phase nicht gerade ein musikalisches Leichtgewicht ins Rennen schicken würden, um ihren Status als Anführer der „Oriental Metal"-Bewegung zu untermauern, war nicht anders zu erwarten. Schon der Vorgänger der detailverliebten Perfektionisten war schließlich ein Konzeptalbum dieser Art. Aber eine solch kreative Fülle, wie man sie nur alle paar Jahre hört - in dieser schnelllebigen Zeit „kommerzieller Selbstmord" genannt -, überrascht dann doch. Das orientalische Füllhorn spuckt eine Armada von Gastmusikern aus (die auf allerlei traditionellen Instrumenten der Region trommeln, zirpen und hacken), ein echtes Orchester (nein, keine Billig-Samples!) und eine Sängerin, die mit ihrer ausgebildeten Stimme den perfekten Kontrast zum Vollzeit-Metaller und Bandleader Kobi Farhi gibt. Der singt und spricht in vier verschiedenen Sprachen (neben Englisch auch Arabisch, Jemenitisch und Hebräisch) und arbeitet sich mit hörbarem Enthusiasmus an der gesamten Palette des Vokalen ab - von Death-Metal-Grunts über starke Melodien bis zum erzählerischen Märchenonkel. Dabei bringen ORPHANED LAND das Kunststück fertig, nie ins Kitschige abzudriften. Hier gibt´s weder hohe (männliche) Stimmen noch pseudo-klassische Instrumental-Passagen aus der Musikschule. Zusammengebraut wurde die Mixtur von Steven Wilson, dem einflussreichsten zeitgenössischen Progrocker und Produzenten, der hier nebenbei als Keyboarder fungiert und die 128 Spuren bzw. 78 Minuten meisterhaft sortiert hat. „The Never Ending Way Of ORWarriOR" ist ein schwerverdauliches und komplexes Werk, das durch seinen Abwechslungsreichtum glänzt und dem Hörer zunächst einiges an Konzentration abverlangt. ORPHANED LAND komponieren nämlich in Schichten (eine nach der anderen) und wiederholen sich nicht allzu gerne. Hinzu kommt der beabsichtigte Kontrast aus Progressive Metal und Elementen aus der regionalen (meist jüdischen oder arabischen) Folk-Musik, die musikalisch brillant umgesetzt wurden. Also ein Mega-Album aus Middle East? Kritiker verweisen nicht ganz zu Unrecht auf fehlende Eingängigkeit und mangelnde Gradlinigkeit. Mit ein, zwei „Hits" innerhalb dieser musikalischen Heldensaga könnte man tatsächlich von einem echten Klassiker sprechen, aber so was schütteln nicht mal Opeth aus dem Ärmel. „The Never Ending Way Of ORWarriOR" ist trotzdem ein Pflichtkauf für Fans, die noch richtig zuhören können und ihre Ohren mit ein paar neuartigen Klängen verwöhnen wollen. Erst recht, wenn man die großartige Aussage dieses Albums mit einbezieht. Dazu Ausführliches im nächsten Heft!

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