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REVIEW 20.11.2019, 08:00

(Demo-Review, RH 391, 2019)

SIJJIN - Angel Of The Eastern Gate

Wenn ein integrer Ausnahmemusiker wie Malte Gericke ankündigt, seine Band, in diesem Falle Necros Christos, zu Grabe zu tragen, muss man das erst mal akzeptieren, aber man darf sich schon fragen, wohin die Kreativität denn jetzt fließen soll. Nun, sie fließt in Maltes neues Betätigungsfeld SIJJIN - inklusive Necros-Christos-Drummer Iván Hernández und dessen Extinction/Legen-Beltza-Kollege Ekaitz Garmendia an der Gitarre (Malte bedient neben dem Mikro jetzt den Bass). Natürlich scheinen Necros Christos an allen Ecken und Enden durch, dennoch umweht SIJJIN eine eigene Aura, ein Hauch von Durchatmen und ja: auch der Geschmack des Neustarts. Die größte Verbindung zu Necros Christos ist hier tatsächlich die große Liebe zu Morbid Angel, vor allem „Altars Of Madness“ (man fällt beim Opener ´Vorago Of Adullam´ bestimmt nicht unbeabsichtigt sofort mit der Tür ins Haus), aber auch ansonsten werden - immer mit eigenem Geschmäckle - die Anfänge des Death Metal ins Hier und Jetzt befördert, die Eckpfeiler heißen Death, Autopsy, Incubus, Master und Massacre, aber auch Possessed, Slaughter und Slayer (´Remnants Of Cambrian Evil´!). Das liest sich im ersten Moment vor allem für Fans, die sich am liebsten drei Wochen in eine neue Necros-Christos-Platte reingefuchst haben, vielleicht nicht spektakulär, ist es letztendlich aber: Im Vergleich zu großen Teilen der Konkurrenz machen SIJJIN nämlich einfach so gut wie alles besser, die Riffs sind toll, die Harmonien eingängiger, die Brutalität ist größer, und die Breaks sitzen da, wo sie Sinn ergeben. Aus dem Stand heraus die Death-Metal-Newcomer des Jahres! * Das eigenproduzierte Fünf-Song-Demotape „Angel Of The Eastern Gate“ ist erhältlich unter sepulchralvoice.de, man kann die Tracks via sijjin.bandcamp.com aber natürlich auch digital erwerben.

REVIEW 8.0 23.10.2019, 08:00

(Album, RH 390, 2019)

SCREAMER - Highway Of Heroes

So schlecht ist es für die Generation der „jungen Wilden“, die der Szene Ende der nuller und Anfang der zehner Jahre einen veritablen Arschtritt verpasst haben, nicht gelaufen: Klar, ein paar Truppen hat´s dahingerafft (In Solitude, Black Trip, Slingblade...), dafür sind Ghost (im Rahmen des heute Möglichen) Superstars und Atlantean Kodex zumindest künstlerisch eine der wichtigsten Bands überhaupt geworden. Der Rest macht einfach immer weiter, und das relativ unaufgeregt sowie auf beachtlichem Niveau, neben Bullet, Enforcer, Portrait oder den neuerdings etwas trägen High Spirits eben auch die Schweden SCREAMER, deren viertes Album „Highway Of Heroes“, das erste, das sie nicht für High Roller aufgenommen haben, erwartungsgemäß zwar keine nennenswerten neuen Akzente setzt, das mit u.a. ´Shadow Hunter´, ´Rider Of Death´, ´Towers Of Babylon´ oder dem Titeltrack aber diverse schlicht (sehr) gute Heavy-Metal-Songs enthält, die im positiven Sinne in erster Linie als wunderbare Unterhaltung dienen, als Soundtrack in den angenehmen Momenten des Lebens, in denen man einfach nur ´ne ordentliche Platte hören möchte, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Der Rest ist Diskussionsstoff für Nerds: Die (gelungene) Produktion lag diesmal in den Händen von Bullet-Drummer Gustav Hjortsjö, und das komplett sinnbefreite Artwork findet zumindest der Schreiber dieser Zeilen mindestens so „schön“ wie das des Vorgängers „Hell Machine“.

REVIEW 8.5 23.10.2019, 08:00

(Dynamit, RH 390, 2019)

ANGEL WITCH - Angel Of Light

Das selbstbetitelte 1980er ANGEL WITCH-Debüt mag auf „Neuankömmlinge“ zuerst ein wenig spröde wirken (vom sofort killenden Titelsong abgesehen), hat den „test of time“ aber so gut bestanden wie kaum ein zweites Album: Man kann sich an dieser Platte einfach nicht satthören, auch nicht nach fast 40 (!) Jahren. Die späten Nachfolger „Screamin´ N´ Bleedin´“ (1985) und „Frontal Assault“ (1986) stellen dagegen - vor allem wegen ebendieser ersten Visitenkarte sowie ihrer ansehnlichen Schäbi-Metal-Artworks - lediglich (recht teuer gewordene) Sammlerstücke dar, erst mit dem 2012er Comeback „As Above, So Below“ war man in der Lage, stilistisch und qualitativ an den Erstling anzuknüpfen. Ich habe zwar nicht das Gefühl, dass dem Ding ein besonders großer kommerzieller Erfolg zuteilgeworden ist, aber es hat die Band zumindest wieder ins Rampenlicht gerückt - auch live. „Angel Of Light“ rundet das klassische Triple weitere sieben Jahre später nun brillant ab, Mainman Kevin Heybourne präsentiert nicht nur einen der immer noch besten Gitarrensounds der Szene, sondern auch eine erneut schlicht zwingende Mixtur aus unnachahmlichen Signature-Riffs, sinnigen Solo-Ausflügen sowie einem unaufgeregten Songwriting mit diesen typischen Halb-Refains, die man am Anfang gerne mal „überhört“, die sich aber im Ohr einnisten wie Willi Wurm. Zwei der insgesamt acht Songs sind unspektakulär (´We Are Damned´, ´I Am Infamy´), der Rest changiert zwischen richtig gut (´Window Of Despair´, Titeltrack) und verdammt brillant - mit dem kleinen Hit ´Comdemned´ und dem zurückhaltenden ´The Night Is Calling´, das Bootlegger bereits seit den Achtzigern kennen und das in seiner aktuellen Inkarnation stark an Black Sabbath zu „Headless Cross“-Zeiten erinnert, an der Spitze. Nach wie vor: „You´re the angel I adore!“

REVIEW 8.5 23.10.2019, 08:00

(Album des Monats, RH 390, 2019)

RAY ALDER - What The Water Wants

Mit Livegitarrist Mike Abdow ist an RAY ALDERs erstem „richtigen“ Soloalbum (sein Ende der Neunziger und in den frühen Nullern aktives - und tolles! - Engine-Projekt sieht er eher als Band an) neben dem Sänger selbst nur eine weitere Fates-Warning-Nase beteiligt, aber der Sound legt tatsächlich anderes nahe: Die partielle „Kühle“ evoziert (auch) Jim Matheos' aktuellen Ton (inklusive der OSI-Platten), der Bass ist so weit vorne wie sonst fast nur bei Joey Vera, und die Melodiebögen hätten auf „Darkness In A Different Light“ oder „Theories Of Flight“, sogar auf „A Pleasant Shade Of Gray“ ebenfalls keine unpassende Figur abgegeben. Ob man „What The Water Wants“, an dem des Weiteren Lords-Of-Black-Klampfer Tony Hernando und Ignite-Drummer Craig Anderson beteiligt waren, nun (modernen) Prog nennen muss, weiß ich nicht, aber die sich damit angesprochene Klientel dürfte hier sicherlich eher fündig werden als Fans der Engine-Vorbilder Deftones oder der im Interview auf diesen Seiten kommunizierten Faith No More zu „The Real Thing“-Zeiten, die Alder selbst in den Ring wirft. Neben den sowieso immer herausragenden Vocals besonders beeindruckend ist dabei das dynamische Songwriting, das Knackiges wie 'Shine' oder 'Wait' genauso offeriert wie Neunziger-Anspruchs-Kommerz (der Quasi-Titelsong 'What The Water Wanted' als unbeabsichtigtes 'Eye To Eye 2.0') oder gar nicht mal so wenig Balladeskes ('The Road', 'Some Days'), das nie ins Platte, allzu Gefühlige abdriftet, sondern sich im Gegenteil immer auf die genau richtige Art nähert. Ein starkes, unaufgeregtes Album, das im Veröffentlichungs-Trubel hoffentlich nicht untergehen wird! DISKOGRAFIE What The Water Wants (2019) LINE-UP Ray Alder (v.) Mike Abdow (g./b.) Tony Hernando (g./b.) Craig Anderson (dr.) DIE PATEN Wer mit den folgenden Bands etwas anfangen kann, dürfte auch an „What The Water Wants“ Gefallen finden: Fates Warning * OSI * Tool * Engine * Redemption * A Perfect Circle * Storm Corrosion * Steven Wilson * Porcupine Tree * The Gathering * Arch/Matheos * Riverside * Blackfield * Katatonia * Haken * Leprous * Marillion * Oceansize * Karnivool * Muse

REVIEW 8.5 25.09.2019, 08:00

(Dynamit, RH 389, 2019)

ROBERT PEHRSSON´S HUMBUCKER - Out Of The Dark

Mein lieber Herr Gesangsverein! Nach gut 30 Minuten Musik auf dem Debüt und noch nicht mal 30 Minuten auf dessen Nachfolger nun fast 33 (!) auf Album Nummer drei: Robert Pehrsson, ehemaliger Gitarrist von u.a. Death Breath, Imperial State Electric und Slingblade, will´s anscheinend wissen. Im Ernst: Die würzige Kürze verhindert im Falle „Out Of The Dark“ natürlich keinen Jubel, denn sie liegt in der Natur der Siebziger-Sache, auch die Vorbilder des 43-Jährigen kamen lieber gewaltig als ausufernd, hier wie dort brauch(t)en echte Hits manchmal noch nicht mal 180 Sekunden, um den Anker zu werfen. Der High-Energy-Rock des selbstbetitelten 2013er Erstlings musste schon auf „Long Way To The Light“ von 2016 ziemlich reinem Classic Rock mit den Eckpfeilern Kiss, Thin Lizzy und Survivor weichen, und auch diesmal macht bereits das Electric-Light-Orchestra-Cover ´Surrender´ klar, wo der Hase hoppelt, am schönsten gelingt der hundsalte Radio-Rock ganz am Anfang mit ´Careless Lover´ und dem partiellen Foreigner-Soundalike ´All I Need Is Not To Need You´ (geiler Diane-Warren-Gedächtnis-Titel!). Ganz neu hingegen ist der leichte Power-Pop-Einschlag hinten raus. Vielleicht muss man ´Everybody´s Here´ und vor allem ´Pick Me Up´ nicht unbedingt einen latenten Frühneunziger-Indie-Einschlag attestieren, das wäre ja ein Bärendienst, andererseits: Beim Hören denke ich tatsächlich mehr an Revolver und unschrammeligere Lemonheads und weniger an die Hellacopters oder meinetwegen Journey und Boston. Aber Captain Hook meint, das wäre okay, und was Captain Hook sagt, stimmt!

REVIEW 8.0 25.09.2019, 08:00

(Album, RH 389, 2019)

THE NEPTUNE POWER FEDERATION - Memoirs Of A Rat Queen

Mal davon abgesehen, dass einem Ann Wilson wohl auch vor hundert Jahren kein keckes „I'll make a man out of you“ entgegengeschmettert hätte, haben einen die AustralierInnen THE NEPTUNE POWER FEDERATION beim Jungfernflug ihres vierten Albums, dem ersten mit internationalem Vertrieb, spätestens mit diesem gleichnamigen kleinen Hit, der eben frühe Heart mit 'ner ordentlichen Ladung Glam vermengt. Vor lauter Spaß am Dechiffrieren könnte man beim Nachfolger unseres ehemaligen „Tipp des Monats“, „Neath A Shin Ei Sun“ von 2017, dazu neigen, beim Songwriting, das tatsächlich nicht immer so konzentriert ist wie beim erwähnten Anspieltipp, ein Auge zuzudrücken, aber mei, dann ist das halt so. Imperial Priestess Screaming Loz Sutch (schade, Jens - jetzt ist der Name vergeben...), die nicht nur an Wilson, sondern immer wieder auch an Sahara-Fronterin Elizabeth Vandall und Witness-Vorsteherin Debbie Davis erinnert, und ihre Hintermänner haben es immerhin bereits geschafft, ein ganz eigenes Geschmäckle zu entwickeln, das die Runaways und Girlschool genauso evoziert, wie Nuancen von Queen- und Angel-Pomp sowie richtig deftige Motörhead-Riffs ('Watch Our Masters Bleed') auszumachen sind. Und überhaupt grüßt das Commonwealth, ich finde das alles hier, einschließlich seines angenehmen Humors, sehr britisch, sogar in den rock'n'rolligsten Parts ('Flying Incendiary Club...') denkt man weder an weltberühmte Landsmänner noch typische US-Kapellen, dafür an Vardis, an Spider, die Handsome Beasts und Dumpy's Rusty Nuts. Aber vielleicht hänge ich auch nur zu oft mit Mercyful Mader alias Sovereign Seeker Of Seven Inches ab, seines Zeichens bestimmt 'n dicker Kumpel von TNPF-Tunichtguten wie Inverted Crucifox und Search And DesTroy...

REVIEW 28.08.2019, 08:00

(Demo-Review, RH 388, 2019)

WECKÖRHEAD - Taub für immer

Um´s offen zu sagen: Ich stehe tendenziell weder auf Cover-Truppen, noch holt mich deutschsprachige Rockmusik sonderlich oft ab (entweder zu klugscheißerisch, aber eigentlich strunzdoof - oder affektiert und aufgesetzt); zudem heiße ich nicht Jan Jaedike oder Robert Fust, die bekanntlich jedes Lemmy-Zitat rückwärts röcheln können. WECKÖRHEAD dagegen, die Motörhead-Schoten (und „Grenzgebietler“ wie ´Please Don´t Touch´, ´Louie Louie´ oder ´God Save The Queen´) mit deutschen Lyrics versehen, hatten mich bereits mit ihrer 2018er „Für Lemmy“-EP: brillant, ganz eigen und trotzdem ohne jede Hybris gespielt, echte Liebe und Hingabe versprühend, mit Texten, die sich nur im Ausnahmefall am jeweiligen Original entlanghangeln, sondern stattdessen eher auf funktionierenden Wortwitz setzen, der die Ur-Version niemals schrottet, dafür völlig natürlich anmutet. Klar, nicht jeder der hier enthaltenen 21 Tracks (vier davon live) funktioniert gleich gut (´Orgasmatron´ finde ich z.B. ziemlich lahm), die besten machen einen allerdings sofort total fickrig und lassen einen umgehend zum Kühlschrank wandern, um die erste Pulle zu köpfen. Und ganz ehrlich: Welche Rock´n´Roll-Truppe schafft es heute noch, solche Reflexe auszulösen? * Die Digipak-CD mit dickem Booklet und Sticker ist genauso wie die auf 323 (!) Exemplare limitierte Doppel-LP im Gatefold via www.weckoerhead.de oder www.facebook.com/weckoerhead erhältlich (E-Mail: info@weckoerhead.de).

REVIEW 8,5 28.08.2019, 08:00

(Album des Monats, RH 388, 2019)

YEAR OF THE GOAT - Novis Orbis Terrarum Ordinis

Die Sverige-Okkult-Rocker YEAR OF THE GOAT werden in kleinen Kreisen so heldisch verehrt, dass man meinen könnte, ihre Vita wäre mit Veröffentlichungen nur so vollgestopft, aber denkste: Seit 2011 hat es die Band gerade mal auf zwei Longplayer, zwei EPs und zwei 7“-Singles gebracht - ein Release allerdings stärker als der andere. „Novis Orbis Terrarum Ordinis“, Album Nummer drei, wurde dementsprechend nun nicht nur von Die-hard-Ziegenkopf-Sammler Jens „Bärli“ Peters sehnlichst erwartet - und hat letzten Endes auch erneut zumindest das Potenzial, die Band vom Kritikerlieblinge-Status, der nicht immer förderlich ist, in größere Bekanntheitsgrade zu befördern. Zwar würde ich wegen des kaum zu erreichenden „Prequelle“-Geniestreichs meine in der Rezension zur 2014er EP „The Key And The Gate“ keck kommunizierte Einordnung „die (noch) besseren Ghost“ nicht mehr unterschreiben, immerhin drei der neun neuen Stücke, die Opener 'Subortus' und 'Acedia' sowie der Zwischendurch-Snack 'Avaritia', nähern sich dem Hitfaktor der erfolgreicheren Brüder im nicht ganz so ernsthaften Geiste jedoch wirklich sehr, und so nachhaltig zumindest der Schreiber dieser Zeilen Tobias Forges aktuelle Errungenschaften feiert, so wenig muss man ja schönschreiben, dass der Tausendsassa einen Teil seiner angetanen Klientel auf dem Weg in den Classic- und Melodic-Rock-Himmel verloren hat. Was im Übrigen einen weiteren Hinweis ans Kopfhörer-Publikum rechtfertigt: Zwar wirkt der „„Novis Orbis...“-Zehnminüter 'Ira' auch nach oftmaligem Hören ein wenig spröde, mit dem noch mal 240 Sekunden mehr aufbietenden Abschluss 'Subicio' gewinnen YEAR OF THE GOAT aber ebenfalls in der Langdistanz, vor allem der zweite Teil des Tracks wirkt als Süchtigmacher, der einen die Repeat-Taste nach dem Verschwinden der letzten Töne sofort wieder drücken lässt.

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