Review

Reviews 9.5
Progressive

ELDER

Innate Passage

Label: Stickman/Soulfood
Dauer: 53:57
Erscheinungsdatum: 25.11.22
Ausgabe: RH 426

„Haste schon die neue ELDER gehört, ey?“ Den Standardspruch von Freak-Valley-Ansager Volker habe ich immer noch im Ohr, wenn es um ELDER geht. Damals dachte ich noch, das sei eine der obskuren, griechischen Instrumental-Bands, die der Experte jedes Jahr abfeiert. Erst die Kollaboration mit Kadavar (Eldovar) hat ELDER einem breiteren Publikum bekannter gemacht, und mit gesteigertem Interesse habe ich mich durch den sechs Alben umfassenden Backkatalog der Band gekämpft. Drei Amerikaner, ein Deutscher, zu drei Vierteln in Berlin lebend, das sind ELDER 2022. Sie sind mit einer seltenen Gabe gesegnet, spielen rauschhafte, opulente Zehn-Minuten-Songs, die auf „Innate Passage“ an berühmte Momente der Prog-Geschichte erinnern. Zum Beispiel, als Rush auf das Vier-Minuten-Format pfiffen und das nerdige „2112“-Album veröffentlichten, als Steven Wilson sich als Solokünstler völlig neu erfand oder Dream Theater mit „Images And Words“ zu einer mutigen Reise aufbrachen.

Das klingt jetzt zugegebenermaßen sehr hoch gegriffen, aber schon der Vorgänger „Omens“ war ein kleines Meisterwerk, das ich auf Anhieb erst mal nicht verstand, aber auf Dauer umso mehr liebte. Instrumental waren ELDER schon längst eine Wucht, aber die wenigen Vocals von Mastermind Nick DiSalvo wirkten immer ein bisschen schüchtern oder leise in den Hintergrund gemischt. Das hat sich nun - auch unter Hinzunahme eines Gastsängers - geändert. ELDER spielen sich zwar immer noch durch eine Unzahl von aufregenden Passagen, aber die Gesangstupfer sind diesmal emotionale Highlights mit einer eigenen Identität. Bei allen Harmoniegewittern ist zudem noch Platz für aufblitzende Keyboard-Ekstasen, Delay-Gitarren und Psychedelia. So erinnert das 14-minütige ´Merged In Dreams - Ne Plus Ultra´ an die tollen „The Gold & Silver Sessions“, den freigeistigen Krautrock-Wendepunkt im ELDER-Katalog. Ellenlange Beschreibungen der Songs spare ich mir aber lieber. ELDER zocken wie vom anderen Stern und haben einen eigenständigen Stil, der zwar auch mal ein paar mächtige Ostküsten-Alternative-Riffs (Quicksand! Helmet!) einbaut, zumeist aber in eine feine Twin-Guitar-Schlacht zwischen DiSalvo und seinem Sparringspartner Mike Risberg ausartet. Natürlich irre elegant von einer hochkompetenten Rhythmussektion begleitet. So eröffnet ´Catastasis´ das Album gleich mit einer Beat/Riff-Kombination, die Opeth nicht besser hinbekommen hätten.

Fünf Songs in 54 Minuten. Schon gehört, ey?

Autor:
Holger Stratmann

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